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Roland Stein, Thomas Müller: Wissenschafts­theorie für Sonderpädagogen

Cover Roland Stein, Thomas Müller: Wissenschaftstheorie für Sonderpädagogen. Ein Arbeitsbuch zu Theorien und Methoden. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. 170 Seiten. ISBN 978-3-8252-4441-5. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,40 sFr.
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Thema

Die Publikation ist eine Grundlage zu Wissenschaftstheorie und der wissenschaftlichen Arbeitsweise für Sonderpädagogen.

Autoren

Roland Stein ist Professor für die Pädagogik bei Verhaltensstörungen am Lehrstuhl für Sonderpädagogik der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Arbeit und Beruf, Beratung und Unterricht

Thomas Müller arbeitet im Fachbereich des Erstautors. Seine Forschungsschwerpunkte sind Vertrauen und soziale Benachteiligung, Erziehung und Unterricht.

Entstehungshintergrund

Die Publikation „ist aus einer Vorlesungsreihe heraus entstanden, die seit dem Jahr 2011 jährlich am Institut für Sonderpädagogik der Universität Würzburg für alle Studiengänge angeboten wird“ (S. 9).

Aufbau

  1. Einführung in wissenschaftstheoretische Grundprobleme
  2. Was sind Wissenschaft und Wissenschaftstheorie
  3. Pädagogik und Sonderpädagogik als Wissenschaft
  4. Wissenschaftstheoretische Grundbegriffe
  5. Geisteswissenschaftliche Pädagogik
  6. Empirische Erziehungswissenschaft
  7. Kritische Theorie und Kritische Erziehungswissenschaft
  8. Systemische Erziehungswissenschaft
  9. Konstruktivistische Pädagogik
  10. Empirische Forschungsmethoden
  11. Wissenschaftsethik
  12. Fazit

Inhalte

Bei der Frage zu Wissenschaft und Wissenschaftstheorie befassen sich die Autoren zunächst mit dem, was Wissenschaft ist und beziehen hier z. B.die zentralen Grundfragen von Immanuel Kant ein:

  • „Was kann ich wissen? […]
  • Was soll ich tun? […]
  • Was darf ich hoffen? […]
  • Was ist der Mensch?“ (S. 17)

Die begriffliche Klärung erfolgt dann weiter mit der Betrachtung des Terminus Theorie, wonach der Wissenschaftstheorie ein übergeordneter Charakter zukommt. Die Wissenschaftstheorie befasst sich mit Voraussetzungen und Erkenntnisgrundlagen in den Einzelwissenschaften. Geklärt und einer kritischen Prüfung unterzogen werden deren Methoden, Grundsätze, Begriffe und Ziele.

Bei der Darstellung der Systematik der Wissenschaften werden drei Strömungen des 20. Jahrhunderts betrachtet:

  • die Kritische Theorie mit Bezug auf Karl Marx und die so genannte Frankfurter Schule;
  • die Systemtheorie, wie beispielsweise die familiensystemischen Therapieansätze;
  • den Konstruktivismus, der aus der Philosophie der Mathematik generiert wurde.

Wie Wissenschaftserkenntnis wird, fußt auf fünf Grundkategorien:

  1. Qualität;
  2. Quantität;
  3. Relation;
  4. Raum;
  5. Zeit.

Die Prinzipien, welche bei der wissenschaftlichen Arbeit zu Erkenntnis führen, sind:

  • der Satz vom Widerspruch: „Eine Aussage kann nicht zugleich und in gleicher Hinsicht wahr und falsch sein“ (S. 30);
  • der Satz von der Identität – und das ist die Bezeichnung für logische Wahrheiten;
  • der Satz vom ausgeschlossenen Dritten: Eine Aussage kann nur wahr oder falsch sein!
  • Der Satz vom Kausalitätsprinzip: Alles, was ist, hat seinen Grund.

Als Forschungstraditionen und Disziplinen werden die Logik, eine philosophische und mathematische Teildisziplin, sowie die Psychologie, die sich mit der Entwicklung des Denkens und der Kognition befasst, genannt.

Wissenschaft muss wahr sein. Die Autoren stellen fünf Theorien der Wahrheit vor:

  • die auf Aristoteles gründende Korrespondenztheorie;
  • die auf Leibniz basierende Kohärenztheorie;
  • die bei Brentano und Husserl im Vordergrund stehende Evidenztheorie der Wahrheit;
  • die Wahrheitstheorie des Pragmatismus, die etwas als wahr betrachtet, wenn es sich in der Praxis bewährt;
  • die Redundanztheorie, die die Begriffe wahr und falsch ausklammert.

Ob es sich nun bei der Sonderpädagogik um eine Wissenschaft handelt wird mit sechs Unsicherheiten geklärt:

  1. unsicher ist die Bezeichnung des Berufsfeldes und der wissenschaftlichen Disziplinen;
  2. unsicher ist die Abgrenzung des Personenkreises;
  3. unsicher sind die Ziele der Heil- und Sonderpädagogik;
  4. unsicher sind die heilpädagogischen Methoden;
  5. unsicher ist die Entwicklung der Institutionen;
  6. unsicher ist die Sprache.

Zu den Unsicherheiten gesellen sich Krisen in der Sonderpädagogik und das sind:

  • die Integrationsbewegung;
  • die Aufspaltung in getrennte Sonderpädagogiken, in Teildisziplinen;
  • das wissenschaftstheoretische Dilemma;
  • die Krise des Theorie-Praxis-Bezugs;
  • die Loslösung vom Medizinisierungsansatz;
  • die Verselbständigung als Sonderschulpädagogik;
  • die unklare fachliche Effektivität;
  • der Wandel des Eltern-Experten-Verhältnisses;
  • die Polarisierung zwischen Fachleuten und Klienten;
  • die gefährdete Qualität.

Als wissenschaftstheoretische Grundbegriffe führen Stein/Müller an:

  • Paradigma, das Vorbild, Muster, mustergültiges Beispiel bedeutet;
  • Theorien, Modelle und Konzepte;
  • Theorien, Praxis und Poiesis.

Bis hierhin ein kurzer Einblick in eine Veröffentlichung, die ihresgleichen m. E. sucht und eine sehr wertvolle Grundlage für die wissenschaftliche Sonderpädagogik darstellt.

In ihrem Fazit stellen die Autoren fest das die Sonderpädagogik eine Wissenschaft ist. Sie lässt sich aber nicht ohne weiteres auf eine wissenschaftstheoretische Strömung festlegen.

Fazit

Zielgruppe der besprochenen Publikation sind v. a. Studierende der Sonderpädagogik, Integrationspädagogik, Inklusionspädagogik, Heilpädagogik oder wie auch immer sich das Fach an den unterschiedlichen Ausbildungsstätten nennt.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 15.03.2016 zu: Roland Stein, Thomas Müller: Wissenschaftstheorie für Sonderpädagogen. Ein Arbeitsbuch zu Theorien und Methoden. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. ISBN 978-3-8252-4441-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19264.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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