Franz Petermann, Monika Daseking: Diagnostische Erhebungsverfahren
Rezensiert von Dr. Anne-Kathrin Mayer, 25.09.2015
Franz Petermann, Monika Daseking: Diagnostische Erhebungsverfahren. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2015. 362 Seiten. ISBN 978-3-8017-2147-3. 34,95 EUR.
Thema
Der Band zielt auf die Vermittlung von Kenntnissen über diagnostische Erhebungsverfahren in der Psychologie ab. Psychologische Diagnostik im Sinne einer systematischen Erhebung psychologischer Daten wird von den beiden AutorInnen als „zentrale Methoden- und Querschnittsdisziplin der Psychologie“ bezeichnet. Diagnostische Kenntnisse, speziell in der Anwendung diagnostischer Erhebungsverfahren, sind damit zu den Basiskompetenzen von PsychologInnen zu rechnen.
Autor und Autorin
Prof. Dr. Franz Petermann ist Inhaber des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Diagnostik und Direktor des Zentrums für Klinische Psychologie und Rehabilitation an der Universität Bremen. Er lehrt und forscht zu Fragen der psychologischen Diagnostik sowie zur Therapie von Entwicklungs- und Verhaltensstörungen im Kindes- und Jugendalter.
PD Dr. Monika Daseking ist als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation an der Universität Bremen tätig. Ihre Erfahrungsschwerpunkte liegen im Bereich der Klinischen Neuropsychologie.
Aufbau und Inhalt
Der Band umfasst zehn Kapitel sowie einen Anhang mit Literaturverzeichnis, einem umfangreichen Glossar und einem Sachregister. Im Anschluss an ein Einführungskapitel werden in den verbleibenden neun Kapiteln verschiedene Themen- und Anwendungsgebiete der Psychologie vorgestellt. Jedes Kapitel beginnt mit einer Einführung in die Historie des Themas. Es folgen Darstellungen der Ziele und Aufgaben psychologischer Diagnostik auf dem betreffenden Gebiet und die Vorstellung relevanter Grundlagen, Modelle und ausgewählter Erhebungsverfahren. Angereichert werden die Kapitel durch „Experteninterviews“, in denen erfahrene WissenschaftlerInnen ihre Standpunkte zum jeweiligen Gegenstandsbereich erläutern. Eine Zusammenfassung, weiterführende Literaturhinweise und Lernkontrollfragen runden die Kapitel ab.
Kapitel 1 (Diagnostische Erhebungsverfahren: Eine Standortbestimmung) erläutert Grundbegriffe und Ziele der psychologischen Diagnostik, gibt einen Überblick ihrer Anwendungsgebiete, stellt einen Klassifikationsansatz psychologischer Testverfahren vor und erläutert die Prinzipien der multimodalen Diagnostik.
In den folgenden drei Kapiteln werden Entwicklungs-, Persönlichkeits- und Intelligenzdiagnostik als wichtige, in vielen Anwendungsfeldern relevante Themengebiete der Diagnostik behandelt. Kapitel 2 (Entwicklungsdiagnostik) verdeutlicht die Differenzierung zwischen allgemeinen und speziellen Entwicklungstests und Screeningverfahren und zeigt ihre Anwendungsmöglichkeiten in den Anwendungsgebieten der Kinder- und Jugendmedizin sowie der Früh- und Sonderpädagogik auf. In Kapitel 3 (Persönlichkeitsdiagnostik) werden ausgehend von einem knappen Abriss persönlichkeitstheoretischer Ansätze projektive Verfahren, standardisierte Persönlichkeitsfragebögen und objektive Persönlichkeitstests vorgestellt. Kapitel 4 (Intelligenzdiagnostik) thematisiert wichtige Intelligenztheorien, unterscheidet ein- und mehrdimensionale Intelligenztests und liefert Hinweise zu ihren Anwendungsmöglichkeiten.
Die verbleibenden sechs Kapitel befassen sich mit Fragen der psychologischen Diagnostik in ausgewählten Anwendungsfeldern der Psychologie. Dabei stehen zunächst die drei traditionellen Anwendungsgebiete „Klinisch-psychologische Diagnostik“, „Eignungsdiagnostik“ und „Pädagogisch-psychologische Diagnostik“ im Fokus. Kapitel 5 („Klinisch-psychologische Diagnostik“) geht beispielsweise auf standardisierte Interviewverfahren sowie die Unterscheidung zwischen Selbst- und Fremdbeurteilungsinstrumenten, die Diagnostik sozialer Interaktionen und die durch mobile Informationstechnologien unterstützte Diagnostik „im Feld“ ein. Kapitel 6 („Eignungsdiagnostik“) geht auf den Einsatz von Intelligenz- und Persönlichkeitstests in der berufsbezogenen Diagnostik ein und diskutiert Arbeitsproben, Einstellungsinterviews und Assessment Center als weitere kontextspezifische Methoden. In Kapitel 7 („Pädagogisch-psychologische Diagnostik“) werden Möglichkeiten der Diagnostik von Lernergebnissen und der Diagnostik bei Lern- und Leistungsstörungen beschrieben.
Als weitere Anwendungsfelder werden „Neuropsychologische Diagnostik“, „Rechtspsychologische Diagnostik“ und „Rehabilitationsdiagnostik“ vorgestellt. In Kapitel 8 („Neuropsychologische Diagnostik“) wird unter anderem der Stellenwert computergestützter Erhebungsverfahren herausgearbeitet, und es werden diagnostische Strategien im Kontext spezifischer Problemstellungen (Diagnostik von ADHS, Demenz und Schlaganfall) aufgezeigt. Kapitel 9 („Rechtspsychologische Diagnostik“) thematisiert die Aufgaben von Sachverständigen im straf- und familienrechtlichen Kontext. Eingegangen wird auf die Begutachtung von Schuld(un)fähigkeit, die Erstellung von Gefährlichkeits- oder Rückfallprognosen und die Glaubhaftigkeitsbegutachtung von Zeugenaussagen sowie diagnostische Vorgehensweisen bei der Sorgerechtsbegutachtung und bei einer vermuteten Kindeswohlgefährdung. Abschließend behandelt Kapitel 10 („Rehabilitationsdiagnostik“) ausgehend von der ICF, dem international etablierten Krankheitsfolgenmodell der Weltgesundheitsorganisation WHO, die Aufgaben und Methoden psychologischer Diagnostik im Prozess der medizinischen Rehabilitation. Hier werden Erhebungsmöglichkeiten für relevante Konstrukte wie „Funktionszustand“, „Lebensqualität“, „Psychische Belastung“, „Krankheitsbewältigung“, „Rehabilitationsmotivation“ oder „Gesundheitsverhalten“ beschrieben. Abschließend werden Techniken und Verfahren der „Beschwerdenvalidierung“ vorgestellt, die vor allem im Kontext einer Begutachtung helfen sollen, Personen mit vorgetäuschten Beeinträchtigungen zu identifizieren.
Diskussion
Die Autor/innen verweisen in ihrem Vorwort auf die „stürmische“ Entwicklung, welche die Erhebungsmethoden der Psychologischen Diagnostik in den letzten beiden Jahrzehnten genommen habe, sowie auf die zentrale Bedeutung des Themengebiets für die psychologische Anwendungspraxis. Entsprechend lebhaft hat sich auch das Angebot an Lehr- und Einführungsbüchern für den Bachelorstudiengang Psychologie entwickelt.
Im Vergleich zu Konkurrenzwerken zeichnet sich der Band vor allem dadurch aus, dass er sich weniger an spezifischen Methoden der Datenerhebung (Tests, Fragebögen, Interviews) orientiert als verschiedenen Anwendungsgebieten der Psychologie. Er liefert einen verständlichen, aber auch teilweise selektiv anmutenden und nicht immer begründeten Überblick über Fragestellungen, mögliche diagnostische Strategien und Erhebungsinstrumente in den jeweiligen Gebieten. Dabei geht er nur wenig in die Tiefe; für differenziertere Darstellungen wird auf die weiterführenden Literaturangaben verwiesen. Auch wenn der Band als Einführungslehrbuch eingesetzt wird, erscheint eine entsprechende Vertiefung der vermittelten Inhalte unabdingbar. Zugleich empfiehlt sich die Ergänzung um ein Lehrbuch, das einen allgemeinen Überblick diagnostischer Methoden liefert und dabei auch Fragen der Testkonstruktion und der Qualitätsbeurteilung einzelner Erhebungsmethoden einschließt.
Fazit
Der Band liefert einen Überblick standardisierter diagnostischer Erhebungsverfahren und ihrer Einsatzmöglichkeiten in wichtigen Anwendungsgebieten der Psychologie. Er ergänzt damit Lehrbücher zur psychologischen Diagnostik, die auch weitere Datenquellen wie Interview und Verhaltensbeobachtung vorstellen, und zur Testkonstruktion, die formale und methodische Anforderungen an standardisierte Verfahren verdeutlichen.
Rezension von
Dr. Anne-Kathrin Mayer
Leibniz-Zentrum für Psychologische Information
und Dokumentation (ZPID), Trier
Website
Mailformular
Es gibt 23 Rezensionen von Anne-Kathrin Mayer.





