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Peter Finke (Hrsg.): Freie Bürger, freie Forschung

Cover Peter Finke (Hrsg.): Freie Bürger, freie Forschung. Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm. oekom Verlag (München) 2015. 208 Seiten. ISBN 978-3-86581-710-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Der ehemalige Elfenbeinturm der Wissenschaft ähnelt heute mehr einem maroden Wachturm, in dem sich kreative, weltoffene Forscher selbst nicht mehr wohlfühlen. Die lebendige Bürgerwissenschaft inmitten der Zivilgesellschaft ist ein verlockendes Gegenmodell der Freiheit und Lebensnähe. 36 Autorinnen und Autoren, Laien und Profis, jüngere und ältere, tragen in diesem Essayband die Argumente zusammen, die Wissenschaft nicht den Berufswissenschaftlern allein zu überlassen, sondern sie zu verändern. In einem demokratischen Staat ist dies Bürgerrecht und Bürgerpflicht zugleich.

Herausgeber

Prof. Dr. Peter Finke hatte 25 Jahre lang eine Professur für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld inne bis er sich 2005 aus Protest gegen die politische Durchsetzung der sogenannten Bologna-Reform vorzeitig in den Ruhestand versetzen ließ.

Entstehungshintergrund

Der Herausgeber hat zu der Sammlung kurzer Essays nur Beteiligte eingeladen, denen die lebendige Bürgerwissenschaft wichtig ist. Es war zweitrangig, ob es sich dabei um Profis oder Laien handelte. Auch die hier vertretenen BerufswissenschaftlerInnen wünschen sich eine starke Bürgerwissenschaft an ihrer Seite. Alle Beiträge wurden speziell für dieses Buch geschrieben und sind zuvor nicht veröffentlicht worden.

Aufbau

Das Buch ist nach einer Einleitung („Ohne Nimbus und Elfenbein: Über dieses Buch“) folgendermaßen gegliedert:

    Erster Teil: Die lebendige Bürgerwissenschaft

  1. Die Wissenschaft lebt auch mitten in der Gesellschaft
  2. Einige exemplarische Wissensfelder

    Zweiter Teil: Die akademische Wissenschaft

  3. Im Elfenbeiturm wird es ungemütlich
  4. Einige exemplarische Modelle

Zur Einführung

Die Berufswissenschaft ist einen zwar steilen und spektakulär-bewundernswerten, aber auch gefährlichen und mit Verlusten verbundenen Weg gegangen. Auf ihm hat sie einen Großteil ihrer ehemaligen Freiheit verloren, auf die sie immer so stolz war. Viele wollen das nicht wahrhaben, aber es ist dennoch so. Sie hat Freiheit verloren an Bürokraten und Wissenschaftsminister, die sie mit Formblättern, Richtlinien und Gesetzen in ein Korsett aus Vorschriften zwängt, die sich nicht die Wissenschaftler ausgedacht haben, sondern Politiker und deren Handlanger, die Verwaltungsexperten.Und sie hat sich nicht zuletzt verloren an die Wirtschaft. Die Führer der Wirtschaft haben einen starken Einfluss auf unsere gesamte Gesellschaft, die Politik und die Wissenschaft gewonnen, der nicht mehr feierlich ist. Die Bürgerwissenschaft entzieht sich diesem Komplott. Dort geht es nicht um Stellen, Karrieren, Geld und Macht, sondern um freiwillige, allein auf Lernwilligkeit und Sachkompetenz gegründete Wissensarbeit an Themen von öffentlichem Interesse. Die Steuerung, welche hier praktiziert wird, ist Selbststeuerung ohne den Mastermind einer Machthierarchie. Der angestrebte Nutzen ist eine Art Allmende, ein Gemeinnutzen. Arbeit wird hier nicht bezahlt, sondern ehrenamtlich geleistet. Ihre finanzielle Förderung ist, wenn man diese Grundsituation berücksichtigt, zwar möglich, teilweise auch nötig, aber zweitrangig.Die Ideen und die Arbeit selbst sind wichtiger als Geld. Es herrscht eine geradezu anarchische Freiheit. So sollte es in der ganzen Wissenschaft sein, aber so ist es nicht. Die akademische Wissenschaft ist in großen Teilen unfrei, abhängig und teuer geworden. Luhmanns berühmte Antwort auf die Frage, welche Forschungsmittel er brauche: „Keine“, war die schon fast komisch wirkende Ausnahme eines Sonderlings. Niemand will die akademische Wissenschaft abschaffen, sie ist eine großartige Errungenschaft unserer kulturellen Evolution. Für alles, was besonders komplex, speziell, voraussetzungsreich, international relevant, schwierig, abstrakt und tatsächlich teuer ist, ist sie ohne Alternative. Und dies sind große und wichtige Teile, aber nicht die ganze Wissenschaft. Diese ist mehr: ein Ideal mit einer eigenen Dignität, die Absicht einer nur rationalen Suche nach Wahrheit, von dem sich die Realität teilweise entfernt hat. Wir müssen sie ohne jenen störenden Nimbus betrachten, um die Verletzungen zu sehen, die die ursprüngliche Idee heute erlitten hat.

Zu Kapitel 1

Wenn von „der Wissenschaft“ die Rede ist, denken die meisten an Universität, Studium, berufliche Forschung. Das ist richtig und falsch zugleich. Wissenschaft ist nicht zwangsläufig mit einer speziellen Ausbildung und erst recht nicht zwingend mit dem Beruf des Wissenschaftlers verbunden. Wer dies nicht sieht, kennt die Bürgerwissenschaft nicht. Sie zeigt: Die Wissenschaft lebt auch mitten in der Gesellschaft. Die Bürgerwissenschaftler, die oft bescheidener auftreten müssen als die Profis, sind näher dran an der lebensweltlichen Zusammenhangsperspektive, denn niemand zwingt sie in die getrennten Tunnel der Disziplinen und Unterdisziplinen. Der Blick über den Tellerrand ist für sie keine Ausnahme, sondern fast eine Selbstverständlichkeit. Bürger, die sich aus eigenem Antrieb für etwas engagieren, sind die wertvollste Ressource in einer Demokratie. Die entscheidende Frage ist deshalb, ob man die Basiswissenschaft der Bürger ernst nimmt und fördern möchte oder ob man in ihr nur eine minderwertige Imitation der „richtigen“ Wissenschaft sieht. Alle AutorInnen dieses Buches, ob Profi oder Laie, gehören zur erstgenannten Gruppe.

Der erste Beitrag des Buches, geschrieben von einem der originellsten deutschen Autoren zu wissenschaftlichen Fragen, Joseph H. Reichholt, betont das Wichtigste von allem: die geradezu anarchische Freiheit, die der ehrenamtlichen Bürgerwissenschaft bis heute geblieben ist, während diese Freiheit in der durch vielerlei Zwänge mitgeprägten akademischen Wissenschaft der Universitäten oft nur noch ein Schattendasein führt. Anschließend machen wir mit dem Historiker Andreas W. Daum einen Exkurs in die Geschichte, in dem man entdecken kann, dass man viel aus ihr lernen kann, wenn es um die gemeinsamen Interessen von Profis und Laien oder die Bedeutung von Vereinen für Bildungs- und Veränderungsinteressen der Menschen geht.

Die beiden Citizen Science-Praktiker Thomas Griesohn-Pfleger und Stefan Münziger setzen den Gedankengang fort, indem sie zwei Punkte hervorheben, die die Bürgerwissenschaft besonders kennzeichnet: Dort geht es darum, dass man wirklich noch selbst Beobachtungen macht, nicht nur auf Lehrbuchwissen vertraut, sowie darum, den Wandel der eigenen Umwelt zu bemerken und zu dokumentieren, in dem wir meist nur mitschwimmen. Der mit beiden Wissenschaftlern eng vertraute Michael Wink zeigt, dass es zwar jede Wissenschaft mit Individualisten zu tun hat, aber auch mit Forschergruppen. Es ist äußerst interessant zu sehen, worin sich Bürgerforschergruppen von beruflichen Forschergruppen unterscheiden: Sie können ehrenamtlich Projekte durchführen, die für Berufswissenschaftler nahezu undurchführbar sind.

Hieraus ergibt sich das Thema der nächsten für den Band zentralen Beiträge: Drei führende Vertreter des Umweltverbandes BUND, Hubert Weiger, Wilfried Kühling und Rudi Kurz, legen konkret dar, dass die Einmischung in Wissenschaft und Forschung Bürgerrecht und sogar Bürgerpflicht sein kann. Sie formulieren ein Sieben-Punkte-Manifest für eine starke Bürgerbeteiligung, hinter das man nicht mehr zurückfallen darf. Dies aber bedeutet wie Peter Finke feststellt, dass es faktisch einen Elite-Basis-Konflikt in der Wissenschaft gibt, nicht immer und überall, aber oft dann, wenn es um die Rechtfertigung von Erkenntnissen geht; sie sind nicht immer identisch mit den Interessen der Zivilgesellschaft. Die besitzen aber in einer demokratisch orientierten Citizen Science ein großes Gewicht.

Was dem faktisch entgegenstehen kann, zeigen die beiden dieses Kapitel abschließenden Beiträge sehr deutlich. Der erste, geschrieben von Michael Beleites, berichtet aus seiner Biografie, die mit einem Studierverbot in der DDR begann, aber nun auch im wiedervereinigten Deutschland der angeblichen Freiheit nicht tatsächliche Leistung, sondern Laufbahnbelege und Standardmeinungen zum Kriterium macht. Hier ist das Ende noch offen; es hängt auch davon ab, welche Richtung die Förderung der Bürgerwissenschaft nimmt. Der Wissenschaftsjournalist Manfred Ronzheimer schließlich belegt, wie wichtig seine Profession für diesen weiteren Gang ist. Ein Wissenschaftsjournalismus „nach Marktlage“ ist an der Tagesordnung, einer mit aufklärerischem, kritischem Biss wäre aber notwendig.

Zu Kapitel 2

Es gibt eine Wurzel der Bürgerwissenschaft, die privat ist und oft auch privat bleibt: Liebhaberei und Hobbys. Deshalb beginnt die nachfolgende Auswahl an Musterbeispielen hiermit. Gerhard Ott zeigt hauptsächlich am Beispiel der Aquarienliebhaberei, welche Forschungsleistungen von Menschen erbracht werden können, wenn es um selbst gewählte, nur auf persönlichem Interesse beruhende Sachgebiete geht. Es zeigt aber auch, dass schon hier der Übergang zu öffentlichem Engagement und manchmal auch zu eindrucksvoller Fachkompetenz beginnt. Das nächste Beispiel lässt dies gut nachvollziehen, denn viele Vogelkundler werden schnell zu Naturschützern. Dies ist ein herausragendes Demonstrationsmodell heutiger Bürgerwissenschaft. Einer der bekanntesten professionellen Ornithologen der Gegenwart, Peter Berthold, bricht eine Lanze für die notwendige Kooperation angesichts der heutigen Biodiversitätsverluste, weil der Naturschutz ohne die großen Anteile der Amateure seine Ziele nicht erreichen würde. Mit Hermann-Josef Roth übernimmt es dann ein gestandener Bürgerforscher, in lockerer Form zu erzählen, dass es oft „unbotmäßige Dilettanten“ waren, die die Erforschung der Natur- und Kulturgeschichte ihrer Heimat und Region wesentlich getragen haben.

Bürger, Laien, wir alle kennen uns dort am besten aus, wo wir leben und Zuhause sind: an unserem Wohnort, in unserer vertrauten Landschaft, dem, was wir unmittelbar erfahren können. Die Studienleiterin Hanna Lehmann spricht über das Thema, das alles miteinander verbindet: Kommunikation. Am Beispiel ihrer Stadt, Freiburg im Breisgau, zeigt sie, dass der notwendige Wandel in der Gesellschaft auch einen Kommunikationswandel mit einschließen muss. Neue Formen der Kommunikation zwischen Profis und Laien zu entwickeln, zu erlernen und zu praktizieren ist angewandte Bürgerwissenschaft und verändert Gewohnheiten von Institutionen und Denken und Handeln ihrer Akteure. Die Gesellschaft ist das große Spielfeld dieses Wandels. Die Ökonomin und Sozialwissenschaftlerin Eva Lang spitzt das Problem am Beispiel des „Sorgearrangements“ für einen besseren Umgang mit dem Altwerden auf das zu, worum es geht: dass Spezialisten und erfahrene Bürger sich nicht länger als separierte Gruppen begreifen dürfen, die sich gegenseitig ihre Vorzüge und Defizite vorhalten, sondern aus dieser Unterschiedlichkeit etwas machen müssen. Sie zeigt, dass ein Profi-Laien-Mix einen Mehrwert an Sachkunde und Qualität erbringen kann; etwas das sich verallgemeinern lässt. Der Regionalentwickler Norbert Rost zeigt anschließend, wie schwierig das ist, wenn es um Ökonomie geht: Hier ist Training in neuem Denken besonders dringlich. Auch in weiteren Beiträgen dieses Bandes (Kollmann, Bultmann, Jochum-Müller oder Woynowski) zeigt sich die unausweichliche Notwendigkeit erheblich veränderter ökonomischer Konzepte und Praxisformen.

Die „Stromrebellin der Republik“, Ursula Sladek, erzählt als beteiligte Protagonistin besonders lebendig am Beispiel einer Befreiung wie Wissen und Handeln zusammenhängen: der Befreiung von den gewinnorientierten Anbietern von Elektrizität. Der praktische Druck dieser Abhängigkeit stand am Anfang, er führte in eine Lern- und Forschungsphase und am Schluss dazu, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Der abschließende Beitrag des bekannten Umwelthistorikers Joachim Radkau ist eher Lernerfahrung eines beteiligten Chronisten, denn er zeigt am Beispiel des Kampfes gegen die Kernkraftwerke, dass politisches Bürgerhandeln nicht nur reiner Aktivismus ist, sondern – wenn es erfolgreich sein soll – das Bemühen um übergreifendes Wissen voraussetzt. Diese Ebene darf gerade nicht den sogenannten Experten überlassen bleiben, denn diesen fehlt der Überblick und die innere Beteiligung. Sonst hat man verloren, bevor es noch richtig begonnen hat.

Zu Kapitel 3

Das Kapitel beginnt mit einem Wissenschaftshistoriker: Dominik Mahr führt zwei gegensätzliche Lehrbeispiele aus dem 19. Jahrhundert an. Einmal brachte die von Amateuren erstrittene Öffnung der Forschung tatsächlich einen Fortschritt, im anderen Fall die Verhinderung dieser Öffnung einen Rückschritt. Der Schriftsteller Peter Plöger beschäftigt sich mit der fortschreitenden Spezialisierung in der Wissenschaft. Alles deutet darauf hin, dass diese Entwicklung als alleinige Methode, Wissenschaftsfortschritte zu erzielen, an ihr Ende gekommen und das Zeitalter der Transdisziplinarität längst angebrochen ist. So etwas anstelle der Bologna-Reform: Das wärs doch gewesen! Eine Ursache für die Fehlsteuerung der heutigen Forschungsentwicklung benennt Steffi Ober von der Vereinigung deutscher Wissenschaftler: die desillusionierende Wissenschaftspolitik. Sie begünstigt einseitige, ökonomisch geprägte Interessen und erschwert – entgegen verbaler Beteuerung – eine Forschungswende zu echter Nachhaltigkeit.

Das Ausmaß, zu dem die Bewohner des Elfenbeinturms in diesen Strudel des technologisch-industriellen Komplexes hineingeraten sind und ihre Unabhängigkeit verloren haben, macht der Wissenschaftsjournalist Wolfgang C. Goede deutlich. Kritische Wissenschaftsdebatten arbeiten dies auf und kommen zu dem Ergebnis, dass Citizen Science auch eine Art dringend benötigter Selbsthilfe der Wissenschaft ist. Für Karl Kollmann, einem führenden österreichischen Verbraucherschützer, ist solche Selbsthilfe schon deshalb notwendig, weil der Staatsbürger in unseren ökonomiegetriebenen Demokratien nur noch die Schrumpfexistenz eines Verbrauchers führt und es eines gezielten Bewusstseinswandels bedarf, um diese Reduktion des Homo sapiens auf den Homo oeconomicus als skandalös wahrzunehmen.

Eine ethische Ursache dafür liegt zweifellos in dem regelrechten Dammbruch gegenüber privatwirtschaftlichen und industriellen Forschungsinteressen, den es im 20. Jahrhundert gegeben hat und den die Fachjournalistin Antje Bultmann an drastischen Beispielen belegt. Gezielte Interessenwissenschaft und eine fast beliebig gewordene Gutachterei gelten heute als völlig legitime Form der Forschung und deren private Finanzierung als notwendig und geschickt. Die Freiheit der Wissenschaft ist ein hohes Gut, aber sie bedeutet nicht einen Freibrief für Amoralität. Der Künstler und Netzaktivist padeluun beklagt die Verluste an vorsorgender digitaler Courage, die eine für vorausschauende Bürgerideen inflexible Wissenschaft zu verantworten hat. Und der Evolutionsbiologe Konrad Lehmann beschließt das Kapitel mit fatalistisch geschriebenen, ironischen „Nachtgedanken“ zu einer ganzen Vielzahl von Mangelwaren, die die heutige akademische Wissenschaft weithin kennzeichnen. Mehr noch als Geld sind dies – nach der Freiheit – Zeit und Mut.

Zu Kapitel 4

Angelika Zahrnt und Mark Hörstermann zeigen, wie man im Naturschutz, wo es zwar massive Konflikte zwischen Interessengruppen, nicht aber zwischen naturforschenden Profis und Laien gibt, vorankommen kann. Ein starker Umweltverband übernimmt hier zusätzlich eine Vermittlerrolle. Auch beim Wirtschaftswandel gibt es solche vermittelnden Gruppen, aber das große Machtgefälle zu den Partikularinteressen wird hier noch durch erhebliche Konflikte zwischen den Wissenskulturen verstärkt. Gernot Jochum-Müllers Talentetauschkreis ist einer der vielen Graswurzelansätze, die hier Pfade zu einer Forschungs- und Lebensstilwende bahnen, denen die akademischen Leitdoktrinen bislang erst zögernd folgen. Wissenschaft manifestiert sich für die Menschen besonders durch Technik und Technologien. Dass auch Technik neu, vom Menschen her gedacht werden kann und muss, belegt der Beitrag von Marc-Denis Weitze. Der von ihm beschriebene Veränderungspfad wird aus der theoretischen Sicht eines dem Wandel aufgeschlossenen Profis vorgestellt. Ein Praktiker, Mario Parade, legt anschließend dar, was offene Werkstätten, die auch Stätten verändernden Denkens sind, mit neuen Themen und Methoden bereits heute schon leisten. Hier werden ganz konkrete Pfade eines Technikwandels begangen, der im Einklang mit den Bürgerinteressen steht.

Die Bürgerwissenschaft unterscheidet sich von der Berufswissenschaft unter anderem darin, dass sie weit weniger als diese auf institutionelle Lösungen setzt. Aber wie stark sie dennoch auch Institutionen verändern könnte, zeigt sich in dem Beitrag von Uwe Schneidewind. Der Präsident des Wuppertalinstituts beschreibt die Vision einer Bürgeruniversität, bei der es nicht etwa „Laienprofessoren“ geben soll, sondern die bewusst praktizierte Selbstverständlichkeit einer frühzeitigen engen Kommunikation mit engagierten Bürgern über die wichtigen Themen von beider Interesse. Norbert Steinhaus, ein Veteran der Wissenschaftsladenbewegung beschreibt, wie jene gute Idee, die bereits viele Orte für solch offene Kommunikation außerhalb der Hochschule geschaffen hat, heute neue Schubkraft als Brückeninstitution gewinnen kann.

Zwei Angehörige einer neuen Generation von Wissenschaftlern beschließen den Band. Sie gehen unterschiedliche Wege, die von der festen Absicht geprägt sind, den ramponierten Idealen der Wissenschaft mit bürgerwissenschaftlichem Rückenwind wieder neue Geltung zu verschaffen, vor allem denen von Freiheit, Zusammenhangsbewusstsein, Verantwortung und Selbstorganisation. Die Pionierinitiativen, die Boris Woynowski vorstellt, kümmern sich nicht um das, was üblich ist; sie machen es einfach so, wie sie es für richtig halten. Stefanie Hermann, vor Kurzem noch Studentin, strebt sehr bewusst keine Universitätskarriere an, sondern will eine kritische Wissenschaftsjournalistin werden. Beide scheuen den Bruch mit vertrauten, aber nicht bewährten Gewohnheiten nicht, um sich nicht länger an der Verwirklichung des Wandels hindern zu lassen, den sie vor sich sehen.

Diskussion

Anhand der vielfältigen Beiträge erlangen die LeserInnen eine genauere Vorstellung darüber, was sich hinter der Bürgerwissenschaft bzw. Citizen Science verbirgt, und welche Gemeinsamkeiten und Gegensätze zwischen der akademischen Wissenschaft und Citizen Science bestehen.

Zielgruppen

Freizeitforscher und ehrenamtlich engagierte Forscher und die akademischen Forscher aus Universitäten und sonstigen Forschungseinrichtungen.

Fazit

Der wohl führende Experte für Citizen Science im deutschsprachigen Raum, Peter Finke, hat in diesem Sammelband viele AutorInnen zu Wort kommen lassen, die sehr vielfältig über ihre bürgerwissenschaftlichen Aktivitäten berichten, so dass sich die Leserinnen ein genaueres Bild darüber machen können, was sich hinter Citizen Science verbirgt.


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe


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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 19.08.2015 zu: Peter Finke (Hrsg.): Freie Bürger, freie Forschung. Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm. oekom Verlag (München) 2015. ISBN 978-3-86581-710-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19286.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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