socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sabine Donauer: Faktor Freude

Cover Sabine Donauer: Faktor Freude. Wie die Wirtschaft Arbeitsgefühle erzeugt. Edition Körber (Hamburg) 2015. 200 Seiten. ISBN 978-3-89684-171-1. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 23,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Held der Arbeit – oder Hadern mit der Last?

Über Arbeit als Lust und Last, als „menschliche Tätigkeit zur Bereitstellung, Herstellung und Sicherung von Gütern, die der Erhaltung des natürlichen Lebens dienen“, bis hin zu der Anklage, dass Arbeit zur Entfremdung und Disziplinierung des Menschen diene, reflektieren Anthropologen, Philosophen, Soziologen, Psychologen, Sozial- und Bildungswissenschaftler immer wieder (Martin Gessmann, Hrsg., Philosophisches Wörterbuch, 23. vollständig neu bearb. Auflage 2009, S. 48f). Der Ruf nach „ehrlicher Arbeit“ wird lauter (Norbert Blühm, Ehrliche Arbeit. Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11382.php); die Suche nach der Balance zwischen Tun und Unterlassen verweist auf neues Denken und die Herausforderung nach einem Perspektivenwechsel (Dieter Birnbacher, Tun und Unterlassen, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18946.php); und im Streben nach Leistung, Erfolg, Geld und Aktionismus kommen nachdenkenswerte Auffassungen in den gesellschaftlichen Diskurs, die die menschliche Tätigkeit unter neuen und unterschiedlichen Aspekten betrachten (Johanna Schockemöhle / Margit Stein, Hrsg., Nachhaltige Ernährung lernen in verschiedenen Ernährungssituationen, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19070.php; Frank Henning, Oblomowerei – eine Vorstufe der Sucht?, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/18891.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

In der Kapitalismuskritik werden, je nach Einstellung und Ideologie, die Vor- und Nachteile kapitalistischen Denkens und Handelns diskutiert (Jos Schnurer, Ist Geld die Quelle allen Übels – oder hat Geld immer recht?, 22. 11.2013, www.socialnet.de/materialien/168.php). Mit dem Bild von der „schönen, neuen Arbeitswelt“, wie es insbesondere in den letzten Jahrzehnten von Kapitaleigners und Produzenten gemalt wird, zeigt – im Gegensatz zu den eher knallharten Anforderungen, die an die abhängig Beschäftigten gestellt wu(e)rden – werden emotional, individuell und gesellschaftlich positive Erwartungshaltungen gezeichnet. Die Beschäftigung soll sich beim Arbeitnehmer verbinden mit dem Gefühl der „Liebe zum Beruf“ und der uneingeschränkten Identifizierung mit dem Arbeitsort und der -tätigkeit. „Die wachsende Emotionalisierung des Arbeitsverhältnisses ist kein Zufall, und sie hat ihren Preis“. Diese These vertritt die Kulturwissenschaftlerin, Historikerin und Botschafterin der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, Sabine Donauer, in ihrer 2013 abgeschlossenen Dissertation „Emotions at Work – Working on Emotions. On the Production of Economic Selves in Twentieth-Century Germany“. Die Arbeit wurde 2014 mit dem Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung und mit der Otto-Hahn-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft ausgezeichnet. Die Autorin legt nun in der Edition Körber-Stiftung das Buch „Faktor Freude“ vor, in dem sie nachweist, dass es aufgrund einer geschickten Gefühlsarbeit der Unternehmen im Laufe der letzten 100 Jahre gelungen ist, die Arbeitnehmer emotional so an ihre Arbeit zu binden, dass sie höhere Leistungen erbringen, Arbeitskämpfe weitgehend vermieden werden, dadurch sich eine Entsolidarisierung der Arbeitnehmer und ein übermächtiger Konkurrenzdruck ergeben (vgl. dazu auch: Christophe Dejours, Hrsg., Klinische Studien zur Psychopathologie der Arbeit, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13188.php).

Aufbau und Inhalt

Neben dem Prolog, in dem die Autorin danach fragt, wie die Spekulationen des britischen Ökonomen John Maynard Keynes 1930 in seinem Aufsatz „Die ökonomischen Möglichkeiten unserer Enkel“ heute zu bewerten sind und welche Entwicklungen sich in den Kategorien „Arbeitsgefühle – Gefühlsarbeit“ vollzogen haben, gliedert sie ihr Buch in drei Kapitel. Im ersten geht es um die Herausforderungen, soziale mit ökonomische Kritik zu verbinden und zu reflektieren, wie sich Bedeutungszuwachs und Stellenwert von Arbeitsgefühlen etwa seit 1900 darstellen, was die Autorin mit der Überschrift „Von der Last zur Lust“ ausdrückt. Im zweiten Kapitel erzählt sie „Eine Geschichte der Arbeitsgefühle“, und im dritten zeigt sie mit der Perspektive „Weniger ist mehr“ die historischen und aktuellen Trends auf.

Die Erzählungen, die Sabine Donauer mit zahlreichen Quellennachweisen und Fallbeispielen bestückt, vermitteln einen Eindruck darüber, mit welchen Anstrengungen, Konzepten und Methoden Großunternehmen und deren Lobby- und Vertreter-Organisationen über die Jahrzehnte hinweg Meinungs- und Wertebildung in der Gesellschaft manipulieren und bestimmen. Mit der Strategie, „dem Gefühl drückender Arbeitslast Lebensfreude entgegenzusetzen“ wurde und wird bis heute diese Auffassung befördert. Die Stoßrichtungen dieser besänftigenden, psychologisierenden und ideologischen Einflussnahmen verliefen dabei im Takt der gesellschaftlichen Befindlichkeiten und Politik. Ziel war, „den Arbeitsplatz als einen wohlgesinnten, integrativen Ort erscheinen zu lassen“, hin zu dem Versprechen, im Arbeitstakt Selbstverwirklichung zu finden.

Mit dem Taylorismus entwickelten sich ab den Jahren 1910/11 in den USA Produktionsstrategien und -anweisungen, mit denen arbeits- und firmeninterne Arbeitsabläufe systematisch und akribisch optimiert wurden, mit dem Versprechen an die Werktätigen: „A fair day´s pay for a fair day´s work“. Durch eine (gerechte?) monetäre Entlohnungszusage wurden drei wesentliche Ergebnisse für ein brauch- und verwertbares Arbeitsgefühl erreicht: Die Botschaft spannte den Bogen von den Erwartungshaltungen, dass in der jeweiligen Tätigkeit eine gesamtgesellschaftliche Sinnhaftigkeit stecke, über der Freude an der eigenen Geschicklichkeit als Teil der Entlohnung, bis hin zur Anerkennung durch Vorgesetzte. Mit Hilfe der Betriebspsychologie wurde ein Einklang darüber erzielt, dass die Unternehmen für ihre Betriebsangehörigen Sozialleistungen erbrachten, wie Renten- und Krankenversicherungen, betriebseigene Wohnungen, Sportanlagen, Kindergärten, Kuraufenthalte und Freizeitangebote. Damit sollte das Gefühl vermittelt werden, zu einer „Betriebsfamilie“ zu gehören. Branchen- und betriebseigene Zeitschriften transportierten diese Gefühle. Die Arbeitswissenschaften lieferten teilweise gesteuerte und bestellte Grundlagen für die Praxis, nämlich ein Arbeits- (und Ertrags-)optimum zu erreichen. Das Märchen, dass jeder seines Glückes Schmied sei, und dass es gelinge, vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, wenn er sich nur mühe und anstrenge, traf denn auch auf guten Nährboden. Die Betriebssoziologie lieferte dazu die entsprechende Zuversicht, dass ein willentlicher und fleißiger Arbeiter das Zeug dazu habe, auf der sozialen und betrieblichen Leiter aufsteigen zu können.

Mit dem Konzept des Human-Resources-Managements hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass der Arbeitsplatz als Ort des Persönlichkeitswachstums propagiert, als Quelle positiver Gefühle angepriesen und als Raum, in dem das Leben an Bedeutung gewinnt, ausgewiesen wird. Und siehe da, es kristallisiert sich eine Ideologie heraus: „Wer sich in der Arbeit nicht weiterentwickelt, stagniert auch privat“. Ist diese Richtung erst einmal akzeptiert, fällt es leicht, die zunehmenden Ungleichheiten bei der Verdienst- und Einkommensverteilung von Beschäftigten als unantastbare und unveränderbare Gewissheiten zu akzeptieren. Als ein Beispiel nennt die Autorin die Entwicklungen zwischen einer durchschnittlichen Angestelltenvergütung und eines Vorstandes deutscher Aktiengesellschaften: Wurde das Verhältnis 1985 mit 1 : 20 notiert, belief es sich 2011 auf 1 : 200. Die mit der lokalen und globalen Entwicklung einhergehenden Trends, dass die bereits Wohlhabenden immer reicher und die Habenichtse immer ärmer werden, sei es durch Verdienstzuwächse, wie auch durch Kapitalakkumulationen, fallen ja nicht vom Himmel; sie werden auch nicht vom Berg Sinai geschleudert oder gerollt, sie sind menschengemacht; durch einen erhöhten Zufluss des gesellschaftlichen Vermögens in den Faktor Kapital und eines stetigen Abflusses vom Faktor Arbeit, im Sinken der Kapitalbesteuerung und Erhöhung der Lohn- und Verbrauchssteuern.

Gibt es Lösungen aus diesem Dilemma? Natürlich ist da die Forderung nach einer gerechteren Welt(wirtschafts-) Ordnung, wie sie allenthalben gefordert und propagiert, gleichzeitig aber auch interessenbestimmt gefürchtet und vermieden wird. Weniger statt Alles Immer, das könnte eine Lösung sein. Sie erfordert aber individuelles und lokal- und globalgesellschaftliches Engagement und die aufgeklärte Einsicht, dass die Lebenswelt der Menschen auf der Erde Gemeingut und nicht Privatbesitz von Wenigen sein muss, wie dies die Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften (2009), Elinor Ostrom, vorschlägt ( Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, http//www.socialnet.de/rezensionen/11224.php ). Sabine Donauer verweist darauf, dass „die Vorteile eines WENIGER statt des ALLES IMMER ( ) auf der Hand (liegen)“. Nötig sei dafür ein Perspektivenwechsel weg von einer Konsumkultur und hin zu einer Kultur des Zeitwohlstands.

Fazit

Angesichts dieser Perspektive möchte man hinausposaunen: „Packen wir´s an!“, eben nicht im Sinne einer selbst- und fremdgesteuerten Arbeitsoptimierung und eines vorgeschriebenen Arbeitsgefühls mit dem Ziel einer egoistischen, unsozialener und hierarchisierten Ausbeutung, sondern mit dem Bewusstsein: „Noch nie in der Geschichte der arbeitenden Menschen gab es so viele gute Gründe dafür, in Zukunft weniger zu schaffen und sich dabei gut zu fühlen“. Der Aufruf, weg vom homo oeconomicus und hin zum homo empathicus (Jeremy Rifkin), der mit der Einsicht lebt, dass eine Kultur des Zeitwohlstands die humane Alternative zum Habenmodus (Erich Fromm) darstellt, könnte in den Zeiten der Unsicherheiten und Standpunktlosigkeiten hilfreich sein!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1375 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.11.2015 zu: Sabine Donauer: Faktor Freude. Wie die Wirtschaft Arbeitsgefühle erzeugt. Edition Körber (Hamburg) 2015. ISBN 978-3-89684-171-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19250.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung