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Ingo Holaschke: 30 Jahre danach - Biographien ehemaliger Schülerinnen und Schüler der "Lern­behindertenschule"

Cover Ingo Holaschke: 30 Jahre danach - Biographien ehemaliger Schülerinnen und Schüler der "Lernbehindertenschule". Lebenszufriedenheit und beruflicher Werdegang. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. 324 Seiten. ISBN 978-3-8309-3197-3. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 46,90 sFr.
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Thema

In der Längsschnittstudie wird der Verlauf von Biographen ehemaliger SonderschülerInnen von der Kindheit bis ins mittlere Erwachsenenalter untersucht. Im Mittelpunkt steht dabei die Fragestellung, welchen Einfluss der Sonderschulbesuch auf ihr Leben genommen hat. Theoretische Bezugspunkte der Studie sind das Konzept des „Subjektiven Wohlbefindens“ und die Theorie „Kritischer Lebensereignisse“.

Autor

Dr. Ingo Holaschke ist Sonderschulpädagoge und arbeitet seit 2006 als Förderschullehrer an mehreren Schulen im Landkreis Marburg-Biedenkopf.

Entstehungshintergrund

Bei dem Buch handelt es sich um die Dissertationsschrift des Autors, die 2013 unter dem Titel „Jetzt bist du blöd, jetzt bist du dumm… – Das Ende von Behinderung? – Biographien ehemaliger Schülerinnen und Schüler der Lernbehindertenschule“ am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Justus-Liebig Universität Gießen angenommen wurde.

Aufbau

Das Buch ist in die folgenden acht Kapitel gegliedert:

  1. Einleitung und Fragestellung
  2. Überblick über den Forschungsstand zu Biographien ehemaliger Sonderschüler
  3. Das Konzept des Subjektiven Wohlbefindens
  4. Die Theorie kritischer Lebensereignisse
  5. Methodisches Vorgehen der Untersuchung
  6. Ergebnisse der Untersuchung
  7. Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse
  8. Literaturverzeichnis

Zu Kapitel 1

Seit mehr als 40 Jahren ist man sich in der Heil- und Sonderpädagogik darüber bewusst, dass Lernbehinderungen keineswegs einseitig als ein isoliertes Intelligenzdefizit zu verstehen sind, sondern in engem Zusammenhang mit der sozioökonomischen und soziokulturellen Situation der Herkunftsfamilie stehen. Obwohl diese Erkenntnis durch eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien seitdem immer wieder reproduziert werden konnte und sich bis in die heutige Zeit keinerlei nennenswerte Veränderungen im Hinblick auf die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft der Sonderschule für Lernbehinderte ergeben haben, hat sich auf der anderen Seite das Schulsystem in den letzten Jahrzehnten kaum verändert, um den spezifischen Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen, bei denen häufig von einer erschwerten Lebenssituation ausgegangen werden kann, besser gerecht zu werden. Die Integration von Schülern mit Lernbehinderungen in die Regelschule stellt noch immer die Ausnahme dar und erst in den letzten Jahren ist mit der Diskussion um die Inklusion die Problem wieder verstärkt in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt.

Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die folgenden fünf zentralen Fragestellungen:

  1. Wie verlaufen die Biographien ehemaliger Sonderschüler in unterschiedlichen Lebensphasen und Lebensbereichen von der Kindheit bis zum mittleren Erwachsenenalter?
  2. Lässt sich eine nachschulische Aufhebung der während Schulzeit der ehemaligen Sonderschüler konstatierten „Behinderung“ feststellen?
  3. Wie entwickelt und verändert sich das Selbstbild der ehemaligen Sonderschüler im Lauf ihres Lebens?
  4. Welche Faktoren lassen sich im Umgang mit dem kritischen Lebensereignis „Sonderschulbesuch“ identifizieren, die mit einem besseren Selbstbild, einer positiven Bewertung der eigenen Biographie und einem privat und/oder beruflich erfolgreichen Leben verbunden sind?
  5. Wie bewerten die ehemaligen Sonderschüler im Vergleich mit vergleichbaren schulleistungsschwachen Regelschülern 30 Jahre nach dem Sonderschulbesuch ihre aktuelle Lebenssituation und die zufrieden sind sie mit dieser?

Zu Kapitel 2

In diesem Kapitel wird ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu der Thematik gegeben und es werden die wichtigsten Ergebnisse der vorliegenden Studien vorgestellt. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei stets auf Unterschieden zwischen Schülern mit Lehrbehinderungen, die separiert in einer Sonderschule unterrichtet wurden, und solchen, die integriert beschult worden. In diesem Kontext befasst sich der Autor mit dem in sonderpädagogischen Fachkreisen populäre gewordenen Buch „Ausbruch aus dem Bildungskeller“ (1989) von Hillers, in dem bewusst provokante pädagogische Thesen und Veränderungsvorschläge formuliert werden, die bis heute äußerst umstritten sind in heftig diskutiert werden. Die fünf Thesen von Hiller lauten:

  1. Schüler der Schule für Lernbehinderte sind Menschen, die in der Regel ihr künftiges Leben auf einer wirtschaftlich schmalen, oft ungesicherten Basis führen müssen
  2. Schüler der Schule für Lernbehinderte sind Menschen, die in der Regel aufgrund ihrer geringen sozialen Attraktivität auch auf dem Markt der privaten Beziehungen nur sehr eingeschränkte Chancen haben
  3. Schüler der Schule für Lernbehinderte verfügen verfügen mehrheitlich über Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen, die nur bedingt dazu in der Lage sind, sie an bürgerliche Grundformen einer praktische erfolgreichen Lebensbewältigung heranzuführen und sie darin hinreichend zu stabilisieren
  4. Schüler der Schule für Lernbehinderte sind Menschen, die in der Regel häufiger mit Institutionen öffentlicher Kontrolle, Beratung, Hilfe und sozialer Fürsorge in Zwangskontakt kommen
  5. Schüler der Schule für Lernbehinderte sind Menschen, die mit auf Dauer gestellten Vorwurf leben müssen, selbst an ihrer Lage schuld zu sein

Am Schluss dieses Kapitels greift der Autor diese Thesen wieder auf und bewertet sie auf Basis der vorab von ihm referierten Studien zur nachschulischen Lebenswirklichkeit ehemaliger Sonderschüler. Er gelangt dabei zu der Einschätzung,dass die Thesen 1 bis 4 überwiegend bestätigt werden. Im Hinblick auf These 5, die besagt, dass ehemalige Sonderschüler auf Dauer mit dem Vorwurf leben müssen, an ihrer Situation selbst schuld zu sein, lässt sich auf Basis der vorliegenden Untersuchungen keine eindeutige Bewertung erzielen.

Zu Kapitel 3

Es wird das Konzept des Subjektiven Wohlbefindens vorgestellt. Zunächst befasst sich der Autor mit den unterschiedlichen Möglichkeiten der Messung des Subjektiven Wohlbefindens bevor im zentralen Abschnitt des Kapitels auf Forschungsbefunde zu Korrelaten des Subjektiven Wohlbefindens verwiesen wird. Dabei werden der Einfluss sowie die Auswirkungen von Alter, Geschlecht, Bildung und Intelligenz, Finanzen, Arbeit und Arbeitslosigkeit, Persönlichkeitsmerkmalen, Religion sowie Gesundheit und Behinderung diskutiert. Abschließend wird erläutert, was unter dem sogenannten Wohlbefindensparadox zu verstehen ist.

Zu Kapitel 4

Dieses Kapitel befasst sich mit der Theorie kritischer Lebensereignisse, die das theoretische Fundament für die späteren empirischen Analysen der Biographien ehemaliger Sonderschüler darstellt. Danach gibt der Autor einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand hinsichtlich der vielfältigen möglichen Bewältigungsstrategien im Umgang mit kritischen Lebensereignissen.

Zu Kapitel 5

Es wird das methodische Vorgehen der im Rahmen der Arbeit durchgeführten empirischen Untersuchung genauer vorgestellt. Zu Beginn steht die Frage nach der Lebenszufriedenheit ehemaliger Schüler der Sonderschule für Lernbehinderte (n=22) im Mittelpunkt, die mit der Lebenszufriedenheit ehemaliger Realschüler (n=16) verglichen wird. Nach einer Beschreibung der Stichprobe wird zunächst das Untersuchungsinstrument, der „Fragebogen zu Lebenszielen und zur Lebenszufriedenheit“ vorgestellt. Im nächsten Schritt wird ebenfalls zunächst die Stichprobe näher beschrieben, danach wird auf die Art der Datenerhebung mittels der narrativen Interviews nach Schütz (1983) eingegangen, bevor die Auswertungsmethode der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2010) dargestellt wird.

Zu Kapitel 6

In diesem sehr umfangreichen Kapitel werden die Ergebnisse der Untersuchung im Hinblick auf folgende Aspekte dargestellt:

  1. Lebenszufriedenheit
  2. Biografien ehemaliger Sonderschüler
  3. Herkunftsfamilie
  4. Bildung und Ausbildung
  5. Arbeitsleben
  6. Eigene Familie
  7. Weitere, lebensphasenübergreifende Themen
  8. Bewältigung des Sonderschulbesuchs als kritisches Lebensereignis

Zu Kapitel 7

Im letzten Kapitel erfolgt die Zusammenfassung und Interpretation der wichtigsten Untersuchungsergebnisse, wobei die Ergebnisse der drei Untersuchungsschritte miteinander verknüpft und so die Fragen der Gesamtuntersuchung beantwortet werden. In der Sonderschule berichten die ehemaligen Schüler über ein hohes subjektives Wohlbefinden, zu dem die folgenden drei Komponenten beitragen:

  1. Die Lehrer sind sympathisch und verständnisvoll und nehmen sich Zeit für die einzelnen Schüler. Sie bieten individuelle Förderung an,sind Ansprechpartner auch für außerschulische Probleme und zeigen mehrheitlich ein großes persönliches Engagement in ihrem Beruf.
  2. Der Kontakt zu den Mitschülern wird im Gegensatz zur Grundschulklasse überwiegend als sehr positiv erlebt. Er zeichnet sich aus durch gegenseitige Akzeptanz der individuellen Schwächen und den guten Zusammenhalt in der Klasse. Nach den negativen Erfahrungen der Grundschulzeit gelingt es den Befragten (häufig erstmals) feste Freundschaften zu schließen.
  3. Der Unterricht ist praxis- und lebensorientiert und berücksichtigt die unterschiedlichen Kompetenzen der Schüler.

Im Gegensatz zu diesen positiven Erfahrungen in der Sonderschule verstärkt sich jedoch mit wenigen Ausnahmen in den Jahren des Sonderschulbesuchs die soziale Isolation im Heimatort, und die Befragten berichten von häufigen Hänseleien und Diskriminierungserfahrungen. Zwei Drittel der Befragten holen meist direkt im Anschluss an den Sonderschulbesuch den Hauptschulabschluss nach. Der Hälfte der Befragten gelingt auch der Abschluss einer Berufsausbildung. Im Hinblick auf das Arbeitsleben wird eine „Patchwork-Biografie“ erkennbar und die Dauer der Beschäftigungsverhältnisse beträgt mit wenigen Ausnahmen nur wenige Jahre. Die Gründung einer eigenen Familie erfolgt meist in den ersten fünf Jahren nach dem Schulabschluss. Dabei fällt auf, dass immer eine bürgerlich-traditionelle Form der Familie angestrebt wird. Krankheiten werden in vielen Biografien zu einem zentralen Lebensthema, Als Ursachen für das Entstehen von Krankheiten wird häufig die schwere körperliche Arbeit oder die psychische Belastung am Arbeitsplatz angegeben. In Bezug auf die Wohnsituation fällt auf, dass die ehemaligen Sonderschüler mit weing Ausnahmen auch dreißig Jahre nach ihrem Sonderschulabschluss noch immer in ihrer Heimatregion, oftmals sogar noch in dem Ort, in den sie ihre Kindheit verbracht haben, leben. Sowohl Kriminalität als auch religiöse Fragen spielen insgesamt eine sehr untergeordnete Rolle. Die bereits in der Kindheit und Jugend erlebte Exklusion im Heimatort besteht meistens auch weiterhin im Erwachsenenalter. Bei der Freizeitgestaltung stehen die Unternehmungen mit der Familie an erster Stelle. Eine Mitgliedschaft in Vereinen besteht nur in Ausnahmefällen und die wenigen Hobbys, die die ehemaligen Sonderschüler haben, werden meist alleine ausgeübt, wobei das Fernsehen eine dominante Rolle spielt.

Abschließend gelangt der Autor zu folgendem Resümee: „Ein großer Teil der persönlichen Entwicklung und das Erreichen von Zielen im Leben hängt von der eigenen Handlungskompetenz und den persönlichen Entscheidungen der Handlungsakteure selbst ab, und wenngleich der Besuch der Sonderschule für Lernbehinderte zweifellos insgesamt als ein behinderndes bzw. diskriminierendes Element innerhalb der Biografie beschrieben werden kann, so hängt es doch letztlich immer auch von jedem Einzelnen ab, wie er mit diesen erschwerten Ausgangspositionen im Leben umgeht und wie er seine vorhandenen Lebenschancen und -möglichkeiten nutzt.“

Diskussion

Die geringe Fallzahl der insgesamt nur 22 befragten ehemaligen Sonderschüler erlaubt natürlich keine Verallgemeinerung der Ergebnisse.

Außerdem wird vermisst, dass der Autor nicht diskutiert, welche Schlussfolgerungen sich aus seiner Studie im Hinblick auf die aktuelle Debatte zur Umsetzung inklusiver Settings für den Bildungsbereich unserer Gesellschaft ziehen lassen.

Zielgruppen

Die Hauptzielgruppen für das Buch sind SonderschulpädagogInnen und ErziehungswissenschaftlerInnen.

Fazit

In der Längsschnittstudie wird der Verlauf von Biographien 22 ehemaliger SonderschülerInnen von der Kindheit bis ins mittlere Erwachsenenalter untersucht. Im Mittelpunkt steht dabei die Fragestellung, welchen Einfluss der Sonderschulbesuch auf ihr weiteres Leben genommen hat. Präsentiert werden viele interessante Ergebnisse, die aber aufgrund der kleinen Untersuchungsgruppe nicht verallgemeinerungsfähig sind.


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe


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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 24.09.2015 zu: Ingo Holaschke: 30 Jahre danach - Biographien ehemaliger Schülerinnen und Schüler der "Lernbehindertenschule". Lebenszufriedenheit und beruflicher Werdegang. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. ISBN 978-3-8309-3197-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19273.php, Datum des Zugriffs 22.04.2019.


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ISSN 2190-9245

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