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Franz Walter (Hrsg.): Die Stadt

Cover Franz Walter (Hrsg.): Die Stadt. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. 144 Seiten. ISBN 978-3-525-80011-9. D: 18,95 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 25,90 sFr.

Indes. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft 2015 Heft 02.
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Thema

Die Stadt ist in aller Munde. Metropolen entwickeln sich zu unüberschaubaren Agglomerationen, Megacities sind nicht mehr steuerbar, Urbanisierungsprozesse und soziale Verwerfungen prägen einen Großteil unserer Großstädte, benachteiligte Quartiere, Segregationsprozesse, Gentrifizierung, Schrumpfung, die Spaltung der Städte und verstärkte soziale Spannungen sind unüberschaubar, soziale Ungleichheit und kulturelle Diversität verstärken sich – nichts bleibt der Stadt derzeit erspart.

Dabei ist sie auch der Hort der Freiheit (Stadtluft macht frei!) und der Hort der Emanzipation des Bürgertums von seinen Usurpatoren. Die Stadt war immer auch der Ort der Kultur, der Zivilisation, Urbanität als Lebensstil und nicht nur der Ort von Lärm, Dreck, Dichte, Industrie und Verkehr.

Und wir erkennen aber auch Tendenzen zu einer sozialen Stadtentwicklungspolitik, die Wohnung als gesellschaftlicher Ort, der Stadtteil als Möglichkeit sozialräumlicher Verortung, lokale Lebenszusammenhänge als Grundbedingung sozialer Integration und Reproduktion des Lebens – all dies wird immer mehr zum Fokus der Fragen an die Stadt, und wir reden auch wieder von lebenswerten Städten.

Autorinnen und Autoren

Die Autoren dieses Heftes kommen aus den Bereichen der Architektur, der Landschaftsarchitektur und Umweltplanung, der Politikwissenschaft, der Demokratieforschung, der Stadt- und Regionalplanung, der Soziologie und Geschichtswissenschaft, der Kultur- und Sozialanthropologie oder sie kommen aus dem Verlags- und Stiftungswesen.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Editorial, in dem Michael Lühmann und Mattias Micus kurz zur Stadt als Phänomen Stellung nehmen und dann die Beiträge kurz kommentieren, folgen zwölf Beiträge unter der Überschrift „Die Stadt“ und ein Beitrag unter der Überschrift „Perspektiven“.

Zu: „Markt, Mauer und Stadtrecht“ Über Geschichte und Geist der Stadt (Interview mit Peter Aufgebauer)

In einem Interview nimmt der Historiker P. Aufgebauer zum Phänomen der Stadt als Lebensform ausführlich Stellung. Zunächst geht er auf die Eigenart und die Geschichte der europäischen Stadt ein, wie wir sie seit dem 11. Jahrhundert kennen und wie sie sich dann im Laufe der Geschichte entwickelt hat. Er diskutiert dann die Stadt im Zusammenhang mit dem entstehenden Bürgertum in der Frühen Neuzeit, auch die Geschichte als Emanzipationsgeschichte, als Emanzipation von der adligen Obrigkeit, als „conjuratio“, also als verschworene Gemeinschaft (Max Weber).

Weiter diskutiert er die schwindende Bedeutung der Stadtmauern und die Entwicklung des Stadtrechts. Den Grundsatz „Stadtluft macht frei“ kannten ganz viele Städte; denn Landluft machte eigen, hörig. Das führte auch zu einem Aufstieg der Stadt als Lebensort und sicher verteilte sich räumlich damals schon die Bewohnerschaft der Stadt nach bestimmten Grundsätzen auf die Stadt, weswegen es Markt- und Bürgerhäuser und Armenviertel gab.

Man muss sich die Stadt anders vorstellen als heute, muss sie auch vor dem gesamtgesellschaftlichen Hintergrund verstehen, der die Frühe Neuzeit, dann später das 19. Jahrhundert und in der Zeit der Industrialisierung jeweils prägte, mahnt der Historiker.

Aufgebauer geht dann noch auf die heutige Entwicklung der Großstadt ein, die schon im 19. Jahrhundert durch Paris und London, Prag und Wien stark beeinflusst wurde, weniger durch deutsche Großstädte.

Zu: Urbane Situationen. Überlegungen zu einer Phänomenologie der Urbanität (Sebastian Feldhusen, Eduard Führ)

Wohl wissend, dass es sich bei der Phänomenologie um einen interdisziplinären wissenschaftstheoretischen Ansatz handelt, beschränken sich die Autoren in ihren Ausführungen auf die Architekturphänomenologie. Zunächst stellen sie das Spannungsverhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit als typisch für die Urbanität heraus, aber auch als Hindernis. Das zweite Hindernis besteht in dem Verhältnis von Laien und Experten und dies begründen sie ausführlich. Aber auch die Architekturdisziplinen haben Hindernisse zu überwinden. Architekten schauen zunächst auch auf das Baukünstlerische, das sachlich Notwendige oder das technisch Effektive. Sie haben eher das Über-Individuelle, die Ordnung und die Funktionalität der Werke im Kopf als diejenigen, die die Wohnung nutzen, die wohnen.

Weiter beschäftigen sich die Autoren mit der Kritik klassischer Architekturphänomenologien. Dabei geht es um die Kritik des Raumverständnisses (etwa im Unterschied zu dem von Euklid), um die Kritik der Feindschaft zur Mathematik und zum wissenschaftlich-analytische Denken. Und es geht in der Praxis um die Kritik der Zweckmäßigkeit und Alltagstauglichkeit; eine Kritik, die dem Idealismus des 19. Jahrhundert verbunden ist. Weiter diskutieren die Autoren die moderne Architektur und gehen auf den Streit der alten und modernen Ästhetik ausführlich ein. Zum Schluss erörtern sie die Phänomenologie der Urbanität und behaupten, die Stadt sei aus dieser Sicht eine Situation, die Menschen konstituiert haben und die sie im öffentlichen Raum immer wieder aushandeln.

Zu: Die Vermessung der urbanen Welt. Zur Praxis des Städtevergleichs (Marlon Barbehön)

Der Autor setzt sich kritisch mit dem Städtevergleich auseinander. Was verraten derartige Vergleiche über die Urbanität der jeweiligen Städte? fragt der Autor, wenn dann die ökonomische Leistungsfähigkeit oder die jeweiligen Eigenstellungsmerkmale der Städte herangezogen werden. Für eine kritische Geographie ist diese Ökonomisierung von Städten vor dem Hintergrund der damit verbundenen gesellschaftspolitischen Implikationen eher problematisch. Dies wird ausführlich entfaltet.

Weiter beschäftigt sich der Autor mit städtischen Spezifika und betrachtet deren Vergleich als kritisch. Denn die Städte und ihre Eigenlogik von Integration und Ausgrenzung und von der ihr je eigenen Art der Problematisierung und Identifizierung von Themen lassen sich so nicht vergleichen, was der Autor an Hand einer empirischen Studie nachweist.

Zu: Neuer Urbanismus. Die New School grüner politischer Utopie (Christa Müller, Karin Werner)

Die Stadt ist ein Ort des Politischen (geworden). Und sie lässt sich nicht mehr einfach regieren; Bewegungen von unten nehmen nicht nur Einfluss auf die politischen Prozesse, sondern nehmen die Gestaltungsprozesse selbst in die Hand. Mit letzterem beschäftigen sich die beiden Autorinnen. Der neue Urbanismus schafft eine Praxis, der im überschaubaren Kosmos stattfindet, in Stadtteilen, Quartieren, Wohngebieten und Nachbarschaften. Ausführlich gehen die Autorinnen auf Urban Gardening ein, das nicht nur zum Überleben (Gemüsebeete) oder der Beschäftigung dient, sondern das auch zum gemeinsamen Tun und Handeln, ja zu gemeinsamen Aktionen führt. Sie beschreiben die Geschichte von Urban Gardening in Deutschland, diskutieren dann FabLabs als „offene demokratische High-Tech-Werkstatt mit dem Ziel, Privatpersonen industrielle Produktionsverfahren für Einzelstücke zur Verfügung stellen“ (Wikipedia), gehen dann auf Reparatur-Initiativen ein, wo Menschen gemeinsam Dinge reparieren und kommen dann zu Smart Citizenship, das auf Commons trifft. Dies wird ausführlich diskutiert und mit Beispielen unterlegt.

Zu: Brennstoff für städtische Revolten. Ein historisches Déja vu? (Franz Walter)

Es wird auch immer urbane Revolten aus Gründen von Verelendung und Not geben, wie sie auch das Mittelalter bereits kannte, wenn die Getreidespeicher voll waren, aber die Bevölkerung hungerte. Und es gibt jetzt eine völlig neue urbane Protestklientel, die bei uns als Wutbürger bezeichnet werden und die als eine nach Freiheit und Demokratie strebende junge gebildete Mittelschicht in anderen Ländern Europas oder außerhalb Europas auftritt.

Zunächst geht es um die, die aus Not und Elend protestieren, dabei hat sich gezeigt, dass die Entbehrlichen einerseits bereit sind für ihre Verhältnisse zu kämpfen, andererseits aber nicht immer unbedingt schon den Aufschrei versuchen. Walter zitiert dabei einschlägige Studien der französischen Soziologie und der deutschen sozialwissenschaftlichen Diskussion. Dann beschäftigt er sich mit denen, die im Wohlstand und wohlsituierten Familien groß geworden sind. Dabei handelt es sich eher um die Enttäuschung über die politische Linke; man will nicht so weiterleben, wie einem die Alten das vorgemacht und ermöglicht haben. Auch hier werden größtenteils französische Verhältnisse herangezogen, und es wird auf französische Studien verwiesen.

Walter beruhigt zum Schluss die etablierten Kräfte; die Voraussetzungen für Proteste sind weit ungünstiger als im Jahre 1844!

Zu: Das Viertel als Heimat. Warum ein Perspektivwechsel in der Debatte um „Problemviertel“ nötig ist (Christoph Hoeft, Sören Messinger, Jonas Rugenstein)

Einleitend problematisieren die Autoren die Begrifflichkeiten wie Problemviertel, soziale Brennpunkte, Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf und die damit verbundenen negativen Zuschreibungen und Konnotationen. Auf der Basis eines Forschungsprojektes wollen sie daher die positiven Viertelbilder der Viertelbewohner heraus stellen. Wer sind diejenigen, die das Viertel gestalten, weil sie sich zugehörig fühlen, Anerkennung erfahren und das Gefühl entwickeln können, für andere von Bedeutung zu sein?

Zunächst beschreiben sie das Viertel als ein schützenswertes Biotop, zitieren entsprechende Stellen aus den Interviews, beschreiben dann das Viertel als schützenden Zufluchtsort, der auch Unterstützung verspricht und kommen dann zu der Frage, wie ein Problemviertel zur Heimat werden kann, wo man sich dort zuhause fühlt, ja Menschen ihre gesamte Biographie mit dem Viertel verbinden. Menschen können sich sozial verorten, weil sie sich mit dem Ort identifizieren. Insofern mahnen die Autoren einen Perspektivwechsel in der Betrachtung und Bewertung solcher Quartiere an. Was ist in der Tat defizitär und macht ein benachteiligtes Quartier zu einem benachteiligenden Quartier und was ist different, weil es sich vom Lebensstil und den Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft unterscheidet? könnte hier gefragt werden.

Zu: Weder Camp noch Stadt. Das Flüchtlingslager als Hybrid (Daniel Kerber, Isabelle Poncette)

In einem Prolog wird zunächst ein „Straßenbild“ in einem jordanischen Flüchtlingslager nachgezeichnet und die Geschichte und die Ursachen der Entstehung einer massenhaften Flüchtlingsbewegung in Syrien und die administrative Antwort darauf beschrieben. Das Flüchtlingslager ist inzwischen zu einer „Stadt“ heran gereift, die offensichtlich auch sozialräumliche Verteilungsprozesse der Bevölkerung, also auch reichere und ärmere Viertel kennt und einen Marktbereich, öffentliche Räume und eigene ökonomische Funktionen hat. Das einzige, was das Lager von der Stadt wirklich unterscheidet, ist, dass es keine selbstbestimmte Regierung kennt; stattdessen Wohlfahrtsorganisation dort herrschen. Deshalb ist es weder Stadt noch Lager, etwas was in der deutschen stadtsoziologischen Diskussion als „Zwischenstadt“ bezeichnet werden würde. Die damit verbundenen drei Phasen der Entwicklung werden ausführlich beschrieben. Diese Phasen sind:

  • Die Ausgestaltung des Lagers nach internationalen Standards.
  • Es wächst die Gewissheit einer längeren Existenz des Lagers.
  • Die Weiterentwicklung und Anpassung des Ortes.

Die Autoren gehen dann noch auf die Gestaltung der Übergänge der verschiedenen Phasen ein, die mit Methoden der Modularität und Adaption bearbeitet wurden.

Zu: Drei Clowns in Berlin. Flaneure in Großstadt und Gesellschaft (Felix Butzlaff, Robert Mueller-Stahl)

Die Autoren setzen sich mit der literarischen Verarbeitung der Stadt auseinander, zitieren die ganze Palette der Protagonistinnen und Protagonisten, die sich mit der Stadt, ihrer urbanen Lebensweise, ihren Widersprüchen, ihrer Dynamik und ihren Problemen beschäftigt haben. Paris wird genannt und Chicago und der Flaneur wird als einer charakterisiert, der immer wieder durch die Boulevards flaniert.

Weiter setzen sich die Autoren ausführlich mit Hessels Spaziergänge durch Berlin auseinander, taucht doch der Flaneur als literarische und zugleich soziale Figur erst in der Zeit der Weimarer Republik auf, also in einer Zeit, als Städte schon entwickelt waren und die Industriestadt ihren Aufstieg verzeichnete. Da werden dann auch sozialräumliche Segregation diskutiert, etwa die Gebiete des Überflusses und die der proletarischen Existenz. Walter Benjamin und Kracauer werden genannt, die Hessels Arbeit kritisch begleiten.

Zu: Vom „Demonstrativ-Bauvorhaben“ zum „Prügelhügel“. Eine (subjektive) Geschichte des Holtenser Bergs (Katharina Rahlf)

Es geht um den zu Göttingen gehörenden und in separater Lage gelegenen Stadtteil Holtenser Berg. Und die Frage wird laut, ob man im Ghetto wohnt, wenn man dort wohnt. Die Autorin formuliert diese Frage, weil sie sie als Kind gestellt bekam. Und sie diskutiert die städtebauliche Geschichte und Struktur dieses Quartiers. Sicher spürt man die abgelegene Lage. Viele Kinder und Jugendliche spüren es durch die Stigmatisierung ihrer Adresse.

Dabei hat alles anders begonnen. Die Autorin schildert den Prozess von einer beginnenden Planungseuphorie - man musste zurechtkommen mit Wohnungsnot und wachsenden Studentenzahlen – und mit den neuen ästhetischen Gesichtspunkten. Gesellschaftliche Veränderungen am Ende der 1960er Jahre trugen zusätzlich dazu bei, dass die Stadtplanung mit neuen Herausforderungen zu kämpfen hatte. Dies wird ausführlich geschildert. Bereits Anfang der 1970er Jahre begannen die ersten Zweifel an der mangelnden Infrastruktur, mit der es immer schwieriger wurde, in urbaner Umgebung öffentliche Räume mit Aufenthalts- und Versorgungsqualität zu finden. Dies wird bis zum „bitteren Ende“ geschildert – eben bis es irgendwann ein Ghetto wurde.

Zu: Perspektiven einer „Stadt der Arbeit“. Salzgitters Kampf gegen das Schrumpfen (Julia Kiegeland, Marika Przybilla)

Seit Jahren kennen wir schrumpfende Städte. Bevölkerungsrückgang, wirtschaftlicher Niedergang, Abwanderung und Deindustrialisierung sind die Begleiterscheinungen dieser Schrumpfung. Salzgitter gehört inzwischen auch dazu, auch wenn Deindustrialisierung nicht der Grund ist. Es ist eher die urbane Kultur und Altlasten der Stadtplanung.

Weitere Folgen beschreiben die beiden Autorinnen als Eindrücke einer Besichtigung: Wohnungsleerstand, verlassene öffentliche Räume; wer die Chance hat, abzuwandern, wandert ab, zurück bleiben die Alten, die Ungebildeten und die Arbeitslosen, die keine Chance mehr haben – was also sollen die aber in den öffentlichen Räumen, welche Bedeutung haben sie für ihre Lebensstilführung – keine!

Die Autorinnen beschäftigen sich dann mit dem Auseinandertriften von Arbeits- und Wohnkultur. Die Menschen arbeiten in Salzgitter, wohnen aber lieber wo anders. Salzgitter hat als politisch-strategisches Ziel die Kinder- und Familienfreundlichkeit auf seine Fahnen geschrieben; darauf gehen die Autorinnen ein, sehen aber den Erfolg kritisch, zumal die Kinder nicht in Salzgitter bleiben. Die Autorinnen sehen aber auch Aspekte einer fortschrittlichen Entwicklung in einigen Kleinräumen der Innenstadt.

Zu: Wir brauchen weniger „mehr“. Ein Plädoyer für Freiräume und Experimente in der Stadt (Van Bo Le-Mentzel)

Der Autor erzählt von seiner Liebe zu Kreuzberg und zu einer schönen Frau und von seiner Wohnung, die einfach ganz billig ist (immer noch!). Und er berichtet von einem Leben voller Experimente, mit seiner Arbeit umzugehen, mit seinem Verdienst, mit dem Wohnen, Leben, Essen, Denken und der Versorgung. Was ihm gelingt, gelingt nicht vielen, wenn sich überhaupt daraus etwas Reales ergibt – oder bleibt es doch nur Utopie und wird nur real für ganz, ganz Wenige? Und ist die Frage richtig gestellt, ob man sich noch leisten kann, seine Kreativität und seine Arbeitszeit dem Gemeinwohl zu widmen?

Der Autor entwickelt eine Vorstellung, der sich die Leserschaft anschließen solle. Experiment eins: Unreal Estate House, ein Selbstbauwohnwagen auf einem Anhänger, 6 qm groß.

Experiment zwei: Artist Residency Office Wonder (arrow). Im gleichen Haus nochmal eine Wohnung mieten und als Büro nutzen (etwas für Selbständige).

Beide Experimente werden ausführlich beschrieben und der Leser mag nicht nur entscheiden, was er für realistisch hält und was für utopisch, sondern auch, wie er mit den letztlich nicht gewollt unterstellten, aber herauslesbaren Anwürfen zurechtkommt, eigentlich nicht richtig zu leben.

Zu: Stadtentwicklung in den Zeiten des Klimawandels. Von der konsumorientierten Stadt zur Transition Town (Interview mit Jörg Knieling)

In diesem Interview geht Knieling zunächst auf die Erwartungen an die Stadtplanung und -entwicklung ein, erläutert den Begriff der Stadt und der Stadtentwicklung und -planung. Weiter erläutert er identifizierbare Trends in der Stadtplanung und -entwicklung. Dann geht er auf die Frage ein, ob es Disparitäten zwischen Stadt und Land noch gibt und ob sie ein Thema der Stadtplanung sind. Auch wenn das politische Primat der Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen gilt, können noch gravierende Unterschiede in der Ausgestaltung der kollektiven Lebensfürsorge zwischen städtischen und ländlichen Räumen festgestellt werden.

Ausführlich diskutiert Knieling die Frage steigender Immobilienpreise und der zunehmenden Privatisierung als Herausforderung für die Stadtplanung und -entwicklung.

Weiter geht der Interviewte auf das Stichwort Beteiligung ein, auf Veränderungen in der Auseinandersetzung mit anderen Akteuren, auf Scheinbeteiligung und auf den bürgerschaftlichen Wunsch nach Beteiligung bei Großprojekten. Und es geht um den Einfluss von Unternehmen auf die wirtschaftliche Dynamik der Stadt und wie diese im Sinne einer urbanen Entwicklung gesteuert werden kann. Zum Schluss diskutiert Knieling die Frage des Klimawandels und der Nachhaltigkeit in den Städten.

Der letzte Beitrag wird unter der Überschrift „Perspektiven“ geführt.

Zu: Zwischen Verwahrlosung und Rebellion. Altersheime im Film (Hans J. Wulff)

Man kennt den Spruch schon: „Das Alter ist nichts für Feiglinge“. Alter und Altern haben sich verändert, wir werden anders alt als unsere Eltern und Großeltern. In der Regel wird man in Arbeitsgesellschaften dann alt, wenn man aus dem Arbeitsleben ausscheidet. Rentner sind zwangläufig auch alt - auch wenn sie selbst nicht das Gefühl haben, alt zu sein und auch nach außen nicht so erscheinen oder gar noch arbeiten wollen.

Das Altersheim, die institutionelle Form des Alterungsprozesses und des Zusammenlebens von Alten, die zugleich sozialräumlich hervorgehoben ist, das ist das Thema des Autors. Vor allem beschäftigt er sich mit dem Altersheim als Institution – vergleichbar dem Krankenhaus (dem Gefängnis auch?), wo man auch nur dann hinkommt, wenn man einem bestimmten Risiko ausgesetzt ist – also nicht einfach so und vor allem nicht immer freiwillig und nicht von Geburt an. Mit den damit verbundenen Ängsten setzt sich der Autor ebenso auseinander wie mit Abwehrhaltungen und wie die Übergänge von einem selbstbestimmten Leben in das einer Institution gestaltet sind. Und es geht um Fluchten, um kleine Fluchten der Alten aus dem Alltag des Heims und auch großen Fluchten. Dabei wird eine Reihe von Filmen zitiert, in denen diese Fluchten eine Rolle spielen. Aber auch Rebellion spielt eine Rolle. Engführung der Fürsorge und Versorgung und Restriktionen, die zur Infantilisierung und Entmündigung der Alten führen und die mit Pflichten der Heimleitungen begründet werden – all dies führt auch zur Rebellion. Auch hier werden Filme zitiert, in denen dies gezeigt wird.

Diskussion

Die allermeisten der in diesem Heft vereinten Beiträge reflektieren auf einem hohen analytischen Niveau die Stadt als Sozialraum, als urbanen Raum, als Ort des Zusammenlebens unter den Bedingungen sozialer Differenzierung und kultureller Diversität. Vielleicht hätte z. B. dem letzten Beitrag gut getan, das Altersheim auch unter den Bedingungen der Stadt(teil)wirklichkeit zu betrachten – wenn Filme das hergeben!

Die Stadt als Ort des Fortschritts und der Zivilisation zu sehen, auch die Stadt unter den Bedingungen des neuen Urbanismus zu betrachten und gleichzeitig auf die Probleme der modernen Stadt hinzuweisen, auf ihr Wachstum bis zur Megacity und auf ihre Schrumpfung und Alterung aufgrund des demographischen Wandels - in diesem Spannungsbogen befindet sich die Stadt und ihre Dilemmata werden durch diese Prozesse auch deutlich. Sie ist immer noch der Hort der Freiheit und des Urbanen und gleichzeitig ist sie immer mehr eingebunden in globale gesellschaftliche und ökonomische Zwänge und Strukturen, die diese Freiheit und Urbanität immer wieder bedrohen. Dies machen die Beiträge gut deutlich.

Fazit

Wer sich mit der Stadt beschäftigt und vieles von ihr weiß – aber noch nicht alles, ist mit diesem Heft gut bedient.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 20.11.2015 zu: Franz Walter (Hrsg.): Die Stadt. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-525-80011-9. Indes. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft 2015 Heft 02. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19343.php, Datum des Zugriffs 18.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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