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Otto Hansmann: Transhumanismus - Vision und Wirklichkeit

Cover Otto Hansmann: Transhumanismus - Vision und Wirklichkeit. Ein problemgeschichtlicher und kritischer Versuch. Logos Verlag (Berlin) 2015. 120 Seiten. ISBN 978-3-8325-4035-7. D: 19,00 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Menschenverbesserung

Bei der Suche nach dem Existentiellen und dem Guten im menschlichen Dasein werden im philosophischen, psychischen und physischen Diskurs um das Menschsein vielfältige Visionen, Projektionen und Imaginationen benutzt, um der Bedeutung des anthrôpos in seiner Stellung zwischen zôon (Tier) und theos (Gott) auf die Spur zu kommen. Dabei stellt sich der Spagat zwischen der Vorstellung von der Perfektion des Menschen und seiner Unvollkommenheit als sowohl faktischer als auch schmerzhafter Erkenntnisprozess dar. Ist der Mensch in der Lage, seine Einstellungen und sein Verhalten zu ändern? Diese Frage, die sowohl die Lernfähigkeit des Menschen, als auch die Verpflichtung zum Wandel und zur Weiterentwicklung betrifft, hat in der geisteswissenschaftlichen Bewegung des Transhumanismus Priorität. Es ist die Herausforderung zum Perspektivenwechsel, wie ihn in den letzten Jahrzehnten die Berichte an den Club of Rome und die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) in eindrücklicher Weise formuliert haben: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Der britische Biologe, Philosoph und Schriftsteller Julian Sorell Huxley (1887 – 1975) prägte 1957 den Begriff „Transhumanismus“ mit der Denkrichtung: „Mensch, der Mensch bleibt, aber sich selbst, durch Verwirklichung neuer Möglichkeiten von seiner und für seine menschliche Natur, überwindet“. Der US-amerikanische Psychologe und Präsident der „American Psychological Association“, Abraham H. Maslow (1908 – 1970), hat diese Vorstellungen in der Humanistischen Psychologie mit seinen Konzepten von der Bedürfnishaftigkeit und der Mystifizierung des Menschseins weiter entwickelt (Abraham H. Maslow, Jeder Mensch ist ein Mystiker. Impulse für die seelische Ganzwerdung, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16223.php; sowie: Jürgen Straub, Hrsg., Der sich selbst verwirklichende Mensch. Über den Humanismus der humanistischen Psychologie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13888.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Transhumanistisches Denken zeigt sich in vielfältigen, aus- und umgreifenden Formen. Es werden sowohl individuell-existentielle, als auch global-gesellschaftliche Aspekte und Entwürfe menschlichen Daseins in der Gegenwart und Zukunft diskutiert, bis hin zur Infragestellung, zumindest aber der Korrektur der Endlichkeit menschlichen Lebens (Sebastian Knell, Die Eroberung der Zeit. Grundzüge einer Philosophie verlängerter Lebensspannen, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19062.php). Entwicklung und notwendige Veränderungsprozesse beinhalten konsequenterweise und zwangsläufig, dass sich der Mensch wandelt. Die kritische Frage, ob alles, was der Mensch kann oder zu können glaubt, auch verwirklicht werden darf, rührt an den Grundfesten menschlicher Erkenntnis. Der „Machbarkeitswahn“ führt immerhin mittlerweile dazu, dass der Mensch sich durch seine Macht und Hybris in die Gefahr begibt, sich selbst abzuschaffen; aber auch zu Perspektiven, wie es gelingen könnte, menschliche Behinderungen, Unzulänglichkeiten, Leiden und Krankheiten zu überwinden. Damit allerdings sind wir bei der ethischen Fragestellung, wie veränderbar und korrigierbar die humanen Vorstellungen des Menschseins sind und sein dürfen.

Es ist die Verantwortlichkeit für Humanitas, die der (em) Pädagoge und Philosoph Otto Hansmann in dem Büchlein „Transhumanismus“ zur Diskussion stellt. Indem er die Denkrichtung in die Spannweite – „Vision und Wirklichkeit“ – bringt, verweist er auf die Notwendigkeit, sich mit den Vor- und Nachteilen von materiellen und immateriellen Entwicklungsprozessen auseinander zu setzen. Er plädiert dafür: „Transhumanismus (ist) auf Humanität angewiesen“.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert das Büchlein in vier Kapitel.

Im ersten Kapitel setzt er sich mit dem transhumanistischen Versprechen auseinander, indem er ideengeschichtlich aufzeigt, „dass die Idee des Transhumanismus nicht wirklich neu ist“. Mit seiner historischen Nachschau verweist er darauf, dass sich das (neue) transhumanistische Paradigma der Verbesserung des Menschen in (gedachten) Realisationen von „super Langlebigkeit, super Intelligenz und super Wohlsein“ darstellt. Er tut dies nicht mit dem erhobenen Zeigefinger und auch nicht mit moralischem Fatalismus, sondern deutet Möglichkeiten an, wie es gelingen könne, die derzeitigen, eher unversöhnlich wirkenden Kontroversen zwischen transhumanistischen und humanistischen Auffassungen in dialogische, vielleicht sogar kooperierende Auseinandersetzungen zu bringen.

Im zweiten Kapitel stellt er „Transhumanistische Präludien“ vor, mit problemgeschichtlichen Fragmenten, wie den Verweisen auf griechische und römische Erzählungen, in denen sich die „ersten Transhumanisten Europas“ zeigen; mit Hinweisen auf „die sokratische Mäeutik und ihre sophistische Umwertung durch das rhetorische make believe“; mit Platons Höhlengleichnis als den philosophischen Beginn der „Hinaufbildung des Menschen“; indem er die „Selbstüberwindung des Menschen durch ethisch-politische Optimierung bei Aristoteles“ reflektiert; durch „Jean-Jacques Rousseaus Vision der Selbstüberwindung im Zwiespalt von Mensch und Bürger“; indem er „Immanuel Kants Theorie moralischer Selbstüberwindung“ thematisiert; auf „Menschenverbesserung und Gesellschaftserneuerung durch Bildung bei Wilhelm von Humboldt“ verweist; „Hegels Begriff der Selbstüberwindung im Kontext seiner Phänomenologie und Philosophie des Geistes“ heranzieht; „Darwins evolutionstheoretisch buchstabiertes Modell der Selbstüberwindung“ anspricht; die „Selbstüberwindung des Menschen im Zuge revolutionärer Umwälzung bei Karl Marx“ ins Spiel bringt; an „Nietzsches ‚Umwertung aller Werte‘ und die Auferstehung des ‚Übermenschen‘“ erinnert; in „Rudolf Steiners Konzept der Selbstüberwindung durch den ‚Geistesmenschen‘“ nachschaut; und schließlich mit „Luhmanns Konzept sozioreferentieller Selbstbeschreibungen“ auf Theorien der System- und Selbstoptimierung eingeht. Er verdeutlicht damit Parallelen und Trennlinien, wie sie sich in Diskursen der Vormoderne, der Moderne und der Postmoderne zeigen.

Die Denk- und Entwicklungslinien bei diesen Veränderungs- und Übergangsprozessen „im Zwischenraum von Fiktion und Realtität“ werden mit dem dritten Kapitel thematisiert. Deutlich werden dabei die Aspekte, die sich in verschiedenen Formen einer „Umfunktionierung der Gesellschaft“ zeigen, etwa in der „manipulierte(n) Genealogie“: Wunschkind versus Zufallsgeburt; dem „Human Enhancement“; der „bewusstseinsaffine(n) technologische(n) Singularität“; der Entwicklung von „Mensch-Maschinen und Maschinenmenschen“.

Im vierten Kapitel schließlich fragt Hansmann: „Transhumanistische Gesellschaft ante portas?“. Hier wird seine pädagogische Profession deutlich mit der durchaus bangen Frage, wie sich die Erziehungswissenschaft (und damit natürlich auch die pädagogische Praxis) den Herausforderungen des Transhumanismus stellt: „abweisen und sie als Anfechtungen negierend oder sie als Anlässe zur Überarbeitung der Selbstlegitimation annehmen und pädagogisch-proflexiv zu bearbeiten“.

Fazit

Die Frage, wie sich die transhumanistische Entwicklung in Gegenwart und Zukunft der Menschheit darstellt und die „Differenz zwischen Subjektivität einerseits und technologischer Singularität andererseits“ von den Menschen in Theorie und Praxis bewältigt werden kann, rührt am humanen Gerüst des menschlichen Daseins. Es geht endlich darum, wie der Mensch in Alltag und Gesellschaft sein Denken und Tun ein- und ausrichtet (vgl. dazu auch: Dieter Birnbacher, Tun und Unterlassen, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18946.php). Der „Aufstieg des Menschen“ und die „Menschenverbesserung“ muss gründen in den humanen Werten, die Menschsein ausmachen und sich artikulieren in der „globalen Ethik“, wie sie in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ eindeutig, allgemeingültig und nicht relativierbar zum Ausdruck kommt: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.08.2015 zu: Otto Hansmann: Transhumanismus - Vision und Wirklichkeit. Ein problemgeschichtlicher und kritischer Versuch. Logos Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-8325-4035-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19338.php, Datum des Zugriffs 17.08.2019.


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