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Udo Baer, Gabriele Frick-Baer: Kriegserbe in der Seele

Cover Udo Baer, Gabriele Frick-Baer: Kriegserbe in der Seele. Was Kindern und Enkeln der Kriegsgeneration wirklich hilft. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 192 Seiten. ISBN 978-3-407-85740-8. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Die seelischen Verletzungen durch Erlebnisse im Krieg und die oftmals traumatischen Folgen wurden und werden in vielen Familien vielfach unbenannt und oftmals unbewusst „vererbt“. Nicht ausgesprochene traumatische Erfahrungen und die daraus resultierenden Verhaltensweisen wirken auf die Nachkommen oft irritierend oder gar verstörend, das Schweigen auf der einen Seite und das Nichtwissen auf der Seite der Kinder und Enkel bewirken neue seelische Verletzungen und scheinbar unbegründete Ängste

Dass es bis heute ein Kriegserbe in Form von seelischen Verletzungen bei den Angehörigen der Kriegsgenerationen gibt, ist inzwischen den meisten Fachleuten in der psychosozialen Begleitung von Menschen bekannt; Bücher über Kriegskinder und Kriegsenkel erreichen zudem auch eine breitere Öffentlichkeit. Was bisher fehlte, war eine Hilfestellung zum Umgang und zur Bewältigung dieses Kriegserbes. Eine derartige Hilfestellung legen Udo Baer und Gabriele Frick-Baer mit diesem Buch nun auf der Basis ihrer langjährigen Arbeit mit Angehörigen der Kriegskinder- und Kriegsenkelgeneration und auf der Basis eigener Forschung vor.

Autor und Autorin

Udo Baer ist promovierter Gesundheitswissenschaftler und Diplom-Pädagoge, Gabriele Frick-Baer ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin und Diplom-Pädagogin.

Gemeinsam haben sie die Zukunftswerkstatt „therapie kreativ“ gegründet und sind u.a. in diesem Rahmen als Dozenten tätig. Forschungsschwerpunkte von Udo Baer und Gabriele Frick-Baer sind u.a. die Themen Kriegstraumata und die Weitergabe von Traumata an die nächsten Generationen.

Aufbau

Das Buch umfasst sieben Kapitel.

Zu 1: Wie Sie sich besser verstehen.

Das Kapitel schildert zahlreiche Fallbeispiele aus der Praxis der beiden Autoren, jeweils nach dem gleichen Schema: Auf ein Fallbeispiel aus der heutigen Zeit, in dem bestimmte Symptome oder (selbst-) destruktive Verhaltensweisen von Angehörigen der Kinder-/Enkelgeneration geschildert werden, folgt eine Einordnung dieser Symptome auf der Basis der Forschung und psychotherapeutischen Praxis der Autoren sowie auf Basis der Kenntnisse über Ereignisse des 2. Weltkrieges. Folgend wird das Fallbeispiel weitergeführt, indem die Familiengeschichte der Person hinsichtlich möglicher Ursachen insbesondere im Bereich der transgenerationalen Weitergabe von Traumata erkundet wird. Eine erneute Einordnung und Hinweise zum eigenen Umgang mit derartigen Erfahrungen der Leser/in folgt, abgeschlossen wird jedes Unterkapitel mit einem Absatz „Bitte beachten“, der nochmals die wichtigsten Ratschläge zusammenfasst.

Folgende Symptome/ Verhaltensweisen werden in diesem Kapitel vorgestellt: Angst – ohne zu wissen warum; Die Schwierigkeit, zu trauern; Schrecken ohne Worte; Leere und das schwarze Loch; Herzenseinsamkeit; Leistungsdruck; Unstimmigkeiten – oder: Wo ist Heimat?; Schuldgefühle ohne Schuld; Unsicherheit oder: Wie geht Mannsein?; Unsicherheit und: Was bedeutet Frausein?; „Gib dich nicht hin!“; „Das machst Du nicht noch mal!“; Kalte Erziehung; Nicht wirklich groß werden

Zu 2: Wie Sie das Irritierende an Ihren Eltern und Großeltern besser verstehen

Dieses Kapitel widmet sich bestimmten Verhaltensweisen von Angehörigen der Kriegsgeneration, welche bei ihren Kindern/Enkeln deutliche Irritationen ausgelöst haben. Oftmals konnten die Nachgeborenen das irritierende Verhalten nicht verstehen oder einordnen, bis sie den Hintergrund von Kriegserfahrungen und/oder Traumatisierungen erfuhren. Die Unterkapitel sind nach folgendem Schema aufgebaut: Einer Fallbeschreibung folgt eine Zuordnung zu möglichen Auslösern in den Kriegsereignissen. Stets ist diese Zuordnung mit dem Angebot einer Entlastung für beide Generationen verbunden: das irritierende Verhalten war für die Kriegsgeneration sinnhaft und funktional (wenn auch meist nicht dauerhaft hilfreich) war, und dennoch dürfen die heutigen Generationen sich bewusst von diesem Verhalten distanzieren.

Folgende Szenarien und Verhaltensweisen werden skizziert: Schweigen; Heldengeschichten; Das Schönste ist, wenn wir zusammen sind; Abschütteln; Gefühle auf Sparflamme; Stell Dich mal nicht so an!; Immer auf 180; Bloß kein Risiko!; Sag immer, wo Du bist!; Nichts wegwerfen!; Halt Dich da raus!; Irritation: Keine Ängste, aber ganz tiefe Angst; Aufessen!; Verschwommene Identität; Beziehungen im Kriegszustand; Ehe ohne Liebe; Väter, die nicht mehr wegwollen; Kein Maß

Zu 3: Verstehen ist nicht verzeihen: das große UND

In zehn Einsichten aus den ersten zwei Kapiteln werden jeweils Schlussfolgerungen gezogen, wie es Angehörigen der Kinder-/Enkelgeneration möglich werden kann, mit den erlebten Verhaltensweisen und den bei sich dadurch ausgelösten Irritationen umzugehen.

Zu 4: Wie Sie Erklärungen finden

Dieser Abschnitt gibt Ratschläge – stets wieder mit Fallbeispielen verbunden – wie sich die Angehörigen der Kinder-/Enkelgeneration verhalten können, wenn sie sich auf die Suche nach Erklärungen für irritierende Verhaltensweisen begeben. Thematisiert werden folgende Aspekte: Wie geht fragen? Was tun, wenn die Gefragten schweigen? Was tun, wenn die Gefragten nicht aufhören, vom Krieg zu erzählen? Was tun, wenn die Menschen, die befragt werden sollen, nicht mehr leben? Was tun, wenn alles diffus ist?

Zu 5: Wie Sie den Schritt beiseite schaffen

Wie man lernen kann, mit den Erfahrungen zu leben, sie als Teil des eigenen Lebens anzunehmen, ohne sich von ihnen dominieren zu lassen, dafür gibt dieses Kapitel zahlreiche Anregungen in Form kleiner (therapeutischer) Übungen, die man alleine oder mit Begleitung durchführen und bearbeiten kann – wobei Autor und Autorin zu Beginn unter der Überschrift „Allein oder mit Hilfe?“ verschiedene, auch therapeutisch begleitete Szenarien beschreiben, wie eine gute Bearbeitung gelingen kann. Die Übungen und Reflexionen stehen unter folgenden Überschriften: Den Rucksack entleeren; Buchstäblich beiseite treten; Herangehen, um weggehen zu können; Der „Dreh“; Welche Farbe hat der Druck?; Die Ja-Nein-Bewegung; Die UND-Liste; Den Trotz und den stillen Ärger würdigen; Das Trennungsbild; Der Familienregenbogen; Den Kampf aufgeben; Der stillen und der lauten Trauer Raum geben; Das Tränenkrüglein

Zu 6: Wie Sie Ihre eigene Persönlichkeit würdigen

Sich selbst besser verstehen, die vorhergehenden Generationen besser verstehen, Erklärungen finden, und schließlich einen Schritt beiseite treten – die vorhergehenden Kapitel haben sich stets mit den Traumata beschäftigt. Nun geht es – abschließend – darum, die eigene Persönlichkeit in den Fokus zu nehmen, die – wenn auch durch die Erfahrungen beeinflusst – doch eine eigenständige ist, die es zu entdecken und zu würdigen gilt, damit die Traumafolgen weiter reduziert werden können. Auch hier werden Übungen angeboten: Der eigene Rucksack; Andere Vorbilder; Die drei Kostbarkeiten; Die Suche nach der Meinhaftigkeit; Würdigen, was ist: auch das am Wegesrand; Leitsätze statt Leidsätze; Zugreifen; Mein Boden; Aufrichten; Rückendeckung; Mein innerer Kern; Mein Ich-bin-Ich-Buch; Vom Sinn des Eigen-Sinns

Zu 7: Antworten auf häufige Fragen – kurz und bündig

Weitere Fragen, die nach den Erfahrungen von Udo Baer und Gabriele Frick-Baer oftmals im Kontext dieser Thematik aufkommen, werden im Abschluss kurz beantwortet, wobei es vor allem um einige Grundbegriffe der Psychotraumatologie geht: (Was ist ein Trauma? Warum wirken Traumafolgen so lange nach? Wodurch werden die Traumata an die nächste Generation weitergegeben?). Im Abschnitt „Täter? Opfer? Täter/Opfer?“ erfolgt eine kurze Diskussion insbesondere der Frage, inwiefern die Angehörigen der Kriegsgenerationen (z.B. Hitlerjugend, NSDAP-Wähler) auch Täter waren und dies gewürdigt werden sollte.

Bei der letzten Frage des Buches „Macht das krank?“ beziehen Autor und Autorin kritisch Stellung zu der oftmals zu hörenden oder lesenden Konstruktion eines (eindeutigen) Zusammenhangs zwischen Traumaweitergabe und bestimmten Erkrankungen, wie Depressionen oder körperlichen Erkrankungen. Eine derartige Verallgemeinerung lehnen sie ab, stellen aber klar, dass jedes individuelle Leiden gewürdigt werden muss, und dass es dabei auch – individuelle – Zusammenhänge geben kann.

Diskussion

Udo Baer und Gabriele Frick-Baer formulieren den Anspruch, dass ihr Buch dort anknüpft, wo andere Bücher über die Folgen des Kriegserbes bei Kindern und Enkelkindern der Kriegsgenerationen aufhören: Bei der Frage, wie denn dieses Kriegserbe zu bearbeiten sei, damit man den „Schritt beiseite“ machen könne. Diesem Anspruch werden sie vollends gerecht.

Der Aufbau des Buches ist klar strukturiert und stellt stets das Erleben der Kinder- und Enkelgeneration wertschätzend in den Vordergrund, ohne dabei das Verhalten der Kriegsgenerationen zu dämonisieren oder – im Gegenteil – zu verharmlosen.

Wer auf der Suche nach dem Verstehen der eigenen, möglicherweise durch direkt erlebte oder „vererbte“ Kriegstraumata beeinflussten Biografie ist, der sollte dieses Buch auf jeden Fall lesen. Vielleicht findet man sich selbst und die eigenen Familienangehörigen in den Fallbeispielen weiter, oder man erahnt in ähnlichen Verhaltensweisen Parallelen zur eigenen Familiengeschichte. Diejenigen, die sich vorher mit diesem Thema noch nicht oder nur sehr wenig beschäftigt haben, bekommen einen fundierten, gut lesbaren Einblick, der auch kurz die wichtigsten Fragen zu Psychotraumata erläutert. Wer noch lebende Angehörige der Kriegsgeneration hat, erhält Anleitung und Unterstützung bei der Erforschung der eigenen Geschichte. Aber auch diejenigen, die keine Gelegenheit mehr haben, Familienangehörige zu befragen, weil diese bereits verstorben sind oder nicht mehr reden wollen, bekommen hier Unterstützung zum Verstehen und möglicherweise auch zum Annehmen dieser Familiengeschichte.

Aber auch, wer bereits viel gelesen hat zu den Themenfeldern Kriegskindheit, Kriegsenkel oder transgenerationale Weitergabe von Traumata, findet hier noch neue Aspekte, da die sehr zahlreichen Fallbeispiele ein sehr breites Spektrum an Verhaltensweisen skizzieren, die durch mögliche Kriegstraumata ausgelöst sein können. Wer in diesem Feld beruflich tätig ist, findet praktische und therapeutische Anregungen.

Als Rezensentin habe ich dieses Buch aus mehreren Blickwinkeln gelesen: Aus dem Blickwinkel einer Gerontologin, die in den Lebensgeschichten der von ihr begleiteten alten Menschen vielfach auf nicht bearbeitete Traumata stößt, und die heute mit Pflegeteams nach Wegen sucht, diese Menschen wertschätzend so zu begleiten, dass möglichst keine Re-Traumatisierungen stattfinden. Aus dem Blickwinkel des Coachings, wo man in der Begleitung von Führungskräften immer wieder einmal erlebt, wie diese an ihre persönlichen Grenzen stoßen, die transgenerational weitergegebene Traumata in ihrer Lebensrealität gezogen haben. Und zuletzt aus dem Blickwinkel einer Kriegsenkelin, die nach wie vor dabei ist, die eigene durch Kriegstraumata gezogenen Begrenzungen zu erforschen und aufzulösen. Aus allen drei Perspektiven kann ich dieses Buch uneingeschränkt empfehlen.

Fazit

In erster Linie ist das Buch für die Angehörigen der Kriegskinder- und Kriegsenkelgeneration gedacht, die bereits eine erste Ahnung haben, dass manche ihrer sie selbst belastenden Verhaltensweisen aus dem ihnen möglicherweise schon bekannten Phänomen der transgenerationalen Weitergabe von Kriegstraumata resultieren könnten. Das Buch ermöglicht eine respektvolle, selbstgesteuerte Auseinandersetzung mit diesem Kriegserbe, ohne dass die betroffenen Menschen in den Status des behandlungsbedürftigen Patienten gedrängt werden.

Lesenswert auch für alle, die in ihrer Arbeit auf Menschen treffen, die an den Folgen von Kriegstraumata leiden,

  • in der Arbeit mit alten, möglicherweise noch direkt traumatisierten Menschen,
  • in der Arbeit mit Angehörigen der Kriegskinder- und Kriegsenkelgenerationen, die sich an für sie unerklärlichen Verhaltensweisen bei sich selbst oder ihren Eltern abarbeiten, ohne – aus eigener Kraft – wirklich verstehen zu können, was mit ihnen geschieht.
  • in der Arbeit mit heutigen Kriegsflüchtlingen.

Eine wirklich empfehlenswerte Ergänzung der bereits existierenden Literatur über das psychologische Kriegserbe und seine Folgen!


Rezensentin
Dipl.-Pädagogin Bettina Wichers
Gerontologin (M.Sc.), Dipl.-Pädagogin & Coach
CommuniCare. Kommunikation im Gesundheitswesen, Göttingen
Homepage www.xing.com/profile/Bettina_Wichers
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Zitiervorschlag
Bettina Wichers. Rezension vom 28.01.2016 zu: Udo Baer, Gabriele Frick-Baer: Kriegserbe in der Seele. Was Kindern und Enkeln der Kriegsgeneration wirklich hilft. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. ISBN 978-3-407-85740-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19337.php, Datum des Zugriffs 09.12.2019.


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