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Renata Bodor: Musik als Seelennahrung (Altern)

Cover Renata Bodor: Musik als Seelennahrung. Musiktherapeutische Erfahrungen mit alten Menschen. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2015. 160 Seiten. ISBN 978-3-95490-046-6. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 32,90 sFr.
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Autorin

Die Autorin kann als ausgebildete Primarlehrerin, Musikpädagogin, heilpädagogische Förderlehrerin sowie Musiktherapeutin in der anthroposophischen wie auch psychodynamischen Tradition auf eine langjährige Praxiserfahrung im pädagogischen und therapeutischen Kontext zurückgreifen. In ihrer eigenen Praxis in Zürich hat sie sich in den letzten Jahren mehr und mehr auf eine ältere Klientel spezialisiert und arbeitet zudem in Altenpflegeheimen, in der Gerontopsychiatrie sowie auf Demenzstationen.

Vor allem vor dem Hintergrund dieser praktischen Erfahrungen ist ein Buch entstanden, mit dem die Autorin Berufstätige in der Altenarbeit „auf die heilsame und unterstützende Wirkung der Musik und der Musiktherapie aufmerksam machen“ sowie ihre Erfahrungen an Berufskollegen weitergeben möchte.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in vier große Abschnitte.

Zunächst beschäftigt sich die Autorin mit Entwicklungsfragen im Alter und dem Alter(n) im Gesamtzusammenhang des Lebens aus anthroposophischer und musiktherapeutischer Sicht.

Dann behandelt sie in kurzen Abschnitten wesentliche gerontologische und geriatrische Aspekte wie die Definition von Alter, entscheidende „Lebensthemen“ (wie Freiheit und Abhängigkeit oder Einsamkeit und Gemeinschaft), Alterstheorien, Befindlichkeiten, Beeinträchtigungen und Krankheiten im Alter (insbesondere Demenz mit ihren wichtigsten Formen und Depression) sowie grundlegende Haltungen wie Bedürfnis-, Kompetenz- und Ressourcenorientierung.

Im dritten Kapitel wendet sich die Autorin der psychosozialen Begleitung von alten Menschen mit Musik zu und beschreibt die psychodynamischen sowie anthroposophischen Ansätze gelingender Musiktherapie und vergleicht beide. Ebenso wird die noch relativ junge Disziplin Musikgeragogik erläutert und wiederum mit der Musiktherapie verglichen.

Im letzten Kapitel werden musiktherapeutische Methoden vorgestellt, vor allem die Arbeit mit Improvisation, mit dem Lied, mit Instrumentalspiel auf der Basis komponierter Musik, aber auch mit Stille. Speziell wendet sie sich den therapeutischen Funktionen von Musik als Eindruck, Musik als Ausdruck sowie Musik als Kommunikation zu.

Diskussion

Die Stärken des Buches liegen in den vielen sehr facettenreichen Praxisbeispielen, die anschaulich dargestellt und einfühlsam reflektiert werden. Eine Fülle an Abbildungen und protokollierten Dialogen zwischen Therapeutin und den Klienten veranschaulichen zudem die musiktherapeutische und musikgeragogische Praxis.

Die Autorin bietet eine große Bandbreite an methodischen Anregungen mit einem reichen Einsatz verschiedenster Instrumente, die sich für diese musikalische Form von Altenarbeit und Therapie – je nach biografischem Hintergrund und aktuellem Befinden und Bedürfnissen der Klienten – eignen, sie leistet originelle musikalische Zugänge und schafft es auf diese Weise, nicht nur therapeutisch wirksam zu sein, sondern den Klienten durch deren musikalische Selbstwirksamkeit auch eine aktive Partizipation am kulturellen Leben zu sichern und damit deren Lebensqualität und Lebenszufriedenheit zu wahren bzw. noch zu verbessern. Für all diese Aspekte sensibilisiert sie den Leser mit dem klaren Bekenntnis, dass jeder musiktherapeutische oder musikgeragogische Zugang zu einem alten Menschen ein ganz individueller ist, der bei allem Wissen und methodischen Können sich in seiner endgültigen Ausprägung und Wirkung immer erst im unmittelbaren Moment der musikalischen Begegnung erschließt.

Die Autorin bezieht sich in ihrer Arbeit grundlegend auf das „dialogische Konzept“ (Hermann Levin Goldschmidt, nach Martin Buber), bei dem die Dialogik als ein grundlegendes Beziehungsprinzip verstanden wird, „widersprüchliche Wirklichkeiten, die je für sich als Ganzheit stehen, in ihrer Ebenbürtigkeit anzuerkennen und sie schöpferisch in einen Zusammenhang zu bringen“ (S. 12). Das kann man auf das Verhältnis Musikgeragoge-Akteur oder Musiktherapeut-Klient ebenso beziehen wie auf die Musik in der Vielfalt der Ausgestaltung ihrer Parameter selbst. Und etwa bei der musikalischen Arbeit mit dementiell veränderten Personen, die sich häufig in zwei sehr unterschiedlich konstruierten Wirklichkeiten abspielt, kommt dieses Prinzip ganz besonders zum Tragen.

Die Autorin macht auch deutlich, dass noch wichtiger als die Methodik und das Instrumentarium eine „tragfähige und stabile Beziehung zu den Patienten“ ist und dass sich die zu behandelnde Person immer in einem Beziehungssystem befindet, so dass die Arbeit etwa mit den Angehörigen unbedingt mit einbezogen werden sollte. Die Angehörigen können einerseits dadurch selbst wiederum gestärkt werden, andererseits aber auch sehr unterstützend etwa für die dementiell veränderten Partner oder Eltern wirken.

Das Buch scheint mir gerade für Musikpädagogen und Musiktherapeuten sehr geeignet, die sich auf den Weg machen wollen, mit älteren und hochaltrigen Menschen zu arbeiten und eine Sensibilisierung dafür erfahren möchten, was an Herausforderungen, besonders aber an Chancen auf sie zukommt. Anschaulich wird ihnen die gesamte Breite dieser Arbeit aufgefächert und durch die vielen Praxisbeispiele erhält man eine sehr fassliche Vorstellung davon, wie spannend und bereichernd diese Tätigkeit für Klienten wie Therapeuten gleichermaßen sein kann.

Im Theorieteil werden sehr viele Aspekte kurz angerissen, aber nicht weiter vertieft. Hier sollte dann doch besser auf spezielle gerontologische und geragogische Literatur zurückgegriffen werden. Auch die Ausführungen zur Musikgeragogik bleiben knapp, (warum zum Beispiel werden die grundlegenden Arbeiten von Theo Hartogh zur Musikgeragogik nicht herangezogen und tauchen auch im Literaturverzeichnis nicht auf?), wenngleich die Abgrenzung von Musiktherapie und Musikgeragogik sinnvoll und nachvollziehbar erklärt wird. Wenn man im Detail auch den Bezügen der anthroposophischen Musiktherapie mit älteren Menschen zu Steiners Weltbild nicht folgen mag, so wird dieser Ansatz doch gut verständlich dargelegt

Fazit

Die Grundaussage des Buches, dass Musik alten Menschen als „Seelennahrung“ dienen kann (sicherlich auch in besonderen prekären Lebenslagen im Alltag), kann ich nur durch ein Zitat aus einer Mail, die ich kürzlich von einem Musikgeragogen zu Neujahr erhielt, unterstreichen: „Der Weg zum Musikgeragogen war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Seitdem mache ich viele alte Menschen glücklich und das macht mich glücklich.“ Das dürfte für Musiktherapeuten in diesem Arbeitsfeld gleichermaßen zutreffen. Das Buch wird sicherlich dazu anregen, sich auf diesen Weg zu begeben und diese Erfahrungen zu teilen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Hermann Wickel
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Zitiervorschlag
Hans Hermann Wickel. Rezension vom 29.01.2016 zu: Renata Bodor: Musik als Seelennahrung. Musiktherapeutische Erfahrungen mit alten Menschen. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-95490-046-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19334.php, Datum des Zugriffs 20.04.2018.


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