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Jürgen Hargens: Keine Tricks! Erfahrungen lösungsfokussierter Therapie

Cover Jürgen Hargens: Keine Tricks! Erfahrungen lösungsfokussierter Therapie. Ein persönlicher Rückblick. wilob AG (Lenzburg) 2015. 120 Seiten. ISBN 978-3-033-04987-1. 22,90 EUR.
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Thema

Therapie lässt sich als kommunikatives Zusammenspiel der Beteiligten beschreiben. Hier bringt der Therapeut/die Therapeutin ihre professionelle Haltung, ihre Methodenkompetenz und ihr Erfahrungswissen ein. Das traditionelle Denken einer Unterscheidung von Experten (= Fachmann/-frau) und Laien (= Klient/Klientin) ist dabei (noch) weit verbreitet.

Jürgen Hargens formuliert mit seiner Bezeichnung der Klienten als „kundige Menschen“ dazu einen Kontrapunkt. Es ging bzw. geht ihm darum in der Beziehungsgestaltung die Notwendigkeit und den Gewinn einer ressourcenorientierten Perspektive zu belegen und in ihrer Umsetzung weiterzuschreiben. Er sieht die Klienten mit allem ausgestattet, dass zur Problemlösung notwendig ist. Hier schließt Jürgen Hargens an systemische Überzeugungen an und ging bzw. geht mit seiner lösungsfokussierten Arbeitsweise eigene Wege.

Auf der Grundlage seiner langjährigen therapeutischen Praxis und in enger Bezugnahme auf das konstruktivistische Denken lässt er die Leser an seinen Ideen zur Gestaltung der (therapeutischen) Arbeit teilhaben. Er argumentiert dabei gleichzeitig erfahrungs- und theoriebasiert, stützt sich darüber hinaus auch auf empirische Argumente. So verweist er auf die Wirksamkeitsstudien zu psychotherapeutischen Verfahren, die belegen, dass Klientenerwartungen und extratherapeutische Ereignisse (Veränderungen im Leben der Klienten) zentrale Wirkfaktoren sind. Dies führt Jürgen Hargens als Argumente für den Klienteneinfluss und die Verantwortung der Klienten im therapeutischen Prozess ein.

Es ist immer wieder anregend und faszinierend den Pionieren therapeutischer Ansätze – und Jürgen Hargens steht in Deutschland für die Weiterentwicklung des lösungsfokussierten Ansatzes – zuzuhören wenn sie aus ihrem Erfahrungsschatz berichten. In diesem Sinne steht der Autor seit den 80er Jahren für die Weiterentwicklung systemischer und lösungsfokussierter Konzepte zur Gestaltung konstruktiver Kooperation im beraterischen und therapeutischen Kontext.

Entstehungshintergrund

Das Buch stützt sich auf die langjährige Erfahrung und Expertise des Autors in seiner therapeutischen Arbeit, als Trainer in Weiterbildungen, als Herausgeber der „Zeitschrift für systemische Therapie“ und als Autor zahlreicher Fachbeträge und Bücher. Jürgen Hargens will resümierend einen Einblick in seine therapeutischen Leitideen und Praxiserfahrungen geben. Insbesondere gilt es ihm neben den Grundsätzen für die lösungsfokussierte therapeutische Arbeit die dafür gebotene sprachliche Genauigkeit im Umgang mit den Klientenanliegen und der gleichfalls erforderlichen Würdigung des Leides der Klienten zu verdeutlichen.

Aufbau und Inhalt

Jürgen Hargens gliedert sein Buch in drei Teile.

Nach einleitenden Worten folgt ein erster Teil, den er mit „Praktische Theorie“ überschreibt. Dem schließt sich ein zweiter Teil zur „Praktischen Arbeit“ und ein dritter Teil mit einer komprimierten Fallschilderung (… und so könnte es aussehen …) der Zweitsitzung mit einem Klienten an.

Einführend skizziert Jürgen Hargens den Ausgangspunkt seiner therapeutischen Arbeit in der nicht viel mehr als eine Idee – systemisch zu arbeiten – und ein Buch (Selvini-Palazzoli et al. 1977. Paradoxon und Gegenparadoxon) vorhanden waren. In dieser Situation blieb ihm gleichsam bloß die Rolle des Sich-selbst-Erfindens. Dies führte den Autor von systemischen zu lösungsfokussierten, narrativen und reflektierenden Ideen. Schließlich rahmte er sein Tun bzw. seine Position vor einigen Jahren anlässlich des Jubiläums des Weiterbildungsgangs Lösungs- und Kompetenzorientierung an der Fachhochschule Luzern (FB Soziale Arbeit) auf eine humorvolle Weise mit dem Begriff des „ressourcenorientierten Vereinfachers“. Dreh- und Angelpunkt sind ihm dabei das spielerische Selbst-Infragestellen und die Freude daran neue Antworten auf die Frage „Was machst Du eigentlich…?“ zu suchen.

Die Einführung nutzt der Autor zu einem zielfokussierenden Dia-(Mono-)Log mit dem Leser bzw. der Leserin. Dabei wendet er lösungsfokussierte Fragen auf die Ansprache der Leser dieses Buches an, um Sie in der Zielformulierung beim Lesen des Buches zu begleiten bzw. dazu anzuregen. Die vorangestellten beiden Anekdoten laden zum Schmunzeln ein.

Teil 1 zur Praktischen Theorie wird von Jürgen Hargens mit Ausführungen zur Bedeutung des radikalen Konstruktivismus für das Erleben und Handeln allgemein und seine praktischen Implikationen für die therapeutische Arbeit begonnen.

Er beschreibt im Folgenden den Einfluss von Erwartungen und die fließenden Übergänge zur Bewertung des Klientenhandeln, -denken und -fühlen durch die Therapeuten. An einem Fallbeispiel verdeutlicht er die These, dass in jeder Klage auch eine Kompetenz und Ressource liegt. Mit dem Ziel einer tragfähigen Arbeitsbeziehung verbindet er auf der sprachlichen Ebene seine Strategie des „Ververbens“, d.h. der Umformulierung der Ziele in Tu-Wörter. Damit unterstreicht Jürgen Hargens die Bedeutung der handlungsorientierten Zielbeschreibungen im Verhältnis zu der bei helfenden Berufen häufig anzutreffenden Suche nach Erklärungsmodellen (häufig verbunden mit Substantivierungen).

Bei der Zielexploration gilt für ihn der Grundsatz „nicht zu schnell zu verstehen“, um die Selbstexploration zu vertiefen und (sprachliche) Unterschiede in ihrer Bedeutung für das Denken, Handeln und Empfinden sichtbar zu machen. Als weitere sprachliche Rahmung seines Tuns – quasi eine Normalisierung – spricht der Autor bei der (Veränderungs-)Arbeit mit dem kundigen Menschen nicht von Psychotherapie sondern benutzt den Begriff der Arbeit, da er die Gefahr einer pathologisierenden Bedeutungszuschreibung (verbunden mit persönlicher Abwertung und Selbstwertminderung) sieht.

Wichtiger als eine klinische Diagnose (das steht in der krankenkassenfinanzierten Psychotherapie am Anfang) sind die Ziele, denen Jürgen Hargens die Funktion von „Wegmarkierungen“ zuschreibt, anhand derer erkannt werden kann, ob die Richtung der Veränderungsarbeit (noch) stimmt. Im Weiteren beschreibt er den Konkretisierungsprozess von Zielen und die Exploration von Nützlichkeitsüberlegungen von Zielhandlungen.

Teil 2 vollzieht einen weiteren Schritt in Richtung Konkretisierung und Methodenexploration. Es bietet den Lesern darüber hinaus als gelegentliche Einschübe „Ideen und Anregungen“ zum Nachdenken, zur Selbstreflexion oder für eigene Experimente im Kontext therapeutischen Handelns. In diesem Teil erläutert der Autor beginnend bei der Kontaktaufnahme zum Klienten seine Arbeitsweise, legt dabei einen Schwerpunkt auf die Beziehungsgestaltung im Joining und die Arbeitsprinzipien des „Nicht zu schnell verstehen“, des „Liebevoll abklopfen“ (des explorierenden Nachfragen) und des (verstörenden) konstruktivistisch-kreativen Missverstehens. Wichtig für die kooperative (Arbeits-)Beziehung zum Klienten ist es für ihn insbesondere gegen mögliche Wahrnehmungen von Schuld (an der Entstehung des Problems) bzw. der Psychotherapie als einer Prüfungssituation zu arbeiten. Insofern ist ihm die Grundregel des (auf die angekündigten Fragen) „Nicht-Antworten-zu-dürfen“ durch die Klienten als eine durch den Therapeuten eingebrachte Regel/Setzung hilfreich.

Den Lesern werden in diesem Teil neben Aspekten der Grundhaltung methodische Alternativen für Fragen und Interaktionsverläufe mit dem Klienten aufgezeigt. Insbesondere verweist Jürgen Hargens auf Handlungsoptionen bei verschiedenen Antworten, die von Therapeuten als nicht so leicht anschlussfähig wahrgenommen werden könnten. Er greift als mögliche Klienten(selbst)beschreibung „Ich bin ein Nichts“ und „Leben mit wenig Hoffnung“ auf. In der sprachlichen Gestaltung geht der Autor auf Sprachmuster ein und beschreibt den Umgang mit Füllwörtern, verschiedenen Zeitformen, den Unterschieden zwischen Nomen und Verben sowie Vermutungen und Annahmen.

Beim Arbeitsprinzip der Transparenz geht es dem Autoren um die Darlegung seiner Arbeitsweise, das Beschreiben seiner Gedanken und Schlussfolgerungen in einfacher Sprache und das Vermeiden von Fach- und Fremdwörtern. Hier wirbt Jürgen Hargens für den Gewinn von Formulierungen im Konjunktiv, die zwar sprachlich etwas kompliziert wirken, es den Klienten jedoch erleichtert Überlegungen des Therapeuten anzunehmen oder abzulehnen.

Teil 3 beinhaltet eine komprimierte Fallschilderung (… und so könnte es aussehen …) der Zweitsitzung mit einem Klienten. Dies ist eine Blaupause, d.h. eine Komprimierung von Gesprächssituationen und kein Wortprotokoll. Jürgen Hargens beschreibt die Arbeit mit einem vom Arzt wegen einer beruflichen und privaten Überlastung überwiesenen Klienten. Es werden zwei Verläufe eines Zweitgesprächs beschrieben.

„Zum Abschluss“ betitelt der Autor sein Schlusswort, indem er auf einen immerwährenden Veränderungsprozess verweist und damit den Lesern (nochmals) beschreibt, warum ihm seine (therapeutischen) Arbeit immerfort interessiert/inspirierend und er (auch nach vielen Berufsjahren) angeregt mit kundigen Menschen kooperiert. Den abschließenden Dank richtet Jürgen Hargens an die ihn inspirierenden und unterstützende Menschen und die Korrekturleser/-leserinnen.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an alle, die es lesen wollen. Aber konkret: Auch ohne eigene Zielgruppenempfehlung – dies würde sich m.E. auch aus dem Denken von Jürgen Hargens verbieten – sind alle Therapeuten/Therapeutinnen, Berater/Beraterinnen und psychosoziale Fachkräfte in sozialen Diensten angesprochen, die sich mit praktischer Theorie und handlungsorientierten Grundsätzen des lösungsfokussierten Arbeitens beschäftigen und von einem immer wieder fragenden deutschen Pionier des lösungsfokussierten Ansatzes profitieren wollen.

Diskussion

Jürgen Hargens steht in Deutschland für die Weiterentwicklung des lösungsfokussierten Ansatzes. Das Buch ist ein persönliches Resümee über seinen Arbeitsstil und die sprachlich-methodische Gestaltung seiner Arbeit, verbunden mit Argumenten und Querverweisen auf Weggefährten und Kollegen mit denen er Ansichten und Positionen teilt. Von diesen Querverweisen würde ich mir mehr wünschen, um noch mehr Einblick in die Vernetzung der Gedanken und bestehende Kontroversen in der lösungsfokussierten Community zu erhalten.

Besonders profitieren können Kollegen und Kolleginnen, die sich in Weiterbildung befinden und ihren Arbeitsstil weiterentwickeln wollen. Hierfür gibt Jürgen Hargens einen interessanten Einblick in seine Praxis und seine Denkwelt. Besonders können die Leser auch von den Ideen und Anregungen profitieren, die zur vertiefenden Selbstexploration einladen.

Als Lektüre für Studierende in helfenden Berufen wäre das Buch eine inspirierende Lektüre, die allerdings Grundlagen der systemischen bzw. lösungsfokussierten Beratungsmethodik voraussetzt. So würde ich dies eher in beratungsorientierten Master-Studiengängen als vertiefende Lektüre empfehlen.

Als Leserservice wäre ein Stichwortverzeichnis hilfreich. Daneben wünschte ich mir weiterführende Literaturempfehlungen.

Fazit

Es ist immer wieder anregend den Pionieren therapeutischer Ansätze zuzuhören wenn sie ihre Perspektive auf das therapeutische Handeln erläutern. In klaren Worten (Keine Tricks!) beschreibt Jürgen Hargens die Grundsätze seiner Arbeit. Als streitbarer Geist setzt er sich für die Weiterentwicklung des lösungsfokussierten Denkens und Handelns ein. Die Arbeit liegt dabei in der ständig geforderten Selbstreflexion und der Anregung zum vertiefenden (Selbst-)Verstehen der Klienten. Besonders wichtig sind ihm dabei die sprachlichen Implikationen des eigenen und des Handelns der „kundigen Menschen“.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Balz. Rezension vom 21.08.2015 zu: Jürgen Hargens: Keine Tricks! Erfahrungen lösungsfokussierter Therapie. Ein persönlicher Rückblick. wilob AG (Lenzburg) 2015. ISBN 978-3-033-04987-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19329.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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