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Eva Douma: Juhu, wir werden alt und bauen ab!

Cover Eva Douma: Juhu, wir werden alt und bauen ab! Arbeiten und Leben in Zeiten des Klimawandels. Cividale Verlag (Berlin) 2015. 294 Seiten. ISBN 978-3-945219-08-9. 19,90 EUR.
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Thema

Chancen und Herausforderungen des demographischen Wandels im Zeichen von Klima- und Eurokrise – für den Einzelnen und für die Gesamtgesellschaft. Sicherung von Innovation und Weiterentwicklung ohne weiter wachsenden Ressourcenverbrauch bei gleichzeitigem Erhalt von Lebensqualität und Produktivität in einer alternden Gesellschaft.

Autorin

Die Autorin, Eva Douma, studierte Geschichts-, Sozial- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Bielefeld und der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Sie promovierte zu einem rechtshistorischen Thema. Als studentische und wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitete sie einige Jahre an der Universität Bielefeld und war anschließend Referentin bei Paritätischen Wohlfahrtsverband in Hessen. 1997 machte sie sich selbstständig und ist seitdem als Beraterin und Coach in Frankfurt am Main aktiv. Die Entwicklung zukunftsfähiger Konzepte für Menschen und Betriebe ist Thema ihrer Vorträge, Lehraufträge, Seminare und Publikationen.

Entstehungshintergrund

Die Babyboomer Generation sieht sich nicht nur mit täglichen Hiobsbotschaften ökologischer und politischer Krisen, sondern auch zunehmend mit dem eigenen Alter und der Endlichkeit des Lebens konfrontiert. Höchste Zeit also, bisher Selbstverständliches in Frage zu stellen und Optionen für einen zukunftsgerechteren Lebensstil zu entwickeln.

Aufbau

Nach einer Bestandsaufnahme der alternden deutschen Gesellschaft und den Chancen und Herausforderungen des Alterns sowie des Klimawandels und der schrumpfenden Lebensqualität durch ein renditegetriebenes Wirtschaftssystem nimmt uns die Autorin mit zu einem gedanklichen „Fröhlichen Aufbruch ins Weniger“. Im 3. Kapitel zeigt sie uns dann, wie wir „Vom Wachstums- in den Schrumpfmodus schalten“ und uns dabei „fit machen für eine altersgerechte, klimaneutrale Zukunft“.

Inhalt

Um gleich ein nahe liegendes Missverständnis aus dem Weg zu räumen: es geht in dem Buch von Eva Douma nicht – oder zumindest nur am Rande – um körperlichen Abbau und Gebrechen im Alter. Auch wenn die „wartungsfreie Zeit jenseits der 50 vorbei ist“, wie so schön bildhaft im 1. Kapitel steht, reicht die Bandbreite der angeschnittenen Themen weit über die üblichen Altersklischees hinaus. Schon der Untertitel lässt ahnen, es geht um die Risiken und Nebenwirkungen unseres derzeitigen Lebensstils und den sich daraus ergebenden Herausforderungen. In kurzweiligem Schreibstil und mit schonungsloser Offenheit werden aktuelle, brennende Zeitthemen wie Klimawandel, Wachstumswahn und Ressourcenverbrauch, demographischer Wandel, Flüchtlingsproblematik, mangelnde Integrationspolitik und viele mehr näher unter die Lupe genommen. Aber es bleibt nicht bei der Bestandsaufnahme. Zentrale Botschaft des Buches ist: nicht weitermachen wie bisher, sondern Entwicklungspotentiale bis ans Lebensende nutzen.

Statt weiter ungebremstem Wirtschaftswachstum zu huldigen gilt es, so Douma, diese persönlichen Wachstumschancen zu mobilisieren, um die dringend notwendigen Veränderungs-Prozesse unseres materiellen und mentalen Konsumverhaltens in Gang zu bringen. Anhand unzähliger Beispiele und Zitate demonstriert uns die Autorin, dass es schon viele Ansätze zum Konsumverzicht und einer Abkehr vom Besitzdenken gibt, und die ältere Generation diesbezüglich durchaus von der jungen lernen könnte. Ohne die zweifellos stattfindenden Alterungsprozesse zu leugnen, lenkt sie – teilweise provokant – unseren Blick auf das wenn und aber unserer Möglichkeiten und Handlungsoptionen in einer krisengeschüttelten Welt.

Noch sind die Auswirkungen des Klimawandels bei uns in Deutschland weniger als andernorts spürbar, auch wenn Starkwetterereignisse uns häufiger daran erinnern. Wir können aber die allseits bekannten Ursachenketten nicht mehr ignorieren, sondern müssen umdenken und handeln, bevor sich das Zeitfenster dafür schließt und die Handlungsspielräume immer enger werden, bis wir an einem ‚point of no return‘ angekommen sind. Je mehr und schneller die aufstrebenden Mittelschichten der Schwellenländer unseren Lebensstil kopieren und damit die Ausbeutung von Mensch und Umwelt exponentiell vergrößern, desto dringender ist der Umbau unseres wachstumsgetriebenen Wirtschaftsystems, das die Lebensgrundlangen der kommenden Generationen weltweit zerstört.

Kurzfristige betriebswirtschaftliche Gewinn- und Kostenoptimierung, Arbeitsverdichtung, Digitalisierung, Rationalisierung, Flexibilisierung, Zeit- und Konkurrenzdruck, Entgrenzung von Berufs- und Privatleben etc. verschlechtern, bereits hier und heute unsere Lebensqualität. Sie verursachen die Zunahme von Depressionen, Aggressionen, Angst und psychischer wie körperlicher Erschöpfung. Die Verlagerung von Verlusten und Umweltkosten auf die Allgemeinheit bzw. andere Länder lässt Reiche immer reicher und Arme immer ärmer werden. Diese wachsende Ungleichheit gefährdet zunehmend den sozialen Frieden – nicht nur hierzulande. Teilen und helfen sind bessere Optionen als Gier und Verteilungskämpfe; Gruppen mit altruistischen Wertesystemen seien krisenresistenter, so der zitierte Publizist Stefan Klein.

Diskussion

Das Buch wirft nicht nur ein Schlaglicht auf den aktuellen Status quo und die sich daraus ergebenden Folgen, sondern bietet eine Vielzahl von Lösungsansätzen und wertvolle Denkanstöße, unseren Lebensstil zu reflektieren. Zwar spricht Douma auch die immanenten Nebenwirkungen einer Trendumkehr an, konzentriert sich aber vorwiegend auf das positive Potential des postulierten Schrumpfungsprozesses. Die teilweise euphorisch anmutende Beschreibung eines zunehmenden Bewusstseinswandels in unserer Gesellschaft mag manchen Leser skeptisch stimmen, verbreitet aber gerade dadurch Zuversicht, die von zahlreichen zitierten Studien und Zeitungsartikeln untermauert wird. Dass dabei manchmal Quellenangaben fehlen und Sachverhalte etwas plakativ dargestellt werden ist hinnehmbar und schmälert nicht die Wirkungskraft des „Anti-German-Angst-Buches“, wie es im Klappentext bezeichnet wird.

Fazit

Mit großem Optimismus und pragmatischen Lösungsentwürfen schreibt Eva Douma an gegen das ‚weiter so‘, gegen Verzagtheit und Resignation. Ihr Buch ist trotzdem kein Aufruf zum Umsturz, sie vertraut vielmehr der Flexibilität des Kapitalismus. Dabei ist ihr vollkommen bewusst, dass ‚downshifting‘, d. h. Abbau statt Aufbau, kein politisches Gewinnthema ist. Umso mehr sind wir alle, eine aufgeklärte, handlungsbereite Bürgergemeinschaft in der Verantwortung. Angesprochen wird v. a. die Generation der Babyboomer, die jetzt in die Jahre kommt, einen gewissen Wohlstand erreicht hat und sich nichts mehr beweisen muss. Die von ihr oft zitierten Ergebnisse der Generali Studie 2013 des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigen, dass in dieser Altersgruppe sowie der darüber, persönlicher Erfolg, Leistung und Statussymbole zunehmend an Bedeutung verlieren und es bereits viel bürgerschaftliches Engagement und Bewusstsein für Nachhaltigkeit gibt. Darüber hinaus bietet die Alterskohorte 50 plus unschätzbare Potentiale, die es zu fordern und fördern gilt.

Anstelle zu fürchten, was wir verlieren könnten, lohnt es sich, das Buch in die Hand zu nehmen, um von unzähligen wertvollen Ideen zu erfahren, was wir gewinnen, wenn wir teilen statt horten, reparieren statt wegwerfen, leihen statt besitzen, entschleunigen statt hetzen, soziale Beziehungen pflegen statt dicke Autos zu fahren.


Rezensentin
Margit Meßmer
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Zitiervorschlag
Margit Meßmer. Rezension vom 08.07.2015 zu: Eva Douma: Juhu, wir werden alt und bauen ab! Arbeiten und Leben in Zeiten des Klimawandels. Cividale Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-945219-08-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19243.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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