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Raj Kollmorgen, Wolfgang Merkel u.a. (Hrsg.): Handbuch Transformations­forschung

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Helmert, 02.10.2015

Cover Raj Kollmorgen, Wolfgang Merkel u.a. (Hrsg.): Handbuch Transformations­forschung ISBN 978-3-658-05347-5

Raj Kollmorgen, Wolfgang Merkel, Hans-Jürgen Wagener (Hrsg.): Handbuch Transformationsforschung. Springer VS (Wiesbaden) 2015. 797 Seiten. ISBN 978-3-658-05347-5. D: 59,99 EUR, A: 61,67 EUR, CH: 75,00 sFr.
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Thema

Transformation als nicht-evolutorischer gesellschaftlicher Wandel ist ein historisches Phänomen der Moderne. Gegenstand des Handbuchs sind Felder, Theorien und Methoden der sozialwissenschaftlichen Transformationsforschung. Am Anfang stehen die drei großen Paradigmen der Transformationsforschung: System, Institution und Akteure. Es folgen prominente Forschungsansätze unter anderem aus der Modernisierungstheorie, dem Strukturalismus, dem Historischen Institutionalismus, der Entwicklungsökonomik und der Politischen Ökonomie. Ein weiterer Teil ist den Methoden gewidmet. Quantitativ-statistische Verfahren werden hier ebenso vorgestellt wie makro-qualitative Methoden, Methoden aus der Ethnografie, den Wirtschaftswissenschaften und der Diskursanalyse. Nach einem Überblick über die wichtigsten historischen Wellen gesellschaftlicher Transformationen folgt ein Blick auf Sphären der Transformation wie Recht, Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Mehr als vierzig kürzere Stichworte von A wie Autokratieförderung bis W wie Wohlfahrtsregime vertiefen einzelne transformatorische Grundprobleme. Das Handbuch integriert politikwissenschaftliche, soziologische und wirtschaftswissenschaftliche Perspektiven. Daneben finden rechts- und kulturwissenschaftliche Zugänge Berücksichtigung.

Herausgeber

  • Prof. Dr. Raj Kollmorgen lehrt Soziologie und Management sozialen Wandels an der Hochschule Zittau/Görlitz
  • Prof. Dr. Wolfgang Merkel ist Direktor am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Abteilung Demokratie und Demokratisierung und lehrt Politische Wissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin
  • Prof. Dr. Hans-Jürgen Wagener lehrte Volkswirtschaft an der Rijksuniversiteit Groningen und der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst neben einer Einführung sechs Kapitel.

  1. Theoretische Paradigmen
  2. Forschungsansätze
  3. Methoden
  4. Historische Wellen und Typen von Gesellschaftstransformationen
  5. Sphären
  6. Transfomatorische Grundprobleme

Zur Einführung

Transformation ist ein wissenschaftliches Allerweltsworts, denn wo wird nicht etwas umgeformt? Mathematik, Biologie und Elektrotechnik gebrauchen den Begriff ebenso wie Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Kulturwissenschaft oder Linguistik. Er bezeichnet einen Wandel von Form, Natur, Gestalt, Charakter, Stil oder Eigenschaften eines Phänomens. Dabei ist in den meisten fachwissenschaftlichen Begriffen die Bestimmung eines Ausgangs- und Endzustandes semantisch eingeschlossen. Folgt man den vielfältigen Begriffsdebatten in den unterschiedlichen Disziplinen, spannt sich der Forschungsgegenstand zwischen fünf Bestimmungsachsen auf:

  1. Diese Achse polarisiert substanzielle bzw. systemsprengende Umwälzungen und akzidentielle, das jeweilige System eher reformierende Wandlungen.
  2. Diese Achse unterscheidet Transformationen, die ein klares Subjekt und Objekt aufzeigen, von solchen, bei denen das System das Subjekt ist: Eine Ganzheit transformiert sich selbst.
  3. Diese Achse unterscheidet gesteuerte versus ungesteuerte Transformation.
  4. Diese Achse unterscheidet zwischen revolutionären, kurzfristigen und radikalen gegenüber evolutionären, über lange Zeiträume sich schrittweise vollziehenden Transformationen.
  5. Diese Achse spricht den Gegensatz von innovativen gegenüber imitativen Transformationen an.

Transformation wurde zum Schlagwort, mit dem die „unerhörte Begebenheit“ (Wolf Lepenies) des 1989/90 plötzlich erfolgten Zusammenbruchs der staatssozialistischen Herrschaftsregime in Ost- und Mitteleuropa zu einem eigenen Begriff drängte. Nicht nur ein einzelnes Regime viel, sondern praktisch das gesamte Gesellschaftssystem. Diese Transformation zeichnet sich nach János Kornai (2006) durch vier Eigenschaften aus, die den Fall historisch einmalig machen:

  1. Die Transformation erfolgt in der Entwicklungsrichtung westlicher Zivilisation, politisch in Richtung Demokratie, ökonomisch in Richtung kapitalistisches Wirtschaftssystem.
  2. Die Transformation erfasste parallel alle Gesellschaftsbereiche: Wirtschaft, politisches System und seine Ideologie, Rechtssystem und die gesamte Gesellschaftsstruktur.
  3. Die Transformation war gewaltfrei. Sie fand bis auf einige Ausnahmen unter friedlichen Umständen statt. Es ging ihr kein Krieg voraus, und sie wurde nicht von fremden Mächten oktroyiert.
  4. Die Transformation vollzog sich mit unglaublicher Geschwindigkeit innerhalb von zehn bis fünfzehn Jahren.

Für die Forschung ergibt sich aus dem umfassenden Charakter von Transformationen, dass sie kaum von einem Blickpunkt aus, innerhalb einer einheitlichen Theorie mit einer uniformen Methode zu erklären sein wird. Allein die Systemtheorie versucht das. Sie bezahlt ihren Versuch jedoch mit einem hohen Abstraktionsgrad, der für die konkrete empirische Analyse nur begrenzt fruchtbar gemacht werden kann, weil er weder Akteure noch ihr Handeln gehaltvoll in die Theorie zu integrieren mag.

Zu Kapitel 1

In diesem Kapitel werden die theoretischen Paradigmen der Transformation für drei Bereiche dargestellt:

  1. System ( Wolfgang Merkel et al.)
  2. Institutionen (Matthias Dauner et al.)
  3. Akteure (Wolfgang Merkel et al.)

Zu Kapitel 2

Es werden zwölf verschiedene Forschungsansätze vorgestellt, die man vor allem in der Politik-, Sozial-, Kultur- und Wirtschaftswissenschaft antrifft. Das ist nicht nur eine Frage von akzeptierten Theorien und Schulen, sondern auch von Gegenstand und Perspektive. Deshalb ergänzen sich diese Ansätze und füllen die blinden Flecke aus, die ein monodisziplinäres Herangehen notwendigerweise mit sich bringen.

Zu Kapitel 3

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit der Vielfalt aus der Perspektive der Methoden und Forschungstechniken. Vorgestellt werden sieben Forschungstechniken:

  1. Makro-qualitative Verfahren (Carsten Schneider)
  2. Mikro-qualitative Transformationsforschung (Bruno Hildebrand)
  3. Qualitative Verfahren der Transformationsforschung (Gerd Pickel et al.)
  4. Ethnografische Methoden (Tatjana Thelen)
  5. Diskursanalyse (Raj Kollmorgen)
  6. Wirtschaftswissenschaftliche Verfahren (Martin Myant)
  7. Vergleichende Methoden in der Transformationsforschung (Dirk Berg-Schlosser)

Zu Kapitel 4

In diesem Kapitel werden in den acht Beiträgen unterschiedliche Wellen oder Typen vorgestellt, um das Spektrum der historischen Ausprägungen des Phänomens zu erfassen. Unter anderem geht es um „Chinas Transformationen im 20. Jahrhundert“ (Carsten Herrmann-Pillath), „Postkoloniale Transformationen im 20. Jahrhundert in Afrika“ (Sigmar Schmidt) und „Islamischer Diskurs und islamische Politik in Westasien und Nordafrika“ (Arshin Adib-Moghaddam).

Zu Kapitel 5

Es wird in drei Beiträgen auf die Sphären der Transformation eingegangen:

  1. Zivilgesellschaft (John Keane et al.)
  2. Recht und Staat (Christian Kirchner et al.)
  3. Wirtschaft (Hans-Jürgen Wagener)

Zu Kapitel 6

Dieses Kapitel behandelt enzyklopädisch eine Reihe von insgesamt 41 Begriffen und Grundproblemen: Autokratieförderung (Antje Kästner), Demografie (Jürgen Dorbritz), Demokratieförderung (Julia Leininger), Dilemmata der Gleichzeitigkeit (Ilyas Saliba und Wolfgang Merkel), Eigentumsrechte (Thomas Apolte), Erbschaften der Vergangenheit (Aurel Croissant), Externe Transformationsanker (Vera Trappmann), Geschlechterverhältnisse (Irene Dölling), Gründungswahlen (Hans-Dieter Klingemann), Hybride Regime (Alexander Schmotz), Institutionentransfer (Hans-Jürgen Wagener), Internationalisierung der Wirtschaft (Kollektive Identiitäten), Kooperativakteure (Bernhard Weßels), Lebenswelt (Michael Thomas), Legitimität (Daniel Lambach), Makroökonomische Stabilisierung (Marek Dabrowski), Marktliberalisierung (László Csaba), Massenmedien (Barbara Thomaß), Militärische Intervention (Sonja Grimm), Monetäre Transformation (Hubert Gabrisch), Politische Kultur (Detlef Pollack), Privatisierung (Bruno Dallago), Rechtssystem und Wirtschaftsentwicklung (Katharina Pistor), Regimediffusion (Hans-Joachim Lauth), Regionale Disparitäten (Hans-Joachim Bürkner), Religiöser Wandel (Detlef Pollack), Soziale Sicherheit (András Simonovits), Sozialkapital (Kenneth Newton), Sozialstruktur und soziale Ungleichheiten (Raj Kollmorgen), Staatlichkeit (Timm Beichelt), Staatlichkeit und Rechtsstaatlichkeit (Anne van Aaken), Transformationseliten (Christóbal Kaltwasser), Transformationskrisen (Jan Fidrmuc), Transformationsphasen (Wolfgang Merkel und Lea Heyne), Transformationsstrategien (Vladimir Popov), Transitional Justice (Brigitte Weifen), Verfassungsgebung (Astrid Lorenz), Wertewandel (Bernhard Weßels), Wirtschaftliche Restrukturing (Michael Fritsch) und Wohlfahrtsregime (Alfo Cerami)

Zielgruppen

Zielgruppen sind Studierende und Lehrende der Politikwissenschaft, Soziologie, Geschichte, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften.

Fazit

Das 800 Seiten umfassende Handbuch liefert eine fundierte Darstellung der gegenwärtigen interdisziplinären Transformationsforschung.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe

Es gibt 101 Rezensionen von Uwe Helmert.

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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 02.10.2015 zu: Raj Kollmorgen, Wolfgang Merkel, Hans-Jürgen Wagener (Hrsg.): Handbuch Transformationsforschung. Springer VS (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-05347-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19276.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


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