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Judith Knabe, Rolf Blandow u.a. (Hrsg.): Städtische Quartiere gestalten

Cover Judith Knabe, Rolf Blandow, Anne van Rießen (Hrsg.): Städtische Quartiere gestalten. Kommunale Herausforderungen und Chancen im transformierten Wohlfahrtsstaat. transcript (Bielefeld) 2015. 270 Seiten. ISBN 978-3-8376-2703-9. D: 28,99 EUR, A: 29,80 EUR, CH: 39,20 sFr.
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Thema

Quartiere werden immer mehr zu gesellschaftlichen Orten. Immer bedeutsamer wird die Frage, was Menschen zu ihrer sozialen Verortung brauchen, um als integriert zu gelten und sich als integriert zu fühlen. Wie und wo entsteht dieses Gefühl, dazu zu gehören und für andere relevant zu sein? Wie und wo gelingt Menschen, dass sie anerkannt und respektiert werden und wie und wo gelingt ihnen ein gutes Leben im aristotelischen Sinne, nämlich ein verantwortliches Leben, ein Leben in Freundschaft, ein bewusstes Leben führen zu können?

Quartiere, Wohngebiete oder Stadtteile sind solche Orte, wo auch die Kommune fragen kann, wie man das Soziale so gestaltet, dass Menschen sich zu verorten vermögen. Städtische Quartiere brauchen da zunächst auch andere Rahmenbedingungen als das Dorf. Gelingt noch (Dorf-)Gemeinschaft und ist Vergemeinschaftung in modernen wohlfahrtsstaatliche verfassten Gesellschaften noch eine hinreichende Bedingung sozialer Verortung und wie gelingt diese soziale Verortung unter den Bedingungen moderner Gesellschaft?

Herausgerinnen und Herausgeber

Dipl.-Soz.-Arb. Judith Knabe M. A. ist Lecturer an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Köln und lehrt dort Methoden der Sozialen Arbeit, Gemeinwesenarbeit, und Sozialraumorientierung, Armut und Erwerbslosigkeit und Wohnungspolitik.

Dipl.-Soz.-Arb. Anne van Rießen ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialer Raum, demographischer Wandel und alternde Gesellschaft, Nutzerinnen und Nutzerforschung, Partizipation, junge Erwachsene im Übergang von Schule und Erwerbstätigkeit und Kulturpädagogik.

Dipl.-Soz.-Arb. Rolf Blandow ist Geschäftsführer des Veedel e. V. Gemeinwesenarbeit in Köln.

Autorinnen und Autoren

Die übrigen Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der praktischen und theoretischen Sozialen Arbeit, der Soziologie, der Stadt- und Raumplanung, der Migrationsforschung und des Sozialmanagements.

Aufbau und Einführung

Nach einer thematischen Einführung durch die Herausgebergruppe gliedert sich das Buch in drei große Kapitel mit mehreren Beiträgen:

  1. Theoretische Grundlagen - Quartiersarbeit unter gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen
  2. Lokale Governance – Konzepte unter aktuellen Bedingungen
  3. Kritische Reflexion des Status Quo und die Chancen für ein reflektiertes Vorgehen in der Praxis der Quartiersarbeit.

Zu: Städtische Quartiere gestalten. Interdisziplinäre Perspektiven auf die kommunalen Herausforderungen und Chancen im transformierten Wohlfahrtsstaat (Anne van Rießen, Judith Knabe, Rolf Blandow)

Die Herausgebergruppe geht zunächst auf das veränderte Programm „Soziale Stadt – Investitionen im Quartier“ und auf die damit angezeigte Schwerpunktsetzung auf städtebauliche Investitionen (was das alte Programm auch schon hatte) ein. Neu sind eher die Begleitprogramme, die auf mehr soziale Investitionen setzen. Die Autorengruppe bezweifelt, dass der angetragene Anspruch eingelöst werden kann, dass sich soziale Innovationen und Investitionen auch lohnen müssten und sie fragen: für wen? Und ob das Quartier auch für die Systemintegration verantwortlich sein kann, darf zurecht bezweifelt werden; die Auswirkungen sozialer Ungleichheit und kultureller Diversität mit all ihren Konsequenzen, sowie die sozialräumlichen Verwerfungen in den Städten kann Quartiersarbeit nur schwerlich mit bearbeiten.

Wie also muss ein Quartier beschaffen sein, in dem sich gut leben lässt? Was ist ein lebenswertes Quartier - und der Begriff „lebenswert“ macht hier vieles deutlich –, in dem Menschen das Gefühl haben, sich sozial verorten zu können, also sich zugehörig zu fühlen und anerkannt zu sein, für andere von Bedeutung zu sein?

Diesen Fragen werden angedeutet, bevor dann im weiteren Verlauf die einzelnen Kapitel und ihre Beiträge vorgestellt werden.

Zu 1. Theoretische Grundlagen - Quartiersarbeit unter gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen

Zu: Quartier – Stadt – Gesellschaft (Jan Werheim)

Der Autor stellt zunächst eine differenzierte Begriffsbildung vor. Er diskutiert die Begriffe und unterscheidet sozialräumliche Gebilde wie Nachbarschaft, Quartier und Stadtteil von einander.

Wo Nachbarschaft eher ein Gebilde ist, in dem Interaktionen darauf beruhen, dass Menschen ein Wohngebiet teilen, wird dem Quartier schon eher der Begriff Gemeinschaft, mit dichteren (vielleicht auch diffuseren) Beziehungen zugesprochen. Und Stadtteile sind politisch-administrative Einheiten, die darauf verweisen, dass sie ein Teil der Stadt sind, die institutionell und strukturell auf die Stadt als Ganzes angewiesen sind. Dies wird an Hand der Literatur ausführlich diskutiert.

Der Autor geht dann auf Segregationsprozesse ein und auf den Zusammenhang von Raumverhältnissen und devianter Kultur. Weiter diskutiert der Autor sehr gründlich und ausführlich den Begriff der Urban Underclass, einer städtischen Armutsschicht, die im urban verfassten Wohlfahrtsstaat auftritt und das auch mitten im städtischen Reichtum. Die Urban Underclass ist räumlich marginalisiert oder gar auch sozial exkludiert. Dabei wird der Zusammenhang von sozialräumlicher Segregation und der damit zusammenhängenden Raumstruktur und -gestalt einerseits und dem Verhalten andererseits thematisiert, wie auch deutlich wird, dass es ein Verhältnis von sozialräumlicher Segregation und sozialer Ausgrenzung gibt. Der Autor versteht dies auch unter dem Aspekt der Kulturalisierung im Zusammenhang einer Verräumlichung. Die allgemeine Diskussion dieses Zusammenhangs der Verräumlichung mit der Kulturalisierung führt dazu, dass strukturelle Ursachen von Armut und sozialräumlicher Segregation zugedeckt bleiben. Auch dies wird ausführlich dargestellt und begründet.

Weiter diskutiert der Autor am Beispiel des Programms „Soziale Stadt“, wie Kommunen ihre sozial benachteiligten Quartiere (plötzlich) entdecken und mit Prämissen des aktivierenden Sozialstaats verbinden.

Zu: Quartiersentwicklung - Ausgrenzung (Chantal Munsch)

Wer beteiligt sich und wer nicht und wie gelingt es, die Menschen zu Akteuren zu machen, die sich einzumischen vermögen in die Gestaltung ihrer Wohnumwelt? Die Autorin richtet ihren Fokus in dem Beitrag eher auf die sozialen Zusammenhänge, in denen Engagement stattfindet. Dabei hat sie die These, dass bürgerschaftliches Engagement soziale Ausgrenzung reproduziere. Dies insofern, als mit dem bürgerschaftlichen Engagement Werte und Normen zum Tragen kommen, die nicht zur den bürgerlichen Werten und Normen „passen“ und als solche auch ausgegrenzt werden. Das wirft die Frage auf, wer ausgrenzt und wessen Normen und Werte nicht passen. Grundlage ihrer Analyse ist ein ethnographisches Forschungsprojekt. Die Autorin hat drei Jahre lang das Team eines Stadtteilhauses begleitet.

Zunächst diskutiert die Autorin den Begriff der Dominanzkultur, um dann der Frage nachzugehen, was im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements öffentlich bedeutet und was privat ist, zumal dies im Alltag nicht immer zu trennen ist. Wichtiger ist, was wirklich öffentlich relevant bleibt und was als privat abgetan wird, wenn es nicht passt. Dies wird ausführlich dargestellt und mit Literatur unterlegt.

Zu: Soziale Ungleichheit und kulturelle Diversität in der Migrationsgesellschaft (Markus Ottersbach)

Einleitend stellt Ottersbach eine Verbindung zwischen sozialer Ungleichheit und Diversität her. Er setzt sich dann mit Prozessen der Individualisierung, Globalisierung und Pluralisierung auseinander, beschreibt zunächst auch die Geschichte der Individualisierung, geht dann auf das klassische Modell gesellschaftlicher Integration ein, nämlich auf System- und Sozialintegration, erklärt die Unterschiede und was es bedeutet, wenn diese Form sozialer Integration und Systemintegration scheitern. Dies wird am Beispiel der PISA-Studie aufgezeigt, aber auch am Beispiel der Arbeitslosenquoten.

Weiter diskutiert Ottersbach, wie Sozialintegration nicht trotz, sondern durch kulturelle Diversität funktionieren kann, wie also Normalität hergestellt werden kann für die, die anders sind. Dies wird an Hand einer Reihe von Studien aufgezeigt.

Der Autor fragt zum Schluss, wo die Herausforderungen für die Soziale Arbeit stecken.

Zu: Transformation der Gemeinwesenarbeit? Über Rollenkonflikte und Möglichkeitsräume in der Konjunktur des Lokalen (Judith Knabe, Anne van Rießen, Rolf Blandow)

Die Gestaltung von Quartieren ist sicher ein interdisziplinärer Prozess, wobei Soziale Arbeit und vor allem Gemeinwesenarbeit nur in benachteiligten Quartieren eine Rolle spielt. Wie wird also Gemeinwesenarbeit unter den Bedingungen eines benachteiligten – benachteiligenden – Quartiers transformiert?

Nachdem das Autorenteam die Frage nach dem Rollenverständnis differenziert gestellt hat, geht es auch um die Frage, ob Gemeinwesenarbeit mit ihren sozialräumlichen Bezügen und mit ihren auf die Lebenslage kategorial abgestimmten Bezügen noch zeitgemäß ist. Und die Frage ist, wie die veränderte Sozialpolitik des sich verändernden Wohlfahrtsstaats auch die Gemeinwesenarbeit verändert (hat). Gleichzeitig gewinnt das Lokale an Bedeutung; soziale Verortung als Integration in ein Gemeinwesen, wird immer wichtiger und das Quartier gewinnt als Einheit an Bedeutung.

Die daraus erwachsenden Spannungen und Dilemmata werden ausführlich erörtert und mit Literatur unterlegt.

Dann geht das Autorenteam auf die Entwicklung der Gemeinwesenarbeit in Köln ein und erörtert dort Aufträge, Rollen und Bezüge der Gemeinwesenarbeit zur Verwaltung, zu Institutionen und zur Bevölkerung.

In einem Exkurs diskutieren sie dann die „behutsame Stadterneuerung“ in Berlin in den 1980er Jahren. Weiter erörtert das Autorenteam das Programm „Soziale Stadt“ in NRW in den 1990er Jahren und diskutiert die Entwicklung in Köln ab 2000 als Widerspruch von Sozialraumorientierung und Gemeinwesenarbeit. Es kommt dann aber auch auf die Transformation der Gemeinwesenarbeit in Köln zu sprechen, wobei auch deutlich wird, dass Gemeinwesenarbeit immer mehr in den Strudel klassischer Sozialer Arbeit und Jugendhilfe hineingerät und in der Tat keine Ressourcen mehr für die Entwicklung des Gemeinwesens hat.

Zu 2. Lokale Governance – Konzepte unter aktuellen Bedingungen

Zu: Lokale Governance – Einführung in das Konzept (Herbert Schubert)

Einleitend diskutiert Schubert in Anlehnung an entsprechende Fachdiskurse (Osborne, Benz) den Begriff der Governance – etwa im Unterschied zu Government und anderen Formen des Regierens und der dort etablierten Form der Beteiligung anderer Akteure oder der Beeinflussung von Entscheidungen und politischen Prozessen. Governance meint vereinfacht, dass es um die enthierarchisierte Steuerung und um den Einbezug anderer Akteure geht, und dass es um Aushandlungsprozesse geht, in der letztlich die Verwaltung und die Politik nicht mehr das entscheidende Wort haben. Dies wird – so der Autor – gerade auf kommunaler Ebene immer bedeutsamer, sind doch die anderen Akteure Experten ihrer unmittelbaren Lebenswelt, die den Anspruch erheben, mit zu gestalten. Und es werden dadurch auch Netzwerke kreiert, die das Geschehen wesentlich prägen. Der Autor beschreibt dann den Wandel vom New Public Management zur New Public Governance, geht auf die Logik des New Public Management und der New Public Governance ausführlich ein und bringt in Anlehnung an Osborne die Schlüsselelemente der beiden Ansätze, wie theoretische Grundlagen, Verständnis staatlichen Handelns, Fokus, Beziehungen zu Partnern, Steuerungsmechanismen und Wertebasis in eine synoptische Gegenüberstellung.

Schubert geht dann noch lokalen Governancestrukturen am Beispiel von Bildungslandschaften nach und diskutiert ausführlich die Überwindung institutioneller Fragmentierungen durch Netzwerkstrukturen und -kooperationen.

Zu: Stadtentwicklungskonzepte: eine historische Hinführung und Einordnung (Susanne Lang)

Einleitend diskutiert die Autorin Ausgangspunkte einer sozialen Stadtentwicklung ab den 1920er Jahren, die die Folgen der industrie-kapitalistischen Entwicklung, speziell der Industriestädte abmildern sollte. Vor allem im Wohnungsbau entstanden neue Formen sozialen Wohnungsbaus. Sie geht dann auf die Charta von Athen (Le Corbusier) ein. Wohnen, Arbeiten, Erholen und Bewegen/Mobilität wurden damals als die wichtigsten Funktionen der Großstadt bezeichnet. Nach einer ausführlichen Diskussion dieses Aspekts geht S. Lang auf die Armutsentwicklung und auf die Entwicklung benachteiligter Quartiere ab den 1990er Jahre ein. Diese Entwicklung wird hinreichend beschrieben, ebenso die Antwort darauf, die sich mit der Entwicklung einer sozialen Stadtentwicklungspolitik beschäftigt. Dabei wird noch einmal das Programm „Soziale Stadt“ zitiert und auf ein einfaches Modell verwiesen, das die Beziehungen zwischen Kommune, Markt und Zivilgesellschaft thematisiert.

Weiter wird die Allianz zwischen (kommunaler) Sozialpolitik und Sozialer Arbeit im Rahmen der Stadtentwicklungspolitik diskutiert, wobei die Betonung auf kommunaler Sozialpolitik liegt, weil nur diese die kommunalen Rahmenbedingungen der Gestaltung des Sozialen, des Zusammenlebens und des Wohnens setzen kann und weil nur sie Einfluss auf die pädagogische Ausgestaltung der Kinder- und Jugendhilfe und der Sozialen Arbeit hat.

Zu: Integrierte Stadt(teil)entwicklung durch intermediäre Sozialraumkoordinatoren_innen. Erfahrungen mit dem Modellprojekt „Lebenswerte Veedel – Bürger- und Sozialraumorientierung in Köln“ (Matthias Sauter)

Nach einer allgemeinen Vorbemerkung zur Lage der deutschen Gesellschaft diskutiert der Autor den Weg der integrierten Stadt(teil)entwicklung vom Modellprojekt zur Regelaufgabe, und zwar sowohl bei der kommunalen Verwaltung als auch bei Freien Trägern und anderen institutionellen Akteuren. Es geht einmal um eine Neuausrichtung in den Kommunen als auch um die Rolle intermediärer Instanzen als Vermittler zwischen Politik, Verwaltung und Institutionen einerseits und den Stadteilen und ihren Bewohnerinnen und Bewohnern andererseits.

Weiter geht der Autor beispielhaft auf die Sozialraumkoodinatoren und -koordinatorinnen in Köln ein, die Teil des Projekts „Lebenswerte Veddel“ sind. Deren Rolle und Funktion wird ausführlich beschrieben. Die Befunde sind zunächst einmal, dass es zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen in den Sozialraumgebieten gekommen ist und dass die bewohnerorientierten Angebote und Hilfen verbessert wurden. Weitere Befunde sind die Stärkung von Kooperations- und Netzwerkstrukturen und die Gewährleistung eines wirtschaftlichen Mitteleinsatzes. Dies wird gut nachgewiesen und begründet.

Zu: Menschen, Ideen und Möglichkeiten zusammenbringen. Ein Praxisbeispiel der Bürger- und Sozialraumorientierung „Lebenswerte Veedel“ in dem Sozialraumgebiet Köln Rondorf/Meschenich (Ludger van Elten)

Einleitend stellt der Autor das Konzept „Lebenswerte Veddel“ vor, das seit 2006 in elf Kölner Sozialraumgebieten umgesetzt wird. Am Beispiel von Rondorf/Meschenich will der Autor aufzeigen, wie Problemlagen und Bedarfe im Quartier gemeinsam bearbeitet werden können. Dazu erläutert er zunächst die Grundsätze der Sozialraumkoordination und die vorgefundenen Bedingungen und geht besonders auf die Bedarfe ein, die sich „üblicherweise“ in einem solchen Quartier ergeben und kommt dann zu dem auch schon aus der Gemeinwesenarbeit bekannten Grundsatz, dass die Ressourcen vor Ort die Akteure und die Bewohner sind, die sich als Teil eines Gemeinwesens verstehen sollen und es mit gestalten sollen.

Weiter diskutiert der Autor die Bedeutung von Netzwerken, die Information und die Öffentlichkeitsarbeit und das Stadtteilimage. Am Beispiel der Gesundheitsförderung stellt der Autor fest, dass die Sozialraumkoordination die Quartiersentwicklung positiv beeinflusst und dass Netzwerke der Lösungsansatz für anstehende Probleme sind. Weiter stellt er Maßnahmen der Gesundheitsförderung vor, diskutiert noch einmal anschaulich die Netzwerkarbeit und geht dann speziell auf Suchtprobleme ein.

Zu: Voneinander wissen. Miteinander Handeln. REGSAM – Stadtweites Netzwerk München (Petra Stockdreher)

Zunächst stellt die Autorin das Münchner Netzwerk REGSAM vor, beschreibt die einzelnen Phasen und geht auf die Finanzierung des Netzwerkes ein. Weiter diskutiert sie die Aufgaben und Ziele des Netzwerkes, wie es durch die Verwaltung gesteuert wird und wie ein stadtweites Netz ermöglich wurde. Die Entwicklung führt dann zu einer Neuausrichtung der Netzwerkarbeit, und zu einer Prozessbegleitung durch die Verwaltung in Gebieten mit besonderem Handlungsbedarf. Zum Schluss geht die Autorin auf die Bewertung des Netzwerkes ein, die z. T. auch kritisch ausfällt.

Zu 3. Kritische Reflexion des Status Quo und die Chancen für ein reflektiertes Vorgehen in der Praxis der Quartiersarbeit

Zu: Partizipation von unten? Möglichkeiten und Grenzen von Beteiligungsverfahren im Kontext von sozialraumbezogener Arbeit (Anne van Rießen, Reinhold Knopp)

Die Autorin und der Autor setzen sich einleitend zunächst mit dem Partizipationsbegriff und -verständnis auseinander, das sich allenthalben in der Diskussion um Beteiligung entwickelt hat. Dabei wollen sie zwischen der sozialen Partizipation (Teilhabe?) und der politischen Partizipation unterscheiden, was schwierig genug ist, wenn man einen klar abgrenzbaren Begriff von Partizipation finden will, der auch in der jeweiligen Operationalisierung dem Begriff der sozialen Teilhabe oder ähnlichen Begriffen gegenübergestellt werden kann und der noch schwieriger wird, wenn man in der sozialraumorientierten Arbeit Quartiersgestaltungsprozesse kreiert und gegenüber Verwaltung und Politik vertritt. Wo trennen wir da zwischen politischer Einmischung und sozialer (interaktiver, kommunikativer, anerkannter und zugehöriger)Teilhabe als verantwortlicher Akteur?

Die Autorin und der Autor gehen dann auf das Wohnquartier als Bezugsebene ein, weil Menschen sich dort am ehesten sozial verorten können, Zugehörigkeit empfinden können, Anerkennung erfahren und fühlen, dass sie für andere von Bedeutung sind. Sie diskutieren dann ausführlich sozialräumliche Methoden als zentrale Partizipationsmöglichkeit und Partizipationsprojekte mit Älteren und mit Menschen mit Behinderung. Am Beispiel der Besetzung und Aneignung öffentlicher Räume durch unterschiedliche Altersgruppen und die damit verbundenen Probleme und Konflikte erörtern die Autorin und der Autor sozialräumliche Partizipationsprojekte als Möglichkeit des Dialogs der Generationen und fordern zum Schluss, dass ein Mehr an Partizipation auch ein Mehr an professioneller Unterstützung bedürfe.

Zu: Sozialarbeitspolitik in Armutsgebieten. Überwindung politischer Apathie durch Handlungs-, Themen- und Personenzentrierung (Werner Schönig)

Wie und wo kann sich Sozialarbeit politisch einmischen und was kann sie diesbezüglich in Armutsgebieten tun? Damit setzt sich der Autor auseinander und kommt bei den Grundfragen des aktiven Politik-Machens zunächst auf die Dialektik der Repolitisierung Sozialer Arbeit. Zunächst beklagt er dabei die Entpolitisierung Sozialer Arbeit seit den 1980er Jahren, die mit gesellschaftlichen Individualisierungs- und Entsolidarisierungsprozessen einhergeht. Er diskutiert dabei die Entwicklung der Sozialen Arbeit als mögliche Antwort auf diese Phänomene. Weiter diskutiert der Autor das Phänomen der politischen Apathie in Armutsgebieten und erklärt dies mit Formen komplexer sprachlicher Interaktionen und dass die Bevölkerung dort den Staat nicht als helfend erlebt. Die Wahlbeteiligung ist sehr gering und Bewohner von solchen Quartieren spielen in der Politik der Kommune keine Rolle. Weiter werden sozialpolitische Themen selten in solchen Quartieren zur Diskussion gestellt und die Politikerinnen und Politiker nehmen diese Quartiere selten wahr.

In seinen theoretischen Ansätzen erörtert der Autor zunächst das Politik-Machen als Handlung und Demokratie als Lebensform und die Situationsanalyse vor Ort als ein Staunen und/über einen komplexen Handlungszusammenhang. Weiter stellt er zwei besondere Methoden vor: die Themenzentrierung in der aktivierenden Befragung und die Personenzentrierung im Rahmen des Community Organizing. Beide Methoden werden ausführlich erörtert.

Zu: Aktivierende Befragung im Stadtteil. Baustein einer reflexiven Gemeinwesenarbeit?! (Janine Birwer)

Die Autorin geht einleitend der Frage nach, wie Gemeinwesenarbeit als Methode oder Ansatz der Sozialen Arbeit verstanden werden kann; wichtiger ist, dass sie sich mit der Frage beschäftigt, was ein Gemeinwesen als Handlungs-, Aneignungs- und Wirkungszusammenhang ist. Denn gerade in der aktuellen Debatte um Quartiere und wie sich Menschen in unmittelbaren Lebenszusammenhängen sozial verorten können, spielt die Frage eine wichtige Rolle, wie wir eine Quartier oder Wohngebiet als Gemeinwesen verstehen können.

Mit der aktivierenden Befragung als Instrument der Aktionsforschung wäre man in der Lage, das Soziale und seine Ausgestaltung im Quartier zum Anlass zu nehmen, Menschen zu Akteuren zu machen, die sich als Teil einer res publica verstehen können und sie deshalb mit gestalten wollen. Und das muss Gemeinwesenarbeit leisten: Menschen zu Akteuren zu machen, mit ihnen etwas zu gestalten und nicht für sie einfach da zu sein.

„Ausgangspunkt für uns ist dort, wo die Leute stehen, nicht dort, wo wir sie haben wollen“. Mit diesem Zitat geht die Autorin auf die Frage ein, wie im Rahmen der Vorbereitung einer aktivierenden Befragung die Bewohnerschaft einbezogen wurde und wie sich die Bewohner als Expertinnen und Experten ihres Stadtteils entwickeln konnten. Weiter diskutiert die Autorin, wie die aktivierende Befragung in ein langfristiges Stadtteilkonzept eingebettet wurde und wie die Menschen dort sich bewusst geworden sind, wo sie stehen und wie sie sich selbst organisieren können.

Kurz reflektiert die Autorin zum Schluss kritisch, dass die aktivierende Befragung keine gesellschaftlich erzeugten strukturellen Probleme des Wohnquartiers lösen könne.

Diskussion

Im Kern geht es um ein anderes Thema: Städtische Quartiere gestalten durch Soziale Arbeit, Quartiersarbeit, Sozialraumorientierung. In der Tat gewinnen Ansätze der Sozialen Arbeit wie die Gemeinwesenarbeit oder die Stadtteilorientierte Soziale Arbeit wieder an Bedeutung angesichts der sozialen Verwerfungen in den Großstädten und der zunehmenden sozialräumlichen Segregation in der Stadt, die zur sozialen Spaltung der Stadt führt, zur Verstärkung soziale Ungleichheit beiträgt und auch zur sozialen Exklusion der Bewohner segregierter Quartiere führt. Was kann unter diesen Bedingungen Soziale Arbeit zur Gestaltung der Quartiere beitragen? – das ist das Thema der Beiträge in all seinen Facetten und vor all den Hintergründen und Rahmenbedingungen, die mit einem zudem sich zurückziehenden Sozialstaat einhergehen.

Und es ist die praktische Auseinandersetzung mit diesem Thema, die Auseinandersetzung der Praxis mit sich selbst und ihren Rahmenbedingungen auf die sich die allermeisten Beiträge einlassen und die diese Quartiersarbeit konkret und anschaulich macht.

Es sind zwei Argumentationsstränge, die sich ausmachen lassen.

Einmal geht es um die Frage, wie die veränderten Bedingungen des wohlfahrtsstaatlichen Regimes die sozialraumorientierte Soziale Arbeit und die Quartiersarbeit verändern. Was bedeutet etwa Gemeinwesenarbeit und andere Ansätze der Sozialen Arbeit unter den Bedingungen verstärkter Armut, zunehmender sozialräumlicher Ausgrenzung und sozialer Marginalisierung oder gar Exklusion?

Zum anderen geht es um die Frage, was es für die Soziale Arbeit bedeutet, wenn das Lokale ins Zentrum der Betrachtung sozialer Integration und Ausgrenzung rückt.

Was bedeutet soziale Verortung und die Entwicklung von lokalen Lebenszusammenhängen auf der Handlungsebene? Und unter welchen Bedingungen können sich solche lokalen Lebenszusammenhänge nur entwickeln und wann reden wir von solchen Lebenszusammenhängen? Sind nicht Anerkennung, Zugehörigkeit und das Gefühl, für andere von Bedeutung zu sein hinreichende Voraussetzungen sozialer Integration und was muss dem vorausgehen?

Und wenn der Bezug zum Lokalen auch zur Folge hat, dass Menschen in privilegierteren Quartieren im Rahmen von Governance ihr Quartier mitgestalten wollen: welche Konsequenzen hat dies für die Quartiersarbeit in benachteiligten Quartieren?

Wir haben es weniger mit einem gesammelten Theorie- und Methodenbestand bei diesem Buch zu tun als vielmehr mit einer facettenreichen Auseinandersetzung der Praxis mit der Theorie und den Methoden.

Fazit

Wer eine Antwort auf die Frage sucht, wie die eigene Praxis in die veränderten gesellschaftlichen und sozialpolitischen Bedingungen einzuordnen ist und wie sie zu reflektieren ist, ist mit diesem Buch gut beraten.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 05.10.2015 zu: Judith Knabe, Rolf Blandow, Anne van Rießen (Hrsg.): Städtische Quartiere gestalten. Kommunale Herausforderungen und Chancen im transformierten Wohlfahrtsstaat. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-2703-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19340.php, Datum des Zugriffs 22.09.2017.


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