Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Erol Yıldız, Marc Hill (Hrsg.): Nach der Migration

Rezensiert von Prof. Dr. Hartmut M. Griese, 03.08.2015

Cover Erol Yıldız, Marc Hill (Hrsg.): Nach der Migration ISBN 978-3-8376-2504-2

Erol Yıldız, Marc Hill (Hrsg.): Nach der Migration. Postmigrantische Perspektiven jenseits der Parallelgesellschaft ; [gewidmet Wolf-Dietrich Bukow zum 70. Geburtstag]. transcript (Bielefeld) 2015. 295 Seiten. ISBN 978-3-8376-2504-2. 29,99 EUR.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Nachdem der sozialwissenschaftliche Konsens bzw. die Erkenntnis, dass Deutschland ein Einwanderungsland und dass Migration normal ist, nach jahrelangen ideologischen Kontroversen nunmehr auch die Mehrheit der Mitglieder der gesellschaftlichen Subsysteme Politik, Wirtschaft und Medien erreicht hat – allerdings weniger das „Bürgerbewusstsein“ oder gar die „Stammtische“ – besinnt man sich nun auch in den Sozialwissenschaften darauf, dass es auch eine Existenz „nach der Migration“ gibt, dass Einwanderung zu Ansässigkeit führt, dass aus Einwanderern Staatsbürger werden, dass Einwanderer mittlerweile auch Kinder und Enkelkinder haben, die im Einwanderungsland geboren wurden und werden und dass es angebracht erscheint, das Einwanderungsland Deutschland, die Geschichte der Einwanderung und Migration unter „postmigrantischer Perspektive“ und gemäß den Erfahrungen der Einwanderer neu und („radikal“) anders zu betrachten.

Diese Einsicht erfordert als Konsequenz einen anderen Blick, eine andere (theoretische und wohl auch praktisch-politisch-pädagogische) Perspektive im Umgang mit dem Thema „Migration und Integration“. Es sieht so aus, als hätten wir es nach der „Trans“-Phase (Trans-Migration und Transmigranten, trans-national, trans-kulturell etc.) nunmehr mit einer „Post“-Phase zu tun („Post-migrantisches Theater“, Post-MigrantInnen, „post-migrantische Perspektive“ usw.). Auf jeden Fall gibt es keinen terminologisch-theoretisch-diskursiven Stillstand in der Debatte um das „Einwanderungsland Deutschland“ – und das ist gut so.

Man kann nur hoffen, dass die sozialwissenschaftlichen Einsichten und Erkenntnisse auch die „Mitte der Gesellschaft“, vor allem die ideologie- und meinungsbildende Regenbogenpresse, erreichen. Dazu bedarf es aber eines kompetent-professionellen „Wissenschaftsjournalismus“, woran es in Deutschland m.E. hapert. So werden die wohlmeinenden Analysen und Aussagen des vorliegenden Readers von Yildiz und Hill die öffentlich-mediale Sphäre kaum erreichen – zumal es dafür auch einer passenden „Übersetzung“ in die Alltagssprache bedarf. Oder Migrationsforschung muss sich, da es sich um ein aktuelles politisch-medial-öffentliches Thema handelt, teilweise einer anderen Sprache bedienen. Aber über diese Probleme (Transfer wissenschaftlichen Wissens in Alltagswissen bzw. die Praxisrelevanz sozialwissenschaftlicher Forschung und Theorie) wurde schon häufig und ohne Konsens kontrovers diskutiert. Aber darin sehe ich, um es vorweg zu nehmen, ein Hauptproblem des ansonsten theoretisch-programmatisch gelungenen Readers: Bei der wissenschaftlichen Analyse aktueller gesellschaftlicher Themen sollten die Erkenntnisse bürgernah formuliert werden, sonst überlässt man das Terrain den vulgärwissenschaftlichen Publikationen wie „Deutschland schafft sich ab“ (Sarrazin).

Herausgeber und Autoren

Erol Yildiz (Prof. Dr.) ist Professor für den Bereich „Migration und Bildung“ am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck. Er befasst sich in der Forschung schwerpunktmäßig mit den Themen „Migration, Diversität, Interkulturelle Bildung und Urbanität“. Zuletzt (2013) erschien sein Werk „Die weltoffene Stadt. Wie Migration Globalisierung zum urbanen Alltag macht“, welches im Titel seine Erkenntnisinteressen auf den Punkt bringt.

Marc Hill (Dr.) ist Assistenzprofessor am selben Institut und arbeitet an ähnlichen Forschungsthemen, insbesondere in Bezug auf MigratIonsjugendliche.

Die 16 AutorInnen sind teilweise recht ausgewiesene MigrationsforscherInnen (z.B. Sabine Hess, Regina Römhild, Marc Terkessidis und vor allem Wolf-Dieter Bukow, dem der Reader auch zu seinem 70. Geburtstag gewidmet ist).

Intention, Aufbau und Auswahl der rezensierten Beiträge

In der Einleitung formulieren die Herausgeber ihr Erkenntnisinteresse, Migration „radikal neu zu denken und zwar jenseits des hegemonialen Diskurses“ sowie „neue Perspektiven auf Migration aufzuzeigen“, welche die „Erfahrungen von Migration in den Blick nehmen“ (11). Ihr „Motto“ lautet daher: „Migration bewegt und bildet die Gesellschaft“ (12).

Nach einer kurzen Vorstellung der einzelnen 16 Beiträge resümieren Yildiz und Hill: „Insgesamt wird in allen hier vorgestellten Beiträgen der Versuch unternommen, gängige Klassifizierungen und binäre Kategorien zu suspendieren, dafür hybride, mehrdeutige und ‚mehrheimische‘ Perspektiven ins Blickfeld zu rücken. Dies ermöglicht, gesellschaftliche Verhältnisse neu zu denken … (so werden) andere Lebensentwürfe, Geschichten und neue Genealogien der Gegenwart sichtbar, jenseits nationaler Narrative und Polarisierungen“ (16). Ich werde den Verdacht nicht los (vgl. die Sprache), die Autoren schreiben primär für ihre Zunft, die „scientific community“, und für sich (und ihre Karriere), nicht für ein breites migrationspolitisch interessiertes oder betroffenes Publikum – wozu dann kritische Migrationsforschung?

Der Band umfasst drei Hauptkapitel:

  1. „Migration bewegt die Forschung“ (mit Beiträgen von Erol Yildiz, Regina Römhild, Sabine Hess, Elke Tschernokoshewa und Mark Terkessidis),
  2. „Migration bewegt die Stadt“ (mit Aufsätzen von Wolf-Dietrich Bukow, dem als spiritus rector dieser Forschungsrichtung der Reader zum 70. Geburtstag gewidmet ist, Elke Krasny, Amila Sirbegovic, Angela Pilch Ortega, Marc Hill sowie Miriam Yildiz) und
  3. „Migration bewegt den Kulturbetrieb“ (mit Artikeln von Natalie Bayer, Brigitte Hipfl, Viktorija Ratkovic, Rosa Reitsamer / Rainer Prokop sowie Katrin Ackerl Konstantin / Rosalie Kopeinig) –

immerhin deutlich mehr Frauen als Männer, was begrüßenswert ist, aber gleichzeitig die tendenzielle Feminisierung dieses Lehr- und Forschungsbereichs belegt.

Da ich in dieser Rezension nicht auf alle Beiträge ausführlich eingehen kann, mache ich es pragmatisch und konzentriere mich auf die Artikel der Herausgeber sowie der KollegInnen, die eigens (wohl wegen ihres Bekanntheitsgrades = verlegerischer Werbeaspekt) auf dem Umschlagtext erwähnt werden: Sabine Hess, Regina Römhild, Marc Terkessidis und Wolf-Dieter Bukow.

Zu „Postmigrantische Perspektiven“

Erol Yildiz beleuchtet in seinem wohl als Theorieeinstieg konzipierten programmatischen Beitrag „postmigrantische Perspektiven“, verstanden als „Aufbruch in eine neue Geschichtlichkeit“. Er orientiert sich dabei stark am sog. „Postkolonialismusdiskurs“, um sich vom dominanten Migrationsdiskurszu distanzieren, um Migrationsforschung „neu zu denken“ und (auch) als „Gesellschaftsforschung“ zu betreiben. Er will dadurch wegkommen von der „binären Logik“, dem Denken in Dualismen („Wir und die Anderen“), einer am Nationalstaat orientierten homogenen Auffassung von „Kultur“ und „Identität“ und hinsteuern auf Aspekte und Konstrukte wie „Hybridität“, „Differenz“, „Ambivalenz“, um quasi eine „postkoloniale Gegenmoderne“ zu entwerfen.

Paradigmatisch, auch für den gesamten Reader, ist der Satz (21): „Die Idee der ‚Postmigration‘ (bedeutet) zunächst, die Geschichte der Migration neu zu erzählen und das gesamte Feld der Migration radikal neu zu denken, und zwar indem die Perspektiven derer eingenommen werden, die Migrationsprozesse direkt oder indirekt erlebt haben“. Problematisch ist dieses Postulat m.E., da es dem zu Recht kritisierten „binären“ (dualistischen) Denken verhaftet bleibt (hegemonialer Diskurs einerseits, neue Perspektive andererseits) und Migrationsforscher – mit und ohne Migrationserlebnis oder Perspektive – ebenfalls binär konstruiert, wobei u. a. unklar bleibt, was z.B. „indirektes Erleben von Migrationsprozessen“ meint.

Interessant, aber nicht unproblematisch ist, dass die „neue Perspektive“ bei Yildiz (und seinen MitstreiterInnen) nahezu ausschließlich die „Gastarbeiter“ und ihre Nachkommen ins Blickfeld nimmt, während andere Einwanderergruppen dadurch „marginalisiert“ werden und weil er das „Postmigrantische … als ein Kampfbegriff gegen ‚Migrantisierung‘ und Marginalisierung von Menschen“ begreift (22), da der Terminus „Migration“ in dieser Begrifflichkeit weiter vehement mitschwingt. Es erscheint mir nachhaltiger für ein „radikal neues Denken“ oder eine „kritische Migrationsforschung“, wenn man in einer Einwanderungsgesellschaft auf Begriffe wie „Migration“, „Kultur“, „Integration“ oder „Identität“, auch in ihren Zusammensetzungen (wie „Migrationshintergrund“, „hybride Identität“, „inter- oder multikulturell“ etc.), verzichtet. Ansonsten bleibt man dem binären (tendenziell rassistischen) Denken verhaftet („mit und ohne“, „hybrid“ und „normal“, „homogen und heterogen“, „Wir und die Anderen“).

Konsequenterweise müsste in diesem kritischen Entwurf und Kontext auch die empirische Variante bzw. die andere, die methodische Seite der Medaille (Kritische postmigrantische Forschung) angesprochen werden. Zu denken ist wohl an „oral history“ oder narrative Biographieforschung und Gruppendiskussionen, wodurch auch deutlich wird, dass nicht alles „neu“ ist, was als „neu“ bezeichnet wird.

Verdienstvoll und relevant an dem Ansatz von Yildiz (u.a.) ist in jedem Fall, dass die eindimensionalen „nationalstaatlichen Deutungen“ und Wortschöpfungen nunmehr in Frage gestellt werden, dass die Objekte der (traditionellen) Forschung zu Subjekten (zu Experten in eigener Sache – vgl. dazu ähnliche Ansätze in der Jugendforschung) werden oder dass – hier mein Vorschlag für einen Perspektiv- und Deutungswechsel – z.B. aus „Migrationshintergrund“ nun ein Migrationsvorder- oder -untergrund wird (letzteren Begriff habe ich einem persönlichen Gespräch mit Erol Yildiz entnommen).

Die resümierende sympathische Botschaft „In diesem Sinne ist das Postmigrantische implizit herrschaftskritisch. Es wirkt politisch provokativ und irritierend auf nationale Erzählungen und Deutungsmuster“ (31) les´ ich wohl, allein mir fehlen zumindest thesenartige gesellschaftstheoretische oder konkrete herrschafts- und machtkritische Ergänzungen mit Blick auf die Frage „In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?“ (vgl. dazu Pongs 2000a und 2000b).

Zu „Jenseits ethnischer Grenzen“

Regina Römhild, Professorin für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität, konstatiert in ihrem Essay „Jenseits ethnischer Grenzen“ eingangs eine „postmigrantische Gesellschaft“, diskutiert und kritisiert danach Termini wie „Kultur“ („gefährliche Idee“) sowie „kulturalisierende Zuschreibungen“ und eine „Politik der Ethnisierung“ (37f). Dagegen postuliert sie wortgewaltig, die „Migrationsforschung zu ‚entmigrantisieren‘, die Forschung über Gesellschaft und Kultur dagegen zu ‚migrantisieren‘“ (39), um schließlich alle gängigen Themen und Termini der Migrantionsforschung zu „kosmopolitisieren“. Ziel und Fazit sind schließlich, „von der ‚Migrantologie‘ zur postmigrantischen Kultur- und Gesellschaftsforschung“ zu gelangen (40ff) – alles klar? Mit Beispielen aus der Jugendkultur(en)forschung garniert sie ihre These, dass gesellschaftliche Räume und Orte in dieser neuen (ich ergänze: theoretischen und praktischen) Perspektive nunmehr migrantisiert und kosmopolitisiert betrachtet werden sollten. Das sind starke Termini und Postulate, die auf Über- bzw. Umsetzung drängen.

Zu „Politiken der (Un-)Sichtbarmachung“

Sabine Hess, Professorin für Kulturanthropologien / Europäische Ethnologie in Göttingen, kritisiert die kulturalistische und problembehaftete Betrachtung des Themas Migration/ Einwanderung, das gängige „Integrationsparadigma“ sowie einen „methodologischen Nationalismus“ (49ff). Sie spricht von einem „kulturalistischen und differentialistischen Rassismus“, von der „Dominanz des essentialistischen Kulturbegriffs“, einem ethnisierten Integrationsdiskurs sowie der „Religiösisierung der Einwanderungsthematik“ und einer „ökonomistischen Verwertungslogik“ – alles O.K. und abstrakt-theoretisch trefflich formuliert – nur: Wie erklär ich´s meinem Nachbarn, der abends zum Stammtisch geht? Weiter fällt mir auf, dass Hess es tunlichst vermeidet, auf die seit Jahren in Deutschland ähnlich gelagerte kritische Diskussion zu dieser Thematik einzugehen – was auch in ihrem Abriss der jüngsten Geschichte der deutschen Migrationsforschung deutlich wird (54ff). In anderen Worten: Ich ertappe mich beim Lesen immer wieder dabei zu denken: „Das hast Du (oder auch andere) doch vor zig Jahren ähnlich geschrieben“ (vgl. exemplarisch Griese 1984 oder 2002)!? Auch die Formulierung, „die bisherige Blickrichtung vom Kopf auf die Füße zu stellen“ (59), kommt mir sehr bekannt vor, habe ich doch 1984 (ebd. 21ff) mit Blick auf Karl Marx als Fazit einen „Aufruf“ formuliert, „die Ausländerpädagogik vom Kopf auf die Füße zu stellen“ – das war vor über 30 Jahren (vgl. auch den Untertitel zu Griese 2002)!

Zu „Kultur und Ökonomie“

Mit dem Ziel einer „Betriebsprüfung Kultur“ widmet sich Mark Terkessidis, der vor allem als freier Autor und Referent tätig ist, in seinem Beitrag dem Thema „Kultur und Ökonomie“, wobei er, ausgehend von einem Hinweis auf das „erfolgreichste Sachbuch der letzten Jahrzehnte“ von Thilo Sarrazin, den am (Bildungs-)Bürgertum orientierten traditionellen Kulturbetrieb kritisiert, der seiner Meinung nach die aktuelle Situation einer Einwanderungsgesellschaft, vor allem in den (westdeutschen) Großstädten, in denen „Vielheit als Normalität“ erscheint, nicht gerecht wird und „neu justiert“ werden müsste. Stattdessen entwirft er ein „Programm Interkultur“ (ohne den Begriff Interkultur zu problematisieren!), das sich am Konzept der „interkulturellen Öffnung … auch für den Kulturbereich“ orientiert (92): „Wenn sich die Kultureinrichtungen an die ganze Bevölkerung richten soll, muss in ihrem Personal auch die ganze Bevölkerung repräsentiert sein“ (99) – nichts Neues! Sein programmatisches Ziel ist die Partizipation aller Individuen an und die Nutzung von kulturellen Einrichtungen, „unabhängig von deren Herkunft“. Was die im Titel genannte „Ökonomie“ betrifft, so kommt mir dieser Aspekt zu kurz!

Zu „Mobilität und Diversität als Herausforderungen für eine inclusive city“

Im Beitrag „Mobilität und Diversität als Herausforderungen für eine inclusive city“ im 2. Kapitel „Migration bewegt die Stadt“ beginnt Wolf-Dietrich Bukow mit der These, dass man mit Blick auf die letzten 50 Jahre „durchaus von einer neuen Mobilität und einer neuen Diversität“ in der (Stadt-)Gesellschaft sprechen kann (105). Es geht ihm um die Frage, wie es angesichts dieser Prozesse um den Zusammenhalt und die Leistungsfähigkeit der (Groß-)Städte bestellt ist, wie das „Recht auf Differenz“ und urbane Partizipation postuliert, respektiert und anerkannt werden können. Eine vergleichende Analyse Frankreich-(West-)Deutschland zeigt nach Bukow, dass in Frankreich „Sozialrassismen“, in Deutschland eher „Kulturrassismus“ zur Erklärung und Argumentation im Kontext von „Stadtproblemen“ herangezogen werden. Gemeinsam ist beiden Ländern und den dort geführten Diskussionen, dass es in politisch-ökonomischer Perspektive „unnütze“ (proletarische Bürger) und „nützliche Einwanderer“ (Ärzte, Ingenieure) gibt. Bukow erinnert daran, dass das Ruhrgebiet quasi durch (Industrialisierung und) Einwanderung entstand und heute eher Probleme mit der Entindustrialisierung, nicht mit Einwanderung hat, denn die durch Migration entstandene „neue Mobilität und die neue Diversität“ sind zum „konstruktiven Merkmal moderner Stadtgesellschaften“ avanciert (111). Der Autor sieht ein im Weberschen Sinne „zweckrationales“ Verhältnis „zwischen Mobilität und Diversität einerseits und der Stadtgesellschaft andererseits“ (113), welches durch „Globalisierung“, „neue Medien“ und „Postmoderne“ mit-ausgelöst wurde. Den „Alltag der Stadtgesellschaft“ versteht Bukow als „lokalen Fußabdruck einer globalisierten Alltagswirklichkeit“, als „gelebte, informelle Form der Inklusion“ (117). Seiner Meinung nach geht es darum, dass Mobilität und Diversität als „immanenter Bestandteil der eigenen Wirklichkeitskonstruktion betrachtet werden“ (119), also, ich ergänze, für Großstädte in Einwanderungsländern normal sind. Wenn dem so ist, befinden wir uns gegenwärtig in einer „post-integrativen“ Debatte zu „Stadt ist Migration“, in der das „Doing difference“ bzw. das Recht auf Anderssein konstitutiv sind. Folglich wäre eine (sozialpolitische) Neuordnung angesagt, in der es um „mehr Gerechtigkeit“, den Abbau der „intersektionellen Aufsplitterung“ und um ein „Selbstverständnis der Stadtgesellschaft als einer ‚inclusive city‘“ geht (120f).

Zu „Postmigrantische Alltagspraxen von Jugendlichen“

Zuletzt will ich mich dem Aufsatz des Mit-Herausgebers Marc Hill zum Thema „Postmigrantische Alltagspraxen von Jugendlichen“ (171ff) widmen. Der Autor übernimmt die Daten (biographische Interviews, N = 30, Gruppendiskussionen) seiner qualitativen Dissertationsstudie zu „Lebensentwürfe von Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus marginalisierten Stadtvierteln“ (in Klagenfurt / Kärnten), deren Erfahrungen, Reaktionen, Lebens- und Bildungsstrategien er nun „postmigrantische Alltagspraxen“ nennt und als solche interpretiert. Mittlerweile sind in Einwanderungsgesellschaften Biographien globalisiert und Orte transnational. Andererseits bestimmt immer noch, so Marc Hill, ein „ethnisch-kulturell-religiös-territoriales Differenzdenken“ („Wir und die Anderen“, Einheimische und Ausländer) den (alltäglich-medialen und / oder auch akademischen?) Migrationsdiskurs. Hill beschreibt fünf „Lebensentwürfe von Jugendlichen“ (180ff), die dokumentieren, wie ironisch und kreativ, selbstbewusst und kritisch-reflexiv die jungen Leute sind, aber auch, welche diskriminierenden Erfahrungen der Nicht-Zugehörigkeit sie machen und welche Bedeutung die Familie für sie hat. Dadurch entsteht ein „anderer Blick auf Migration“. Die subjektiven Interpretationen der Jugendlichen bezeichnet Hill als postmigrantische Alltagspraxen, die wiederum „Bestandteil von urbanen Bildungsprozessen“ sind (190).

Diskussion und Fazit

Was bleibt angesichts der sechs (von 16) etwas näher betrachteten Beiträge, vor allem, weil eine wünschenswerte Zusammenfassung, ein Resümee oder ein (selbst-) kritischer Rückblick (Anspruch der Einleitung und Umsetzung durch die Beiträge) der Herausgeber ausbleibt?

Den Anspruch bzw. die Programmatik des Readers kann ich nur begrüßen, nämlich: einen anderen Blick, eine andere (theoretische) Perspektive auf Migration und das Postmigrantische („Nach der Migration“) zu werfen, Einwanderer als Subjekte und Geschichtenerzähler ernst zu nehmen und deren Interpretationen zu Wort kommen zu lassen (Anwaltsforschung!) sowie die Migrations- und Integrationsforschung in eine herrschaftskritische Gesellschaftstheorie überzuführen und Gesellschaftstheorie zu migrantisieren. Allerdings sehe ich den „hegemonialen Diskurs“ nicht so starr und unveränderlich, auch bezweifle ich einen gegenwärtigen Dualismus bzw. ein Differenzdenken oder binäre Kategorien in der aktuellen Migrationsforschung (darum geht es doch wohl, nicht um den Stammtisch oder die BILD-Zeitung?). Ich denke, wir sind da schon weiter, und es lohnt nicht, einen neuen Dualismus bzw. eine neue Differenz zwischen traditionaler (herrschender) und kritischer (radikal anderer) Migrationsforschung zu konstruieren, was nur Ab- und schließlich Aus-Grenzung zur Folge hat („Wir und die Anderen“!). Max Horkheimer hat seinen programmatischen Artikel „Traditionelle und kritische Theorie“ zu dieser m.E. mittlerweile überholten Polarisierung bereits 1927 (!) verfasst.

So sehr ich die Programmatik der „postmigrantischen Perspektive“ oder einer migrantischen Gesellschaftstheorie auch begrüße, „radikal neu“ ist da kaum etwas. Ein großer Teil der neueren, sich ebenfalls „kritisch“ und gesellschafts- bzw. machttheoretisch nennenden Migrationsforschung bleibt ausgeblendet (z.B. Mecheril u.a. 2013a und Mecheril u.a. 2013b). Überhaupt fällt mir auf, dass ältere Studien ignoriert werden, obwohl bereits in den 70er Jahren Anfänge eine kritischen makro- und gesellschaftstheoretischen Migrations- bzw. „Gastarbeiterforschung“, auch in postmigrantischer (!) Perspektive (vgl. exemplarisch Nikolinakos 1973) existierten. Migrationsforschung in Deutschland gibt es seit knapp 50 Jahren.

Problematisch ist m. E. weiter, dass das „radikal neue Denken“ zu eng und zu sehr auf (westdeutsche!) Großstädte fokussiert ist. Deutschland besteht nicht nur aus Köln, München oder Frankfurt, und Österreich ist mehr als Wien und Klagenfurt. Ich schreibe das aus der Perspektive des ostdeutschen Neubürgers, der in Sachsen-Anhalt auf dem strukturschwachen Lande wohnt! Was ist mit der Provinz?

Und wo lassen sich, bezogen auf das Postulat einer Migrationsforschung als kritische Gesellschaftstheorie, im Reader elaborierte Ansätze dazu erkennen? Ich bin, bis auf Hinweise, Postulierungen, starke Termini und brillante Formulierungen (vgl. Römhild) nicht fündig geworden. So sehr ich die Botschaft des Readers begrüße, für relevant und nachvollziehbar halte – es fehlt bisher die Umsetzung. Also warte ich neugierig auf die Fortsetzung des Projektes „postmigrantische Gesellschaftstheorie“.

Ich hätte mir daher ein eher alltagssprachlich und konkret formuliertes Fazit oder Resümee der Herausgeber gewünscht, das sich auch programmatisch an Kreise der Politik und Medien sowie an die Öffentlichkeit richtet. Wozu sonst eine kritische postmigrantische Forschung? Wer ist der Adressat dieser Forschung? Die kritische Sozialwissenschaft scheint sich von der (Einwanderungs-)Gesellschaft und ihrer Realität und Entwicklung mehr oder weniger abgekoppelt zu haben bzw. wurde von ihr exkludiert und betreibt so ihr eigenes Geschäft. Es geht aber bei diesem Thema um die vielzitierte „Mitte der Gesellschaft“, das „Bürgerbewusstsein“.

Ich weiß auch nicht, ob das postulierte „postmigrantische“ Paradigma wirklich ein radikales Neudenken zur Folge haben kann, da es am Migrationsbegriff und am binären Denken verhaftet bleibt. Außerdem verleitet es dazu, durch den Blick auf das Postmigrantische die aktuelle Einwanderung sowie die Perspektive der neuen Einwanderer zu vernachlässigen. Migration war nicht nur gestern (Gastarbeiter); sie findet kontinuierlich (Flüchtende) statt.

So finde ich viele Ansätze und Forderungen äußerst sympathisch und theoretisch angemessen und notwendig, z.B. „gesellschaftliche Verhältnisse neu zu denken“, die „postmigrantische Perspektive“ einzunehmen (können dies auch „Einheimische“?), die gängige Terminologie zu überdenken und zu modifizieren („Kultur“, „Integration“, „Identität“, „Migrationshintergrund“ usw.). Aber was sind die empirisch-methodischen Konsequenzen? Was bedeutet die neue Programmatik für die konkrete empirische Forschung? Wie sollte methodenadäquat reagiert werden? In anderen Worten: Eine Methodendiskussion innerhalb der „postmigrantischen Perspektive“ bzw. ein eigener Beitrag dazu fehlt gänzlich! Liebe KollegInnen: Es gibt noch viel zu tun – packt es an!

Literatur

  • Griese, Hartmut M. (Hrsg.) (1984): Der gläserne Fremde. Bilanz und Kritik der Gastarbeiterforschung und der Ausländerpädagogik. Opladen. Leske
  • Ders. (2002): Kritik der ‚Interkulturellen Pädagogik‘. Essays gegen Kulturalisierung, Ethnisierung, Entpolitisierung und einen latenten Rassismus. Münster: LIT-Verlag
  • Horkheimer, Max (1927): Traditionelle und kritische Theorie. In: Zeitschrift für Sozialforschung
  • Mecheril, Paul u.a. (Hrsg.) (2013a): Migrationsforschung als Kritik? Konturen einer Forschungsperspektive. Wiesbaden. VS
  • Mecheril, Paul u.a. (Hrsg.) (2013b): Migrationsforschung als Kritik? Spielräume kritischer Migrationsforschung. Wiesbaden. VS
  • Nikolinakos, Marios (1973): Politische Ökonomie der Gastarbeiterfrage. Migration und Kapitalismus. Reinbek. Rowohlt
  • Pongs, Armin (2000): In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? 2 Bände. München. Dilemma Verlag

Rezension von
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.
ISEF-Institut (Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung
Website
Mailformular

Es gibt 85 Rezensionen von Hartmut M. Griese.

Kommentare

Anmerkung der Redaktion:

Eine kürzere Version dieser Rezension ist in der EWR 15 (2015) Nr. 4 (Juli/ August) veröffentlicht worden.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 03.08.2015 zu: Erol Yıldız, Marc Hill (Hrsg.): Nach der Migration. Postmigrantische Perspektiven jenseits der Parallelgesellschaft ; [gewidmet Wolf-Dietrich Bukow zum 70. Geburtstag]. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-2504-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19325.php, Datum des Zugriffs 14.08.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht