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Thomas Köhler-Saretzki: Sichere Kinder brauchen starke Wurzeln

Cover Thomas Köhler-Saretzki: Sichere Kinder brauchen starke Wurzeln. Wegweiser für den Umgang mit bindungsbeeinträchtigten Kindern und Jugendlichen. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2014. 64 Seiten. ISBN 978-3-8248-1171-7. 9,49 EUR, CH: 13,50 sFr.
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Thema

Der als Ratgeber daherkommende schmale Band, soll Fachleute, Angehörige wie auch Betroffene kurz, prägnant und bündig über das Thema Bindung, die Bindungsstörung und die damit verbundenen Folgen bei Kindern und Jugendlichen aufklären. Zudem sollen konkrete Hinweise auf Umgangs- und Fördermöglichkeiten zum Thema gegeben werden.

Autor

Dr. Thomas Köhler-Saretzki ist Diplom-Psychologe und leitet eine Familienberatungsstelle in Köln. Zuvor hat er jahrelange therapeutische Arbeitserfahrung in der stationären Kinder- und Jugendhilfe sammeln können und auch zum Thema Heimerziehung promoviert.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist in der Reihe „Ratgeber für Angehörige, Betroffene und Fachleute“ erschienen, die vom Deutschen Verband der Ergotherapeuten (DVE) herausgegeben wird. Die Reihe soll zu ausgewählten Themen der Medizin, Sprach- und Ergotherapie kompetente und wissenschaftlich fundierte Informationen bieten.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des knapp mehr als 60 Seiten umfassenden Büchleins gliedert sich lose in mehrere Kapitel. Im Wesentlichen können dabei zwei, nicht weiter gekennzeichnete größere Abschnitte unterschieden werden: Einen ersten Abschnitt der über Bindung ganz allgemein und gestörte Bindungen im Speziellen informiert und einen zweiten Abschnitt, der sich mit dem Umgang mit bindungsbeeinträchtigten jungen Menschen, speziell pädagogischen bis hin zu therapeutischen Möglichkeiten befasst.

Der erste Abschnitt beginnt mit einer kurzen Fallschilderung, die ein bindungsgestörtes Verhalten, aber auch die Probleme, die sich sowohl für das betroffene Kind, als auch für Erwachsene und Fachleute auftun skizziert. Die nächsten beiden Kapitel erklären die wichtigsten Begriffe der Bindungstheorie sehr praxisbezogen und stellen die grundlegende Erkenntnis der Bindungsforschung, die Unterscheidung der Eltern-Kind-Bindung in drei organisierte Bindungsmuster und die Bindungsdesorganisation, dar. Die nächsten drei Kapitel widmen sich dann dem Thema Bindungsstörungen, wobei zunächst die Aufmerksamkeit auf die kinder- und jugendpsychiatrische Klassifikation nach ICD-10 gelegt wird. Kurz darauf werden in einer starken Verkürzung einige weitere Bindungsstörungen vorgestellt, wie Sie die klinische Bindungsforschung für die therapeutische Praxis abseits der medizinischen Krankheitsklassifikationen beschrieben hat. Im Weiteren wird dann auf die Fragen eingegangen, wie Bindungsstörungen entstehen und welche Herausforderungen dabei (mitunter gleichzeitig) auftreten können.

Der zweite Abschnitt widmet sich der konkreten (erzieherischen) Praxis und gibt Antworten auf die Frage, was man tun bzw. was man vermeiden sollte. Zunächst werden dabei die nahestehenden und (mit)erziehenden Verwandten, Angehörigen und natürlich insbesondere die Eltern (einschließlich Pflege- und Adoptiveltern) angesprochen. Die Ausführungen münden dabei unmittelbar in praktisch angelegten Hinweisen für den Alltag mit bindungsunsicheren und -gestörten Kindern. In weiteren Unterpunkten werden die Fachkräfte der stationären Jugendhilfe sowie später Berater und Therapeuten in Therapie- und Beratungseinrichtungen (wie Familienberatungsstellen) gesondert angesprochen. Hier werden pädagogische Methoden und Zielsetzungen thematisiert, wie die Etablierung von Ersatzbindungspersonen, der Abbau von Aggressionen, der Aufbau von Selbstwert und die Verbesserung von Eigensteuerung. Insbesondere für die Tätigkeit im Heimkontext wird auch auf die begleitende Arbeit mit den leiblichen Eltern eingegangen. Die Arbeit der institutionell angestellten oder niedergelassenen Berater/Therapeuten wird zunächst anhand wichtiger Grundbausteine skizziert (z.B. tragfähige Beziehung und Bindung als übergeordnete Wirkfaktoren in erfolgreichen Therapieverläufen, Bedeutsamkeit von Beginn, Unterbrechung und Ende einer Therapie). Insbesondere werden in diesem Kapitel die speziellen Möglichkeiten einer Eltern-Säuglings-Psychotherapie und essentiellen Bedingungen bei einer bindungsorientierten Therapie von Kindern und Jugendlichen benannt. In einem Schlusswort kommt der Autor nochmal auf das eingangs des Ratgebers erwähnte Fallbeispiel zurück und nennt einige Adressen zum Thema Bindung/Behandlung von Bindungsstörungen.

Diskussion

Das Thema Bindung ist seit einigen Jahren stärker in den Fokus der (sozial-)pädagogischen Praxis und (Psycho-)Therapie geraten. Auch wissenschaftlich ist dieses Gebiet außerordentlich gut beforscht und die Erkenntnisse regen die in der Praxis Tätigen in ihrem Handeln an. Dennoch gibt es bislang kaum Literatur, die für Eltern oder Angehörige zu diesem Thema einschlägig wäre. Der vorliegende Ratgeber bildet hier eine Ausnahme, da er das Thema Bindung nicht im Wagen oder Allgemeinen (z.B. einer „guten“ Beziehung) belässt, sondern versucht spezifisch und trotzdem verständlich die Grundzüge von gelingenden und vor allem nicht gelingenden Bindungen aufzuzeigen. Dass dies bei einem derart kurz gehaltenen Buch nicht in die Tiefe gehen kann, muss nicht näher erläutert werden. Dennoch gelingt es dem Autor an vielen Stellen prägnant alles Bedeutsame in unkomplizierter Sprache zu raffen.

Die zweifarbige Gestaltung des Ratgebers mit vielen Herausstellungen und Hervorhebungen, Hinweis- und Merkkästen helfen ebenfalls dabei, dieses sicherlich nicht leichte Thema Bindungsstörungen und Interventionen bei beeinträchtigter/gestörter Bindung, anschaulich und eingängig zu halten.

Dem Buch ist die berufliche Herkunft des Autors anzumerken und das im positiven Sinne. Thomas Köhler-Saretzki wirkt nie von seinen Beschreibungen distanziert, spickt den Text mit einer Vielzahl praktischer Beispiele und scheut sich dabei nicht Position zu beziehen: „Kein Kuscheln auf Befehl“! (S. 37). Besonders im Teil-Kapitel über die bindungssensiblen Umgangsmöglichkeiten von Fachkräften in der stationären Jugendhilfe, wird der reiche Erfahrungsschatz des Autors offenbar. Auch wenn hier nicht ausschließlich auf die „Behandlung von Bindungsstörungen“ eingegangen wird, sondern auch allgemeine erzieherische Ratschläge mit einfließen, kann es Praktikern eine äußerst hilfreiche (Bindungs-)Orientierung im Umgang mit ihren zuweilen schwierigen Klienten bieten.

Fazit

Das Buch richtet sich, wie bereits oben deutlich gemacht, als Ratgeber an Angehörige, Betroffene und nicht zuletzt auch an Fachkräfte. Es ist in seiner Kürze zu einem durchaus vielschichtigen Thema sehr gut aufbereitet und mit vielen praktischen Hinweisen und musterhaften Beispielen gespickt. Es gibt in Relation zu seinem Rahmen fundierte Informationen für Heimerzieher, Heilpädagogen, Sozialarbeiter, Psychologen und andere therapeutische Fachkräfte zum Thema Bindung, Bindungsstörungen und dem Umgang mit hochunsicher gebundenen jungen Menschen (und in Ansätzen auch ihren Eltern). Aufgrund seiner im ersten Abschnitt zuweilen stärker fachlich geprägten Darstellungen ist der Ratgeber sicherlich für manche Eltern oder gar betroffene Jugendliche nur eingeschränkt zu empfehlen, auch wenn ein am Ende angefügtes Glossar mit den schwierigsten Fachbegriffen hier versucht Abhilfe zu schaffen. So hat das Büchlein aus meiner Sicht eher eine ratgebende Funktion für Fachkräfte in der Jugendhilfe, für interessierte Lehrerinnen und Pädagogen und für alle, die mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen arbeiten und ihren Blickwinkel Richtung Bindung erweitern wollen.

Das Buch ist uneingeschränkt auch allen Erziehungs-, Familien- und Jugendberatungsstellen zu empfehlen, da es über eine Rezeption von anerkanntem Bindungswissen hinausgeht und eine Vielzahl konkreter Interventionshinweise enthält.


Rezensent
Dipl.-Sozialpäd. Mathias Berg
M.A., Mitarbeiter einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Doktorand an der Universität Siegen
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Zitiervorschlag
Mathias Berg. Rezension vom 04.09.2015 zu: Thomas Köhler-Saretzki: Sichere Kinder brauchen starke Wurzeln. Wegweiser für den Umgang mit bindungsbeeinträchtigten Kindern und Jugendlichen. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2014. ISBN 978-3-8248-1171-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19326.php, Datum des Zugriffs 22.04.2019.


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