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Simone Danz: Vollständigkeit und Mangel

Cover Simone Danz: Vollständigkeit und Mangel. Das Subjekt in der Sonderpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. 216 Seiten. ISBN 978-3-7815-2043-1. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.

Perspektiven sonderpädagogischer Forschung.
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Thema

Simone Danz hat mit ihrer von Vera Moser betreuten Dissertation aus dem Jahr 2014 eine spannende und umfassende Arbeit zu den Ursachen gesellschaftlicher Ausgrenzung und zur Einstellung der Beschäftigten in der Eingliederungshilfe vorgelegt.

Autorin

Die Autorin ist in der Studiengangsentwicklung an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden tätig und hat das Werk als berufsbegleitende Dissertation erstellt. Die Arbeit wurde von der Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin als Dissertation angenommen.

Aufbau

Das Werk gliedert sich in acht Abschnitte, diesen folgt der erforderliche wissenschaftliche Apparat und Fragebögen sowie deren statistische Auswertung.

In dem ersten Abschnitt werden das Thema der Arbeit und der Stand der Forschung dargestellt, dann folgt ein Abschnitt zum Begriff des Individuums. Der dritte Abschnitt widmet sich der Subjektkonstitution im Spannungsfeld vom Autonomie und Abhängigkeit.

Es folgen Abschnitte zum „Gesellschaftsgefüge“ und zum Themenbereich der Anerkennung. Mit einem zusammenfassenden sechsten Kapitel endet der theoretische Teil des Buches. In dem siebten Abschnitt wird ein empirischer Zugang zu dem Thema dargestellt. Der achte Abschnitt zieht ein Fazit.

Inhalt

„Es ist normal, verschieden zu sein“, mit diesem Worten Richard von Weizsäckers beginnt der Text des ersten Kapitels. Die Autorin nimmt diesen Ausspruch als Überschrift ihres ersten Kapitels, versieht ihn zunächst mit einem Fragezeichen und präsentiert ihn dann als Zitat. Im Folgenden stellt sie das Thema ihrer Arbeit dar, referiert den Forschungsstand und schildert die Art ihrer Untersuchung. Sie benutzt für das Projekt der gesellschaftlichen Gleichstellung das oft als veraltet betrachtete Wort „Integration“ und vermeidet den politisch aufgeladenen Begriff der „Inklusion“. Der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen entnimmt sie den allgemeinen Appell, bewusstseinsbildende Maßnahmen zu ergreifen.

Der zweite Abschnitt setzt sich unter der Überschrift „Bezugsrahmen Individuum: Subjektkonstitution als Verkennung von Abhängigkeit“ zunächst theoretisch mit dem Begriff der „Identität“ auseinander. Es folgen Darstellungen zu den Begriffen „Subjekt“, „Person“, „Autonomie“ und „Verletzlichkeit“. Als ihr Zwischenfazit stellt die Autorin fest: „Im Wechselspiel von Abhängigkeit und Autonomie entstehen Unabhängigkeit, Handlungsfähigkeit und Stärke.“

Das dritte Kapitel steht unter der Überschrift: „Subjektkonstituierung im Spannungsfeld von Autonomie und Abhängigkeit“. Die Autorin stellt philosophische und psychologische Konzepte zu dem Begriff knapp auf sechs bzw. elf Seiten zusammen. Als Problem beschreibt sie eine Überbetonung des Aspektes der Autonomie verbunden mit einem zu schwachen Bewusstsein für die Abhängigkeit der Individuen. In derselben kritischen Perspektive stellt sie sodann Subjektkonstitution und Selbstbestimmung als herrschende pädagogische Leitidee vor.

Es folgt ein Kapitel (4.) zu den gesellschaftlichen Leitvorstellungen. Zunächst setzt sich die Autorin mit den Begriffen Ethik, Moral, Sittlichkeit und sodann mit den Begriffen Werte und Normen auseinander. Seinen Fokus hat das Kapitel jedoch mit Darstellungen zu dem Begriff der Normalität und verwandten Begriffen. Die Autorin stellt abschließend dar, dass Abhängigkeit, Verletzlichkeit und Unvollständigkeit zwar tatsächlich in jedem Leben vorkommen, aber Normalitätsvorstellungen Autonomieverlust nicht zulassen.

Folgerichtig widmet sich der folgende fünfte Abschnitt der Anerkennung und stellt den Begriff und seine Ausfaltungen unter philosophischen, soziologischen und ethischen Rücksichten vor. Dem Thema der Arbeit entsprechend widmet er sich besonders der Frage, wie sich Anerkennung bezogen auf Menschen mit Behinderungen ereignen kann. Dabei macht die Autorin deutlich, dass Maßstab für sie immer auch die Verbesserung der sozialen Situation der Menschen mit Behinderungen ist.

In dem sechsten Kapitel stellt die Autorin ihr Zwischenfazit vor. Ausgehend von einem ungewöhnlichen Normalitätsverständnis formuliert sie: „Reziprozität würde bedeuten, dass die Sorge für die oder den anderen gleichzeitig als potentielle oder künftig benötigte Selbstsorge zu betrachten ist. Das ist ein Aspekt, der bislang noch nicht ausreichend im Rahmen der sonderpädagogischen Theorie und Praxis beachtet wurde. Behinderung wird im Bereich der professionellen Arbeit mit behinderten Menschen eher als das Andere gesehen, das mit dem eigenen selbst wenig zu tun hat.“ (S. 126)

Das siebte Kapitel stellt – nach Ausführungen zu empirischen Befunden an anderen Orten – eine empirische Studie der Autorin vor, die Rahmen eines Bachelorstudienganges der Sozialen Arbeit durchgeführt wurde. Der eingesetzte Fragebogen und die Auswertung sind dem Buch als Anhang beigefügt. Mit den empirischen Ergebnissen kann die Autorin ihre These der Distanzierung der (zukünftigen) Fachkräfte von eigener Verletzlichkeit und Schwäche deutlich belegen.

Das Fazit präsentiert das achte Kapitel. Die Autorin fordert (bereits in der Überschrift), nicht Betroffene zu Beteiligten zu machen, sondern Beteiligte zu (potentiell) Betroffenen. Sie stützt diese Forderung auf die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen und erklärt: (Erst) „wenn es gelingt, das Phänomen der Behinderung mehr und mehr als Hinweis auf die Endlichkeit von Selbstständigkeit und Leistungsfähigkeit zu verstehen, kann ein Bewusstseinswandel in Bezug auf die Achtung der Rechte und der Würde behinderter Menschen stattfinden.“ (S. 180)

Diskussion

Die Autorin hat eine klare Idee und stellt diese konsequent gegliedert vor. Das überzeugt und macht deutlich, dass diese Idee Raum in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung und auch und vor allem in der Ausbildung von Fachkräften verdient. In ihrer Präsentation greift die Autorin souverän auf verschiedene wissenschaftliche Zugänge zu ihrem Thema zurück. Sofern juristische Fragen angesprochen werden oder die Rolle des Rechts reflektiert wird, erstaunt mich die Eindeutigkeit der Feststellungen. Zu einigen von ihr genannten Aspekten gibt es in der juristischen Diskussion durchaus abweichende Positionen. Irritierend für mich ist (nicht nur an dieser Arbeit) die Weise, wie die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen als den Rang eines völkerrechtlichen Vertrages weit überschreitendes Werk gelesen wird. Die Forderung der Autorin würde unter einem schwächeren Bezug auf das Völkerrecht nicht leiden.

Fazit

Die Arbeit von Simone Danz sollten vor allem in der Ausbildung von Fachkräften in der Sozialen Arbeit und Heilpädagogik Tätige lesen. Sie stellt neue Fragen und regt auch zu Reflexionen des eigenen Handels an.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Christian Bernzen
Partner bei BERNZEN SONNTAG Rechtsanwälte und Hochschullehrer an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin
Homepage www.msbh.de
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Zitiervorschlag
Christian Bernzen. Rezension vom 10.08.2015 zu: Simone Danz: Vollständigkeit und Mangel. Das Subjekt in der Sonderpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. ISBN 978-3-7815-2043-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19271.php, Datum des Zugriffs 13.11.2019.


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