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Mike S. Schäfer, Silje Kristiansen u.a. (Hrsg.): Wissenschafts­kommunikation im Wandel

Cover Mike S. Schäfer, Silje Kristiansen, Heinz Bonfadelli (Hrsg.): Wissenschaftskommunikation im Wandel. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2015. 374 Seiten. ISBN 978-3-86962-108-1. D: 28,50 EUR, A: 29,20 EUR, CH: 47,90 sFr.
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Wissenschaft, die Wissen schafft – für wen?

Wir leben in einer wissenschaftsorientierten Welt. Seit Menschen mit ihrem Geist wirken, seit sie begonnen haben, über die bis dahin gesetzten und scheinbar geltenden Weltbilder hinaus zu schauen und sich trauen, selbst zu denken, hat wissenschaftliches Denken einen existentiellen Stellenwert des Menschseins (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Wer philosophiert – lebt!, 28.01.2014, www.socialnet.de/materialien/174.php). Weil die Gründe dafür unterschiedlich und vielfältig sein können, bedarf es der theoretischen Reflexion und der praktischen Verwirklichung. Die Bemühungen darum lassen sich zurückverfolgen bis hin zu den evolutionären Entwicklungen des anthrôpos, des Menschen als dem geist- und verstandesbegabten Lebewesen. Seit die alten Ägypter und Vorsokratiker, wie etwa Thales von Milet (etwa 624 bis 546 v. Chr.), in den Sternenhimmel schauten, in die Sonne, den Mond und dabei das Universum erkundeten, ihre Annahmen und Beobachtungen aufzeichneten und lehrten – seitdem gibt es Wissenschaftler. Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) sieht im episteme, dem Wissen, einerseits einen bestimmten mentalen Zustand, die so genannte epistemische Fähigkeit, andererseits den Wissensgehalt als Gegenstand oder Inhalt eines epistemischen Zustandes. Einem wissenden Menschen ist also ein Wissensgehalt in einer bestimmten Form präsent ( Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 200ff ). Spätestens seit der Zeit der Aufklärung gilt der Satz: „Was der Wissenschaft dient, dient auch der Menschheit“ (Roland Waast / Sophie Boukhari, Wem dient die Wissenschaft? In: UNESCO-Kurier 5/1999). Wissenschaftler auf den verschiedenen Gebieten des Wissens und Forschens gelten seitdem als „gescheite Leute“. Ihre gesellschaftliche Anerkennung stieg mit ihren Aktivitäten – etwa bei der Bekämpfung von Seuchen, der Entwicklung von Technologien und all der Errungenschaften, die wir mit dem Begriff „Fortschritt“ belegen. Damit stieg auch das Vertrauen der Menschen in den jeweiligen Gesellschaften in ihre Arbeit. Wissenschaft und Gesellschaft waren eins und sie bedingten sich gegenseitig.

Das Vertrauen der Menschen in die wissenschaftlichen Forschungen und Entwicklungen bekam spätestens zu dem Zeitpunkt einen Knacks, als in Hiroshima am 6. August 1945 das Forschungsprodukt Atom(bombe) auf die Stadt fiel. Damit hatte die wissenschaftliche Forschung ihre Unschuld verloren. Allgegenwärtig ist seitdem die Erkenntnis, dass Wissen als Produkt zum Nutzen und zum Schaden der Menschheit eingesetzt werden kann. Zumindest in den westlichen Industrieländern hat sich eine „Wissenschaftsideologie“ entwickelt, die stärker auf Nutzanwendung denn auf Grundlagenforschung requiriert; und zwar nicht selten gefördert und finanziert von interessierten Geldgebern, wie etwa dem Militär, von Konzernen und nationalstaatlichen Institutionen. Die Ergebnisse lassen sich direkt aus vielen Forschungsberichten heraus lesen: Im Vordergrund steht die wirtschaftliche und konsumtive Verwertung der Wissensprodukte. Die durchaus kritisch zu hinterfragenden Tendenzen, national und global die Wissenschaftseinrichtungen, die Universitäten also, in Rankings zu fassen und ihre Wissensproduktivität messbar vorzuführen, bestätigen eigentlich nur die gewünschten Rentabilitätserwartungen an die Wissenschaft. Nicht wenige Kritiker und Theoretiker weisen darauf hin, dass der immer stärker werdende Zugang von privaten Firmen und Konzernen an den wissenschaftlichen Innovationen dazu beiträgt, dass die Forschungsaktivitäten immer mehr unter dem Gesichtspunkt der schnellen wirtschaftlichen Verwertung ablaufen und dabei die Grundlagenforschung, das eigentliche wissenschaftliche Aufgabenfeld der Universitäten, zu kurz kommt (Jens Sambale / Volker Eick / Heike Walk, Hrsg., Das Elend der Universitäten. Neoliberalisierung deutscher Hochschulpolitik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6833.php).

Weil Forschungsergebnisse sowohl zum Nutzen, als auch zum Schaden von Menschen eingesetzt werden können, muss die Wissenschaft und müssen Wissenschaftler von einer auf den Grundlagen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte basierenden Ethik bestimmt werden und arbeiten. Die Frage, die eigentlich eine Aufforderung zum Denken ist – „Darf der Mensch alles machen, was er kann?“ – zielt ja nicht zuletzt darauf, was wir im menschlichen Zusammenleben und mit der Überzeugung der „Anerkennung der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte“ (Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) ausdrücken, nämlich dass nur eine Verantwortungsethik die humane, gerechte und friedliche Existenz der Menschen ermöglicht. Gegen die Auffassung, dass wissenschaftliche Forschung erst einmal zweckfrei sei und die negativen, humanen und gesellschaftlichen Folgen der Erkenntnisse, Entdeckungen und Produkte nicht den Forschern und Wissenschaftlern angelastet werden könnten, werden mittlerweile eine Reihe von Stimmen laut, etwa in den Forderungen, dass (auch) Wissenschaftler ihre Forschungsziele und -ergebnisse einer global-ethischen Prüfung unterziehen müssten (z. B. durch den Vorschlag, einen „Welt-Ethik-Rat“ zu schaffen), sowie der „Erd-Charta“ von 2000 mit der ersten von insgesamt 16 Verpflichtungen: „Achtung haben vor der Erde und dem Leben in seiner ganzen Vielfalt“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Erd-Charta), gipfeln bisher in der „Universellen Deklaration der menschlichen Verantwortung und Pflichten“, die von der „Stiftung Valencia Drittes Jahrtausend“ erarbeitet wurde. In Artikel 12 der Erklärung heißt es: „Wissenschaftler haben die Aufgabe, so zu handeln, dass Leben und Wohlergehen jedes Menschen uneingeschränkte Beachtung finden. Sie haben zudem die Pflicht, alle erforderlichen Maßnahmen – einschließlich der Einführung eines ethischen Kodexes – zu ergreifen, damit die Ergebnisse wissenschaftlicher oder technologischer Forschung nicht auf eine Weise verwendet werden, die den Frieden, die Sicherheit, die Menschenrechte und die grundlegenden Freiheiten gefährdet. Der einzelne Wissenschaftler wiederum hat die Aufgabe, seine Forschungstätigkeit zu jeder Zeit so zu führen, dass dabei stets strenge ethische Prinzipien eingehalten werden. Er ist ferner dazu aufgerufen, die Öffentlichkeit über jede potentiell gefährliche oder ethischen Prinzipien zuwiderlaufende Forschungstätigkeit zu unterrichten, von der er Kenntnis erhält“.

Da ist die Forderung nur logisch und konsequent, wissenschaftliche Kommunikation, Forschungsansätze und -ergebnisse müssten sich einer öffentlichen, demokratischen und zivilgesellschaftlichen Kontrolle unterziehen und sich so präsentieren, dass „auch ein Laie die Möglichkeit hat, komplexe Sachverhalte zu verstehen“, wie dies die Diskutanten des TV-Literarischen Salons, Ranga Yogeshwar und Georg Dahm kürzlich gefordert haben (vgl. dazu auch: Rudolf Stöber, Kommunikations- und Medienwissenschaften. Eine Einführung; Verlag C. H. Beck, München 2008, 272 S.). Denn die kritischen Nachfragen mehren sich, „was eigentlich mit der Freiheit der Wissenschaft passiert, wenn die WissenschaftlerInnen nicht mehr in erster Linie neues Wissen akkumulieren wollen, sondern die Akkumulation von Drittmitteln im Vordergrund steht" (Jens Sambale / Volker Eick / Heike Walkenhorst, Hrsg., Das Elend der Universitäten. Neoliberalisierung deutscher Hochschulpolitik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6833.php).Die Universitäten sind überwiegend in ihrem Selbstverständnis und in ihren Arbeitsweisen (nicht nur in Deutschland) ausgerichtet auf Vorstellungen und Methoden des 19. Jahrhunderts, so die Diagnose, wie sie von zahlreichen kritischen Stimmen zur Entwicklung der Hochschulen weltweit vorgenommen wird. Es ist die „Crisis on Campus“, wie sie der US-amerikanische Philosoph Mark C. Taylor 2010 diagnostiziert hat, die zu einem Umdenken und einem Perspektivenwechsel in der Wissenschaftsorganisation und -kommunikation zwingt (Yehuda Elkana / Hannes Klöpper, Die Universitäten im 21. Jahrhundert. Für eine neue Ethik von Lehre, Forschung und Gesellschaft, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/11785.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

„Die Kommunikations- und Medienwissenschaft beschäftigt sich mit den sozialen Bedingungen, Folgen und Bedeutungen von medialer, öffentlicher und interpersonaler Kommunikation. Der herausragende Stellenwert, den Kommunikation und Medien in der Gesellschaft haben, begründet die Relevanz des Fachs. Die Kommunikations- und Medienwissenschaft versteht sich als theoretisch und empirisch arbeitende Sozialwissenschaft mit interdisziplinären Bezügen. Sie leistet Grundlagenforschung zur Aufklärung der Gesellschaft, trägt zur Lösung von Problemen der Kommunikationspraxis durch angewandte Forschung bei und erbringt Ausbildungsleistungen für eine seit Jahren dynamisch wachsende Medien- und Kommunikationsbranche. Geschichte, Gegenwart und Zukunft der gesellschaftlichen Medien- und Kommunikationsverhältnisse stehen im Mittelpunkt von Forschung und Lehre“; so werden im Selbstverständnispapier der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) die Zielsetzungen und Aufgaben formuliert; und Wissenschaftskommunikation wird definiert „als alle Formen von auf wissenschaftliches Wissen oder wissenschaftliche Arbeit fokussierter Kommunikation, sowohl innerhalb als auch außerhalb der institutionalisierten Wissenschaft, inklusive ihrer Produktion, Inhalte, Nutzung und Wirkungen“. Innerhalb der DGPuK hat sich die Ad-hoc- Gruppe „Wissenschaftskommunikation“ gebildet, die im Januar 2014 ihre Jahrestagung an der Universität Zürich durchgeführt hat. Der Publizistik- und Kommunikationswissenschafter Mike S. Schäfer, die wissenschaftliche Mitarbeiterin Silje Kristiansen und der Sozialwissenschaftler Heinz Bonfadelli, alle von der Universität Zürich, legen die Ergebnisse der Tagung in einem Sammelband vor.

Aufbau und Inhalt

Im gesellschaftlichen Wissen(schaft)sdiskurs und in der -kritik werden Fragen thematisiert, wie: Wie kommt Wissen zustande? Wie verlässlich ist es? Wie gut kann es auf ein konkretes Bezugsproblem oder eine spezifisch zu treffende Entscheidung bezogen werden? Wie und in welcher Form erreicht es Handelnde bzw. Entscheidungsträger, und wird es von diesen verstanden und umgesetzt? Die Wissenschaftskommunikation, als ein Zweig der Sozialwissenschaften hat eine Reihe von Modellen und Konzepten entwickelt, wie es gelingen kann, den unverzichtbaren Zusammenhang von wissenschaftlichem und gesellschaftlichem Denken und Handeln herzustellen. Weil Wissen wie menschliches Dasein überhaupt von einem permanenten Wandel bestimmt ist, kommt es darauf an, auf die Veränderungsprozesse nicht nachhallend zu reagieren, sondern aktuell und zukunftsorientiert zu agieren. Dabei gilt es, zwei Blickrichtungen zu thematisieren: Zum einen, den Wandel der Wissenschaftskommunikation zu verdeutlichen, und zum anderen, die Phänomene und der einschlägigen kommunikationswissenschaftlichen Forschung aufzuzeigen. Neben der Einführung durch das Herausgeberteam wird der Tagungsband vier weitere Kapitel gegliedert: „Kommunikation in der Wissenschaft“ - „Kommunikation aus der Wissenschaft“ – „Kommunikation für Wissenschaft“ – „Rezeption und Effekte von Wissenschaftskommunikation“.

Die Mitbegründerin, Sprecherin der Ad-hoc-Gruppe und Rostocker Medienwissenschaftlerin Corinna Lüthje, setzt sich mit ihrem Beitrag „Medienwandel – soziokultureller Wandel – Wissenschaftswandel: Transformationsfaktoren der internen Wissenschaftskommunikation“ mit den Veränderungsprozessen insbesondere im Bereich der Neuen Medien auseinander. Sie zeigt die Nutzungs- und Relevanzaspekte in der Informationswissenschaft auf und diskutiert die zyklischen und für die Wissenschaftsdisziplinen relevanten Zugänge und Rollenverständnisse, wie sie sich bei der Medialisierung, Politisisierung und Ökonomisierung der Wissenschaft ergeben (vgl. dazu auch: Peter Weingart / Patricia Schulz, Hrsg., Wissen – Nachricht – Sensation. Zur Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16538.php).

Der Medienwissenschaftler von der Universität Trier, Hans-Jürgen Bucher und der wissenschaftliche Mitarbeiter beim Karlsruher Institut für Technologie, Philipp Niemann, nehmen mit ihrem Beitrag „Medialisierung der Wissenschaftskommunikation: Vom Vortrag zur multimodalen Präsentation“ die Entwicklung von computergestützten Präsentationen auf. Sie thematisieren die Mediennutzung vom (historischen) Dia-Vortrag, von Episkop- und Tageslichtprojektionen bis hin zu mediatisierten PowerPoint-Präsentationen und diskutieren anhand von Forschungsstudien das Für und Wider der multimodalen Vortragskommunikation. Sie zeigen auf, „dass die multimodale Logik wissenschaftlicher Vorträge nicht unmittelbar auf deren Qualität durchschlägt… (und) die modale Dichte wissenschaftlicher Vorträge ( ) keine unabhängige Variable zur Erklärung des Vermittlungserfolges wissenschaftlicher Vorträge (ist)“.

Adrian Rauchfleisch vom Zürcher Institut für Publizistikwissenschaft und Kommunikationsforschung (IPMZ) legt mit seinem Beitrag „Deutschsprachige Kommunikationswissenschaftler auf Twitter: Reputationsnetzwerke der Wissenschaftskommunikation“ eine Studie vor, wie sich das Kommunikationsverhalten von wissenschaftlichen Nutzern darstellt und welche Bedeutung, Nutzung und Wirkung die Social-Media-Plattform dabei einnimmt. Dabei ist bedeutsam, dass die Teilnahme von Wissenschaftlern bei sozialen Medien sich zum einen bei Konferenzvorbereitungen und -informationen zeigt, andererseits Twitter aber auch genutzt wird, um „persönliche Öffentlichkeit“ zu erreichen. Die Forschungsergebnisse zeigen einen gewissen Grad von „Vorsicht im Umgang mit Twitter-basierten Altmetrics“.

Mit dem Kapitel „Kommunikation aus der Wissenschaft“ werden Möglichkeiten, Zugänge und Praktiken der institutionalisierten Wissenschaftskommunikation thematisiert. Die Münsteraner Wissenschaftler, der Organisationssoziologe Andres Friedrichsmeier, die wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut für Kommunikationswissenschaft, Esther Laukötter und der Kommunikationswissenschaftler Frank Marcinkowski, präsentieren mit ihrem Beitrag „Hochschul-PR als Restgröße. Wie Hochschulen in die Medien kommen und was ihre Pressestellen dazu beitragen“ die Ergebnisse einer Vergleichsuntersuchung bei deutschen Hochschulen. Sie arbeiten verschiedene Zielsetzungen von „Corporate Reputation“ heraus und bringen ins Blickfeld, „dass öffentliche Wissenschaftskommunikation zu großen Teilen organisierte Kommunikation…(und) nicht deckungsgleich mit Reputation auf der Ebene von Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Disziplinen ist“.

Der Münsteraner Kommunikationswissenschaftler und Redakteur der Zeitschrift „Studies in Communication/Media“ (SCM), Andreas Scheu, reflektiert „Medialisierung von Forschungspolitik: Medialisierungstypen und Einflüsse auf die Medialisierung forschungspolitischer Akteure“. Er informiert über ein Forschungsprojekt, bei dem die subjektiven Wahrnehmungen und die Rolle von Journalismus in forschungspolitischen Entscheidungsprozessen und ihr Einfluss auf beteiligte Akteure ermittelt wurde. Er beantwortet dabei die Fragen: „Inwieweit unterscheidet sich die Medialisierung von Organisationen im Bereich Forschungspolitik aus der Sicht von Entscheidern?“ – „Was sind aus der Sicht von Entscheidern Motive für Medialisierung?“ – „Welche Eigenschaften aufseiten der Akteure befördern oder hemmen Medialisierung?“.

Die Zürcher Kommunikationsforscherin Senja Post ist bei einem international vergleichenden Forschungsprojekt über Klimapolitik beteiligt. Sie berichtet mit ihrem Beitrag „Der Umgang mit wissenschaftlicher Ungewissheit in der Öffentlichkeit aus Sicht der Klimaforscher“ und verdeutlicht dies anhand von allgemeinen Normvorstellungen und konkreten Forschungsbefunden. Sie ermittelt dabei eine Reihe von Unsicherheiten und Imponderabilien, die Klimaforscher zögerlich über (unbestimmte) Entwicklungen informieren lassen, bis hin zu der bemerkenswerten Feststellung, „dass die deutschen Klimaforscher… Ergebnisse nach ihrer Tauglichkeit für die Öffentlichkeit gewichten“.

Das Kapitel „Kommunikation über Wissenschaft“ leiten die Jenenser Sozial- und Kommunikationswissenschaftler Lars Guenther, Claudia Bader, Sabrina Heike Kessler und Georg Ruhrmann mit ihrem Beitrag „Journalistische Wahrnehmung und Darstellung von (Un-)Sicherheiten, Risiken und Chancen von Zukunftstechnologien“ ein. Sie fragen nach der wissenschaftlichen Evidenz. Sie nehmen Befragungen von deutschen Wissenschaftsjournalisten zum Anlass, um die verschiedenen Typen der Motivationen und Motive bei der journalistischen Berichterstattung zu ermitteln und nach den Gründen der unterschiedlichen, status-, generationen- und erfahrungsbedingten Berichterstattungsthemen zu fragen. „Laien erfahren dann aus den Medien, dass Unsicherheit oft mit Risiko zusammenhängt, aber sie erfahren zum Teil nicht, dass Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung stets vorläufig, widersprüchlich bzw. unsicher sein können“.

Die Münsteraner Sozialwissenschaftlerinnen Anna-Maria Volpers und Annika Summ suchen in ihrem Beitrag „Der Wandel des einst verspäteten Ressorts“ nach Konstanten und Veränderungen in der Wissenschaftsberichterstattung in deutschen Printmedien. Sie legen eine Bestandsaufnahme zum Forschungsstand zur Wissenschaftsberichterstattung vor. Dabei differenzieren sie die Thematik in zwei unterschiedliche Bereiche: Zum einen zur Berichterstattung über (aktuelle) Forschungsergebnisse oder -projekte; und zum anderen über gesellschaftlich relevante Themen mit Bezug zu wissenschaftlicher Forschung oder zu wissenschaftlichen Experten.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Hamburger DFG-Forschungsprojekt „Klimawandel aus Sicht der Medienrezipienten“, Ines Lörcher und die Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin von der Universität Braunschweig, Monika Taddicken, beziehen mit ihrer Frage „Let´s talk about… CO2-Fußabdruck oder Klimawissenschaft?“ Position zu den Themen- und Bewertungskriterien in der Online-Kommunikation in verschiedenen Öffentlichkeitsarenen. Sie greifen damit die zunehmende Bedeutung der Online-Kommunikation am Beispiel des lokalen und globalen Klimadiskurses auf und präsentieren eine Reihe von Forschungsergebnissen zu Fragen des Klimawandels, von Ursachen und Folgen, bis hin zu Klimaskeptizismen. Sie ermitteln eine Reihe von neuen Erkenntnissen, wie etwa, „dass zwischen verschiedenen Online-Öffentlichkeiten differenziert werden muss“, wie auch, dass „die Diskussionsarena nicht als eine integrierte und verbundene Arena betrachtet werden (kann)“.

Das letzte Kapitel „Rezeption und Effekte von Wissenschaftskommunikation“ beginnen der Medienwissenschaftler Jens Wolling von der TU Ilmenau und die am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität in Bern tätige Dorothee Arlt thematisieren mit ihrem Beitrag „Informieren und Framen“ den „Einfluss der Medienberichterstattung auf Vorstellungen und Einstellungen zur Energiewende in Deutschland“. Es geht um die hochaktuellen Fragen, wie die differenzierten, vielschichtigen und kontroversen Herausforderungen, die durch die offiziellen Beschlüsse und Perspektiven zur (deutschen) Energiewende vorgegeben wurden, im öffentlichen Diskurs und zu einer zivilgesellschaftlichen Akzeptanz gebracht werden können, auf ihre Medienwirkungen hin untersucht werden können; etwa mit der Frage, „ob es sich dabei um Effekte einer neutralen Informationsvermittlung oder um Frame-Setting-Effekte handelt“.

Die Zürcher Medienwissenschaftlerin Julia Metag unternimmt mit ihrem Beitrag „Interpersonale Kommunikation in der Wissenschaftskommunikation“ eine Bestandsaufnahme und Analyse am Beispiel von energiepolitischen Maßnahmen. Die in der Nutzerforschung relevanten Aspekte zu personaler und interpersonaler Kommunikation variieren zwischen Repräsentations-, Kompetenz- und Akzeptanzbedingungen, insbesondere im Bereich der Vielschichtigkeiten beim Atomausstieg. Es kommt also darauf an, nicht nur die Häufigkeit und Intensität von persönlichen Kommunikationsanlässen zu betrachten, sondern „weitere Gesprächsmerkmale wie die Meinungsverteilung oder die Größe der Gesprächsnetzwerke einzubeziehen“.

Sarah Westphal, Friederike Hendriks und Maja Malik beschließen den Sammelband mit der Frage: „Vertrauenswürdigkeit ohne Vertrauen?“, indem sie danach Ausschau halten, wie die Kommunikation wissenschaftlicher Unsicherheiten die Bewertungen und Entscheidungen von Rezipienten beeinflusst. In einem Online-Experiment am Beispiel des Themas „HPV-Impfung“ zeigen sie auf, wie Informationen, in denen wissenschaftliche Unsicherheiten dargestellt werden, bewertet werden, und wie und warum die Beteiligten bereit sind, sich für oder gegen eine Empfehlung zur Impfung zu entscheiden. Die Ergebnisse weisen aus, dass „Rezipienten ( ) dargestellte Unsicherheiten durch fehlende Evidenz über die Wirksamkeit in wissenschaftlichen Informationen (erkennen) und ( ) die Darstellung von Unsicherheiten als Indikator für die Vertrauenswürdigkeit von Informationen (nutzen)“.

Fazit

Die weit ausgreifenden Diskurse und die dargestellten Forschungsergebnisse zur Wissenschaftskommunikation in Theorie und Praxis beleuchten „eine Vielzahl relevanter Facetten und aktueller Wandlungsprozesse der Wissenschaftskommunikation: von den Veränderungen innerwissenschaftlicher Präsentationen und Social-Media-Kommunikation über die strategische Außenkommunikation wissenschaftlicher Institutionen und einzelner Wissenschaftler bis hin zu den Arbeitsweisen von Journalisten, den daraus resultierenden Mediendarstellungen unterschiedlicher Themen und den entsprechenden Wirkungen“.

Die fachbezogenen und interdisziplinären Darstellungen von Forschungsansätzen und -ergebnissen verdeutlichen unmissverständlich, dass sich das Feld der „Wissenschaftskommunikation im Wandel“ befindet, sich mit zahlreichen Aspekten gewissermaßen „im Fluss“ befindet, und vorliegende Forschungsergebnisse vorläufig eingeschätzt werden müssen. Somit dürfte der Tagungs- und Sammelband für die universitäre Lehr- und Forschungsarbeit ein Baustein und Handapparat sein, den es zu nutzen gilt!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.08.2015 zu: Mike S. Schäfer, Silje Kristiansen, Heinz Bonfadelli (Hrsg.): Wissenschaftskommunikation im Wandel. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2015. ISBN 978-3-86962-108-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19263.php, Datum des Zugriffs 22.10.2017.


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