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Susanne Völker, Michèle Amacker (Hrsg.): Prekarisierungen. Arbeit, Sorge und Politik

Rezensiert von ao. Univ.Prof. Dr. Gerhard Jost, 29.10.2015

Cover Susanne Völker, Michèle Amacker (Hrsg.): Prekarisierungen. Arbeit, Sorge und Politik ISBN 978-3-7799-3045-7

Susanne Völker, Michèle Amacker (Hrsg.): Prekarisierungen. Arbeit, Sorge und Politik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 272 Seiten. ISBN 978-3-7799-3045-7. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
Arbeitsgesellschaft im Wandel
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Thema und Entstehungshintergrund

Der vorliegende Sammelband greift die Diagnose einer „Prekarisierungsgesellschaft“ (u.a. Marchart) auf, welche die Ausbreitung von Unsicherheit in den Arbeits- und Lebensverhältnissen bis in die gesellschaftliche „Mitte“ konstatiert. Er knüpft an eine Ende 2011 stattfindende Tagung in Köln an („Feministische Kritik in Zeiten der Prekarisierung“) und besteht aus 13 Beiträgen, die mit einer Einleitung und Zusammenfassung gerahmt werden.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeberinnen verweisen in der Einleitung auf mehrere zentrale Punkte der Prekarisierung: auf die Dynamik der Entsicherung, auf die Krise der Reproduktion, auf eine Verschränkung von Privilegierungs- und Benachteiligungsregimen und auf die Reformulierung des Politischen. Dabei gehen sie in ihren Ausführungen zunächst auf die weitreichende Entsicherung der Lebensverhältnisse ein, die auf sozialstrukturell ungleich verteilte Chancen trifft und neue uneinheitlichen Lebenslagen und Praktiken bewirkt. Im zweiten Punkt rekurrieren sie auf die Krisenprozesse „sozialer Reproduktion“, welche die Triade „Erwerbsarbeit-Staat-Familie“ und Pfade von gesellschaftlichen Raum- und Sozialkonstellationen verändern. Instabile und flexibilisierte Arbeitsverhältnisse bewirken, dass die „Selbstsorge“ außer Balance gerät und sich eine Überlastung des „privaten“ Lebenszusammenhangs zeigt. Dies wird durch ein paradoxes Phänomen beeinflusst: umso prekärer die Einbindung in die Erwerbsarbeit wird, umso stärker werden Transfer- und Versicherungsleistungen an den Arbeitsmarkt gebunden. Eine Krise der sozialen Reproduktion wird darüber hinaus im Bereich der Bildungs- und Sorge- bzw. Pflegearbeit verortet. Im dritten Punkt verweisen die Herausgeberinnen auf die neue Differenzsetzungen in der Prekarisierung, die Ausprägungen sozialer Ungleichheit neu konturieren. Im letzten Punkt wird ein (Gegen-)Konzept zur neoliberalen Eigenverantwortlichkeit des Subjekts, das Offenhalten von „Empfänglichkeit“ als politische Entgegnung angeschnitten.

Das Buch gliedert sich in vier Teile.

Teil 1 beschäftigt sich mit den (prekären) Sorgeverhältnissen. Isabell Lorey beschäftigt sich im ersten Artikel (S. 26-41) damit, dass in gegenwärtigen neoliberalen Politiken das eigenverantwortliche Selbst angesprochen wird. Sicherheits- und Schutzlogiken früherer Gesellschaftsformationen werden dagegen zurückgewiesen. Um eine neue Form des Zusammenlebens auf sozialer und politischer Ebene zu konstituieren, ist der Aufbau von „Sorgemeinschaften“ notwendig. Diana Auth, Christina Klenner und Sigrid Leitner gehen im nächsten Artikel (S. 42-58) von den Problematiken der Vereinbarkeit zwischen Erwerbs- und Reproduktionsarbeit bzw. den Sorgenkonflikten im Adult Worker Modell aus. Zur Entschärfung schlagen sie ein Earner and Carer-Modell vor, das auf einer stärkeren finanziellen Absicherung, gesellschaftlichen Aufwertung und einer geschlechtergerechten Arbeitsteilung bei Sorgearbeit beruht. Der dritte Beitrag zu Sorgeverhältnisse stammt von Brigitte Aulenbacher, Maria Dammayr und Fabienne Décieux. Ihr Artikel (S. 59-74) geht zunächst auf das Verständnis von prekären Sorgeverhältnisse ein, um in einem zweiten Schritt am Beispiel der Altenpflege die spezifischen Krisenverhältnisse aufzuzeigen. Die Autorinnen plädieren für eine Form von Sorgeverhältnissen, welche gesellschaftspolitische (und wissenschaftliche) Vorstellungen einer sorgsamen Gesellschaft umsetzt. Im letzten Artikel des ersten Teils (S. 75-92) wird von Gabriele Winker auf die Profitmaximierung und das kapitalistische System als Ausgangspunkt der sozialen Reproduktionskrise verwiesen. Trotz der Erwerbsarbeit reichen finanzielle oder/und zeitliche Ressourcen oftmals nicht aus, um für sich und andere ausreichend zu sorgen („Care-Defizit“). Nach einer Typisierung von Reproduktionsmodellen verweist sie auf die Notwendigkeit, eine Care Revolution, welche die Verwirklichung von Lebensbedürfnissen in den Mittelpunkt politischen Handelns stellt.

Im zweiten Teil des Bandes werden – unter dem Titel „Politiken prekärer Positionierungen: Interdependenzen und Anfechtungen“ – weitere Dimensionen des Prekarisierungskonzepts und neue politische Handlungsstrategien eingeführt. Zunächst werden in einem Beitrag von Karin Scherschel (S.94-110) die Prekaritätsverhältnisse im Kontext von Flucht und Asyl analysiert. In ihrem Beitrag zentriert sie die normativen und kognitiven gesellschaftlichen Klassifikationsprozesse, deren Macht und Konstitution in sozialwissenschaftlichen Analysen nicht ausreichend beachtet erscheinen. Vielfach wird der gesellschaftliche Kategorisierungsprozess übernommen, die gesellschaftlichen und herrschaftlichen Komponenten von Kategorien in der Analyse nicht hinterfragt – soziologisch sollte dieser Prozess stärker fokussiert werden. Im darauffolgenden Artikel von Arne Müller (S. 111-127) wird die Ursache der Exklusion vom Arbeitsmarkt bei behinderten Personen problematisiert, die nicht die Beeinträchtigung selbst ist, sondern die mit „Wirtschaftlichkeit“ begründete Zuschreibung einer Leistungsorientierung. Die zugeschriebene Leistungsminderung lässt sich aus einer solchen Perspektive als systematische Herrschaftstechnik sehen, die (nichtbeeinträchtigte) Normalität schützt. Alexandra Scheele vervollständigt den zweiten Teil des Buches mit einem Beitrag (S. 128-144), wie sich die Politik, vor allem die Demonstrationen und kritischen Bewegungen, seit der Wirtschafts- und Finanzkrise und der damit verbundenen ungleichen Verteilung von Lasten entwickelt hat. Anhand von drei Staaten (Griechenland, Spanien und Deutschland) werden die Proteste exemplarisch analysiert. Danach erfolgt eine nähere Betrachtung des Zusammenhangs von Konflikt und Politik sowie der Protestbewegungen anhand von mehreren Dimensionen.

Teil 3 setzt sich mit „Prekarisierte Leben: Praktiken sozialer Einbindung“ auseinander. Im ersten Beitrag von Kai Marquardsen (S.146-163) wird Prekarisierung als relationaler Begriff verstanden, sodass wie bei einem Projekt über Arbeitslosigkeit deutlich wird, dass in diesem Fall die Frage der sozialen Relationierung der Leistungsbezieher von besonderer Bedeutung ist. Alle Beziehungskonstellationen, ob sie nun Brüchen, Kontinuitäten oder von einer Neukonstitution sprechen, zeigen eine problematisches Selbstbild im Hinblick auf das soziale Umfeld, nämlich im Vergleich mit anderen „nicht mehr mithalten“ zu können. Jette Hausotter und Iris Nowak (S.164-181) berichten im zweiten Beitrag über Subjektkonstruktionen und Lebensführungen von Ingenieur_innen und Altenpflegekräften, die sich nicht nur im Hinblick auf Prekarisierung stark unterscheiden. Zunächst wird auf die (alten und neuen) Unsicherheiten in beiden Berufsfeldern eingegangen Danach wird aus den Erzählungen von vier Personen das Verhältnis zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit rekonstruiert. Alexandra Manske und Hendrik Brunsen gehen in einem Beitrag über „freie Mitarbeit als Familienressource“ (S.182-198) auf die Frage ein, inwieweit Prekarisierung nicht nur ein Problem, sondern genauso eine Chance sein kann, sich um Sorgearbeit anzunehmen. Anhand eines Einzelfalles, einem 45-jährigen Industriedesigner mit akademischen Abschluss, wird der Verbindungstypus zwischen beruflicher (finanzieller) Prekarität und Reproduktionsarbeit nachgezeichnet. Die prekäre Verortung in der Erwerbsarbeit wird in diesem Fall nicht als Scheitern eingestuft, sondern bietet eine Gelegenheitsstruktur für aktive Sorgearbeit.

In Teil 4 „Prekär Werden: Gesellschaft, Gemeinschaft und das Politische“ wird vor allem der Frage nach der Genese von Wissen und der Formulierung des Politischen in prekären, unsicheren und heterogenen Verhältnissen nachgegangen. Hanna Meißner betont im ersten Beitrag (S.200-216) die Bedeutung gesellschaftstheoretischer bzw. – kritischer Ansätze in einer Welt von Heterogenität, sodass Vielfalt und Verflechtung, ihre Ansprüche angesichts dieser sozialen Rahmung, gerade nicht aufzugeben wäre. Die Spezifität dieser Betrachtungsweisen ermöglicht eine neue, noch nicht verfügbare Sichtweise, die das Problem greifbar und veränderbar macht. Im Sinne einer „performativen Intervention“ soll keine vermeintlich neutrale Position aufgesucht, vielmehr über Gegenerzählung die Gestaltbarkeit des Sozialen aufgezeigt werden – ohne aber Parameter und Fahrpläne für Zielsetzungen vorzugeben. Post-operaistische Perspektiven werden im zweiten Artikel dieses letzten Teils von Marianne Pieper (S. 217-236) eingebracht, der operaistische Ansätze mit Aspekten des französischen Poststrukturalismus verbindet. Zentrale Begriffe sind u.a. Empire, Bio-Macht und -Politik und immaterielle Arbeit, wobei die Autorin auf Aspekte im Zusammenhang mit Begehren, Affekt, Exzess und Exodus eingeht. Stephan Trinkaus fokussiert im letzten Beitrag (S. 237-253) vor den Schlussbemerkungen einer Herausgeberin (soziale) Räume, die keine festen Rahmen darstellen und sich im Geschehen (mit-)entwickeln. Sie sind folglich mobile, komplexe und relationale Entitäten, die er am Beispiel eines Films über prekäre soziale Praxis (wie ambulante Altenpflege) analysiert. Dabei bringt er Prekaritätsvorstellungen von Bourdieu ein und stellt einen Bezug zu „Prekäre Gemeinschaften“ her.

Im letzten zusammenfassenden Beitrag des Sammelbandes werden von Susanne Völker (S. 254-269) die ausgeführten „Facetten der Prekarisierungsdiskussion“ aufgegriffen, um auf der Basis von mehreren Theorieangeboten die Bedingungen des „Politischen“ und des „Mittuns“ bei der Herstellung von „Welt“ zu reflektieren.

Fazit

In diesem Buch wird Prekarisierung im Kontext von „Arbeit, Sorge und Politik“ konzeptuell und empirisch-analytisch breit diskutiert. Der Sammelband ist als ein interessanter Bestandteil des sozialwissenschaftlichen Prekarisierungsdiskurses einzustufen. Die Kehrseite der breiten Thematiken und verwendeten Konzepte ist, dass man sich als Leser zeitweilig – trotz der einleitenden und abschließenden Ausführungen – etwas mehr an Verbindungslinie zwischen den Beiträgen wünscht.

Rezension von
ao. Univ.Prof. Dr. Gerhard Jost
Mitarbeiter am Institut für Soziologie und empirische Sozialforschung, WU, Wirtschaftsuniversität Wien, Department für Sozioökonomie.
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Es gibt 20 Rezensionen von Gerhard Jost.

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Zitiervorschlag
Gerhard Jost. Rezension vom 29.10.2015 zu: Susanne Völker, Michèle Amacker (Hrsg.): Prekarisierungen. Arbeit, Sorge und Politik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3045-7. Arbeitsgesellschaft im Wandel . In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19300.php, Datum des Zugriffs 17.08.2022.


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