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Heike Elisabeth Philipp-Metzen: Soziale Arbeit mit Menschen mit Demenz

Cover Heike Elisabeth Philipp-Metzen: Soziale Arbeit mit Menschen mit Demenz. Grundwissen und Handlungsorientierung für die Praxis. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2015. 184 Seiten. ISBN 978-3-17-025199-1. 29,99 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema/Zielsetzung

Das Buch sei, so die Einleitung, im Rahmen der Lehrtätigkeit der Autorin entstanden, insofern haben die Interessen und Bedarfe der Studierenden zur Schwerpunktsetzung innerhalb des Buches beigetragen.

Es werden drei übergreifende Zielsetzungen formuliert: „Erstens wird theoriebasiertes Hintergrund- und Methodenwissen zur Verfügung gestellt. Zweitens werden explizite Praxisbezüge und damit einhergehend Potenziale für den Einsatz in der Sozialen Arbeit und für angrenzende Disziplinen aufgezeigt. Drittens soll es zum fachlichen Positionieren, zum Reflektieren und Argumentieren anregen und befähigen.“ (S. 9)

Autorin

Die Autorin ist Dipl.-Gerontologin und Dipl.-Sozialpädagogin und lehrt an der Fachhochschule Münster. Sie ist Vorstandmitglied im Landesverband der Alzheimer Gesellschaften in Nordrhein-Westfalen.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Buches – so die Autorin selbst – folge dem konkreten Anwendungsbezug: Es beginne mit allgemeinen, handlungsfeldübergreifenden Themen und gehe von da aus hin zu spezielleren interventionsbezogenen Fragestellungen. Dieser Logik folgen 13 Kapitel, wobei zwei Kapitel von Kollegen verfasst wurden:

  • Tilman Frey ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und Chefarzt der Abteilung Gerontopsychiatrie in der LWL-Klinik Münster (Kapitel 9: Demenz bei geistiger Behinderung);
  • Martin Kamps ist Gerontologe (Kapitel 11: Fokus Beratung: Pflegeberatung mit Case Management, Wohnberatung und Beratung bei Demenz).

Das erste Kapitel („Gesellschaftliche Relevanz“) verweist vor allem auf die quantitative Zunahme der betroffenen Menschen und deutet die Notwendigkeit einer stärkeren interdisziplinären Bearbeitung des Themas an.

Kapitel 2 vermittelt „Basiswissen zu Demenz“.

Kapitel 3 führt in Grundlagen der Pflegeversicherung ein.

Kapitel 4 entwickelt „Alltagskompetenz und Lebensqualität“ als zentrale Momente eines ressourcen- und lebensweltorientierten Zugangs.

Kapitel 5 folgt der Unterscheidung zwischen medikamentösen und nichtmedikamentösen Maßnahmen und gibt hier einen Überblick über nichtmedikamentöse Konzepte, worunter z.B. musikalische Angebote oder Biografiearbeit gefasst werden.

Kapitel 6 befasst sich mit „Kommunikation mit Menschen mit Demenz“, da hier eine Kernkompetenz gesehen wird.

Kapitel 7 widmet sich der „Handlungskompetenz im Umgang mit herausforderndem Verhalten von Menschen mit Demenz“.

Kapitel 8 trägt Forschungsergebnisse und Praxisimplikationen zum Thema „Intergenerationelle Soziale Arbeit“ zusammen.

Kapitel 9 stellt vor allem einige medizinisch-diagnostische Aspekte für eine bestimmte Zielgruppe („Demenz bei geistiger Behinderung“) vor.

Kapitel 10 thematisiert die „Familiale Sorgeleistung pflegender Angehöriger“ entlang zentraler Dimensionen wie Belastungen, Ressourcen und Interventionen.

Kapitel 11 bietet einen Überblick über die komplexen Themen und Anforderungen in Beratungskontexten („Fokus Beratung: Pflegeberatung mit Case Management, Wohnberatung und Beratung bei Demenz“).

Kapitel 12 befasst sich mit dem Phänomen „Gewalt in der Pflege“.

Kapitel 13 stellt einige „Vertiefende Aspekte zur Sozialen Arbeit im Kontext Demenz“ zusammen: Inklusion, Partizipation, Lebensweltorientierung etc.

Diskussion

In der fachlichen Diskussion um den Stellenwert einer Sozialen Altenarbeit wird immer wieder beklagt, dass es der Sozialen Altenarbeit an Expertise mangele, auch an berufspolitischem Selbstbewusstsein gegenüber den dominanten Disziplinen der Medizin und Pflege. Im Vergleich mit anderen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit hinke die Soziale Altenarbeit in vielen Bereichen hinterher: Forschungsdesiderate, mangelnde Institutionalisierung und Differenziertheit des fachlichen Angebots, qualitative Standards wie die Entwicklung behinderungs,- klassen-, geschlechter- und migrationssensibler Sichtweisen und Angebote – dies gilt in der zeitlichen Abfolge der Aufmerksamkeit und Entwicklung entsprechender Angebote – noch einmal mehr für Männer als für Frauen.

Dieser Anforderung trägt der Band insofern Rechnung als er die bislang in der Sozialen Arbeit stark vernachlässigte Zielgruppe der Menschen mit Demenz in den Focus rückt und hier einige produktive Zugänge zusammenträgt. Allerdings wäre es wünschenswert gewesen, wenn in dem vorliegenden Band die Bearbeitung der entsprechenden Themen sich stärker an aktuelle fachliche Diskurse der Sozialen Arbeit orientiert hätte. Dazu zwei Beispiele:

Kapitel 2 beinhaltet auch ein Kapitel zu „Prävention“ (2.5). Der Präventionsbegriff wird medizinisch begründet, eine Verbindung zu der sehr ausführlichen fachlichen Debatte über den Präventionsbegriff und die Problematisierung desselben in der Sozialen Arbeit wird nicht hergestellt.

In Kapitel 5 werden Arbeitsansätze der Sozialen Arbeit (etwa Biografisches Arbeiten) und der Kulturellen Bildung (etwa: Musik, Theater) unter die Rubrik „Nichtmedikamentöse Konzepte“ subsumiert. Das ist eine defizitäre Perspektive, die sich unkritisch an die dominante Leitdisziplin der Medizin anlehnt.

Zu fragen ist, wie Studierende der Sozialen Arbeit – und diese werden als wesentliche Zielgruppe des Bandes benannt – unter diesen begrifflichen Engführungen eine selbstbewusste Haltung als fachlich kompetente Sozialarbeiter*innen erlangen können.

Fazit

Das Buch führt in etliche wesentliche Aspekte des Arbeitsbereiches „Soziale Arbeit mit Menschen mit Demenz“ durch Einbeziehung relevanter Theorietraditionen ein. Es ist sehr lesefreundlich konzipiert (durch ein ansprechendes Lay-out) und weist zu einzelnen Theoriebezügen jeweils interessante Verbindungen auf. In Bezug auf die Verortung dieses Bereiches in aktuelle Diskurse der Sozialen Arbeit bleiben einige Wünsche offen.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz Bartjes
Hochschule Esslingen, Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
Arbeitsschwerpunkte: Soziale Altenarbeit; Männer- und Geschlechterforschung; Theater und Soziale Arbeit, Bürgerschaftliches Engagement.
Homepage www.hs-esslingen.de/mitarbeiter/Heinz.Bartjes
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Zitiervorschlag
Heinz Bartjes. Rezension vom 17.03.2016 zu: Heike Elisabeth Philipp-Metzen: Soziale Arbeit mit Menschen mit Demenz. Grundwissen und Handlungsorientierung für die Praxis. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-17-025199-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19356.php, Datum des Zugriffs 23.07.2017.


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