socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Pablo Pineda Ferrer (Hrsg.): Herausforderung Lernen

Cover Pablo Pineda Ferrer (Hrsg.): Herausforderung Lernen. Ein Plädoyer für die Vielfalt. G&S Verlag GmbH (Zirndorf) 2014. 144 Seiten. ISBN 978-3-945314-00-5. D: 16,50 EUR, A: 17,00 EUR, CH: 23,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das Buch handelt von dem schwierigen Prozess des Lernens eines Menschen mit Down-Syndrom. „Pineda legt […] dar, dass lebenslanges Lernen eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung ist, bei der die Frage nach den ‚Defiziten‘ des Einzelnen zurücktritt hinter die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels, durch den die Fähigkeiten und Möglichkeiten des Individuums zum Maßstab werden und nicht mehr seine vermeintlichen Mängel“ (Klappentext).

Herausgeber

Pablo Pineda Ferrer ist 1974 mit einem Down-Syndrom in Malaga geboren. Er absolvierte das Lehramtsstudium und hat 2013 die Ausbildung in Psychopädagogik abgeschlossen. Er ist Schauspieler und spielte im Film „Me too“ die Hauptrolle.

Aufbau

  1. Vorwort (Roberto Salmeròn Sanz)
  2. Pablos pädagogische Erzählung (Luis Fernando Vilchez)
  3. Was bedeutet lernen für mich?
  4. Die Motivation
  5. Der gute Lehrer
  6. Die Familie als Ergänzung des Lernprozesses
  7. Die Kameraden
  8. Die „anderen“ in der Gesellschaft
  9. Methoden und Lernstrategien
  10. Lernen: Schwierigkeiten., Chancen und Herausforderungen
  11. Was bedeutet für mich Erziehung?
  12. Die Diversität
  13. Herausforderung Lernen (Susana Valverde Montesinos)
  14. Verschiedenheiten und Ähnlichkeiten, die uns alle betreffen (Ana C. Munoz)
  15. Danksagungen

Inhalte

Bei der Frage nach der Bedeutung des Lernens widerspricht der Autor der Descartes´schen Maxime und formuliert sie in – „ich bin, also denke ich“ – um.

Pineda wusste nicht, was lernen bedeutet und er war sich auch nicht gewiss, ob er mit einem Down-Syndrom überhaupt lernen kann. Ihn beschäftig, ob er mit dem Syndrom zur Schule gehen darf, in die er so gerne wollte. Er durfte – und es ging weiter. Der Verfasser hat durch seine Erfahrungen gelernt und nie aufgehört zu lernen.

Für Pablo Pineda ist lernen etwas Dynamisches, etwas was immer stattfindet, für das man nie ein falsches Alter hat und das nur mit Anderen stattfindet, „in Interaktion mit den anderen, wie Vygotski sagte, denn wir lehren einander und lernen voneinander“ (S. 17).

Es ist gut, wenn unterschiedliche Kinder in einer Klasse sind. Das ist auch für denLehrer gut, „denn wenn er „besondere“ Kinder unterrichten kann, wird er sich auch bei den übrigen leicht tun“ (S. 18).

„Lernen sollte […] ganzheitlich passieren, nicht nur in Einzelbereichen, denn sonst riskieren wir, dass die Jungen und Mädchen in ihrer persönlichen Entwicklung ‚hinterherhinken‘, sie mögen viel von Kultur, von Theorie verstehen, aber sie wissen nichts vom Leben, und sie werden zu […] ‚Kolossen auf tönernen Füßen‘: sehr intelligente und gut vorbereitete Jungen und Mädchen, aber extrem empfindlich bei negativen Erfahrungen im Leben[…], und das darf nicht sein“ (S. 22).

Am Ende des ersten Kapitels richtet Pineda seinen Blick auf die Inklusion von Kindern mit Down-Syndrom.

Die Motivation zum Lernen in inklusiven Zusammenhängen hängt von mehren Faktoren ab, als da beispielsweise wäre:

  • „inwieweit die anderen die betreffende Person als begrenzt ansehen […]
  • das Vertrauen, darauf vertrauen, dass dieser Mensch fähig sein wird, das zu tun, was er will […]
  • wo man seine eigene Grenze sieht […]
  • die Vorstellung von Lernen […], die jemand hat, und wie er dem Lernen gegenüber eingestellt ist […]
  • die Erwartungen eines jungen Menschen an die Zukunft […]
  • die […] Methodik des Lehrens […]
  • wie der Junge/das Mädchen mit der eigenen Motivation umgeht“ (S. 26-31).

Und das ist der Motivationsschlüssel: „Wenn einem Vertrauen entgegengebracht wird, kann man jede Herausforderung meistern“ (S. 33).

Der gute Lehrer ist der Schwerpunkt des dritten Kapitels und der soll in seiner Klasse ganz unterschiedliche Schüler unterrichten, da die Unterschiedlichkeit alle Teilnehmenden bereichert und er muss diese Verschiedenheit respektieren. Letzteres beachtend muss der Lehrer den Lehrplan an die Besonderheiten anpassen und nicht reduzieren. Ein reduzierter Lehrplan bedeutet dann doch wieder Ausschluss. Der gute Lehrer hat das richtige Maß an Nähe und Distanz zu seinen Schülern (vgl. Weber 2012, 184-188).

Ein guter Lehrer besitzt Autorität:

  • vor den Schülern, damit sie Disziplin lernen;
  • vor den Eltern, die erkennen, dass die Lehrer Fachkräfte sind, die eine zu respektierende Arbeit ausführen;
  • vor der Verwaltung, welche administrative Vorschriften erlässt und den Lehrern zur Verfügung stellt.

Der gute Lehrer vermittelt die Dinge einfach und verständlich.

Bei der Unterrichtung von Menschen mit Behinderung achtet der gute Lehrer auf die Fähigkeiten und wandelt Defizite in Chancen um. Er vertraut den Schülern und erforscht sie, um das Beste aus ihnen herauszuholen. „Ein guter Lehrer animiert sie außerdem zum Lernen, er motiviert sie, er bringt Schüler dazu, sich für Lernen und Kultur zu interessieren“ (S. 37).

Das die Familie den Lernprozess ergänzt ist der Schwerpunkt des vierten Kapitels.

Die Eltern haben hier einen sehr hohen Stellenwert. Zu fragen ist, was Letztere unter Erziehung verstehen. Zu fragen ist:

  1. „Wie erziehe ich, was muss ich tun, damit dieses Kind zu einer Persönlichkeit wird? […]
  2. Welches Vermächtnis möchte ich meinem Kind mitgeben, welche Werte möchte ich vermitteln?“ (S. 40).

Pineda geht auf die Situation ein, wenn sich herausstellt, dass die Mutter ein behindertes Kind zur Welt bringt. „Das ‚Problem‘ wenn dir der Arzt sagt, dass du ein ‚behindertes‘ Kind oder eines mit einem sonstigem Handicap hast, ist häufg, dass in solchen Fällen die Ärzte üblicherweise nur über das Negative sprechen“ (S. 41).

Es werden im weiteren Verlauf des Kapitels die Rollen der Geschwister, der Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen betrachtet.

Den Eltern ist die Aufgabe gestellt herauszufinden, was ihr Kind kann und was nicht, um es in aller Ruhe zu fördern.

Schwierig gestaltet sich die Einschulung, „vor allem bei Kindern, die sich schwer tun, denn ihre Integration hängt von der Bereitschaft der Lehrer und des pädagogischen Umfelds allgemein ab“ (S. 46).

Im fünften Kapitel befasst sich der Autor mit den Kameraden, die besonders Menschen mit Behinderung oder geistiger Einschränkung verletzen können. Pablo Pineda differenziert klar Kameraden von Freunden. Mit Ersteren „hat man eine eher oberflächliche Beziehung, man hat kaum Kontakt zu ihnen, und man bleibt allein, und auf die Dauer prägt man niemanden, man hinterlässt keine Spuren, und wenn man mit ihnen Schluss macht, verschwinden sie. Mit den Freunden […] ist die Beziehung tiefer und man hat nicht nur mehr Kontakt zu ihnen, diese sind auch Ratgeber, sie trösten einen, mit ihnen fühlt man sich nicht allein, man prägt sie, hinterlässt Spuren, sie bleiben und sind immer für einen da“ (S. 53).

In den Blick kommen die Zeiten der Isolation Pinedas auf dem Gymnasium und in der Universität, die damit erklärt werden, dass die Jugendlichen mit steigendem Lebensalter Vorurteile gegenüber Behinderten entwickeln. „Nicht nur, dass sie mich nicht akzeptierten, sie ignorierten mich auch von Anfang an, sie behandelten mich wie Luft und ließen mich allein. Und das spüren wir Behinderte besonders, und zwar sehr“ (S. 55).

Der ideale Freund muss folgende Eigenschaften besitzen:

  1. er muss den anderen Menschen akzeptieren;
  2. er muss treu sein;
  3. er muss loyal sein;
  4. er muss verstehen können;
  5. er muss Ratgeber sein;
  6. er muss begleiten können.

Das sechste Kapitel, welches die anderen in der Gesellschaft betrachtet, ist das wichtigste Kapitel. Der Autor geht hier der Frage nach der Bedeutung von Verschiedenheit auf den Grund. Was bedeutet es verschieden zu sein? „Ist es gut verschieden zu sein? […] Ist Verschiedenheit dasselbe wie Ungleichheit“ (S. 61 f.)? Hat Verschiedenheit einen Wert, einen sozialen Wert?

Hinsichtlich der anderen Menschen ist zu fragen:

  1. „Kennt uns die Gesellschaft wirklich?
  2. Woher kommen die Vorurteile?
  3. Sind wir wirklich behindert?
  4. Tragen wir etwas zur Gesellschaft bei?
  5. Wer muss sich ändern, wir oder die Gesellschaft?
  6. Muss zu diesem Thema noch etwas getan werden, oder ist bereits alles getan“ (S. 67)?

Bei den Methoden und Lernstrategien, die in Kapitel sieben behandelt werden, fragt Pablo Pineda einleitend, was lernen überhaupt heißt, um dann die beste Lernmethode herauszuarbeiten und zu begründen. Die beste Lernmethode ist das verstehende Lernen. „Verstehendes Lernen lässt einen Bestehendes erneuern, transformieren, verändern, im Gegensatz zur memorierenden Methode, die auf Reproduktion, Wiederholung und Stagnation angelegt ist“ (S. 75).

Bei der Lernstrategie, welche die Lehrer fehlerhaft anwenden, „ist auf der einen Seite der übertriebene Fokus auf die Inhalte und im Gegensatz dazu das geringe Interesse, Strategien für das tägliche Leben zu vermitteln, und andererseits zu glauben, dass alles Wissen in den Büchern zu finden ist, und davon nicht abzugehen“ (S. 78).

Im achten Kapitel geht es um das Lernen – und das Lernen muss, wie alles andere im Leben auch, erst einmal gelernt werden. Lernen hängt ab von:

  1. Aufmerksamkeit;
  2. Gedächtnis;
  3. Verständnis;
  4. Motivation.

„Lernen muss ganzheitlich sein, man muss auch andere Aspekte in Betracht ziehen, wie Verhalten, Emotion, Affektivität, Beziehung“ (S. 83).

Es gilt den Lehrplan zu adaptieren, d. h. er ist an die Bedürfnisse der Kinder anzupassen und es heißt nicht das Reduktionen vorgenommen, indem extra Übungsblätter ausgeteilt werden. Durch Reduktion fühlen sich die Kinder diskriminiert. Es darf nur einen Lehrplan für alle geben, der jedoch flexibel gehandhabt wird. Der Lehrer soll allen Schülern die gleichen Lernmöglichkeiten geben, auch den Schülern mit Behinderung. Sie sollen dieselben Chancen bekommen, wie die nicht behinderten Schüler. Dafür sollen die Verbände antreten, die leider noch in Einzelverbände aufgesplittert sind.

Gegenwärtig verschließen sich besonders für Menschen mit einer geistigen Behinderung, die Türen.

„Lernen ist klarerweise eine Herausforderung für alle, aber vor allem für Menschen mit Behinderung“ (S. 87). Der Lernweg für Behinderte ist voller Hindernisse – und um diese zu überwinden, benötigt man:

  • Vertrauen;
  • Optimismus;
  • Geduld.

Auch die Frage nach der Erziehung, deren der Verfasser in Kapitel 9 nachgeht, ist für Letztgenannten nicht leicht zu definieren. Für Pablo Pineda ist es die Kunst, „aus dem Kind oder Schüler einen Menschen zu machen, ihn zu formen nach dem für ihn bestmöglichen Modell, die Eigenheiten seines Charakters oder seine möglichen fachlichen Defizite abzuschleifen und ihm das Wissen zu vermitteln, damit er sich seine Zukunft bauen kann; ihm die Werte mitzugeben, damit er mit moralischem Rüstzeug für seine Zukunft ausgestattet ist, und die Fähigkeiten, damit er sich selbständig bewegen kann, und all das mit einem Ziel: dieses Kind oder dieser Schüler soll so glücklich wie möglich sein“ (S. 89).

Hier müssen Eltern und Lehrer einen gemeinsamen Weg beschreiten. Gegenwärtig ist die Erziehung durch Eltern von Werten geprägt, wohingegen Lehrer die rein fachlichen Inhalte vermitteln. Beides stellt keinen Widerspruch dar und muss Hand in Hand gehen.

Im letzten Kapitel von Pablo Pineda wird ein Blick auf die Diversität geworfen. Diversität, so Pablo Pinedas Definition, ist die Qualität, verschieden zu sein oder der Wert der Verschiedenheit. „Diversität ist ein sozialer Wert, denn sie bereichert die Gesellschaft, macht sie besser, gerechter, solidarischer und menschlicher“ (S. 94). Diversität ist etwas Natürliches, da es nichts auf der Welt gibt, was gleich ist.

Der Autor sagt der Homogenisierung den Kampf an. Es gilt einzufordern das wir alle verschieden und einzigartig sind.

Gewollt ist eine strukturelle gesellschaftliche- und ein Mentalitätsveränderung. Gefordert wird ein verändertes soziales und erzieherisches Modell hin zum gegenwärtig existierenden Gegenteil.

Die Minoritäten sollen sichtbar werden. „Wir Minderheiten waren die großen Unsichtbaren und die großen Unbekannten, denn wir waren immer außerhalb der Gesellschaft und durften nie an ihr teilnehmen“ (S. 95).

Zur Anerkennung der Diversität gilt es den Minderheiten eine Stimme zu geben, damit sie ausbrechen aus der Kultur des Schweigens, „damit wir unsere Meinungen sagen können“ (S. 95).

Der Autor widmet sich den sichtbaren und unsichtbaren Behinderungen.

Für die meisten Störungen, besonders im jungen und mittleren Lebensalter macht Pablo Pineda die Lebensweise verantwortlich, als da wären:

  • Fettleibigkeit und Übergewicht;
  • Verkehrs- und Arbeitsunfälle;
  • soziale Krankheiten;
  • emotionale Störungen;
  • Entwicklungsstörungen;
  • Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten;
  • neue Abhängigkeiten;
  • Internetsucht.

In dieses Kapitel werden auch die Themen Frau, sowie sexuelle, rassische und kulturelle Minderheiten eingefügt. Hier wird eine generelle Gleichheit eingefordert: Gleichheit von Mann und Frau bzw. Entgegenwirken der Xenophobie.

Zwei Autorinnen schließen Pinedas Werk ab:

Susana Valverde Montesinos beschreibt die Menschen mit Down-Syndrom u. a. in medizinischer, d. h. genetischer Hinsicht: „Der Überschuss an genetischem Material des 21. Chromosoms […] ist verantwortlich für eine Reihe von Merkmalen und Zeichen, die sich in der allgemeinen Entwicklung äußern“ (S. 104).

Sie führt die Definition des Down-Syndroms der amerikanischen Gesellschaft für geistige Behinderung und Entwicklung an. Danach ist das Down-Syndrom durch bedeutende Einschränkungen im geistigen Funktionieren und angemessenen Verhalten charakterisiert. Dieses Charakteristikum manifestiert sich in entsprechenden konzeptuellen, sozialen und praktischen Tätigkeiten. Das Down-Syndrom tritt vor dem 18. Lebensjahr auf.

Im zweiten Abschnitt widmet sich die Autorin dem Lernen mit Menschen mit Down-Syndrom. In der Lehrerausbildung sind es die Lehrer, die am eisten lernen. „Jede Lernsituation, in der Menschen mit Down-Syndrom beteiligt sind, entwickelt sich zu einem Prozess des gegenseitigen, wechselseitigen und bidirektionalen Lernens“ (S. 105).

Die Säulen des Lernens von Menschen mit einem Down-Syndrom sind Motivation und Selbstwertgefühl. Diesbezüglich ist eine sehr bedeutende Eigenschaft der Motivation die Neigung des Menschen mit Down-Syndrom „eine Form von extrinsischer Motivation zu entwickeln, wobei sie ernsthafte Schwierigkeiten haben, zu einer Motivation, die auf inneren Kräften beruht, zu finden“ (S. 106 f.).

Susana Valverde Montesinos stellt die besondere Stellung des Lehrers für den Lernprozess des Schülers mit Down-Syndrom heraus und bezieht sich hier auch auf die Ausführungen von Pablo Pineda.

„Wenn wir den Prinzipien des Konstruktivismus folgen, muss der Lehrer ein Lernvermittler sein, ein dynamischer Agent der Veränderung, dessen Ziel es ist, aus dem Schüler den tatsächlichen Protagonisten im Lehr-Lern-Prozess zu machen“ (S. 110).

Ein Schwerpunkt der Ausführungen Susana Valverde Montesinos´ bildet die Familie, die das Leben eine Kindes am meisten beeinflusst. Wie geht die Familie mit dem Kind mit Down-Syndrom um? Das Leben eines Menschen mit Down-Syndrom wird von der Familie ganz entscheidend geprägt.

Folgende Aspekte sind für die Familie mit einem Kind mit Down-Syndrom u. a. erforderlich:

  • Förderung der Kontextualisierung von Lerninhalten;
  • Bestehen auf Selbständigkeit;
  • Förderung der zwischenmenschlichen Beziehungen;
  • Verallgemeinerung des in der Schule Gelernten;
  • Förderung der Lerninhalte, die für das Leben nützlich sind.

Wichtig sind Kameraden und Freunde im Leben eines jeden Menschen. „Der Nutzen von Freundschaften und Aktivitäten mit Kameraden ist unterschiedlich und im Fall von Menschen mit Down-Syndrom variiert er je nachdem, ob diese eine geistige Beeinträchtigung haben oder nicht. […]
Inklusion […] mit Kindern gleichen Alters wirkt stimulierend bezüglich des altersgerechten eigenen Verhaltens und der gesprochenen Sprache, und das Kind erfährt dadurch einen größeren Reifegrad und sein soziales Verhalten korrespondiert mit dem altergemäßen Verhalten“ (S. 115).

Die Autorin hebt die Wichtigkeit der Beziehungen zu Kameraden mit Down-Syndrom hervor, die mit zunehmendem Alter immer dringender für das Wohlbefinden wird.

Freundschaften, so die Verfasserin weiter, sind überaus wichtig für das emotionale Wohlbefinden. Um Freundschaften zu Menschen mit einem Down-Syndrom zu fördern bedarf es spezieller emotional-affektiver Schulungsprogramme.

Wenn es nun um einen Ort geht, an dem Freundschaften zwischen Gleichaltrigen beginnen, dann ist das die Regelschule, ein Ort wo die geistige, persönliche und soziale Entwicklung der Kinder abläuft. Und das ist eine Schule für alle Kinder. Das ist eine Schule, in der Inklusion praktiziert wird, von welcher die Schüler mit einem Down-Syndrom, die Mitschüler ohne Down-Syndrom und die Lehrer gleichermaßen profitieren.

„Eine bei inklusiver Beschulung sehr effektive Lehr-Lern-Methode ist das Einsetzen der Schüler als Tutoren“ (S. 121).

Ein Problem ist aber der Übertritt in die Sekundarstufe. Hier wird dann häufig von Schülern mit Down-Syndrom der Wechsel in die Sekundarstufe der Sonderschule vorgenommen. Hier sind Veränderungen auf Verwaltungsebene, gesetzgeberischer Ebene und auf der gesellschaftlichen Ebene vorzunehmen.

Ana C. Munoz kommentiert Pinedas Ausführungen, indem sie v. a. ähnliche Interessen feststellt.

Sie verteidigt die Diversität und fordert eine Erziehung von allen für alle, die über eine Konzept für alle und dann nur an einem Ort erhältlich ist.

„Wir können nicht im 21. Jahrhundert unterrichten und uns darauf beschränken, Theorien des 19. Jahrhunderts weiterzuentwickeln“ (S. 128), so eine Forderung Munoz´.

Die ganze Familie muss sich in das schulische Geschehen stärker einbringen. Auf diese Weise wird die Leistungsfähigkeit der betroffenen Schüler angespornt.

Ungleichheiten müssen ausgeglichen werden und das bezeichnet die Autorin als „konzeptuellen und repräsentationalen Wandel“. Die Folge ist eine Veränderung der Form, wie Lehrer und Schüler das Lernen sehen.

Munoz fordert gemäß eines konstruktivistischen Ansatzes einen Lehrer der forschend, denkend, mittelnd, expertengemäß, kompetent, kritisch, kreativ, motivierend handelt. Dieser Lehrer muss differenzieren zwischen Nähe und Kumpelei mit Blick auf seine Schüler. Er muss lebenslang lernen und eine emotionale Reife besitzen.

Diskussion

Ein hervorragendes Werk, das die Potentiale, die in einem gesellschaftlich abgeschriebenen Menschen mit einem Down-Syndrom stecken, aufzeigt. Die deutsche Bürokratie sollte das Buch zur Kenntnis nehmen und gleichartig Betroffene v. a. beruflich fördern. Denn nur so hat Inklusion, die gegenwärtig m. E. zurecht von Johannes Mand kritisiert wird, ihren Namen dann wirklich verdient. Nach Letztgenanntem sind „die mit der Einführung des Begriffs ‚Inklusion‘ verbundenen Ansprüche […] in der Regel nicht Wirklichkeit geworden. Die neuen Inklusionsschulen sind eben nicht Schulen für alle Kinder. Sondern der Begriff ‚Inklusion‘ beschreibt eine Bildungslandschaft, die für Kinder mit Problemen zwei Schultypen vorsieht: Inklusionsschulen mit leicht behinderten Kindern aus guten Familien und Förderschulen für die ernsthaft behinderten Kinder, für die Kinder der Armen und die Kinder der Migranten.
(Es ist – CR) nicht sinnvoll so zu tun, als wäre diese Entwicklung ein erster Schritt zur Verwirklichung pädagogischer Utopien. Der Begriff ‚Inklusion‘ wird inzwischen ganz offensichtlich gezielt eingesetzt, um wenig integrative Verhältnisse im Umgang mit behinderten Menschen besser aussehen zu lassen, als sie eigentlich sind. Auf der Ebene der Begrifflichkeit so zu tun, als sei die triste Praxis der Gegenwart besser als die Praxis der alten integrativen Modellversuchsschulen, ist armselig, sorgt nur (für – CR) Verwirrung und verstellt nur den Blick auf die Wirklichkeit“ (ders. 2015, 35).

Nach der Lektüre der besprochenen Publikation hat die Leserinnen- und Leserschaft vielleicht wieder Boden unter den Füßen, wenn Pineda vor Übertreibungen und Perfektionismus warnt und zur Bescheidenheit mahnt, denn jedwede Übertreibung ist schlecht. „Vor allem muss man bescheiden sein, davon ausgehen, dass man immer dazulernen kann, ohne das bisher Gelernte abzuwerten, und man sollte auch nicht zu perfektionistisch sein“ (S. 32).

Fazit

Die Publikation richtet sich an alle, die erkennen, dass das Phänomen Bildung für alle – gerade in Zeiten der Inklusion – die Grundlage für eine humane Gesellschaft und nicht nur ein politischer Slogan ist.

Literatur

  • Mand, Johannes: Warum ich kein Inklusionspädagoge sein möchte. In: PARAlife! o. J.(Heft 1/2015)32-35.
  • Weber, Winfried: Wege zum helfenden Gespräch. Gesprächspsychotherapie in der Praxis. München 142012

Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
E-Mail Mailformular


Alle 120 Rezensionen von Carsten Rensinghoff anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 04.09.2015 zu: Pablo Pineda Ferrer (Hrsg.): Herausforderung Lernen. Ein Plädoyer für die Vielfalt. G&S Verlag GmbH (Zirndorf) 2014. ISBN 978-3-945314-00-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19362.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!