Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jörg Bergstedt: Mythos Attac

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 10.08.2004

Cover Jörg Bergstedt: Mythos Attac ISBN 978-3-86099-796-3

Jörg Bergstedt: Mythos Attac. Hintergründe, Hoffnungen, Handlungsmöglichkeiten. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2004. 200 Seiten. ISBN 978-3-86099-796-3. 14,90 EUR. CH: 22,70 sFr.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Attackieren, Armieren oder Abolieren ?

Wie die Gesellschaft hic et nunc verändert werden kann, soll und muss, wie die Entwicklung in der immer interdependenter sich formierenden Welt sich vollziehen sollte, darüber wird vielfach geschrieben, geschrien und argumentiert. Andreas Novys Vorschlag in seinem Büchlein "Entwicklung gestalten. Gesellschaftsveränderung in der Einen Welt (Brandes & Apsel / Südwind 2002) hierzu lautet: "Wir werden das Spiel spielen müssen und es gleichzeitig nicht akzeptieren - und es nicht akzeptieren, indem man es anders spielt". Peter Jüngsts geographischer Zeigefinger, wonach die Globalisierung des "Raubtierkapitalismus" zur psychosozialen Destabilisierung und zu territorialen Konflikten auf der Erde führe (vgl. die Rezension dieses Buchs), sind nur einige der zahlreichen Positionen in diesem wichtigen Diskurs.

Der in der Projektwerkstatt Sassen, bei Gießen arbeitende, 1964 geborene Jörg Bergstedt, der bereits durch zahlreiche Beiträge zu Fragen der Jugend-, Umwelt- und Widerstandsbewegung bekannt geworden ist, legt ein Buch vor mit dem Anspruch deutlich zu machen "was das Medienphänomen ’Attac’ tatsächlich ist, wie der ’Mythos Attac’ entstand, arbeitet und gefördert wird". Zusammen mit Aktiven der Projektwerkstatt und der Gruppe "Schöner Leben Göttingen" will er Attac, als den "Komet und große(n) Hoffnungsträger politischer Bewegungen", vier Jahren nach seiner Gründung von Attac Deutschland auf einen unabhängigen Prüfstand stellen. Die Position der Diskutanten: Aus voller Überzeugung unabhängig sein und Politikinhalte immer mit der Idee der Emanzipation, der Befreiung von Menschen aus Zwängen und Zurichtungen verbindend.

Wird Attac dem eigenen Anspruch gerecht?

Des Autors erste kritische Frage: Wird die aus Frankreich kommende Bewegung "Action pour une taxe Tobin d’aideaux citoyens" (Aktion für eine Tobin-Steuer als Hilfe für die Bürger) dem eigenen Anspruch als weltweite Aktion gegen globalisierte Spekulationsgewinne gerecht, oder handelt es sich gar um eine europaspezifische (eurozentrierte) Initiative zur "demokratischen Kontrolle der Finanzmärkte", wie Attac Deutschland zur Gründungsphase im Januar 2000 sich nannte? Seine Einschätzung: "Die Machtfrage war deutlich entschieden. Menschen oder Gruppen, die bei Attac Mitglied wurden, sowie lokale Attac-Basisgruppen hatten in der Anfangsphase kaum Mitbestimmungsrechte gegenüber der bundesweiten Struktur". Erst im Februar 2002 mit der Gründung des "Attac-Rats" wurde diese undemokratische Praxis geändert; wenn auch nicht zur vollen Zufriedenheit des Autors. Der Zwiespalt im Attac-Bündnis wird dadurch deutlich, dass sich seitdem zwei Meinungsgruppen attackieren: Ein "guter reformistisch-braver" und ein "böser gewalttätiger Teil". Die Etappen der ideologischen und richtungsbestimmenden Entwicklung von Attac - IWF/Weltbank-Gipfel in Prag 2000, G8-Gipfel in Genua 2001, Davos, Porto Alegre, Mumbay, EU-Gipfel in Göteborg 2002 - korrespondieren mit dem Zuwachs der Anhänger der Bewegung: Waren es vor Genua noch weniger als 500 Mitglieder, wurden im August 2002 über 8000 gezählt. Heute, so die offizielle Attac-Stastitik, gehören der Organisation fast 15.000 Mitglieder in rund 200 Basisgruppen an. Spätestens mit dem Kongress vom 19. bis 21. Oktober 2001 in Berlin, bei dem rund 3000 Menschen zusammen kamen, war klar, dass die Ziele von Attac Deutschland sich nicht mehr auf die Forderung nach der Tobin-Steuer reduzieren lassen. Widerstand gegen den Krieg in Afghanistan, gegen die offizielle Renten-, Gesundheitspolitik und gegen Sozialabbau und die Kampagne "Resist" gegen den Irak-Krieg.

Ist Attac ein Kampagnenverband?

Bergstedts zweiter Einwand, Attac sei ein Kampagnenverband und würde in der Öffentlichkeit und von den Medien als "Zentrum aller Proteste" wahrgenommen. Und sein entscheidender: Attac als "Organisation neuen Typs", die es den Anhängern leicht mache, dabei zu sein; etwa indem jemand eine Unterschrift leiste, regelmäßig etwas Geld überweise und zu einer Veranstaltung käme. Durch die Organisations- und Entscheidungsstruktur würden formale Hierarchien geschaffen, die es dem einzelnen Mitglied und den Basisgruppen kaum ermöglichen, zur Geltung zu kommen. Nicht zuletzt das damit im Zusammenhang stehende Finanzierungsverfahren von Attac führe dazu, dass "trotz ständig großer Mitgliederzuwächse und erheblicher Spendenaufkommen ... erhebliche Schulden angehäuft" werden. "Die Führungsgremien von Attac benutzen die breite Basis, die steigenden Mitgliederzahlen, das Flair des offenen und umfassenden Bündnisses für ihre Interessen. Sie reden im Namen von Attac, sie machen Politik als Attac. Eine Handvoll Personen ’ist’Attac". Mit einer solchen Politik instrumentalisiere die Attac-Führung ihre Mitglieder. Die Globalisierungskritiker in Attac zu sammeln, das sei eine der wesentlichen Organisationsstrategien der Führungsgremien und öffentlichen Meinungsbildner. Und als Folge des politischen (neokeynesianischen !) Programms von Attac, "das Hoffen auf Kontrolle, Regulierung und Stärkung von Institutionen" käme heraus, "Eine andere Welt ... wollen wir gar nicht!"

Die Faszination von Attac vor allem auf junge Menschen analysiert Jörg Bergstedt damit, dass die überwiegenden Großveranstaltungen der Organisation sie emotional anspreche, aber die traditionellen Motive der Jugendbewegungen vernachlässige: Selbstorganisation und Loslösung von der Erwachsenenwelt; vielmehr "ähnelt sie eher den Euphorisierungen, die bekannte Popstars bei ihren Konzerten hervorrufen".

Kritische Grundposition gegenüber Attac

Welche politischen Positionen vertreten die Kritiker um Bergstedt und wie sind ihre Beweggründe zur Kritik an Attac zu bewerten? Attac hätte niemals eine Chance gehabt, zum führenden Verband in fast allen politischen Themenfeldern zu werden, hätten neben den Medien nicht einflussreiche Großorganisationen ihren Einfluss in der Bewegung immer mehr zu verstärken, auf Kosten von unabhängigen, widerständigen Gruppen: "Der Aktionsstil von Attac, die sanften Forderungen, die verkürzten Kritiken und die Ausrichtung von Protest auf wenige bunte Events sind für die MacherInnen neoliberaler Umgestaltung aushaltbar". Die kritischen Stimmen würden in ein Nischendasein abgedrängt und damit unwirksam. Persönliche Verflechtungen und multifunktionale Aktivitäten der Attac-Aktivisten, die der Autor als "Verdener Filz" bezeichnet und die in verschiedenen Initiativen wie Share e.V., Bewegungswerkstatt, Bewegungsstiftung, Bewegungsakademie und X-1000mal quer als auch bei Attac tätig sind, seien nicht anders als "instrumentelle Herrschaft" zu bezeichnen.

Fazit

Die "radikale Attac-Kritik" von Jörg Bergstedt und seinen Mitstreitern zielt nicht darauf, Attac abzuschaffen; vielmehr geht es den Kritikern darum, die Stärken von Attac zu retten, nämlich die Vielfalt in den Gruppen und Projekten in der Organisation zur Geltung zu bringen und "zentralistische Organisation, Label-Politik und identitäre Außendarstellung, inhaltsleere Prestige-Bündnisse, politischen Filz und Verkürzungen in der gesellschaftlichen Analyse, minimalreformistische und staatsfetischistische Forderungen" auf den Prüfstand zu stellen, zugunsten einer "Kooperation der autonomen Teile" der Organisation, als "neue Basis". Wie das geschehen soll, wird im abschließenden Teil des Buches aufgezeigt: Konkrete Tipps für Gruppen. Der Schlüssel für die Motive der Kritiker an Attac lässt sich in der Warnung finden: "Kollektive Identitäten vermeiden". Und die Strategien? Subversion! "Subversion meint, die Kraft des Gegenüber nicht zu bekämpfen, sondern so umzulenken, zu verändern und zu verdrehen, dass sie für die eigenen Ideen oder zumindest gegen das Gegenüber gewendet werden kann". Diese Denkweise erinnert an die "positive Subversion" eines Hans A. Pestalozzi, der, in Anlehnung an Kurt Marti diejenigen, die zur humanen und gerechten Weiterentwicklung beitragen wollen, ermuntert: Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge" (Nach uns die Zukunft. Von der positiven Subversion, Bern 1979). Die Kritik an Attac braucht nicht als destruktiv verstanden zu werden, sondern ist hilfreich in der Auseinandersetzung um Strategien, Konzepte und Methoden zur Veränderung der Gesellschaften und Politiken in der Einen Welt. Zum Schlusswort des Autors in seiner Fundamentalkritik an der Entwicklung von Attac als der zur Zeit wichtigsten und immerhin auch wirksamsten zivilgesellschaftlichen Bewegung bedarf es keiner Ergänzung: "Wo Neues entsteht, sollte es von Beginn an als offener Prozess laufen, d. h., offen für alle, die sich für Veränderungen hin zu einer vielfältigen Bewegung interessieren. Emanzipatorische Politik braucht viele neue, kreative Versuche, aber: Eine andere Organisierung ist möglich!"

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
Mailformular

Es gibt 1554 Rezensionen von Jos Schnurer.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.08.2004 zu: Jörg Bergstedt: Mythos Attac. Hintergründe, Hoffnungen, Handlungsmöglichkeiten. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2004. ISBN 978-3-86099-796-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1937.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht