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Gernot Hahn, Matthias Hüttemann (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit

Cover Gernot Hahn, Matthias Hüttemann (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit. Teil Evaluation psychosozialer Interventionen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2015. 187 Seiten. ISBN 978-3-88414-608-8. D: 29,95 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,90 sFr.

Reihe: Klinische Sozialarbeit – Beiträge zur psychosozialen Praxis und Forschung, Bd. 7.
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Thema

Das Thema des Buches scheint mit seinem Titel eindeutig beschrieben. „Scheint“ deshalb, weil die Konturen sowohl von „Evaluation“ als auch von „psychosoziale Intervention“ umso mehr verschwimmen, je näher man hinblickt. Wir werden im Diskussions-Teil näher darauf eingehen, was unter „psychosozialer Intervention“ zu verstehen sei. An dieser Stelle muss eine deskriptive Definition genügen: Eine „psychosoziale Intervention“ ist, was von fachlicher Seite so bezeichnet wird. Beispiele für so definierte psychosoziale Interventionen finden sich beispielsweise im vorliegenden Buch und in seinem Vorgängerband (Gahleitner, Hahn & Glemser, 2014).

Und wie ist das bei „Evaluation“? Die Herausgeber bleiben da in ihrer „Einleitung“ im Ungefähren. Wenn man das Buch mit methodenkritischem Blick durchgelesen hat und sich dann fragt, was sich darin als kleinster gemeinsamer Nenner herausdestillieren lässt, kommt man zum Ergebnis: Evaluation ist eine Bewertung, für die nachvollziehbare Gründe vorgebracht werden; nachvollziehbar meint nicht zwingend „überzeugend“. Auch für diesen Punkt werden im Diskussions-Teil vertiefte Betrachtungen anzustellen sein.

Mit dem Begriff „Evaluation“ scheint es sich nämlich – und das nicht nur auf dem Feld der Sozialen Arbeit – ähnlich zu verhalten wie mit dem Begriff „systemisch“. „Das Wörtchen ‚systemisch‘ ist mittlerweile zu so etwas wie einem ‚projektiven Test‘ psychosozialer Professionen geworden: Alle führen es im Munde und meist tun zwei, die darüber reden, als meinten sie damit das gleiche. Bei genauem Hinhören zeigt sich aber oft eine babylonische Bedeutungsvielfalt des Begriffs.“ (Schlippe & Schweitzer, 2000, S. 49)

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist der siebte Band der Jahresbuchreihe Klinische Sozialarbeit – Beiträge zur psychosozialen Praxis und Forschung. Es bildet den Abschluss des Dreischritts von Diagnostik, Intervention und Evaluation, der mit dem fünften Jahrbuch (Diagnostik: Gahleitner, Hahn & Glemser, 2013) begonnen und mit dem sechsten (Intervention: Gahleitner, Hahn & Glemser, 2014).) fortgesetzt worden war.

Herausgeber und Autor(inn)en

Gernot Hahn (www.gernot-hahn.de), Jg. 1963, studierte Sozialarbeit / Sozialpädagogik in Nürnberg, danach Sozialtherapie in Kassel und wurde in Sozialer Arbeit promoviert. Er arbeitet als Leiter einer Forensischen Ambulanz, ist Lehrbeauftragter im Studienschwerpunkt Resozialisierung / Gefährdetenhilfe an der Georg – Simon – Ohm Fachhochschule in Nürnberg und im Masterstudiengang Klinische Sozialarbeit an der Fachhochschule Coburg / Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Er ist Gesellschafter und Geschäftsführer der Zentralstelle für Klinische Sozialarbeit (ZKS) im Institut für psychosoziale Gesundheit an der FH Coburg sowie Redaktionsleiter der Zeitschrift „Klinische Sozialarbeit“. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in Arbeitsprojekten und Fortbildungen zur Qualitätssicherung klinisch- psychiatrischer Sozialarbeit sowie Forschungsprojekten zur Behandlung von Sexual- und Gewaltstraftätern und zu protektiven Faktoren rückfallfreier Straftäter nach Behandlung im psychiatrischen Maßregelvollzug.

Matthias Hüttemann (www.fhnw.ch/personen/matthias-huettemann), Jg. 1969, ist Professor an der Fachhochschule Nordostschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit, Sitz Olten am Institut Soziale Arbeit und Gesundheit – am selben Ort wie Peter Sommerfeld, mit dem zusammen er 2007 „Evidenzbasierte Soziale Arbeit“ (2007) herausgebracht hat. Als aktuelle Arbeitsschwerpunkte sind im vorliegenden Buch (auf S. 185) folgende angegeben: Sozialtherapie, Diagnostik, kooperative Wissensbildung sowie Innovation in der Sozialen Arbeit.

Die insgesamt zehn Beiträge des Buches sind von 18 Autor(inn)en, zu denen die Herausgeber zählen, verfasst. Sie stammen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und wirk(t)en meist auf dem Gebiet der Sozialen Arbeit; großteils sind sie an Fachhochschulen tätig oder dort ausgebildet. Der Tradition der Buchreihe getreu, sind sie unterschiedlichen Alters, verschiedener Qualifikation und variierender Expertise; eine bunte Mischung also und repräsentativ für die Szene, die sich in den genannten Ländern um Fragen der Evaluation psychosozialer Interventionen kümmert.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht im Wesentlichen aus zehn Einzelbeiträgen, die zwei Teilen zugeordnet sind. Am Ende des Buches findet sich zunächst ein Glossar von Evaluationsbegriffen „nach dem Schweizerischen Bundesamt für Gesundheit (www.helath-evaluation.admin.ch)“ (S. 183), was man so glauben muss, da die genannte Internetseite interessierten Leser(inne)n nichts bietet, was man als Referenz-Glossar ansehen könnte. Das Buch schließt mit Angaben zu Autorinnen und Autoren, die freilich höchst unterschiedlich ausfallen und keine rechte Systematik erkennen lassen.

Den Einzelbeiträgen voran gestellt ist eine achtseitige Einleitung der Herausgeber. Von denen entfallen bald fünf Seiten auf die Darstellung der einzelnen Buchbeiträge; dem voran wird die Evaluationsforschung auf dem Gebiet der Klinischen Sozialarbeit im Besonderen und der Sozialen Arbeit im Allgemeinen skizziert, bewertet und in den Kontext der disziplinären und professionellen Entwicklung eingeordnet.

Der erste (kürzere) Hauptteil des Buches trägt die Überschrift

BEGRIFFE, DESIGNS UND KONZEPTE DER EVALUATION

und enthält vier Einzelbeiträge.

Mit Evaluation: Motivlagen zwischen Legitimation und Weiterentwicklung einer professionellen Praxis in der Sozialen Arbeit eröffnet Joachim Merchel einen (möglichen) Verstehenshorizont des Buches, indem er zunächst darlegt, weshalb „Evaluation“ in den letzten ein, zwei Jahrzehnten in der Sozialen Arbeit zum Thema wurde. Danach verknüpft er Evaluation mit dem Thema, für das er bekannt ist: der Organisation und dem Management.

In Herausforderungen experimenteller und quasi-experimenteller Evaluationsdesigns benennen Edgar Baumgartner und Matthias Hüttemann Notwendigkeiten, Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Wirksamkeitsforschung mit Hilfe (quasi-)experimenteller Designs; auf kontrollierte Einzelfallprüfung wird kurz eingegangen und die Bedeutung qualitativer Zugänge skizziert.

Sigrid Haunbergerstellt in Realistic Evaluation als Evaluationsrahmen in der Klinischen Sozialarbeit ein seit knapp zwei Jahrzehnten diskutiertes Evaluationskonzept vor, das Ergebnis- und Prozessforschung unmittelbar mit einander verknüpfen will, und illustriert mögliche Vorgehensweisen einer Realistic Evaluation an zwei Beispielen.

In Sozialökonomische Wirkungsevaluation am Beispiel einer psychosozialen Intervention zeigen Thomas Prinz und Sandra Borth an einem Fallbeispiel – (Wieder-)Eingliederung von Menschen mit psycho-sozialen Beeinträchtigungen auf – wie die Erfolgsgröße Social Return on Investment (SROI; „Sozialrendite“) aussehen und berechnet werden kann.

Der zweite (und längere) Hauptteil ist überschrieben mit

EVALUATIONEN IN ARBEITSFELDERN. Hier finden sich sechs Beiträge.

Der Titel des Beitrags von Jens Arnold und Michael Macsenaerebeschreibt dessen Inhalt in prägnanter Weise: Anwendungsmöglichkeiten und Rahmen der Evaluation erzieherischer Hilfen (EVAS) am Beispiel von Hilfen bei dissozial auffälligen jungen Menschen.

Mit Wirksamkeitsforschung im Überblick: Ambulant Betreutes Wohnen psychisch kranker Menschen in Deutschland legt Christoph Walter ein Systematisches Review von sechs deutschen Wirksamkeitsstudien zum Ambulant Betreuten Wohnen – an zweien war er selbst beteiligt – vor.

In Stichtagerhebung Forensische Ambulanzen in Deutschland präsentiert Gernot Hahn ein Instrument zur Evaluation der forensischen psychiatrischen Nachsorge vor; Möglichkeiten und Grenzen des Instruments sowie Untersuchungsergebnisse werden dargestellt.

Johannes Jungbauer, Miriam Floren und Theresia Krieger stellen in Evaluation eines Beratungsangebots für Angehörige von Schlaganfallbetroffenen das Evaluationskonzept eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Modellprojekts („Der Angehörigenlotse“) für pflegende Angehörige von Schlaganfallpatien(tinn)en in der Versorgungsregion Aachen vor und berichten von ersten Ergebnissen der prozessbegleitenden (formativen) Evaluation.

Der Evaluation eines im schweizerischen Kanton Aargau erstmals realisierten Peer Counseling bei stark übergewichtigen Jugendlichen im Rahmen einer ambulanten Gruppentherapie ist der Beitrag von Andrea Zumbrunn, Maja Basler und Simon Süsstrunk gewidmet.

Eine konzentrierte Darstellungihrer - manchen durch frühere Publikationen (vgl. etwa www.klinische-sozialarbeit.de/Schriftenreihe und www.psychologie.uni-wuerzburg.de) vertrauten – Zielerreichungsanalyse (ZEA) bieten abschließend Helmut Pauls und Michael Reicherts in Evaluation in zielorientierter Fallarbeit – die Zielerreichungsanalyse ZEA als exemplarisches Instrument für Diagnostik, Monitoring und Evaluation.

Diskussion

Mit dem Buch liegt der 7. Band der Jahresbuchreihe Klinische Sozialarbeit – Beiträge zur psychosozialen Praxis und Forschung vor. Wie die voraus gehenden Bände leistet es einen bedeutsamen Beitrag zur disziplinären und professionellen Entwicklung der Klinischen Sozialarbeit im deutschsprachigen Raum. Als Abschluss des im vorletzten Reihenband begonnen und im vorigen fortgesetzten Dreischritts von Diagnostik, Intervention und Evaluation unterstreicht es die Forderung, es nicht bei Fragen der Diagnostik und Intervention zu belassen, sondern Evaluation in selbstverständlicher Weise als genau so bedeutsam für Theorie und Praxis anzusehen. Darin besteht das besondere Verdienst des vorliegenden Buches.

Denn: Wie sehr, auf die Breite gesehen, die deutsche Soziale Arbeit in Sachen „Evaluation(sforschung)“ noch immer fremdelt, wird einem so recht bewusst, wenn man zur Kenntnis nimmt, wie sich das einem Blick von außen darstellt. Die Deutsch-Amerikanerin Sigrid James, derzeit Gastprofessorin am Institut für Sozialwesen an der Universität Kassel (http://dgsainfo.de/) hat in ihrem Schlussreferat des von der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit im Frühjahr 2015 veranstalteten Kongresses „Wirkungen Sozialer Arbeit – Potentiale und Grenzen der Evidenzbasierung für Profession und Disziplin“ (http://fas.fhws.de/aktuelles/details/) ihrer Verwunderung darüber Ausdruck gegeben, auf wie viele Ressentiments gegen „Evaluation(sforschung)“ sie in Gesprächen mit Kolleg(inn)en gestoßen sei.

Statt auf diesen oder jenen Buchbeitrag vertieft einzugehen, scheint es mir angesichts des derzeitigen Entwicklungsstandes der Klinischen Sozialarbeit sinnvoller, zwei Fragen grundsätzlicher Natur nachzugehen, die auch mit vorliegenden Buch (Identität der Klinischen Sozialarbeit) bzw. mit ihm in besonderer Weise (Evaluation der Klinischen Sozialarbeit) aufgeworfen sind. Da ist einmal die Frage: Was genau ist eine „psychosoziale Intervention“?

Zum anderen: Wie viel Evaluation braucht die Klinische Sozialarbeit?

Ich beginne mit der zweiten Frage und führe dabei Überlegungen fort, die Joachim Merchel im ersten Abschnitt seines Beitrags unter der Überschrift „Evaluation als allmählich sich herausbildende institutionalisierte Erwartung an Organisationen der Sozialen Arbeit“ (viereinhalb Seiten, die es in sich haben!) angestellt. Ich beschränke mich dabei, sofern rechtliche Regelungen von Bedeutung sind, auf Deutschland, weil ich mich in Fragen des Berufs- und Sozialrechts nur hier wirklich auskenne. Joachim Merchel gebraucht in genannter Passage die Metapher „von ‚Evaluation‘ als ‚Schaufenster‘“ (S. 19); ich meine mit „Legitimationsevaluation“ sachlich das Gleiche. Solche „Legitimationsevaluation“ ist in Deutschland auf dem Gebiet der Psychotherapie, die auch im weiteren Verlauf immer wieder als Referenz herangezogen wird, ungleich bedeutsamer als auf dem der Sozialen Arbeit.

Zur Veranschaulichung ein Beispiel aus vorliegendem Buch. Christoph Walther hat als Fazit seines Systematischen Reviews formuliert: „Die sechs vorgestellten Studien geben erste Hinweise, dass die Wirksamkeit von ambulant betreuten Wohnen anhand von Parametern beschrieben werden kann.“ Das ist so um- und vorsichtig formuliert, dass man ihm nicht widersprechen mag. Aber mäße man diese sechs Studien an den Kriterien, die in Deutschland der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie an den Wirksamkeitsnachweis von Psychotherapie anlegt (www.wbpsychotherapie.de/) und von Gesetzes wegen stellen muss, so wäre das Urteil – und Christoph Walther würde da sicher nicht widersprechen – eindeutig: Der Nachweis der Wirksamkeit ist damit nicht geführt. Nur hat das ebenso wenig praktische Folgen, wie es der Befund „erwiesene Wirksamkeit“ hätte. Ambulantes Betreutes Wohnen ist – ungeachtet irgendwelcher Evaluationsergebnisse – als gesellschaftlich organisierte Hilfe nach Positivprüfung des Bedarfs zu gewähren (gemäß §§ 53, 54 ff SGB XII i. V. m. § 55 SGB IX). Dieses Prinzip gilt in Deutschland für den Gesamtbereich der Sozialen Arbeit, und die Praktiker(innen) wissen das.

Und hat es denn Folgen für die Praxis, wenn dieses oder jenes Modellprojekt, obligatorisch versehen mit einer Begleitforschung, die heutzutage „natürlich“ (auch) Evaluation zum Inhalt hat, durchgeführt wurde? Für die beteiligten Forscher(innen) hat dies in Zeiten der Drittbemittelung natürlich Vorteile, vielleicht steigt an allgemeinen (Fach-)Hochschulen auch die Reputation des Fachbereichs Soziale Arbeit und nicht als blanke Illusion erklären möchte ich die Vorstellung, Evaluationsforschung könne dazu beitragen, dass die (Fach-)Hochschulen das Promotionsrecht bekommen. Für die Praxis aber, für die Soziale Arbeit als Profession sind von Evaluationsforschung begleitete Modellprojekte in aller Regel irrelevant; sie „versanden“ meist. Und das unabhängig davon, was das Ergebnis der jeweiligen Evaluation war. Auch dies ist Praktiker(inne)n nicht unbekannt.

Zur anderen Seite geblickt: Trägt die in Modellprojekten realisierte Evaluation denn tatsächlich zur Reputation der Sozialen Arbeit, zu ihrer Anerkennung als wissenschaftliche Disziplin bei? Ich glaube das nicht. Anscheinend habe ich mit „Legitimationsevaluation“ dieselben Erfahrungen gemacht wie Joachim Merchel, nämlich die, „dass die methodischen Anforderungen an Evaluation heruntergeschraubt werden, und dies möglicherweise auf ein methodisches Niveau, bei dem – selbst unter der Maßgabe, dass aufgrund des ‚Primat(s) der Praxis vor der Wissenschaft‘“ (Kromrey 2000, S. 22) und der damit markierten Praxisausrichtung von Evaluation enge methodische sozialwissenschaftliche Maßstäbe nicht anzulegen sind – die als „‚Evaluation‘ etikettierten Handlungen unterhalb der für Gültigkeit von Daten zu veranschlagenden Mindestkriterien bleiben“ (S. 19).

Die voran stehenden Ausführungen führen zu zwei Empfehlungen an die Adresse der Klinischen Sozialarbeit. Zum einen ist weitaus stärker als bisher (am besten vorab) die Frage zu prüfen, welche Evaluationen für die Praxis notwendig, bedeutsam und nachhaltig sind. Dann könnte für die alltägliche Klientel der Klinischen Sozialarbeit ja tatsächlich ein Nutzen herauskommen. Dieser Aspekt, was Evaluationsforschung eigentlich den Klient(inn)en nutzt, kommt im vorliegenden Buch durchweg zu kurz. Zum anderen sollte festgelegt werden, welche Mindeststandards an Evaluationen im Allgemeinen und an solche zur Feststellung von Wirkungen (Wirksamkeit ist davon nur eine Variante) anzulegen sind. Für die zweite Fragestellung gibt es wohl etablierte Klassifikationssysteme. Das bekannteste unter ihnen: die von David Farrington und Mitarbeiter(inne)n entwickelte Maryland Scientific Method Scale (Kurzdarstellung: http://economicspsychologypolicy.blogspot.de).

Kommen wir zu einem anderen Aspekt von Evaluationsforschung. Da wird in einigen Beiträgen das Unbehagen an bloßer Outcome-Forschung ohne gleichzeitige Prozessforschung bekundet. Dieses Unbehagen hat mein volles Verständnis; auch mir war und ist an beidem gelegen (vgl. etwa Heekerens, 2013). Nur: Prozessforschung ist noch viel anspruchsvoller als Outcome-Forschung und eine so junge Disziplin und Profession wie die Klinische Sozialarbeit sollte sich nicht überfordern. Auch anderwärts, etwa auf dem älteren und wohl etablierten Gebiet der Psychotherapie, ist man mit der Outcome-Forschung weitaus weiter und hat damit viel früher angefangen. Man handelt nicht unethisch oder unprofessionell, wenn man Vorgehensweisen wählt, von denen man sicher sein kann, dass sie wirksam (hilfreich) sind, nicht aber weiß, weshalb. Zur Illustration ein „klassisch“ zu nennendes Beispiel.

Längst bevor Ende des 19. Jahrhunderts Acetylsalicilsäure (ASS) zum ersten Mal in chemisch reiner und haltbarer Form synthetisiert wurde und danach als Medikament unter dem Handelsnamen „Aspirin“ einen Siegeszug ohne gleichen antrat, wussten Heiler(innen) – nachweislich seit den Zeiten des Hippokrates (um 400 v. Chr.) – um die Schmerz stillende, Fieber senkende und Entzündung hemmende Wirkung des Weidensuds und verabreichten bzw. empfahlen diesen. Weidensud enthält, wie wir heute wissen, Salicilsäure. Es war blankes Erfahrungswissen, dass das Trinken von Weidensud Schmerzen stillte und Fieber absenkte; für praktische Zwecke war dieses Wissen ausreichend. Weidensud war also schon lange eine bekannte Input-Größe (ein Treatment) mit bekannter (positiver) Wirkung, bevor man Salicilsäure als wirksame Ingredienz (Wirkfaktor) identifizierte. Wie dieser Wirkstoff wirkt (Frage nach dem Wirkmechanismus), war aber auch dann noch nicht klar; erst 1971 entdeckte John Van (1982 mit dem Nobelpreis gewürdigt), dass durch ASS die Prostaglandinsynthese gehemmt wurde, was die genannten Effekte erklärt. Glücklicherweise – aus der Sicht der Klient(inn)en – haben die Helfer(innen) nicht bis 1971 gewartet.

Etwas Anderes. Angesichts der Forderungen nach Prozessforschung verwundert es, dass in der Klinischen Sozialarbeit für sie relevante Ergebnisse von Prozessforschung offensichtlich nicht wahrgenommen oder zumindest nicht als bedeutsam angesehen werden. Ein bedeutsamer Teil von Wirkfaktoren jeglicher „helfenden Beziehung“ liegt offensichtlich in der Arbeitsbeziehung zwischen Helfer(inne)n Klient(inn)en. Darüber weiß man seit einigen Jahren Genaueres. Im Jahre 2011 hat die gemeinsam von den Sektionen „Klinische Psychologie“ (von der behavioralen Richtung dominiert) und „Psychotherapie“ (dort sammelt sich das nicht-behaviorale Lager) der American Psychological Association (APA) gebildete Task Force on Evidence-Based Therapy Relationships (Leitung: John C. Norcross) als erste zwei ihrer Untersuchungsbefunde festgehalten.

„Die therapeutische Beziehung leistet substanzielle und konsistente Beiträge zum Ergebnis einer Psychotherapie – unabhängig vom spezifischen Typ der Behandlung.

Die therapeutische Beziehung trägt in mindestens demselben Maße wie die jeweilige Behandlungsmethode zum therapeutischen (Miss-)Erfolg bei.“ (http://societyforpsychotherapy.org)

Daran anschließend findet sich eine Liste einzelner Faktoren, die aufgrund vorliegender Evaluationsforschung als „erwiesene“ oder zumindest „wahrscheinliche“ (positive) Wirkfaktoren zu gelten haben. Zur ersten Gruppe gehört etwa „Empathie“ und zur zweiten beispielsweise „Wertschätzung“; beides nicht nur Rogerianern wohl bekannte Größen. Die Klinische Sozialarbeit könnte diese Liste erwiesener oder wahrscheinlicher Wirkfaktoren einmal daraufhin sichten, welche nach Expert(inn)enmeinung denn auch für die „Helfende Beziehung“, wie sie in der Klinischen Sozialarbeit realisiert werden soll, Gültigkeit haben. Und dann könnte man beispielsweise prüfen, ob denn die bestehenden Curricula für Klinische Sozialarbeit geeignet sind, solche Kompetenzen zu vermitteln.

Verlassen wir die Betrachtung zu „Evaluation“ und wenden uns dem Punkt „psychosoziale Intervention“ zu. Wenn „psychosoziale Intervention“ als Bezeichnung für eine Gruppe besonderer und bestimmter Tätigkeiten, so etwas wie ein „Markenzeichen“ der Klinischen Sozialarbeit sein soll (und das scheint der Fall), dann muss „psychosoziale Intervention“ so hinreichend klar definiert sein, dass die Definition nach innen zusammenfassend und nach außen abgrenzend ist. Das „Außen“ ist – mit wachsendem Geltungsbereich – Soziale Fallarbeit, Sozialarbeit und Soziale Arbeit (Sozialarbeit / Sozialpädagogik). Hier bietet das vorliegende Buch keine Präzisierungshilfe; jedenfalls keine, die hinaus ginge über jene in den Büchern von Silke Gahleitner und Gernot Hahn (2011), Rainer Ningels, 2011 und Helmut Pauls (2011) geleistete.

Zu dieser Einschätzung kommt man auf zwei Wegen. Man kann dazu einmal betrachten, wie im vorliegenden Buch der Gegenstandsbereich von Evaluation definiert wird. Der beschränkt sich keineswegs auf „Klinische Sozialarbeit“. Im Beitrag von Joachim Merkel etwa wird „pädagogisches Handeln“ (S. 28) benannt, und es ist vom „sozialpädagogischen Kern“ die Rede. Wenn man in einem zweiten Durchgang betrachtet, welcher Art denn die Interventionen sind, die da evaluiert wurden, kommt man ebenfalls nicht weiter. Nehmen wir zur Illustration das Modellprojekt „Der Angehörigenlotse“, weil dort die Tätigkeitsmerkmale der „Sozialarbeiterin“ (so wird die dort tätige Fachkraft im Text bezeichnet) detailliert aufgelistet sind: „zugehende, individuelle Information und Beratung; Unterstützung bei der Beantragung von Leistungen; Besuche der Familien im häuslichen Umfeld; Telefonberatung; Initiierung von Selbsthilfepotentialen; Kooperation und Vernetzung mit bestehenden Unterstützungsangeboten sowie Öffentlichkeitsarbeit“ (S. 127). Das ist traditionelle Soziale Fallarbeit. Und keines der Tätigkeitsmerkmale würde die Bezeichnung „behandeln“ rechtfertigen.

Damit sind wir bei einem letzten Punkt, der im vorliegenden Buch zwar nicht direkt angesprochen wird, der aber ständig mit thematisiert ist, wenn von „Klinischer Sozialarbeit“ die Rede ist. Die reklamiert ja, sie würde sie als „Fachsozialarbeit“ auszeichnen und von anderen Formen der Sozialen Fallarbeit unterscheiden dadurch, dass sie (auch) „behandelnd“ tätig sei. Man prüfe einmal die im vorliegenden Buch aufgeführten Interventionen darauf, wie viele von ihnen denn als „behandelnd“ zu bezeichnen sind und wie viele ohne diese Etikettierung bestens auskommen. Ich verstehe, dass man zur Kennzeichnung „behandelnd“, wenn man verständlich machen will, was denn eigentlich das „Klinische“ der Klinischen Sozialarbeit sei. Doch selbst den ihr Wohlgesonnenen drängt sich die Frage auf, ob sie sich denn mit der Verwendung dieses Begriffs nicht mehr Probleme einhandelt, als sie damit zu lösen hofft. Zumindest in Deutschland stellen sich hier Fragen von berufs- und strafrechtlicher Bedeutung. Natürlich nur, sofern für „Klinische Sozialarbeit“ berufliche Eigenständigkeit reklamiert wird; für eine „Klinische Sozialarbeit“ als Heilhilfsberuf stellt sich nachfolgende Frage nicht.

Die lautet: Worin unterscheidet sich denn eine „behandelnde“ Tätigkeit im Sinne der Klinischen Sozialarbeit - auch für Jurist(inn)en) – klar und eindeutig von solchen kurativen Tätigkeiten, die in Deutschland, berufsrechtlich geregelt und strafbewehrt, unter „heilkundliche Tätigkeit“ fallen. Für hiesige Erziehungsberatungsstellen, die zwar psychotherapeutisch arbeiten wollen, aber andererseits nicht heilkundlich tätig sein dürfen, hat man da in den letzten Jahren und Jahrzehnten Lösungswege erarbeitet, die berufsrechtlich gangbar sind. Die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) meidet in ihrer Stellungnahme zur Thematik (www.bke.de/) das Wort „behandeln“ sowie entsprechende Substantive und Adjektive wie der Teufel das Weihwasser – und das auf fachjuristischen Rat hin. Wie sehr sich die bke bemüht, jedem Anschein zu wehren, sie sei kurativ tätig, mag folgender Satz illustrieren: „Dies [die Intervention der Erziehungsberatungsstelle; H.-P. H.] kann in der Folge u. U. auch die Lösung und Aufarbeitung der Probleme des Kindes, die als krankheitswertig erschienen sind, bewirken (heilende Wirkung einer nicht kurativ intendierten Intervention).“ Vielleicht könnte die hiesige Klinische Sozialarbeit ja mal mit der bke ins Gespräch kommen.

Fazit

Das vorliegende Buch leistet als 7. Band der Jahresbuchreihe Klinische Sozialarbeit – Beiträge zur psychosozialen Praxis und Forschung einen weiteren bedeutsamen Beitrag zur disziplinären und professionellen Entwicklung der Klinischen Sozialarbeit im deutschsprachigen Raum. Als Abschluss des im vorletzten Reihenband begonnen und im vorigen fortgesetzten Dreischritts von Diagnostik, Intervention und Evaluation unterstreicht es die Forderung, es nicht bei Fragen der Diagnostik und Intervention zu belassen, sondern Evaluation in selbstverständlicher Weise als genau so bedeutsam für Theorie und Praxis anzusehen.

Wer auf dem Gebiet der Klinischen Sozialarbeit lehrend und / oder forschend tätig ist, sollte das Buch lesen, interessierte Praktikerinnen können aus seiner Lektüre oder auch nur dieses oder jenes Einzelbeitrags Gewinn ziehen, und in der Ausbildung in Klinischer Sozialarbeit müsste es seinen festen Platz haben. Daher sei den Bibliotheken solcher Ausbildungsstätten die Anschaffung des Buches empfohlen – und zwar in so ausreichendem Maße, dass es nicht nur in diesem oder jenem Hand- bzw. Semesterapparat greifbar, sondern interessierten Studierenden auch zur Ausleihe verfügbar ist.

Literatur

  • Gahleitner, S. B. & Hahn, G. (Hrsg.) (2011). Klinische Sozialarbeit. Übergänge gestalten, Lebenskrisen begleiten. Bonn: Psychiatrie Verlag (Socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/12669.php).
  • Gahleitner, S. B., Hahn, G. & Glemser, R. (Hrsg.) (2013). Psychosoziale Diagnostik (Klinische Sozialarbeit Bd. 6). Köln: Psychiatrie Verlag (Socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/14075.php).
  • Gahleitner, S. B., Hahn, G. & Glemser, R. (Hrsg.) (2014). Psychosoziale Interventionen (Klinische Sozialarbeit Bd. 6). Köln: Psychiatrie Verlag (Socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/15185.php).
  • Heekerens, H.-P. (2013). Ergebnis- und Prozessforschung in der Erlebnispädagogik: Was man weiß, was man wissen sollte. Erleben & Lernen, 21(3&4), 41-45.
  • Ningel, R. (2011). Methoden der Klinischen Sozialarbeit. Bern – Stuttgart – Wien: Haupt (Socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/12391.php).
  • Pauls, H. (2011). Klinische Sozialarbeit (2., überarb. Aufl.). Weinheim: Juventa Verlag (Socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/11476.php, Datum des Zugriffs 07.08.2015).
  • Schlippe, A. v. & und Jochen Schweitzer, J. (2000). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung (7. Aufl.). Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 25.08.2015 zu: Gernot Hahn, Matthias Hüttemann (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit. Teil Evaluation psychosozialer Interventionen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2015. ISBN 978-3-88414-608-8. Reihe: Klinische Sozialarbeit – Beiträge zur psychosozialen Praxis und Forschung, Bd. 7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19293.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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