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Daniel Burghardt, Sabine Seichter u.a. (Hrsg.): Pädagogischer Takt. Theorie – Empirie – Kultur

Cover Daniel Burghardt, Sabine Seichter, Dominik Krinniger (Hrsg.): Pädagogischer Takt. Theorie – Empirie – Kultur. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2015. 182 Seiten. ISBN 978-3-506-78076-8. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 37,00 sFr.
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Thema

Die zu besprechende Publikation befasst sich mit drei Schwerpunktthemen, als da wären:

  1. die Klärung des theoretischen Zusammenhangs hinsichtlich des Takts und der Taktlosigkeit als pädagogische Denk- und Praxisfigur;
  2. die Diskussion unterschiedlicher pädagogischer Felder zu den Spezifika des pädagogischen Takts;
  3. erfolgt eine interkulturelle Betrachtung des pädagogischen Takts.

HerausgeberInnen

  • Daniel Burghardt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Pädagogische Anthropologie der Universität Köln. Seine Dissertation verfasste der Erstherausgeber 2013 zu dem Thema Homo spatialis: eine pädagogische Anthropologie des Raums (vgl. BAUM 2015).
  • Dominik Krinninger arbeitet am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Osnabrück als wissenschaftlicher Mitarbeiter. In seiner Dissertation befasst sich der Zweitherausgeber in empirischen und begrifflichen Untersuchungen zu einer sozialen Theorie der Bildung mit Freundschaft, Intersubjektivität und Erfahrung.
  • Sabine Seichter ist an der Universität Salzburg Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft.

Aufbau

Theorie

  1. Hans-Rüdiger Müller: Zur Theorie des Pädagogischen Takts
  2. Jörg Zirfas: Zur Ethnographie des pädagogischen Takts
  3. Sabine Seichter: Pädagogischer Takt – aus geisteswissenschaftlicher Perspektive betrachtet. Oder: Über die Interpersonalität pädagogischen Handelns
  4. Micha Brumlik: Pädagogische Taktlosigkeit

Empirie

  1. Birgit Althans: Sozialpädagogischer Takt in familiären Kontexten: Von Leer- bzw. Lehrstellen und dem Umgang mit Zeichen und Dingen
  2. Dominik Krinninger: Pädagogischer Takt in der Familie
  3. Elmar Drieschner & Roswitha Staege: Zur Relevanz des pädagogischen Takts in der Spannung von Nähe und Distanz sowie Theorie und Praxis im frühpädagogischen Handeln
  4. Bina Elisabeth Mohn: Präsenz und Absenz von Takt in Schule, Kita, Theater für Kinder und beim Forschen
  5. Sigrid Nolda: „Takt“ und „Taktöosigkeit“ in Kursen der Erwachsenenbildung

Kultur

  1. Daniel Burghardt: Zwischen der Differenz: Zum Pädagogischen Takt in der Ethnographie am Beispiel Japan
  2. Volker Schubert: Maßnahmen gegen erzieherische Aggressivität: Vergleichende Perspektiven zum Pädagogischen Takt am Beispiel Japan
  3. Peter Ackermann: Pädagogischer Takt in Japan
  4. Zwei Texte aus der japanischen Praxis: Übersetzung und Zusammenfassung von Peter Ackermann

Ausgewählte Inhalte

Bei der Theorie des pädagogischen Takts führt Hans-Rüdiger Müller an das dieser uneindeutige Begriff immer dann benutzt wird, wenn die Theorie auf Unbestimmtheiten in der pädagogischen Praxis trifft, „auf Unbestimmtheiten, die sich nicht im theoretischen Handstreich so eben mal vereindeutigen lassen“ (S. 13).

Der Autor befasst sich in seinem Beitrag mit drei Hauptsträngen des pädagogischen Takts:

  1. als ein methodisch-didaktisches Prinzip;
  2. als Orientierung des Handelns in einem Spannungsfeld sich widersprechender Anforderungen an die pädagogische Praxis;
  3. als Selbstbegrenzung pädagogischer Rationalität und pädagogischer Ansprüche

Im Empirieteil befasst sich Birgit Althans mit dem sozialpädagogischen Takt in familiären Kontexten, eben weil die Sozialpädagogik es oft mit aus dem Takt geratenen Familien zu tun hat. Es geht in diesem Artikel um den „Takt im Umgang der profesionellen Akteure mit der sozialpädagogischen Klientel als notwendige Voraussetzung professionellen Handelns in der sozialen Arbeit“ (S. 61).

Die Autorin nimmt Bezug auf den pädagogischen Takt, wie ihn u. a. Johann Friedrich Herbart 1802, Hans Thiersch bzw. Micha Brumlik 1992 oder Peter Hansbauer und Stefan Schnurr 2002 formuliert haben. Diese Betrachtungsweise führt die Autorin zu der zentralen Frage danach, wie pädagogischer bzw. sozialpädagogischer Takt gelehrt und gelernt werden soll.

Im zweiten Teil ihrer Ausführungen wird die integrierte Familienhilfe in den Blick genommen. Hierbei handelt es sich um das „Trierer Modellprojekt, in dem seit mehreren Jahren Familien sozialpädagogisch betreut werden, die Gefahr laufen, ihre elterliche Sorgepflicht aberkannt zu bekommen und ihre in den Augen des Jugendamts „gefährdete“ Kinder an professionelle Hilfestellen abgeben zu müssen, sie Heim- oder Fremdunterbringung zu überlassen“ (S. 65).

Pädagogischer Takt in Familien, so schlussfolgert Dominik Krinninger es in seinem Beitrag auf Seite 86, wird als ein praktisches Wissen sichtbar, welches „die Funktionalität der Familie als pädagogischer Umgebung wahrt und in Relation zu Vorstellungen, Haltungen und Intentionen der Eltern, der Kinder und der Familie als Gemeinschaft steht.“

Der Kulturteil hat Japan im Blick.

Peter Ackermann widmet sich dem pädagogischen Takt in Japan. Der Autor eröffnet Perspektiven und weist auf innerjapanische Diskurse hin, die Denkanstöße erzeugen sollen, so die Fokussierung auf Lebenssituationen im Sinne von Takt erfolgen. Ackermann widmet sich insbesondere den folgenden außerschulischen Lernerfahrungsbereichen:

  1. Lernen zu Hause, wo das Lernen vor allem auf Empathie beruht;
  2. Lernen in Nachhilfe- oder Paukschulen, wo der Lehrer noch taktvoller als in der Schule auf die einzelnen Persönlichkeiten eingehen muss – jeder Schüler, der wegbleibt, bedeutet einen finanziellen Verlust;
  3. das so genannte o-keiko. Bei o-keiko handelt es sich um ein klassisch-japanisches ganzheitliches, körperlich-geistiges Training.

Zum taktvollen Lehrer bezieht sich der Verfasser auf eine Dokumentation der Schule von Ögio in Süd-Kyushu. Unter anderem hat sich Ögio sieben körperlich definierte Grundregeln ausgedacht, die für die taktvollen zwischenmenschlichen Beziehungen eine Voraussetzung sind.

Im Anhang zu den besprochenen Ausführungen präsentiert Peter Ackermann eine Vision am Rande einer Regionalstadt sowie Überlegungen eines Lehrers zur Kluft zwischen Ideal und Realität in einer kleinen Dorfschule. Hierbei handelt es sich um einen Ausdruck von Wertehaltungen, mit welchen die Akteure sich in ihrem Feld vorantasten.

Fazit

Aus der Sonderpädagogik kommend und um die pädagogisch „taktvolle“ Inklusion Bemühter habe ich mich der Lektüre mit einer gewissen Spannung dahingehend genähert, als ich wissen will, wie es mit dem pädagogischen Takt auf dem Feld Behinderung aussieht. Ich meine für dieses letztgenannte Feld erkannt zu haben, dass er hier von Relevanz ist, ja mehr noch die gesamte pädagogische Disziplin durchzieht. Aus diesem Grunde ist die Lektüre der besprochenen Publikation, die für mich bisher einzigartig ist, für jeden pädagogisch Tätigen dringend zu empfehlen.

Literatur

Detlef Baum. Rezension vom 04.03.2014 zu: Daniel Burghardt: Homo spatialis. Eine pädagogische Anthropologie des Raums. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 272 Seiten. ISBN 978-3-7799-3021-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, www.socialnet.de/rezensionen/16320.php, Datum des Zugriffs 01.09.2015.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 08.10.2015 zu: Daniel Burghardt, Sabine Seichter, Dominik Krinniger (Hrsg.): Pädagogischer Takt. Theorie – Empirie – Kultur. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2015. ISBN 978-3-506-78076-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19350.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


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