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Jan W. van Deth (Hrsg.): Demokratie in der Großstadt

Cover Jan W. van Deth (Hrsg.): Demokratie in der Großstadt. Ergebnisse des ersten Mannheimer Demokratie Audit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 193 Seiten. ISBN 978-3-658-05848-7. D: 24,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 31,50 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das Funktionieren einer Demokratie hängt auch und vor allem von den politischen Orientierungen und dem Verhalten von Bürgerinnen und Bürgern ab. Dies gilt auf der nationalen wie auf der lokalen Ebene. Am Beispiel der Stadt Mannheim wird die Frage nach Determinanten eben jener Orientierungen und Verhaltensweisen exemplarisch für deutsche Großstädte bearbeitet. Denn Städte und genereller: Kommunen sind „Entstehungsort und Zuhause der Demokratie“ (S.V). Sie sind mithin die Orte erleb- und erlernbarer Demokratie. Die vorliegende Studie wurde von den AutorInnen in enger Kooperation mit der Stadt Mannheim durchgeführt. Dabei spielten insbesondere Herausforderungen der Stadtentwicklung, der Integration und der Vitalisierung der lokalen Demokratie eine zentrale Rolle. So steht Mannheim wie andere Großstädte vor der Herausforderung, Strukturwandel zu begleiten und Stadtentwicklung zu planen und gleichzeitig Bürgerinnen und Bürger in diese Prozesse einzubinden und Beteiligungsverfahren möglichst inklusiv zu gestalten. So stellte etwa die Konversion frei gewordener militärisch genutzter Stadtflächen in Verbindung mit der Bundesgartenschau 2023 eine wichtige Zäsur in der Stadtentwicklung dar. Der Ertrag der Studie besteht einerseits in einer exemplarischen Untersuchung lokaler Demokratie und Partizipation, zum anderen bietet die Studie Grundlagen und Erkenntnisse für ein wissenschaftlich reflektiertes Handeln Verantwortlicher in Politik und Verwaltung.

Herausgeber und AutorInnen

Der für den vorliegenden Band verantwortlich zeichnende Herausgeber und Mit-Autor Jan van Deth ist Professor für Politische Wissenschaft und International Vergleichende Sozialforschung an der Universität Mannheim, weltweit renommierter Experte für Partizipation, Politische Kultur und sozialen Wandel und Autor zahlreicher Studien zu Beteiligung, politischer Kultur und Demokratie.

Die weiteren AutorInnen sind Sarah Perry, Rüdiger Schmitt-Beck und Thorsten Faas. Sarah Perry ist wissenschaftliche Angestellte am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung der Universität Mannheim. Rüdiger Schmitt-Beck ist Professor für Politische Wissenschaft und Politische Soziologie an der Universität Mannheim und als Experte für Wahl- und Einstellungsforschung international renommiert. Thorsten Faas ist Professor für Empirische Politikforschung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit politischen Einstellungen, Wahlen und Abstimmungen.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Die „Demokratie in der Großstadt“ wird in sieben Kapiteln aus unterschiedlicher Perspektive beleuchtet. Einführend erläutert Jan van Deth in Kapitel 1 (S.1-22) die Fragestellung sowie methodische Grundlagen der Studie und stellt die Stadt Mannheim als eine typisch deutsche Großstadt entlang ihrer Geschichte, sozialstrukturellen, politischen und administrativen Merkmale vor. Er führt zudem ein heuristisches Modell zur Analyse lokaler politischer Orientierungen und Verhaltensweisen ein, das allen weiteren Beiträgen im Band zugrunde liegt (S.18). Dabei wird jede der folgenden fünf Fragen auf der Basis einer von November 2012 bis Januar 2013 durchgeführten repräsentativen Umfrage unter den deutschsprachigen Einwohnern Mannheims sowie Gesprächen mit Fokusgruppen jeweils separat in einem Kapitel bearbeitet:

  • Kapitel 2: Was erwarten die Bürgerinnen und Bürger von ihrer Stadt? (S.23-50)
  • Kapitel 3: Wie informieren sich die Bürger über die Politik ihrer Stadt? (S.51-80)
  • Kapitel 4: Welche kulturellen Voraussetzungen lokaler Demokratie sind in Mannheim gegeben? (S.81-108)
  • Kapitel 5: Wie sieht die soziale Beteiligung in der Großstadt aus? (S.109-128)
  • Kapitel 6: Wer partizipiert(nicht) in der Politik? (S.129-152)

Einige ausgewählte zentrale Befunde zu den einzelnen Fragen werden in der Folge kurz dargestellt

In Kapitel 2 kann Sarah Perry zeigen, dass die Bewohner sich ihrer Stadt zugehörig fühlen, aber glecihzeitig hohe Ansprüche an die lokale Demokratie haben: „ Sie soll sowohl effektiv als auch fair sein“ (S.46). Dabei zeigt sich, dass je zufriedener die Bewohner sind, desto stärker fühlen sie sich auch mit der Stadt verbunden, informieren sich häufiger über das Stadtleben und sind politisch wie sozial besser integriert. Als Schlüssel zur Steigerung der Unterstützung durch die Bevölkerung identifiziert Perry die Effektivität von Politik und Verwaltung, welche allerdings häufig mit den exponierten Amtsinhabern verbunden werde. Daher sei es wichtig, dass lokale Politik sowohl die instrumentellen als auch die ideellen Erwartungshaltungen berücksichtige, um die Unterstützung zu sichern.

Rüdiger Schmitt-Beck betont in Kapitel 3 die Bedeutung politischer Kommunikation und Information für das Funktionieren der Demokratie. Denn ohne fundierte Kenntnisse und ein „ausreichendes Verständnis der Konsequenzen und Implikationen“ (S.52) des eigenen Handelns könnten Individuen Entscheidungen wider ihre eigenen Interessen treffen. Seine Analyse kommt zu dem Befund, dass Informationen zur Politik in der Stadt deutlich weniger beachtet werden als überregionale Nachrichten und insbesondere ältere Personen politische Nachrichten intensiver nutzen als jüngere und es sich im Wesentlichen um einen Generationeneffekt handele, so dass „der Kommunalpolitik allmählich ihr Publikum abhandenkommt“ (S.77).

Mit den kulturellen Voraussetzungen lokaler Demokratie beschäftigt sich Thorsten Faas in Kapitel 4. Auf der Basis der Umfragedaten und statistischer Analysen kann er zeigen, dass die Mannheimer zentrale Bürgertugenden wie Vertrauen, Toleranz und das Verinnerlichen demokratischer Werte nur teilweise mitbringen. Allerdings, so Faas, unterscheide sich das Niveau demokratischer Orientierungen nicht gänzlich von den Werten für Deutschland oder andere europäische Länder (S.105).

Hinsichtlich der sozialen Beteiligung weist Mannheim ein etwas niedrigeres Niveau auf als etwa Baden-Württemberg, wie Sarah Perry zeigt. In Mannheim sind etwa 63% der Bevölkerung in informelle Gruppen eingebunden und 70% in formelle Aktivitäten in Vereinen und anderen Organisationen involviert. Im Vergleich dazu sind es in Baden Württemberg 73% bzw. 80% (vgl. Baden-Württemberg Stiftung 2015, S.120). Dabei zeigen sich in Mannheim Unterschiede hinsichtlich der sozialen Problemlagen in den Stadtbezirken. Tendenziell gilt: Je größer die Probleme, desto niedriger die Beteiligungsraten. Dies bestätigt auch eine Regressionsanalyse, in der der Wohnbezirk und damit indirekt der sozioökonomische Status als zentrale Einflussgröße identifiziert wird (S.125f).

Wer politisch aktiv und wer passiv ist und auf welche Ursachen dies zurückzuführen ist, untersucht Jan van Deth in Kapitel 6. Dabei zeigt sich, dass Beteiligungsmöglichkeiten zwar positiv bewertet, aber dennoch wenig genutzt werden. Eine naheliegende Erklärung ist dabei das mangelnde Interesse „am politischen Geschehen in der Stadt“ (S.149). Indirekt seien jedoch vor allem soziodemographische Faktoren und soziale Kontakte erklärungskräftig: „Junge Leute, die nicht in Vereinen aktiv sind, keine deutsche Nationalität besitzen und relativ kurz in Mannheim wohnen, interessieren sich kaum für Politik in der Stadt“ (S.149f)

In den Schlussbetrachtungen (S.153-168) werden die Befunde unter der Perspektive von städtischem Engagement und Demokratie diskutiert und zusammengefasst. Im Anhang (S.169-193) sind die Merkmale der Studie, die Grundgesamtheit sowie der für die Repräsentative Umfrage verwendete Fragebogen abgedruckt.

Diskussion

Die Studie zeigt anhand der quantitativen Befunde sehr eindrücklich die Zusammenhänge zwischen lokalen Rahmenbedingungen, politischen Orientierungen und Verhalten. Besonders hilfreich ist dabei die analyseleitende Heuristik. Auch hilfreich ist die inhaltliche und methodische Vergleichbarkeit mit anderen Studien zu Demokratie und Partizipation wie etwa dem Demokratie-Monitoring Baden-Württemberg 2013/14 (Baden-Württemberg Stiftung 2015), an dem die AutorInnen mitgewirkt haben.

Leider finden die qualitativen Befunde aus den Fokusgruppengesprächen nur sehr marginalen Eingang in die Analyse der Determinanten politischer Orientierungen und Verhaltensweisen. Diese wäre jedoch besonders interessant, da sie mit potentiellen Erstwählern, jungen Erwachsenen, Migranten und politisch Unbeteiligten jene oftmals als „still“ bezeichneten Gruppen adressieren, deren Einbindung in politische Prozesse und Verfahren ebenso wichtig wie schwierig ist. Leider hilft hier auch der Verweis auf die Internetquelle des Abschlussberichts nicht weiter, da der angegebenen Link nicht aufzufinden ist. Eine pdf-Version des Abschlussberichtes mit einer Darstellung der Ergebnisse der Fokusgruppengespräche findet sich jedoch unter: http://tinyurl.com/jymkna6 (zuletzt besucht am 15.12.2015)

Fazit

Eine theoretisch wie empirisch wohl fundierte Studie zu lokaler Demokratie in Mannheim, die paradigmatisch für die Untersuchung lokaler Politik, politischer Orientierungen und Verhaltensweisen steht und deren Befunde Denkanstöße für die Gestaltung lokaler Politik insgesamt geben. Nicht nur für ein wissenschaftliches Fachpublikum, sondern auch und vor allem für Verantwortliche in Politik und Verwaltung auch jenseits von Mannheim absolut lesenswert und gewinnbringend.

Zitierte Literatur:

Baden-Württemberg Stiftung (Hrsg.) Demokratie-Monitoring Baden-Württemberg 2013/2014: Studien zu Demokratie und Partizipation. Wiesbaden: Springer VS, 2015.


Rezensent
Dr. Rolf Frankenberger
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Zitiervorschlag
Rolf Frankenberger. Rezension vom 24.12.2015 zu: Jan W. van Deth (Hrsg.): Demokratie in der Großstadt. Ergebnisse des ersten Mannheimer Demokratie Audit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-05848-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19359.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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