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Gerald Mackenthun (Hrsg.): Alfred Adler - wie wir ihn kannten

Cover Gerald Mackenthun (Hrsg.): Alfred Adler - wie wir ihn kannten. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. 280 Seiten. ISBN 978-3-525-46058-0. D: 27,99 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 37,50 sFr.
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Thema

Der Titel des hier zu rezensierenden Buches mag manche Leser(innen) erinnern an einen ähnlich klingenden, den des von Hendrik M. Ruitenbeck heraus gegebenen Sammelbandes: „Freud as We Knew Him“ (Detroit: Wayne State University Press, 1973). Die Herausgeber(innen) der 1977 von der North American Society of Adlerian Psychology veröffentlichten Sammlung „Alfred Adler: As We Remember Him“ dürften das Freud-Buch gekannt und sich an dessen Titel orientiert haben.

Das vorliegende Buch erhebt den Anspruch, „erstmals alle verfügbaren Äußerungen von Zeitgenossen Adlers, die ihn persönlich kannten“ (S. 7) zu vereinen. Die (erstmals erfolgte) deutsche Übersetzung der o. g. Sammlung macht den ersten Teil Buches aus. Den zweiten nimmt die von einer Berliner Arbeitsgruppe erstellte Sammlung von zeitgenössischen Kommentaren zu Alfred Adler ein. Nicht ein weiterer Fremd-, sondern ein Selbstkommentar beschließt als dritter Teil das Buch: die erstmalige deutsche Übersetzung von „Something About Myself“ aus dem Jahre 1930. Aber auch im ersten Teil finden sich nicht nur Aussagen zu, sondern auch solche von Alfred Adler. Neben einer bald siebenseitigen „Fabel über den Minderwertigkeitskomplex“ aus seiner Feder auch mehrere Überlieferungen kürzerer Statements

Herausgeber

Gerald Mackenthun (ausf. https://de.wikipedia.org/wiki/Gerald_Mackenthun und Geschichte, Wirtschaftswissenschaft und Publizistik studiert und war danach auf unterschiedlichen Feldern und in verschiedenen Funktionen im Bereich der Publizistik und Öffentlichkeitsarbeit tätig. Später studierte er Psychologie, wurde mit der Schrift „Widerstand und Verdrängung, Geschichte und Weiterentwicklung zweier Schlüsselbegriffe der Tiefenpsychologie“ (Mackenthun, 1996/2011) promoviert und danach mit „Gemeinschaftsgefühl. Eine Studie in Wertpsychologie und Lebensphilosophie seit Alfred Adler“ (Mackenthun, 2012) habilitiert. Seit 2003 ist er Psychologischer Psychotherapeut (Psychodynamische Therapie), er war und ist an verschiedenen Hochschulen als Dozent tätig so wie Mitarbeiter des in der Tradition von Sigmund Freud und Alfred Adler stehenden Berliner (Ausbildungs-)Instituts für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik und Gruppentherapie. Das spielt für die Entstehungsgeschichte des vorliegenden Buches eine entscheidende Rolle: „Dieses Buch ist Ergebnis der Therapie- und Studienarbeit des Instituts für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik und Gruppentherapie Berlin …“

Gerald Mackenthun ist einem breiteren Leserkreis bekannt, weil er immer wieder in Büchern zu aktuellen Themen, die mit polarisierenden Diskussionen verbunden sind, Stellung bezieht. Zu Amalgam etwa oder zum „Mollath-Skandal“. Größte Beachtung dürfte ihm wohl mit „Fukushima – Kernenergie ist beherrschbar“ (Mackenthun, 2014) zuteil geworden sein. Auf dem Gebiet der Psychodynamischen Therapie im Allgemeinen sowie der Adlerianischen im Besonderen ist er mit einer Reihe von Publikationen in Erscheinung getreten. Erwähnt seien neben den o. g. Qualifikationsschriften sein Autorenwerk „Grundlagen der Tiefenpsychologie“ (Gießen: Psychosozial-Verlag, 2013) und seine Mitherausgeberschaft der Sammelwerke „Individualpsychologie auf neuen Wegen“ (Würzburg: Königshausen & Neumann, 1997) sowie „Gestalten um Alfred Adler: Pioniere der Individualpsychologie“ (Würzburg: Königshausen & Neumann, 2002).

Aufbau und Inhalt

Den Kern des Buches machen die o. g. drei Teile aus. Ihnen voran steht ein Vorwort des Herausgebers, in dem er Zielsetzung und Entstehungsgeschichte des Buches benennt sowie seinen Inhalt skizziert. Nach dem letzten Kapitel findet sich ein Literaturhinweis auf Edward Hoffmanns Adler-Biographie, der Quellennachweis (der unvollständig bleiben muss) sowie ein dreiseitiges Namenregister (das nicht nur Personen-, sondern auch Ortsnamen beinhaltet).

In Teil 1 findet sich auf rund 110 Seiten die erstmalige und vollständige Übersetzung der 1977 von vier nordamerikanischen Individualpsycholog(inn)en heraus gegebenen und von der North American Society of Adlerian Psychology veröffentlichten Sammlung „Alfred Adler: As We Remember Him“ (1977). Diese besteht zum größten Teil aus Interviews mit Zeitgenoss(inn)en Alfred Adlers, die in den Jahren 1961 und 1977 Teilnehmer(innen) individualpsychologischer Kongresse und dort befragt worden waren. Ergänzend gibt es persönliche Interviews, die die Individualpsychologin Miriam Tabachnik vom Alfred Adler Institute of Chicago durchgeführt hatte. Den Interviews voran gestellt ist eine kurze, von Jane Manaster (der Erstherausgeberin des amerikanischen Originals) auf Basis mehrerer Quellen erstellte Biographie Alfred Adlers. Angefügt wurden – als Nachdruck aus dem Journal of Individual Psychology“ von 1972 - Tagebuchnotizen („Dreißig Tage mit Alfred Adler“) von Alfred Adlers Sekretärin Evelyn Feldmann (damals noch Roth) sowie „Eine Fabel über den Minderwertigkeitskomplex“, verfasst von Alfred Adler und überliefert von dessen Sohn Kurt.

Zu den Texten finden sich bisweilen erklärende Fußnoten, von denen allerdings nicht mit Sicherheit zu ermitteln ist, ob sie aus der Feder der US-amerikanischen oder der deutschen Herausgeberschaft stammen. Die versammelten Zeugnisse stammen von bald 70 Personen; darunter sind die drei (überlebenden) Kinder Alfred Adlers: Alexandra, Kurt und Nelly. Zu den auch diesseits des Atlantiks bekannteren weiteren Personen dürften zählen: Phyllis Bottome (https://de.wikipedia.org/wiki/Phyllis_Bottome), britische Schriftstellerin sowie Adler-Schülerin und -Biographin (Bottome, 2013), Sofie Lazarsfeld, die Mutter von Paul Felix Lazarsfeld („Marienthal“-Studie; https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Arbeitslosen_von_Marienthal), der KZ-Überlebende Alfred Farau, bekannt durch das mit Ruth Cohn besorgte Buch „Gelebte Geschichte der Psychotherapie. Zwei Perspektiven“ (Stuttgart: Klett-Cotta, 4. Aufl. 2008), ferner Rudolf Dreikurs (ttps://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Dreikurs), Henry (Heinz) Jacoby (https://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Jacoby) und Abraham Maslow (https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Maslow).

Teil 2 nimmt mit gut 140 Seiten eine von einer Viererarbeitsgruppe Berliner Individualpsycholog(inn)en erstellte Sammlung von zeitgenössischen Kommentaren zu Alfred Adler ein. Die hier präsentierten Zeitzeugnisse sind allesamt veröffentlicht. Für jedes einzelne der Zeitzeugnisse wird der Fundort angegeben und jeweils ein Text vorangestellt, der Angaben zu den Zeitzeug(inn)en enthält und/oder über den Entstehungskontext des jeweiligen Dokuments aufklärt. Ferner finden sich in den Fußnoten Hinweise auf weiterführende Literatur, Korrekturen sachlicher Fehler oder Anmerkungen verschiedener Art, die dem Verstehen des Textes förderlich sein können.

Zur dargebotenen Sammlung wird insgesamt angemerkt: „Die zum Zeitpunkt der jeweiligen Veröffentlichung benutzte Schreibweise wurde beibehalten, offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.“ (S. 8) Die letzte Entscheidung wird von all denen bedauert werden, die allzu oft erlebt haben, dass dies, was der eine als „offensichtlichen Fehler“ ansieht, von einem zweiten ganz anders bewertet wird; „historisch-kritische“ Ausgaben lassen „Fehler“ deshalb nicht einfach verschwinden, sondern lassen sie bewusst stehen (und kommentieren allenfalls).

Die einzelnen Beiträge sind alphabetisch nach den Namen der Zeug(inn)en geordnet; danach finden sich noch Auszüge aus Nachrufen. Unter den Zeug(inn)en finden sich auch hier Adler-Kinder: Alexandra und Kurt. Längere Passagen entstammen der o.g. Adler-Biographie Phyllis Bottomes, Sigmund Freuds „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung“ von 1914, Friedrich Georg Lennhoffs „Sozialarbeit in der Zeitgeschichte“ (München – Basel: Reinhardt, 1983), Hertha Orglers Adler-Biographie „Triumph über den Minderwertigkeitskomplex“ (München: Urban und Fischer, 1982) sowie zwei Schriften Manès Sperbers: „Die vergebliche Warnung“ (Wien: Europaverlag) und „Alfred Adler oder Das Elend der Psychologie“(Berlin – Wien: Ullstein, 1983).

Teil 3 (6 Seiten) beinhaltet die erstmalige deutsche Übersetzung des 1930 in der US-amerikanischen Zeitschrift Childhood and Character, veröffentlichten Adler-Artikels „Something About Myself“.

Diskussion

Das vorliegende Buch ist nunmehr das dritte im Zeitraum eines guten Jahres erschienene Werk zu Alfred Adler. Die zwei anderen Bücher sind „Alfred Adler. Briefe 1896 – 1937“(Bruder-Bezzel & Lehmkuhl, 2014) und „Individualpsychologie in Berlin. Eine historische Spurensuche“ (Bruder-Bezzel, 2014). Alle drei Bücher sind Berliner Ursprungs und sie ergänzen sich aufs Beste. Freilich, und das ist für alle drei Bücher zu sagen, wird hier schon eine ganze Menge Wissen um und über Alfred Adler und die Individualpsychologie voraus gesetzt, um sich den Inhalt in seiner ganzen Fülle zu erschließen. Am leichtesten zugänglich für jemanden, der sich auf literarischem Wege Alfred Adler nähern möchte, halte ich das vorliegende Buch. Es ist in einem guten Sinne ein „Lesebuch“. Ein unterhaltsames und lehrreiches zugleich. Und eines, das wegen seiner Kleinteiligkeit und Vielfalt ganz unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten bietet.

Da gibt es Buchpassagen, die sich auch für Leser(innen), deren Lesedauer von „moderner“, sprich kurzer Art ist und/oder die nur mal eben „bei Adler reinschnuppern“ möchten, hervorragend als Einführung in und Hinführung zu Leben und Werk von Alfred Adler geeignet sind. Ich denke da an Texte wie Alfred Adlers „Über mich selbst“ (S. 271 – 276), seine „Eine Fabel über den Minderwertigkeitskomplex“ (S. 116 – 122) sowie an seine Geschichte über die Hundefamilie (S. 50). Oder aber, man (oder frau) wählt einen Zugang zu diesem Buch von einem „bewährten“ (Aussichts-)Punkt aus. Manche, und damit sind nicht nur Familientherapeut(inn)en im Blick, schauen zuerst, was denn die Kinder über den Vater gesagt haben. Andere wählen sich, abhängig nach (Vor-)Kenntnis und Erkenntnisinteresse, als Einstiegsplätze die Zeitzeugnisse bestimmter Personen aus: Sigmund Freud etwa oder Lou Andreas-Salomé oder Manès Sperber oder, oder, oder…

Man kann sich dem Buch freilich auch mit einem mehr wissenschaftlichen Interesse nähern. Dann wird man (und frau) bestimmte Vorsichten walten lassen. Wollte man alles, was in diesem Buch an über Alfred Adler von anderen oder ihm selbst Gesagtem zu finden ist, als „wahre Aussage“ über Alfred Adler, sein Denken, Handeln und Empfinden werten, man würde mancherlei Irrtümer begehen. Es ist von Fall zu Fall immer wieder zu prüfen, ob und was Statements über Alfred Adler über die Zeug(inn)en selbst aussagen – und über ihre Beziehung zu Alfred Adler. Dieses methodische Postulat sollte m. E. sogar auf die im letzten Kapitel zu findenden Aussagen Alfred Adlers über sich selbst angewandt werden. Da findet sich etwa (auf S. 271) die Notiz, „dass ich als Dreijähriger entschied, nie mehr wütend zu werden. Seitdem und bis heute bin ich nie mehr wütend geworden.“ Das ist ein Statement, das einem aufrechten Adlerianer bestens zu Gesicht steht. Den Psychologen beschleichen allerdings gleich zwei Zweifel: Können sich Menschen denn überhaupt an so frühe Erlebnisse und Geschehnisse erinnern? Unabhängig von der Antwort auf diese erste Frage bleibt eine zweite: Können Dreijährige derlei Willensentscheidungen denn überhaupt schon treffen?

Dann gibt es Stellen, die die Frage aufwerfen, wie man sie denn eigentlich zu verstehen habe. Im Zusammenhang der Schilderung der Trennung zwischen ihm und Sigmund Freud formuliert Alfred Adler im genannten Childhood and Character – Artikel von 1930 (auf S. 275), „dass ich niemals eine einzige Vorlesung von Freud besucht habe und dass ich der Einzige in der Gruppe war, der niemals erdulden musste, seinen geistigen Horizont durch Lehr- und sonstige Analysen einengen zu lassen“. Ja sicher: Alfred Adler war nicht in dem Sinne „Freud-Schüler“ wie man das etwa von Sándor Ferenczi (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/16363.php) und Otto Rank (vgl. vgl. www.socialnet.de/rezensionen/16563.php und www.socialnet.de/rezensionen/16964.php) sagen kann. Und die Trennung Alfred Adlers von Sigmund Freud hatte nicht auch nur annähernd jenen dramatischen Charakter, wie das im Falle von Sándor Ferenczi und Otto Rank der Fall war. Warum dann aber – bald zwei Jahrzehnte nach der Trennung! – die hohe Affektivität der obigen Formulierung, weshalb die scharfe Abgrenzung gegenüber dem Mann, den er in seinem an ihn gerichteten Austrittbrief vom 11.6.1911 als seinen „Lehrer“, wenngleich als seinen „gewesenen“ angesprochen hatte (vgl. Bruder-Bezzel & Lehmkuhl, 2014, S. 30)?

Hat man, Ort und Zeit des Statements bedenkend, an eine gezielte Botschaft zu denken – gerichtet an ein Publikum, das sehr wohl wusste, dass eine ganze Reihe von Freud-Schüler(innen) und -Dissidenten in den USA wie in Großbritannien um Aufmerksamkeit nachsuchten. Oder hat man, statt (nur) auf die Appellseite der Botschaft zu sehen, (auch) nach der Seite der Selbstbekundung zu blicken? Wird hier eine offene Gestalt sichtbar? Für diese Sichtweise spricht eine Episode aus einem Vieraugengespräch fünf Jahre später, von dem Abraham Maslow in diesem Buch (auf S. 94) berichtet: „Ich erinnere mich, dass ich ihm einige Fragen stellte, die seinen Schülerstatus betrafen. Er wurde sehr ärgerlich, erregt und sprach laut genug, sodass die Aufmerksamkeit anderer Menschen angezogen wurde. Er sagte, das sei eine Lüge und ein Schwindel, für die er vollständig Freud verantwortlich mache, den er mit Namen wie Schwindler, Schlauberger und Intrigant belegte, soweit ich mich erinnere. Er sagte dann, er sei niemals ein Student Freuds gewesen oder ein Jünger oder Anhänger.“

An anderen Stellen des Buches – und hier haben wir wenig Anlass zu kritischer Nachfrage - treffen wir auf eine andere Seite Alfred Adlers. Auf den Vater, der sich in Sorge um seine Tochter Valentina (Valentine, Vali; https://de.wikipedia.org/wiki/Valentina_Adler), die 1937 im Rahmen der „Stalinistischen Säuberungen“ verhaftet worden war und wohl 1942 in einem sowjetischen Gulag verstarb. Wenige Tage vor seinem Herzversagens-Tod am 28.5.1937 in Aberdeen, Schottland, während einer Vortragsreise, hat seine Tochter Alexandra von ihm eine Postkarte erhalten, auf der er im Zusammenhang seiner Bemühungen, die Schicksal von Valentina aufzuklären, geschrieben hatte: „Ich kann nicht schlafen und nicht essen. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte.“ (S. 25) Und Alfred Adlers (jüngste) Tochter Nelly, lässt uns wissen, ihr Vater habe ihr unter dem Datum des 29.4.1937 geschrieben: „Vali bereitet mir schlaflose Nächte. Ich staune, wie ich das durchhalte.“ (S. 28) Alfred Adler war bis zu seinem Lebensende ein Rastloser. Sein Vortagsreisenpensum allein mag seinen Herzversagenstod erklären. Aber darf man denn nicht auch fragen, ob Alfred Adler denn nicht auch an gebrochenem Herzen gestorben sei? Am gebrochenen Herzen eines Vaters. Und am gebrochenen Herzen eines europäischen Linken und Antifaschisten, der am eigenen Leib erfahren musste, dass (auch) die Oktoberrevolution ihre Kinder frisst? Der Adler-Schüler Manès Sperber hat der Erschütterung mit „Wie eine Träne im Ozean“ (München: dtv, 12. Aufl. 2006) ein literarisches Denkmal gesetzt.

Für Manès Sperber war Alfred Adler „der große Errater“ („Die vergebliche Warnung“, S. 78). Ohne Zweifel: Alfred Adler war ein guter Diagnostiker – gut v. a. deshalb, weil er einer nicht-pathologisierenden Diagnostik Vorrang einräumte. Im vorliegenden Buch findet man hie und da Spuren des „Erraters“, sehr viel häufiger aber lassen ihn die die Texte als „Beweger“ erkennen. Damit möchte ich die Alfred Adler innewohnende Tendenz, Menschen zu bewegen, Prozesse in Bewegung zu bringen, Dinge am Lauf zu halten, bezeichnen. Ob man solche Haltung und solches Verhalten nun „therapeutisch“ oder „pädagogisch“ nennt, ist eine zweite Frage – abhängig von Kontexten. Alfred Adler war wohl in der ganzen Zeit seines (Berufs-)Lebens ein „Beweger“ – gleichsam „von Natur“ aus. Damit stand er in scharfem – praktischen! - Gegensatz zu Sigmund Freud; und das seit Tagen der Mittwochabend-Gesellschaft für viele Jahre. In seinem (im besten Sinne des Wortes) gelehrten Werk „Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte. Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1848 bis 1938“ (Wien: Böhlau, 2006) hat William M. Johnston erklärt, was mit dem „therapeutischen Nihilismus“ der Wiener medizinischen Schule gemeint ist (geprägt „von hoher Begeisterung für die Diagnose und einer allgemeinen Vernachlässigung der Therapie“; S. 230), und begründet, dass sich Sigmund Freud von dieser Tradition, in der er aufgewachsen war, erst spät abgewandt habe - um sich ihr dann später, nach Konstruktion des „Todestriebs“ wieder zuzuwenden. Gegenüber einer in dieser Tradition gepflegten „abwartenden Therapie“ (die durchaus ihre Rechte hat), war Alfred Adler einer Mann der „aktiven Therapie“ – Jahre bevor eine solche 1924 mit „Entwicklungsziele der Psychoanalyse“ von Sándor Ferenczi und Otto Rank in der Freudschen Schule thematisiert wurde.

Alfred Adler hatte für ein Unternehmen, das unter dem Namen „Integrative / Allgemeine (Psycho-)Therapie“ daher kommt, nur Hohn und Spott übrig. In seiner in diesem Buch veröffentlichten „Fabel über den Minderwertigkeitskomplex“ kommen selbst die Freudianer(innen) besser weg als jener sechste und letzte Besucher, der „Integrationist“ (mein Wort). Von dem sagt er: „Jeder, der glaubt, er könne die wesentlichen Inhalte entgegengesetzter oder sogar sich widersprechender Theorien in einem Topf zusammenrühren und dann daraus eine eigene tragfähige Theorie oder Praxis entwickeln, täuscht sich selbst oder versucht, andere zu täuschen.“ (S. 121) Was die Vermengung von Theorien anbelangt, so will ich diesen Worten folgen.

Es gibt aber auf praktischer Ebene eine „integrative“ Therapie, die in dem Maße Anhängerschaft findet, in dem die „großen Erzählungen der Psychotherapie an Strahlkraft verlieren. James C. Overholser hat 2010 im Journal of Psychotherapy Integration ein erfundenes Interview mit Alfred Adler präsentiert, in dem er die bleibende Bedeutung von Alfred Adlers Ideen für eine Integrative / Allgemeine Psychotherapie betont. Im vorliegenden Buch finden sich viele Beispiele für Haltungen und Interventionen, die heutigen integrativ arbeitenden Psychotherapeut(inn)en und Berater(inne)n bekannt sind. Ich nenne nur einige: Joining, Respekt gegenüber Personen – Respektlosigkeit gegenüber Ansichten, Ent-/Nicht-Pathologisierung, Ressourcenorientierung, Positive Konnotation / (Re-)Framing, paradoxe und hypnotherapeutische Interventionen

Fazit

All denjenigen, die an Alfred Adler, der Individualpsychologie, deren Ansatz und Geschichte schon vorab interessiert waren und sind, braucht man vorliegendes Buch nicht eigens zu empfehlen. Angeraten sei es neben Therapeut(inn)en anderer psychodynamischer Orientierung v. a. experienziellen und systemischen Berater(innen) und Psychotherapeut(inn)en. Die können hier ausloten, wie weit die (Denk- und Handlungs-)Geschichte, in der sie sich verorten, zurück reicht. Mit „Therapeut(inn)en“ sollten sich nur jene angesprochen fühlen, die als Ärztliche oder Psychologische Psychotherapeut(inn)en bzw. als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut(inn)en arbeiten. Ans Herz legen möchte ich das Buch nämlich auch allen, die als Klinische Sozialarbeiter(innen) „vor Ort“ handelnd und / oder ausbildend bzw. als Supervisor(inn)en tätig sind. Mit Alfred Adler würde der deutschen Sozialen Arbeit ein Ahnherr in Erinnerung gerufen, der es wert ist, sich seiner aktuellen Bedeutung zu vergewissern (vgl. etwa Siebert, 2009).

Literatur

  • Bottome, P. (2013). Alfred Adler aus der Nähe porträtiert. Berlin: VTA (erste deutsche Übersetzung des erstmals 1939 erschienenen englischsprachigen Originals, vgl. die Rezension von A. Bruder-Bezzel: http://www.rezensionen-tiefenpsychologie.de/651/).
  • Bruder-Bezzel, A. (Hrsg.) (2014). Individualpsychologie in Berlin. Eine historische Spurensuche. Gießen: Psychosozial-Verlag (socialnet-Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/18009.php).
  • Bruder-Bezzel, A. & Gerd Lehmkuhl, G. (Hrsg.) (2014). Alfred Adler. Briefe 1896 – 1937. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (socialnet-Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/17909.php).
  • Johnston, W. M. (2006). Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte. Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1848 bis 1938 (vierte ergänzte Auflage). Wien – Köln – Weimar: Böhlau.
  • Mackenthun, G. (2011). Widerstand und Verdrängung. Ursprung und Neuinterpretation zweier Schlüsselbegriffe der Tiefenpsychologie. Gießen: Psychosozial-Verlag (komplett überarbeitete Neuauflage der Ausgabe von 1996).
  • Mackenthun, G. (2012). Gemeinschaftsgefühl: Wertpsychologie und Lebensphilosophie seit Alfred Adler. (Bibliothek der Psychoanalyse). Gießen: Psychosozial-Verlag.
  • Mackenthun, G. (2014). Fukushima - Kernenergie ist beherrschbar (2., überarbeitete und ergänzte Auflage). Norderstedt: BoD Verlag.
  • Overholser, J. C. (2010). Psychotherapy that strives to encourage social interest: A simulated interview with Alfred Adler. Journal of Psychotherapy Integration, Vol 20, 347-363.
  • Siebert, S. (2009). Chancen, Grenzen und Erweiterungsmöglichkeiten
  • individualpsychologischer Beratung (http://digibib.hs-nb.de/file/dbhsnb_derivate_0000000538/Diplomarbeit-Siebert-2009.pdf).

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 21.07.2015 zu: Gerald Mackenthun (Hrsg.): Alfred Adler - wie wir ihn kannten. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-525-46058-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19236.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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