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Jessica Höhn: Theaterpädagogik. Grundlagen, Zielgruppen, Übungen

Cover Jessica Höhn: Theaterpädagogik. Grundlagen, Zielgruppen, Übungen. Henschel Verlag (Leipzig) 2015. 144 Seiten. ISBN 978-3-89487-776-7. D: 16,95 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 24,50 sFr.
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Thema

Mit dem anschaulichen Bild einer Schiffsreise führt Jessica Höhn in die Höhen und Tiefen theaterpädagogischer (Projekt-)Arbeit ein und gibt einen einführenden Überblick in die Komplexität dieses Arbeitsfeldes mit informativem Anhang zu weiterführender Literatur, Webadressen und Ausbildungsmöglichkeiten.

Autorin

Die Autorin Jessica Höhn (Jg. 1982) ist nach dem Studium der Sozialen Arbeit und Theaterpädagogik sowie zusätzlichen Aus- und Weiterbildungen in Schauspiel und Kulturmanagement sowie Master in Kultur, Ästhetik, Medien an der FH Dortmund als freie Theaterpädagogin mit Anerkennung durch den BuT (Bundesverband Theaterpädagogik e.V.) in vielfältigen Bereichen tätig. Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen (FH Düsseldorf, Hochschule Osnabrück/Lingen, Alanus Hochschule Alfter) und der Ausbildungsstätte Akademie Off-Theater NRW bilden einen weiteren Hintergrund für die im Buch deutlich herausgestellte Reflektion ihres beruflichen Handelns in den unterschiedlichen Feldern der sozialen und künstlerischen Praxis. Weitere Informationen unter www.Jessica-Hoehn.de.

Entstehungshintergrund

Im Vorwort von Lorenz Hippe (1. Vorsitzender Bundesverband Theaterpädagogik e.V.) wird der Hintergrund zu diesem Buch mit dem Ziel umrissen, Neuankömmlingen eine Orientierung im boomenden Arbeitsfeld der Theaterpädagogik und im Dickicht der Adressaten und Methoden zu geben. Auch erfahrene Praktiker erhalten einen guten Überblick und gezielte Impulse aus der Praxis für die Praxis (a.a.O. S. 7-8). Theater wird als zeitgenössisches Medium beschrieben, das in künstlerischen wie auch in sozialen Arbeits- und Denkweisen seine Synthese findet.

Aufbau

Nach dem Vorwort von Lorenz Hippe (BuT) und einer Einleitung durch die Autorin folgen (nicht nummerierte) Kapitelüberschriften, wie: „Ich spiele mit Menschen Theater!“ – Grundlagen der Theaterpädagogik, „Nicht reden, machen!“ – wie leite ich Theatergruppen an?“, „Mit Kompass und Karte“ – Rahmenbedingungen und Checklisten für ein Theaterprojekt, „Floß oder Kreuzfahrtschiff?“ – ein passendes Konzept finden, „Wir sind auf Kurs!“ – der Ablauf eines theaterpädagogischen Projekts, „Achtung: Stürme und Piraten! – Konflikte in Theatergruppen, „Spielmaterial“ – Übungen, die in jedem theaterpädagogischen Werkzeugkoffer zu finden sind, Die Zielgruppen – Unterschiede und Gemeinsamkeiten, „Der Vorhang fällt“ – ein Nachwort, Anhang – Wege zum Beruf, Weiterbildung, Links zu theaterpädagogischen Vereinigungen, Initiativen, Verbänden, Zeitschriften, Jobbörsen etc.

Inhalt

Der Einleitung vorangestellt ist ein Zitat von Joseph Beuys, worin jeder Mensch als Träger von Fähigkeiten, als Souverän und Künstler beschrieben wird. Ob als Arbeiter bei der Müllabfuhr, als Krankenpfleger, Arzt, Ingenieur oder Landwirt – jeder Mensch entfaltet dort, wo er arbeitet, seine Fähigkeiten und ist ein Künstler. Der Traumberuf der Autorin ist es nicht, Schauspielerin zu sein und auf der Bühne zu stehen, sondern diese unterschiedlichen Menschen, von denen Beuys spricht, zum Spiel zu verführen und ihre besonderen Fähigkeiten über den Arbeitsalltag hinaus sichtbar zu machen. Das Buch will kein Lehrbuch für Theaterpädagogik sein, sondern ist als „Blick über die Schulter“ in die (eigene) theaterpädagogische Praxis zu verstehen.

Mit der Überschrift des ersten Kapitels „Ich spiele mit Menschen Theater!“ zitiert die Autorin ihre persönliche Antwort auf die immer wiederkehrende Frage nach ihrem Beruf (Was ist denn eigentlich Theaterpädagogik?).

Mit diesem Einstieg werden im Folgenden die Grundlagen der Theaterpädagogik erläutert: Verabredung zum Spiel („Wir tun nur so“), andere Rollen, Verhaltensmuster und Situationen ausprobieren, eine der realen Welt konträre Welt entstehen lassen, die eigene Wahrnehmung schulen (Raum, Gruppe, Ich), zum Impulsgeber und Gestalter werden, verschiedene Theatertechniken (Masken-, Objekt-, Tanz- und Bewegungstheater, Performance-Art, Zirkus, Straßentheater) ausprobieren und den eigenen Körper mit seinen Möglichkeiten (Mimik, Gestik) kennenlernen. Im professionellen Theater genügen mindestens zwei Akteure (Spieler, Zuschauer), in der Theaterpädagogik braucht es immer die Gruppe, die beide Funktionen wahrnimmt: das Spielen und das Zuschauen. „Theater spielen, darüber reden und wieder spielen oder Theater sehen, darüber reden und selber spielen – das sind die Grundlagen des theaterpädagogischen Probens.“ (a.a.O. S. 13) Um den theaterpädagogischen Aktionsraum (ein Unterkapitel) sortieren sich in einer Grafik die Spieler, die Gruppe, der Inhalt, der Prozess, das Ziel und die theaterpädagogische Leitung. Die unterschiedlichen Rollen des Theaterpädagogen (Höhn entscheidet sich der Lesbarkeit halber für die männliche Form) werden folgendermaßen definiert: Forscher-Erfinder-Entdecker, Anstifter-Unterstützer-Herausforderer, Begleiter-Berater-Anwalt, Spielverderber-Kontrahent-Grenzwache. Diese Begriffe spiegeln bereits sowohl die Komplexität des beruflichen Handelns als auch den Erfahrungsschatz der Autorin wider.

In „Nicht reden, machen!“ – wie leite ich Theatergruppen an? wird die Struktur einer theaterpädagogischen Einheit mit dem Hinweis auf weiterführende Erläuterungen in einem späteren Kapitel beschrieben. Die einzelnen Phasen werden von der Vorbereitung über das Warm-up, den Einstieg ins Thema, die Recherchier- und Experimentierphase bis hin zur Probenarbeit und Präsentation mit Nachbereitung in einer Grafik und noch einmal ausführlich im Text erläutert. Dabei wird auf unterschiedliche Inszenierungsmöglichkeiten (Entwicklung einer Eigenproduktion in offener oder geschlossener Dramaturgie, Adaption eines Theaterstückes oder Auseinandersetzung mit einer speziellen Theatertechnik) vorgeschlagen.

Insbesondere für freiberufliche Theaterpädagogen folgen im darauffolgenden Kapitel „Mit Kompass und Karte“ – Rahmenbedingungen und Checklisten für ein Theaterprojekt Hinweise zum Umgang mit Auftraggebern, Standorten, Budget, Teilnehmern und eine ausführliche Checkliste für die Planungsgespräche.

Im Kapitel „Floß oder Kreuzfahrt“ wird nach dem passenden Konzept gefragt. Reicht das Budget, um das ferne Ufer zu erreichen oder ist es besser für einen kleinen Ausflug geeignet. Bleibt die Crew lieber in sicheren Gewässern oder traut sie sich größere Abenteuer zu.

Nach diesen und ähnlichen Fragen wird das Konzept erstellt, das je nach Projekt (Theaterworkshop oder Stückinszenierung) kurz und strukturiert oder ergebnisoffen und situationsorientiert sein kann.

Schließlich geht es „Auf Kurs!“ und zur ausführlichen Beschreibung des Ablaufs mit Hinweisen zur Themenwahl, Gruppe und zu den einzelnen Phasen der Probenarbeit.

Von üblichen Konflikten und Problemen, die in diesen einzelnen Phasen auftauchen können, handelt das nächste kurze Kapitel „Achtung: Stürme und Piraten!“.

Damit Theatergruppen ‚in Gang‘ kommen, werden einfache Spiele mit ihren unendlichen Möglichkeiten aus dem Werkzeugkoffer der Theaterpädagogik aufgefächert und für die Probenarbeit nutzbar gemacht.

Das Buch endet mit einer ausführlichen Übersicht zu den Zielgruppen und dem jeweiligen Umgang mit ihnen (Kinder, Jugendliche, Erwachsene/Amateure, Erwachsene/im beruflichen Kontext, aktive Ältere, Hochaltrige, verschiedene Zielgruppen in sogenannten ‚Brückenprojekten‘) und mit dem Nachwort „Der Vorhang fällt!“, in dem die Autorin auf die komplexe Rolle der theaterpädagogischen Leitung eingeht, die immer wieder von Neuem erprobt werden muss, denn „jede Empfehlung und jeder gute Ratschlag ist nur eine Orientierung und kein Rezept, wie es ‚richtig‘ geht. Jede Gruppe ist anders, jede Situation ist neu.“ (a.a.O. S. 125). Es folgt ein umfangreicher Anhang mit: Ausbildungswegen, Ausbildungsstätten, Arbeitsbereichen, Finanzierungsmöglichkeiten, Checklisten für Freiberufliche, weiterführenden Literaturangaben und Internetadressen.

Diskussion

Jessica Höhn gelingt es, in diesem Taschenbuch mit knapp 144 Seiten das sehr komplexe Aufgabenfeld der Theaterpädagogik anschaulich darzustellen und den Leser mit auf eine unterhaltsame, nachdenkliche und weitblickende Reise mit vielen Aussichtspunkten zu nehmen. Gut gelungen sind die strukturierten Ausführungen zum Werkzeugkoffer der Theaterpädagogik und hilfreich auch die umfassende, übersichtliche Darstellung zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der einzelnen Zielgruppen, die am Ende des Kapitels in einer Grafik zusammengefasst sind. Auch in den immer wieder eingefügten Fragen an die Leitung zeigt sich die souveräne Haltung der erfahrenen Theaterpädagogin und Dozentin Höhn, die sich in diesem Buch über die Schulter schauen lässt. So sind auch die einzelnen Kästen überschrieben („Über die Schulter geschaut“), die den Text auflockern und den Inhalt plausibel durch eigene Praxiserfahrungen untermauern und erweitern. Das Bild der Schiffsreise ist ebenfalls schlüssig durchgehalten und am Beispiel des theaterpädagogischen Werkzeugkoffers bildlich genau ausgespielt, wo eine Schublade mit ästhetischem Wissen und Gestalten zu finden ist, ein Beutel zur Kommunikation, eine Schatztruhe mit besonderem Expertenwissen gefüllt ist oder eine Mülltonne für die eigene Psychohygiene (mit geschlossenem Deckel) bereitsteht.

Naturgemäß bleiben bei so einer kompakten Reise einige Ein- und Ausblicke auf der Strecke. Die Auflistung der Theatertechniken ist unterschiedlich genau mit weiterführenden Hinweisen ausgeführt (bei der Performance kann z.B. an dieser Stelle auf das Buch „Testen, Spielen, Tricksen, Scheitern“ von Annemarie Matzke hingewiesen werden). Auch bei den Ausbildungen an Fachhochschulen fehlen Hinweise auf die theaterpädagogischen Schwerpunkte in den Studiengängen Kultur- und Medienpädagogik oder Kulturarbeit. Letztendlich bleiben diese Einwände aber angesichts der genauen Darstellung theaterpädagogischer Herausforderungen eine Randbemerkung.

Fazit

Das Buch zur Theaterpädagogik führt unterhaltsam und dabei tiefgründig durch ein komplexes Praxisfeld, das sowohl künstlerisch-ästhetische als auch soziale und pädagogische Kompetenzen verlangt. Beeindruckend spiegelt sich der vielfältige Erfahrungsschatz der Autorin wider, der auch eine gewisse Demut vor dem Gegenstand ihres beruflichen Handelns erahnen lässt. Da es hier neben wissenswerten Methoden und Konzepten im Kern vielfach um das professionelle Selbstverständnis in der Theaterpädagogik geht, ist die Publikation insbesondere für Studierende und freiberuflich Tätige zu empfehlen. Eigene (beglückende oder unangenehme) Erfahrungen in der Theaterarbeit mit Laien kann ein solches Buch nicht ersetzen – wohl aber bestätigen und ergänzen.


Rezension von
Prof. Bettina Brandi
Theaterwissenschaftlerin mit Zusatzqualifikation Medienpädagogik, Lehrgebiet Theater- und Medienpädagogik an der Hochschule Merseburg im Fachbereich Soziale Arbeit.Medien.Kultur von 1994 - 2013
Homepage web.hs-merseburg.de/~brandi/
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Zitiervorschlag
Bettina Brandi. Rezension vom 27.08.2015 zu: Jessica Höhn: Theaterpädagogik. Grundlagen, Zielgruppen, Übungen. Henschel Verlag (Leipzig) 2015. ISBN 978-3-89487-776-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19367.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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