socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Carolin Winkler: Umgang mit Demenzerkrankungen in der Physiotherapie

Cover Carolin Winkler: Umgang mit Demenzerkrankungen in der Physiotherapie. Eine qualitative Studie zur Einschätzung der Therapeuten. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. 146 Seiten. ISBN 978-3-643-13103-4. 34,90 EUR.

Medizinsoziologie und Gesundheitswissenschaften Bd. 4.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Zahl älterer und zunehmend auch dementer Patienten stellt für das Gesundheitswesen im Allgemeinen sowie für die Leistungserbringer im Besonderen eine zunehmende Herausforderung dar. Das betrifft auch die Physiotherapeuten. In dieser qualitativen Studie werden aus Sicht der Therapeuten der Umgang mit demenzkranken Patienten sowie förderliche und hemmende Faktoren untersucht und daraus Handlungsempfehlungen für den zukünftigen angemessenen Umgang abgeleitet.

Autorin

Die Autorin hat von 2011 bis 2014 an der Hochschule Magdeburg-Stendal Gesundheitsförderung und -management (B.A.) studiert. Nach Abschluss ihres Studiums befindet sie sich seit Oktober 2014 in der Ausbildung zur Physiotherapeutin.

Entstehungshintergrund

Das rezensierte Werk stellt die qualitative empirische Abschlussarbeit der Autorin im Studiengang Gesundheitsförderung und -management dar. Im Mittelpunkt stehen fünf ausführliche leitfadengestützte Interviews mit PhysiotherapeutInnen in unterschiedlichen Arbeitsumgebungen zum Umgang mit Demenzkranken in ihrer eigenen Arbeit. Ziel der Arbeit ist die Ableitung von Handlungsempfehlungen für den Umgang mit Dementen.

Aufbau

Die Arbeit folgt dem typischen Aufbau einer wissenschaftlichen Studie.

Nach einer Einleitung erfolgt in zwei Kapiteln die Darstellung der Krankheit Demenz, soweit es zum Verständnis der Arbeit notwendig ist, sowie eine Beschreibung der Problematik im Umgang mit demenzkranken Patienten in der Physiotherapie.

Im Hauptteil der Arbeit steht die Darlegung und Begründung des Designs der Studie, die Formulierung wissenschaftlicher Fragestellungen sowie die differenzierte Analyse der fünf leitfadengestützten Interviews.

Die Arbeit endet mit einer Diskussion der Ergebnisse und einer zusammenfassenden Beantwortung der Leitfragen und mündet in die Ableitung von Handlungsempfehlungen zum künftigen angemessenen Umgang mit Demenzkranken in der Physiotherapie.

Inhalt

Aufgrund des demografischen Wandels stehen auch PhysiotherapeutInnen in ihrem Praxisalltag vor der zunehmenden Herausforderung einer steigenden Anzahl demenzerkrankter Patienten, sei die Demenz nun Haupt- oder Begleiterkrankung. Bedingt durch das Erleben und Verhalten der Demenzerkrankten muss nicht nur die Behandlung angemessen gestaltet werden, vielmehr müssen sich auch die PhysiotherapeutInnen selbst auf diese Erkrankung einstellen. Sowohl Therapieziele Behandlungsmethoden als auch die Kommunikation müssen von den TherapeutInnen flexibel auf die individuell stark variierenden Situationen mit Dementen ausgerichtet werden können. Inwieweit dieses Erfordernis in der Versorgungspraxis schon angemessen eine Umsetzung erfährt steht im Mittelpunkt dieser Arbeit.

In einem explorativen qualitativen Forschungsansatz wird untersucht, welche förderlichen und hinderlichen Faktoren dem Umgang mit Demenzerkrankten in der Physiotherapie bestimmen. Mit Hilfe von fünf leitfadengestützten Interviews werden insgesamt sieben PhysiotherapeutInnen zu ihren Einschätzungen, Meinungen und Erfahrungen im Umgang mit dementen Patienten befragt. Die Gesprächspartner kommen aus der Physio- bzw. Ergotherapie und arbeiten in unterschiedlichen strukturellen Kontexten. Die Forschungsfragen im Einzelnen lauten unter anderem:

  • Wie erfolgt die Therapiegestaltung bei an Demenz erkrankten Patienten?
  • Wie gestaltet sich die Kommunikation mit Demenzerkrankten?
  • Welche Rolle spielen die Angehörigen im Kontext der Demenzerkrankungen?

Die Auswertung der qualitativen Daten erfolgt nach dem Verfahren der qualitativen Inhaltsanalyse und in Anlehnung an die Methodik der Grounded Theory.

Die Analyse der Interviews lässt die Charakterisierung von zwei kontrastierenden Typen im Umgang mit Demenzerkrankten in der Physiotherapie zu. Einerseits bildet sich ein konstruktiv- reflektierender Umgang mit Demenzerkrankten ab, der sich durch proaktive Herangehensweisen und die angemessene Gestaltung und Fortentwicklung der eigenen Arbeitsstrukturen und -prozesse kennzeichnet. Demgegenüber steht ein kritisierend-passiver Umgang, bei dem die Thematik „Demenz“ mit ihren Auswirkungen auf den Arbeitskontext eher negativ betrachtet wird.

Als zentrales Ergebnis der Arbeit lässt sich festhalten, dass der Umgang mit Demenzerkrankten in der Physiotherapie erheblich durch die Einschätzung der Wirksamkeit der eigenen Arbeit positiv oder negativ beeinflusst wird; diese Einschätzung wiederum ist Ausfluss des Berufsverständnisses der TherapeutInnen. Die Therapie von Demenzerkrankten ist durch andauernde Abwägungsprozesse gekennzeichnet. Entscheidend für die Handlungsmöglichkeiten ist außerdem, inwieweit die vorhandenen Strukturen und organisatorischen Bedingungen gestaltet und angepasst werden. Die Rolle und Funktion der Angehörigen wird sehr unterschiedlich wahrgenommen und kann sich förderlich oder hinderlich auf die Therapie von Demenzerkrankten auswirken. Der gelingende Umgang mit Demenzerkrankten wird somit insgesamt von den drei Faktoren TherapeutInnen, Angehörige und Versorgungsumgebung geprägt.

Diskussion

Die vorliegende Arbeit der jungen Wissenschaftlerin und angehenden Physiotherapeutin zeichnet sich durch eine klar formulierte, versorgungsrelevante Fragestellung aus, der theoretische Hintergrund zur Demenz im Allgemeinen und zu den besonderen Anforderungen in der Physiotherapie im Besonderen wird klar und allgemeinverständlich beschrieben. Die methodische Herangehensweise ihrer qualitativen Studie wird klar begründet und gegen Alternativen abgewogen. Die Darstellung der Ergebnisse orientiert sich an den von der Autorin formulierten Fragestellungen und den daraus abgeleiteten Leitfragen der Experteninterviews. Gleichzeitig werden die Ergebnisse plastisch durch den überlegten Einsatz von Zitaten aus den Gesprächen. Möglichkeiten, aber auch Grenzen der qualitativen Sozialforschung werden diskutiert. Insgesamt bleibt die Arbeit an jeder Stelle sehr gut lesbar und die inhaltlichen Bezüge bleiben jederzeit erkennbar.

Frau Winkler hat es in besonderer Weise gelöst, anhand von kontrastierten Interviews die unterschiedlichen Sichtweisen und Einstellungen zum Umgang mit Demenzerkrankten in der Physiotherapie herauszuarbeiten. Die strukturierte Diskussion schließlich mündet in eine Vielzahl von Handlungsempfehlungen, die über den eigentlichen physiotherapeutischen Kontext der Arbeit hinaus reichen und Forderungen bzgl. demenzspezifischer Angebote an das Versorgungssystem als Ganzes stellen. Die Handlungsempfehlungen im Einzelnen betreffen die Entwicklung von Versorgungsleitlinien in und für die Physiotherapie, die Entlastung der pflegenden Angehörigen oder die Entwicklung von Versorgungsstrukturen incl. Fallmanagern.

Fazit

Die vorliegende qualitative Studie liefert einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Diskussion zum angemessenen Umgang mit Demenzkranken. Anhand kontrastierender Interviews werden unterschiedliche Sichtweisen und Einstellungen zum Umgang mit Demenzerkrankten in der Physiotherapie deutlich. Daraus werden eine Vielzahl von Handlungsempfehlungen abgeleitet, die die Diskussion um patienten- und (für den Bereich der Demenz wichtig) angehörigenorientierte Versorgungsstrukturen und -angebote stimulieren können. Die Arbeit richtet sich an angehende und aktive PhysiotherapeutInnen sowie Lehrende in der Physiotherapie, die sich um eine kontinuierliche Fortschreibung von Behandlungskonzepten für Demenzkranke bemühen, sowie auf institutioneller Ebene an Organe der Selbstverwaltung und Vertreter von Berufsverbänden.


Rezensent
Dr. rer. biol. hum. Enno Swart
Institut für Sozialmedizin und Gesundheitsökonomie, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Homepage www.med.uni-magdeburg.de/ismg" target="_blank">www.med.uni-magdeburg.de/ismg">www.med.uni-magdebur ...
E-Mail Mailformular

Rezensent
Prof. Dr. habil. Bernhard Borgetto
Professur für Gesundheitsförderung und Prävention Studiendekan Lehrbereich Gesundheit | Prodekan Fakultät S | Leiter der AG Forschung Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Enno Swart anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Enno Swart/Bernhard Borgetto. Rezension vom 05.10.2015 zu: Carolin Winkler: Umgang mit Demenzerkrankungen in der Physiotherapie. Eine qualitative Studie zur Einschätzung der Therapeuten. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. ISBN 978-3-643-13103-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19357.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung