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Thomas Spiegler: Erfolgreiche Bildungsaufstiege

Cover Thomas Spiegler: Erfolgreiche Bildungsaufstiege. Ressourcen und Bedingungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 366 Seiten. ISBN 978-3-7799-3316-8. 39,95 EUR.
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Thema

Das vorliegende Werk diskutiert anhand einer empirischen Untersuchung Ressourcen und Bedingungen von Bildungsaufstiegen und nimmt dabei vor allem Bezug auf die Arbeiten Pierre Bourdieus. Die Bildungsaufstiege werden in der klassischen Herangehensweise der Bildungsforschung als Aufstiege in den akademischen Bereich untersucht. Grundlage der empirischen Untersuchung sind biografische Interviews mit Stipendiat_innen der Studienstiftung des deutschen Volkes.

Der Autor Dr. phil. habil. Thomas Spiegler lehrt Soziologie und Methoden empirischer Sozialforschung an der Hochschule Friedensau.

Aufbau und Inhalt

Die Studie gliedert sich in zwölf Kapitel, die wiederum jeweils in drei Teile unterteilt sind.

  1. Nach einer kurzen Einleitung (Kapitel eins) wird der Forschungsstand zu Ungleichheiten und Aufstiegen im Bildungssystem präsentiert (Kapitel zwei). Im dritten Kapitel wird die Methodik der Untersuchung vorgestellt, hiermit endet Teil eins.
  2. Die Kapitel vier bis acht stellen die Ergebnisse der empirischen Analyse dar und fassen diese abschließend zusammen. Sie bilden gemeinsam Teil zwei der Publikation.
  3. In Teil drei „Aufstieg und sozialer Raum“ werden zunächst Konzepte zur Mobilität im sozialen Raum dargestellt (Kapitel neun). In Kapitel zehn werden diese Konzepte in Beziehung zu den empirischen Ergebnissen gesetzt. Kapitel elf diskutiert insbesondere Habitusmodifikationen. Kapitel zwölf schließt die Studie mit einem Ausblick ab.

Der Inhalt der Kapitel im Einzelnen:

Die Einleitung der Publikation hält der Verfasser knapp und im Rückgriff auf aktuelle Diskurse im PISA-Zeitalter in Wissenschaft und Medien. Er skizziert übersichtlich den Aufbau der Studie.

Teil 1 beginnt mit der Vorstellung des Forschungsstands zu Ungleichheiten und Aufstiegen im Bildungssystem und umfasst 58 Seiten. Zunächst leistet dieses Kapitel eine Einführung in zentrale Befunde und Theorien, die dem Forschungsfeld zugrunde liegen. Diese werden zusammengefasst, bevor Spiegler im nächsten Schritt näher auf Prozesse der Herstellung von Bildungsungleichheiten eingeht und primäre und sekundäre Effekte der Bildungsungleichheit erläutert. Die deutsche Forschung zu Bildungsaufstiegen bildet den nächsten Abschnitt, Spiegler stellt die Foki der Forschung in den vergangenen Jahrzehnten differenziert dar. Das Kapitel wird abgeschlossen mit einem Rückgriff auf den internationalen Forschungsstand und Schlussfolgerungen.

Die Methodik der Studie wird auf 14 Seiten vorgestellt. Der Autor geht auf die Fragestellung ein und operationalisiert Bildungsaufstiege, bevor er die Forschungsmethode vorstellt und den Samplingprozess unter den Stipendiat_innen der Studienstiftung des deutschen Volkes erläutert. Für die Samplebildung wurden Stipendiatinnen und Stipendiatinnen gesucht, die aus einem nicht-akademischen Elternhaus kamen. Aus einer Gruppe von 182 potentiellen Gesprächspartnerinnen und -partnern konnte letztlich ein Sample von 75 Interviews gebildet werden, davon wurden 58 Interviews ausgewertet. Die Durchführung der Interviews bildet den nächsten Abschnitt vor der Darstellung der Auswertung mit MaxQDA. Den Abschluss des Kapitels bilden der Abschnitt „Grenzen der Studie“ sowie ein Überblick über die soziodemografischen Daten des Samples.

Der zweite Teil der Studie umfasst die Vorstellung der empirischen Ergebnisse und beginnt mit dem vierten Kapitel. Auf zehn Seiten wird zunächst das Analysemodell in seinen Umrissen und die aus den Daten entwickelte Typologie des Bildungsaufstiegs vorgestellt. Dabei geht der Autor auf die entwickelte theoretische Konzeption des „Könnens, Wollens und Dürfens“ von Aufstiegen ein, die die Grundlage der gefundenen Aufstiegsbedingungen bilden. In einer Fußnote nimmt er Bezug auf einen Aufsatz von Diehl et al, die Bedingungen des Übergangs unter ähnlicher Perspektive betrachten und sich ebenfalls auf die Trias von „Können, Wollen und Dürfen“ im Übergang beziehen (Diehl et al 2009) Er stellt die drei Typen der Bildungsaufsteiger „Expeditionsteilnehmer, Auswanderer und Backpacker“ in den Kapiteln fünf bis sieben vor. Die drei folgenden Kapitel leisten die wesentliche Ergebnisdarstellung und gleichen sich im Aufbau.

Im fünften Kapitel wird der Bildungsaufstieg des Typus Expeditionsteilnehmer und seine Aufstiegsbedingungen des Dürfens, Wollens und Könnens des Aufstiegs vorgestellt und zusammengefasst. Diese Darstellung umfasst 24 Seiten. Im sechsten Kapitel wird der aus den Daten entwickelte Bildungsaufstieg des Typus Backpacker und seine Ausprägungen des Wollens, Dürfens und Könnens auf 22 Seiten dargestellt. Im siebten Kapitel wird der Bildungsaufstieg des Typus Auswanderer und seine Untertypen vorgestellt. Dieses Kapitel ist durch eine differenzierte Untergliederung gekennzeichnet und stellt die drei Untertypen des Typus Auswanderers jeweils eigens in ihrem Bedingungsgefüge des Könnens, Wollens und Dürfens vor. Diese Darstellung umfasst 61 Seiten.

Im letzten Kapitel des zweiten Teils stellt der Autor die Ergebnisse zusammenfassend dar und geht zunächst auf die Befunde zu den Ressourcen der Aufstiegsbedingungen ein, bevor er auf die Ressourcen der Aufstiegstypen eingeht. Abschließend verdichtet er die Ergebnisse auf zwei Muster des Aufstiegs, die jeweils die Pole eines Spektrums bilden: den Bildungsaufstieg aufgrund der Familie auf der einen und den Bildungsaufstieg trotz der Familie auf der anderen Seite. Die gesamte Darstellung des Kapitels acht umfasst 23 Seiten.

Im dritten Teil der Studie, der mit „Aufstieg und sozialer Raum“ betitelt ist, werden im Kapitel neun Konzepte und Befunde zu Mustern des Erlebens von Mobilität im sozialen Raum vorgestellt. Der Autor betont, dass es sich bei diesem letzten Teil nicht um eine umfassende Analyse handelt, sondern um einen Beitrag zur Frage, wie sich die Befunde der empirischen Untersuchung zu den theoretischen Ausführungen im Forschungsfeld verhalten. Er geht zunächst auf die Konzepte von Kapitalien, Raum und Habitus ein, bevor er empirische Untersuchungen diskutiert. Das Kapitel umfasst 19 Seiten.

Im folgenden Kapitel (zehn) wird der Bildungsaufstieg in der Begabtenförderung, insbesondere in der Studienstiftung des deutschen Volkes diskutiert. Spiegler zeichnet die Historie des Begabtenförderwerkes nach und setzt die Stiftung in ihrem Wirken in ein Verhältnis zu den Stipendiat_innen, in dem er die empirischen Ergebnisse aufnimmt, die das Verhältnis der einzelnen zur Stiftung thematisieren. Dabei zeigen sich im Vorfeld der Annahme in der Stiftung Skepsis und Zuversicht als Grundmuster der potentiellen Stipendiat_innen, die bei Annahme von den Grundmustern der Identifikation und der Fremdheit abgelöst werden. Diese gegensätzlichen Muster des Agierens setzt Spiegler in Bezug zu den Typen des Bildungsaufstiegs, die in den voran gegangenen Kapiteln entwickelt worden sind. Das Kapitel umfasst 43 Seiten.

Im elften Kapitel geht es um Konflikte und Modifikationen des Habitus. Der Verfasser zeigt anhand der Daten, an welchen Strukturen und Übergängen sich Konflikte im Passungsverhältnis des Habitus offenbarten und wie die Verarbeitung der habituellen Differenzen zur Herkunftsfamilie im Interview dargestellt wurden. Erscheinungsformen der Habitustransformation im Sample und eine Zusammenfassung bilden den Abschluss des Kapitels, das 32 Seiten umfasst.

Das letzte Kapitel diskutiert Schlussfolgerungen aus der empirischen Untersuchung. Es untergliedert sich in drei Abschnitte. Im ersten Abschnitt diskutiert Spiegler Wege der Ermöglichung von Bildungsaufstiegen anhand der entwickelten theoretischen Konzeption des Wollens, Dürfens und Könnens. In einem zweiten Abschnitt diskutiert er mögliche Schlussfolgerungen für die Begabtenförderung in der Studienstiftung des deutschen Volkes. Im letzten Abschnitt stellt der Verfasser Überlegungen zur Fragen von Bildungsaufstiegen und Chancengleichheit an.

Diskussion

Die Studie stellt eine auf Daten gegründete Theorie vor, die in ihrer Differenzierung und Stringenz beeindruckend ist. Der Autor diskutiert die Ergebnisse im Hinblick auf mögliche Konsequenzen für das Bildungssystem, was die Arbeit insbesondere für die Erziehungswissenschaften interessant macht. Die Diskussion vor dem Hintergrund von Bourdieus Theorie knüpft an aktuelle Forschungsstrategien aus den Erziehungswissenschaften an (Friebertshäuser 2009, Brake et al 2013) und überzeugt in ihrer Umsetzung.

Mit Blick auf die Empirie lässt sich festhalten, dass die untersuchte Gruppe der Stipendiat_innen der Studienstiftung des deutschen Volkes innerhalb der Stipendiat_innen der Begabtenförderwerke der Bundesrepublik eine besondere Gruppe darstellt, da diese dem einzigen Begabtenförderwerk angehören, das nicht politisch oder weltanschaulich gebunden ist. Diese Struktur kann eine besondere Fokussierung auf Leistung fördern, die sich in der Stipendiatenschaft niederschlägt. Die Studie hält fest, dass Bildungsaufsteiger_innen in den Begabtenförderwerken insgesamt unterrepräsentiert sind und sich dies zumindest bis 2009 in der Studienstiftung des deutschen Volkes noch deutlicher niederschlug als in anderen Stiftungen (9% im Mittel und 5% in der Studienstiftung, siehe S. 260). Der Verfasser räumt ein, dass die Studie keine Bildungsaufstiege rekonstruiert, bei denen die Stipendiat_innen nicht irgendwann zur Gruppe der sehr guten Schüler_innen oder Studierenden gehörten, da sonst keine Aufnahme in die Stiftung erfolgen konnte (S. 85). Spiegler unterscheidet innerhalb der Untersuchungsgruppe nicht zwischen Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaft, obgleich Untersuchungen zeigen, dass Bildungsaufsteiger_innen häufiger den Weg an eine Hochschule für angewandte Wissenschaft finden (Middendorff et al, 2013:84). Damit liefert die Studie umfassende Befunde zu Bildungsaufstiegen in und durch die Studienstiftung des deutschen Volkes, die wertvolle Anregungen zur weiteren Diskussion bieten. Der Autor ordnet seine Untersuchung als eindeutig qualitative Untersuchung ein. Aus der Perspektive qualitativer Forschung sind die Ausführungen zu Erhebung und Auswertung der Daten knapp bemessen und lassen sich am ehesten den Verfahren der qualitativen Inhaltsanalyse zuordnen (z. B. Schreier 2014).

Fazit

Die vorgestellte Publikation liest sich als gut strukturierte, in informierte theoretische Auseinandersetzungen eingebundene empirische Untersuchung zu Bildungsaufstiegen. Die Studie überzeugt durch einen durchgehend nachvollziehbaren Aufbau und ein schlüssiges theoretisches Modell, dessen Grenzen aufgezeigt werden. Gleichzeitig zeigen sich durch die Sampling-Strategie bestimmte Befunde in der Empirie möglicherweise pointierter. Spiegler leistet eine fundierte Diskussion vor dem Hintergrund des Forschungsstandes und damit verbundener Theorien. Die Studie ist eine anregungsreiche Lektüre zur biografisch orientierten Erforschung von Bildungsaufstiegen – auch für Interessierte außerhalb des Wissenschaftsbetriebs,

Literatur:

  • Brake, A., Bremer, H., & Lange-Vester, A. (2013). Empirisch arbeiten mit Bourdieu: theoretische und methodische Überlegungen, Konzeptionen und Erfahrungen. Weinheim [u.a.]: Beltz Juventa.
  • Diehl, C., Friedrich, M., & Hall, A. (2009). Jugendliche ausländischer Herkunft beim Übergang in die Berufsausbildung: Vom Wollen, Können und Dürfen. Zeitschrift Für Soziologie, 38(1), 48-67.
  • Middendorff, E. /Apolinarski, B./ Poskowsky, J. / Kandulla, M. / Netz, N. (2013): 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes. Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2012. http://www.studentenwerke.de/sites/default/files/01_20-SE-Hauptbericht.pdf, letzter Abruf: 10.09.2015
  • Friebertshäuser, B. (Hg.). (2009). Reflexive Erziehungswissenschaft: Forschungsperspektiven im Anschluss an Pierre Bourdieu. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden.
  • Schreier, Margit (2014): Varianten qualitativer Inhaltsanalyse. Ein Wegweiser im Dickicht der Begrifflichkeiten. In: FQS, Vol. 15, No 1, Art. 18

Rezension von
Dipl. Soz.päd. Nina Erdmann
M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin am FB angewandte Sozialwissenschaften FH Dortmund im Forschungsprojekt „Diversität und Bildung“
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Zitiervorschlag
Nina Erdmann. Rezension vom 17.09.2015 zu: Thomas Spiegler: Erfolgreiche Bildungsaufstiege. Ressourcen und Bedingungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3316-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19257.php, Datum des Zugriffs 21.09.2020.


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