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Markus Jüster: Die verfehlte Modernisierung der Freien Wohlfahrtspflege

Cover Markus Jüster: Die verfehlte Modernisierung der Freien Wohlfahrtspflege. Eine institutionalistische Analyse der Sozialwirtschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 563 Seiten. ISBN 978-3-8487-1448-3. D: 119,00 EUR, A: 122,40 EUR, CH: 165,00 sFr.
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Thema

Seit den 1990er Jahren haben sich im Feld der personenbezogenen sozialen Dienstleistungen gravierende Veränderungen der Finanzierung und der Wettbewerbsordnung vollzogen. Ein Kennzeichen dieses Wandlungsprozesses ist, dass der öffentlichen Träger sich immer weiter auf die Funktion der Gewährleistung zurückgezogen hat und die Leistungserbringung in einem Quasi-Markt von gemeinnützigen und privat-gewerblichen Trägern stattfindet. Umfassende theoretische und empirische Forschungen zu diesbezüglichen Anpassungsstrategien der Freien Wohlfahrtspflege wurden bis dato nicht in größerer Zahl vorgelegt.

Entstehungshintergrund

Markus Jüster hat sich zum Ziel gesetzt, die strukturellen Veränderungen der Wohlfahrtsverbände und ihrer Mitgliedsorganisationen seit 1995 zu beschreiben und sie vor dem Hintergrund der neuen Rahmenbedingungen mit Hilfe des kybernetischen Ansatzes und der neoinstitutionalistischen Perspektive zu analysieren. Seine These ist, dass die Freie Wohlfahrtspflege auf die Neuerungen mit einer spezifischen „Modernisierung“ reagiert hat, welche als „managerielle“ Orientierung an die neuen ökonomischen Rahmenbedingungen der Dienste und Einrichtungen interpretiert werden kann. Die Publikation entspricht der Habilitationsschrift des Autors.

Autor

Markus Jüster hat eine langjährige Berufserfahrung im Bereich der Sozialen Arbeit sowie als Berater und Lehrkraft im In- und Ausland. Er ist Leiter des Masterstudiengangs Supervision, Organisationsberatung und Coaching in Kempten.

Aufbau und Inhalte

Die Publikation enthält fünf Kapitel.

In Kapitel A „Die verfehlte Modernisierung“ erläutert der Autor den Forschungsgegenstand, entwickelt seine Fragestellung und präsentiert seine Hypothesen. Im Kern geht er davon aus, dass die Verinnerlichung ökonomischer Imperative zu Irritationen im bisherigen verbandlichen Selbstbild geführt hat und sowohl Identität als auch Legitimität der Freien Wohlfahrtspflege in Gefahr geraten. In diesem ersten Kapitel werden darüber hinaus die Methodik der Untersuchung vorgestellt sowie der Forschungsstand erörtert.

In Kapitel B „Strukturgenese der Organisation Sozialer Arbeit im neuen Jahrtausend: Blick auf Historie, Praxisfeld und Theoriebildung“ werden zunächst ausführlich historische Rahmenstrukturen und sinngebende Parameter der (Freien) Wohlfahrtspflege in Deutschland dargelegt. Markus Jüster schlägt in seiner Untersuchung einen Bogen von der frühen Neuzeit bis hin zu einzelnen Phasen der bundesrepublikanischen Entwicklung. Im Kontext der Theoriebildung betrachtet der Autor insbesondere theoretische Ansätze, die sich mit Wohlfahrtspflege zwischen Markt und Staat befassen. Es werden unter anderem ein sozialwirtschaftlicher Kontext entwickelt und Akteure der Wohlfahrtsproduktion beschrieben. Im Zusammenhang mit der Steuerung des wohlfahrtsstaatlichen Gefüges werden insbesondere die leistungsrechtlichen Veränderungen seit Mitte der 1990er Jahre analysiert. Ebenfalls in diesem zweiten Kapitel enthalten sind Exkurse zu Steuerung sowie zur ökonomischen Entwicklung des Sozialbudgets und der Sozialleistungssysteme.

Im Kapitel C „Zwischen Kontraktmanagement und Subsidiarität: Kultur, Struktur, Eigensinn und Leistungen der Freien Wohlfahrtspflege“ untersucht Markus Jüster kritisch die Entwicklung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, der Arbeiterwohlfahrt, des Deutschen Caritasverbandes sowie des Diakonischen Werks der EKD. Insbesondere der Befund zur „Übernahme fremder Logiken in die verbandliche Struktur als Überlebensstrategie“ zieht sich hier wie ein roter Faden durch die Analyse der genannten Institutionen. Klassische Modelle der Subsidiarität beginnen nach Einschätzung des Autors im Zuge dieser Entwicklungen zu erodieren. Eine eindimensionale Entwicklung in den Verbänden bringe die Gefahr des Identitätsverlustes mit sich. So wird im Zusammenhang mit der Diakonie festgestellt, dass „religiöse Programme zwar die innerverbandlichen Diskussionen mit prägen, in Satzungen und Statuten immer ihre festen Plätze finden, das Alltagshandeln diakonischer Einrichtungen jedoch konkurrierend von einer ökonomischen Logik getragen wird, welche in den einrichtungsinternen Entscheidungsprozessen zunehmend zu einer spirituellen Indifferenz führen“.

Im Kapitel D „Diskurse zwischen Fremd- und Selbststeuerung: Organisationsdynamiken in der Wohlfahrtspflege im neuen Jahrtausend“ greift Markus Jüster noch einmal die im zweiten Kapitel entwickelten theoretischen Grundlagen auf. Anhand dieser betrachtet er Prozesse der Ökonomisierung der Wohlfahrtspflege, verweist jedoch auch auf den Umstand, dass im Zuge der von staatlicher Seite initiieren wettbewerblichen Ausrichtung des Wohlfahrtsmarktes spezifische Reaktionsweisen der Freien Wohlfahrtspflege erfolgt sind. Diese führten in vielen Fällen zu einer Stärkung der Marktmacht der etablierten Träger sowie zu signifikanten Konzentrationsprozessen auf verschiedenen Ebenen der Einrichtungen, Dienste und Trägerschaften. Dabei wird „in allen drei Verbänden die Veränderung mit äußeren Gegebenheiten und Notwendigkeiten begründet, welche es dann gilt in einem Anpassungsprozess innerhalb der Verbände, Dienste und Einrichtungen nachzubilden. Der Gedanke der sozialpolitischen Einflussnahme und Gestaltung wird wenig diskutiert“. Daraus ergeben sich spezifische Gefahren für die Zukunft der Verbände. Markus Jüster nennt unter anderem eine „dauerhafte Differenz zwischen vorgetragenem sozialpolitischen Anspruch und mangelnder Fürsorge für die eigenen Beschäftigten“, einen aus dieser Entwicklung resultierenden „Verlust öffentlichen Ansehens“, einen „Verlust an Vertrauen in der eigenen Mitgliederbasis“ sowie einen „zunehmenden Verlust an Fachkräften und den daraus resultierenden Risiken in der Wertschöpfung“.

Im abschließenden Kapitel E „Normativität und Reflexivität: Chiffren einer zukünftigen Wohlfahrtspflege?“ skizziert Markus Jüster die neuen Rahmenbedingungen eines Wohlfahrtsstaates, der eine ungezügelte Leistungsausweitung erfahren muss, die Träger der freien Wohlfahrtspflege als Leistungserbringer zwar im Markt erfolgreich, jedoch unter dauerhafter Unsicherheit sowie unter Verlust einer Mitgliederbasis und eines Engagements in kommunalen Bezügen agieren. Unter anderem wird die Frage aufgeworfen, ob Wohlfahrtsverbände in der Lage sind, „Kristallisationspunkte freien Engagements“ sein zu können. Eine Alternative könnte nach seiner Ansicht sein, „im lokalen Raum moderierend wie integrierend“ zu wirken und als „attraktiver Partner für soziale Bewegung und bürgerschaftliches Engagement“ wahrgenommen zu werden. Allerdings zeige die Entwicklung der Wohlfahrtsverbände in den vergangenen Jahren „doch gemeinhin eine andere Tendenz“.

Diskussion

Markus Jüster gelingt es, am Beispiel von AWO, Caritas und Diakonie zu belegen, dass eindimensionale Anpassungsstrategien der Freien Wohlfahrtspflege an die Veränderungen der Finanzierung und der Wettbewerbsordnung im Sektor der personenbezogenen sozialen Dienstleistungen Wirkung gezeigt haben. Ein Import von elementaren Teilen der marktlichen Logik hat nach den Befunden seiner umfangreichen Untersuchung zu einer weiteren quantitativen Expansion – und damit zu einem gewissen Erfolg – geführt, allerdings einen „paradoxen Effekt“ ausgelöst. Denn in den Verbänden wüchsen doppelte und oligopole Strukturen, vor allem eine „Entbettung aus kommunalen Strukturen“ sei erkennbar. Flankiert werde dieser Prozess von „erheblichen innerverbandlichen Spannungen“.

Trotz gelegentlicher Unschärfen und einiger Redundanzen im Text ist eine Reihe von Befunden dieser Studie nicht ganz leicht von der Hand zu weisen. Bedenklich stimmt neben den bereits dargestellten Statements und den scheinbaren „Alternativlosigkeiten“ auch die These von Markus Jüster, wonach das Konkurrenzverhalten der von ihm untersuchten Wohlfahrtsverbände „im Grunde genommen zunächst auf dem Rücken der Beschäftigten“ stattfindet und mittelbar davon auszugehen ist, „dass die Klienten ebenso in Mitleidenschaft gezogen werden können“.

Fazit

Eine lesenswerte kritische Studie zur Frage der Modernisierung der Freien Wohlfahrtspflege.


Rezensent
Prof. Dr. Harald Christa
Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Dresden mit Schwerpunkt Sozio-Marketing, Strategisches Management, Qualitätsmanagement/ fachliches Controlling.
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Zitiervorschlag
Harald Christa. Rezension vom 14.09.2015 zu: Markus Jüster: Die verfehlte Modernisierung der Freien Wohlfahrtspflege. Eine institutionalistische Analyse der Sozialwirtschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-1448-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19333.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


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