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Michel Foucault: Die Strafgesellschaft

Cover Michel Foucault: Die Strafgesellschaft. Vorlesung am Collège de France 1972 – 1973. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. 443 Seiten. ISBN 978-3-518-58621-1. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR, CH: 58,90 sFr.
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Thema

Die Strafgesellschaft beinhaltet die Transkripte einer Vorlesungsreihe Michel Foucaults am Collège de France 1972-1973 welche sich mit den Beziehungen zwischen Recht und Wahrheit beschäftigen und insbesondere auf die Entstehung eines Strafregimes eingehen, das unsere Gesellschaft bis in die heutigen Tage bestimmt. Die Vorlesungen können als Vorbereitung und Annäherung an Foucaults später publiziertes zentrales Werk „Überwachen und Strafen“ angesehen werden, in dem die Entwicklung der modernen europäischen Strafsysteme ab dem 18. Jahrhundert beleuchtet werden und zentrale Institutionen und Strukturen, vor allem Straf- und Überwachungspraktiken in ihrer Funktion als Macht- und Herrschaftsregime, besonders die Geschichte des Gefängnisses analysiert werden. In „Die Strafgesellschaft“ beschäftigt sich Foucault mit historischen Quellen anhand derer allgemeine Funktionsweisen von Strategien des Strafens in der kapitalistischen Gesellschaft aufgezeigt werden.

Autor

Michel Foucault, 1926-1984, Psychologe, Philosoph, Historiker. Lehrtätigkeit als Dozent und Professor für Psychologie, Philosophie und ab 1970 zur Geschichte von Denksystemen an den Universitäten Clermont-Ferrand, Vincennes-Saint Denis bei Paris und am Collège de France. Zahlreiche Publikationen u. a. zur Geschichte der Sexualität („Sexualität und Wahrheit“), Geschichte des Strafens/des Gefängnisses („Überwachen und Strafen“) zur Konstruktion von Wahnsinn und der Geschichte der Aussonderung von „Anderem“ im Verhältnis von Wahnsinn und Vernunft in der Gesellschaft („Wahnsinn und Gesellschaft“) und zur kulturellen Entwicklung der Humanwissenschaften („Die Ordnung der Dinge: Eine Archäologie der Humanwissenschaften“) und zu theoretischen Überlegungen einer Diskursanalyse („Die Ordnung des Diskurses“). Foucault entwickelte eine eigene Begrifflichkeit zur Umsetzung und methodischen Erläuterung seiner theoretischen Analysen, deren Komplexität eine inhaltliche und begriffliche Auseinandersetzung mit diesen Abstraktionen (die Foucault als „Werkzeuge“ für das Denken, Analysieren und Wissen bezeichnete), voraussetzt, z. B. den Begriff der „Episteme“, der „Gouvernementalität“, des „Dispositivs“, der „Pastoralmacht“ oder der „Submacht“. Als Hinführung an die Denkweise und an das Werk Foucaults ist die hervorragende Publikation „Michel Foucault zur Einführung“ von Sarasin (2010) zu empfehlen.

Aufbau und Inhalt

„Die Strafgesellschaft“ beinhaltet die transkribierten und überarbeiteten der am Collège de France gehaltenen 13 Vorlesungen Foucaults, ein Vorwort des Herausgebers, die Zusammenfassung der Vorlesungen, Erläuterungen zur Einordnung der Vorlesungen in das Gesamtwerk Foucaults, sowie ein Namens- und Sachregister.

Vorwort

Der inzwischen verstorbene Herausgeber des Bandes Francois Ewald beschreibt einleitend die Umstände der Vorlesungsreihe, deren Intensität, die rhetorische Form der Vorträge (denen wohl oftmals etwas Theatralisches anhaftete) und die Art und Umstände der Tonaufzeichnungen der Vorlesungen und deren vorangegangene publizistische Verwertung.

Vorlesungen 1- 13

Foucault handelt in den einzelnen Vorlesungen einen Gang durch die Geschichte des gesellschaftlichen Umgangs mit Ausgrenzung, mit Kontrolle und Bestrafung der als gefährlich identifizierten Individuen ab. Er definiert unterschiedliche Straftaktiken (Verjagen, materielle Bußen, Körperstrafen, Einsperren) welche in Abhängigkeit vom jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungsstand Bedeutung entfalten und als Strafpraxis Ausdruck der Herrschaftsverhältnisse sind.

Gefängnisstrafen sind demnach ein relativ junges Sanktionsmittel, die erst seit Ende des 18. Jahrhunderts eine breitere Wirkung entfalten (können) und als ordnende und strafende Maßnahme ausreichend sind und sich zur allgemeinen Form der Strafe entwickeln konnten. Mit der Einrichtung dieser Form von Strafpraxis, der Errichtung von Gefängnissen setzt auch die Kritik an dieser Strafform und ihren Institutionen ein. Foucault belegt, wie generell in seinen Texten, anhand historischer Quellen die Grundlagen dieser Kritik, die letztlich die Sinnhaftigkeit von Gefängnisstrafen hinterfragt, kritisch begleitet oder offen angreift, etwa im Vorwurf, dass erst das Gefängnis die Kriminellen schaffe, die der Staat bestrafen wolle (Gefängniszirkel). Durch die Schaffung der „Gruppe der Kriminellen“ werde das Phänomen der Abweichung als individueller Prozess definiert, der dann auch Gegenstand anderer Ordnungswissenschaften (Psychiatrie, Soziologie) werden konnte.

Vor diesem Hintergrund entwickelt sich die Rolle der straffällig gewordenen Menschen, die als Kriminelle klassifiziert werden, hin zum Feind der Gesellschaft, der diese mindestens ausnutzt, auf jeden Fall beschädigt, bedroht und angreift. Aus dieser Konstruktion ergäben sich weitreichende Konsequenzen für die Strafpraxis, u. a. dass jede Gesellschaft ein Strafsystem, unterschiedliche Ausprägungen von Strafen entwickeln muss, abhängig davon, wie stark die Notwendigkeit ist, dass sie sich schützt. Je schwächer eine Gesellschaft erscheint, so Foucault, desto strenger wird sie sich in ihrer Strafpraxis zeigen. Der Akt des „Einsperrens“ unterliegt dabei einer eigenen Dynamik: einerseits wird durch die Entfernung der Kriminellen aus der Öffentlichkeit sichtbar deren Kontrolle und die (zumindest vorübergehende) Verhinderung weiterer Straftaten vollzogen. Andererseits gelten in den Gefängnissen (als „Gemeinschaft der Kriminellen“) eigene Regeln, Strukturen und Handlungspraxen, die wiederum Kontrollmaßnahmen und Sanktionierung nach sich ziehen, die als Quasimodell einer Überwachungskultur in der gesamten Gesellschaft interpretiert wird.

Als Bedingungsgefüge für Kriminalität und deren Bestrafung identifiziert Foucault die gesellschaftliche Transformation im Bereich der Produktion und Ökonomie. Die Festigung der Eigentumsverhältnisse, der Status des Grundeigentums und seine Bewirtschaftung, die Bedeutung persönlichen Eigentums verwandelt gesellschaftliche Umgehensweisen die einst -mehr oder weniger tolerierte- Illegalismen waren und sich nun zu Straftaten transformiert hätten. Kapitalistische Produktionsweisen bedingen Konformität, Regulation, Verfügbarkeit und damit Kontrolle. Delinquenz erscheint so als Folge der Irregularität, der Abweichung, welche als psychologischer oder moralischer Mangelzustand definierbar wird.

Die Strafformen ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts bezeichnet Foucault, entsprechend seiner Analysen als Mittel der Abrichtung und Formung der Kriminellen, der Feinde der Gesellschaft, die für den gesellschaftlichen Produktionsprozess verfügbar gemacht werden müssen. Die Strafmaßnahmen, die Strafpraxis erfährt damit das Moment der Heilung, in dem Abweichende entweder zu einer besseren Passung zwischen Individuum und Gesellschaft gebracht werden, oder als abschreckende Projektion (Ausschluss der nicht Integrierbaren) benutzt werden.

Zielgruppe

Interessierte Leser die eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk Foucaults suchen, vor allem zur Auseinandersetzung um die Funktionsweise und den Sinn des Straffens in der Gesellschaft.

Diskussion

Foucault beschäftigt sich im Rahmen der 1973 gehaltenen Vorlesungen mit den modernen Formen des Strafens, welche er als Ausdruck kapitalistischer Produktions- und Herrschaftspraxis interpretiert. Die sich daraus ergebende Notwendigkeit der Disziplinierung und Kontrolle ihrer Individuen steht bei Foucault im direkten Zusammenhang mit den Straftaktiken, deren Anwendung und Inszenierung. Durch die Entwicklung moderner Strafformen, vor allem den Bau und Betrieb von Gefängnissen wird die symbolisierte Disziplinierung und Überwachung der gesamten Gesellschaft repräsentiert. Die Strafgesellschaft erscheint in diesem Zusammenhang als Disziplinargesellschaft, die mit dem Mittel der Ausgrenzung und Bestrafung das Ziel des inneren Zusammenhalts verfolgt. Sichere und funktionierende ökonomische Verhältnisse und die Aufrechterhaltung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse sind auf der Disziplinierung der Individuen aufgebaut. Die moderne Strafpraxis dient vorwiegend diesem Ziel.

Foucault belegt diese Thesen durch die Analyse reichhaltiger historischer Quellen, vor allem aus dem Bereich der Justizgeschichte und stellt diese in direkten Zusammenhang mit dem jeweiligen historischen Kontext. Die jetzt erstmals in deutscher Sprache veröffentlichten Vorlesungen aus dem Zeitraum 1972-1973 helfen, den Kosmos der Foucaultschen Gedankenwelt und seiner historisch-empirischen Analysen zu erschließen. Die Vorlesungen am Collège de France führen auf das 1975 publizierte Hauptwerk („Überwachen und Strafen“) zur Bedeutung und Funktion der Gefängnisse und der Praxis des Strafens in der modernen Gesellschaft hin. Durch die nahe am Seminargeschehen orientierte Sprache der Texte – es handelt sich größtenteils um transkribierte Tonbandmitschnitte – entsteht der Eindruck einer gewissen Unmittelbarkeit der Überlegungen, Thesen und Theorienansätze, so als hätte man als Leser des Buches den vor über 40 Jahren stattgefundenen Vorlesungen selbst beigewohnt. Anders als in diesen Universitätsveranstaltungen möglich, verhilft die Publikation der Texte und ihre Ergänzung durch vielfältige Verweise, Fußnoten und Ordnungshinweise, Sach- und Namensregister zu einer vertieften Auseinandersetzung und Erschließung der Foucaultschen Gedankenwelt.

Fazit

Die Veröffentlichung der historischen Analysen Foucaults zur Entwicklung der Strafpraxis und deren gesellschaftlichen Hintergründe ermöglicht eine genaue Auseinandersetzung mit den Phänomenen des Überwachens, Strafens und Disziplinierens. Herausgeber und Verlag setzen nicht nur auf die Protokollierung der Vorlesungstexte, sondern verfolgen darüber hinaus das Ziel einer wissenschaftlichen Ordnung und Situierung der Texte, welches durch vielfältige Ergänzungen und Hinweise überzeugend umgesetzt wird.

Literatur

Philipp Sarasin (20104): Michel Foucault zur Einführung. Hamburg: Junius


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 30.10.2015 zu: Michel Foucault: Die Strafgesellschaft. Vorlesung am Collège de France 1972 – 1973. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-518-58621-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19256.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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