Heinz W. Krohne, Michael Hock et al. (Hrsg.): Psychologische Diagnostik
Rezensiert von Dr. Anne-Kathrin Mayer, 03.05.2016
Heinz W. Krohne, Michael Hock, Marcus Hasselhorn, Herbert Heuer, Silvia Schneider (Hrsg.): Psychologische Diagnostik. Grundlagen und Anwendungsfelder. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2015. 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage. 588 Seiten. ISBN 978-3-17-025255-4. 54,99 EUR.
Thema
Psychologische Diagnostik besitzt zentrale Bedeutung für die Grundlagen- und Anwendungsfächer der Psychologie. Das Lehrbuch von Krohne und Hock führt in diese Methodendisziplin ein, indem es deren Grundbegriffe, historischen Ursprünge und statistischen bzw. testtheoretischen Grundlagen erläutert. Zudem werden Bezüge der Diagnostik zu Planungs-, Urteils- und Entscheidungsprozessen im Kontext von Interventionen herausgearbeitet und spezifische Aufgaben und Methoden der Diagnostik in drei wichtigen Anwendungsfeldern der Psychologie dargestellt. Die primäre Zielgruppe des Bandes bilden Psychologiestudierende im Bachelor- und Masterstudiengang. Darüber hinaus richtet er sich gemäß der Einleitung der Autoren an Studierende der Nachbardisziplinen, insbesondere Erziehungs-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, sowie an Personen, die im beruflichen Kontext psychologische Diagnostik betreiben bzw. die Ergebnisse entsprechender Untersuchungen interpretieren oder allgemein am Themenbereich interessiert sind.
Autoren
Heinz Walter Krohne ist Professor Emeritus am Psychologischen Institut der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, wo er die Professur mit den Schwerpunkten Differentielle Psychologie und Psychologie Diagnostik innehatte. Michael Hock ist Professor am Institut für Psychologie der Universität Bamberg. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Schulpsychologie, Pädagogische Psychologie und Psychologische Diagnostik.
Entstehungshintergrund
Der erstmals 2007 und 2015 in 2., überarbeiteter und aktualisierter Fassung erschienene Band ist Bestandteil der Reihe „Kohlhammer Standards Psychologie“. Die Reihe verfolgt das Ziel, umfassende Lehrbücher für Studierende und Dozierende der Psychologie verfügbar zu machen, die sowohl Grundwissen als auch Forschungsmethoden in den jeweiligen Themengebieten vermitteln.
Aufbau
Der Band umfasst neben einem Vorwort der Autoren fünf Abschnitte mit insgesamt 16 Kapiteln sowie Literatur- und Schlagwortverzeichnis.
Den Kapiteln ist jeweils eine Gliederung vorangestellt. Im Text werden zentrale Begriffsdefinitionen, Übersichten und Beispiele in Tabellen oder umrahmten Textboxen abgesetzt oder durch Abbildungen veranschaulicht.
Weiterführende Literaturempfehlungen sowie Fragen zur Lernkontrolle schließen jedes Kapitel ab.
Zu I. „Allgemeine Grundlagen“
Abschnitt I stellt das Fach Psychologische Diagnostik und seine Geschichte vor.
In Kapitel 1 („Definition der Psychologischen Diagnostik“) wird zunächst das Fach definiert und in seinen Beziehungen zu anderen Teildisziplinen der Psychologie beschrieben.
Inn Kapitel 2 („Entwicklungslinien des wissenschaftlichen Diagnostizierens“) werden die Wurzeln der modernen Psychologischen Diagnostik in der experimentalpsychologischen Forschung und der psychiatrischen und pädagogischen Anwendungspraxis herausgearbeitet.
Zu II. „Konstruktion und Überprüfung von Testverfahren“
Die statistisch-methodischen Grundlagen Psychologischer Diagnostik sind Gegenstand von Abschnitt II.
Kapitel 3 erläutert auf Basis der so genannten Klassischen Testtheorie die „Merkmale und Gütekriterien psychologischer Tests“ und stellt die traditionelle Strategie der Konstruktion eines standardisierten Testverfahrens dar.
Demgegenüber zeigt Kapitel 4 („Modelle psychologischen Testens“) Weiterentwicklungen im Bereich der Testkonstruktion auf. Eingegangen wird zum einen auf konfirmatorische (strukturüberprüfende) faktorenanalytische Modelle, die auf der Klassischen Testtheorie basieren. Zum anderen werden ausgehend von einer Kritik an konventionellen linearen Testmodellen ausgewählte probabilistische Modelle der Item-Response Theorie vorgestellt. Neben dem logistischen Modell und den 1PL-, 2PL- und 3PL-Modellen werden allgemeine Annahmen und Herausforderungen entsprechender „fortgeschrittener“ Modelle erläutert und diskutiert.
Zu III. „Diagnostische Urteile und Entscheidungen“
Abschnitt III behandelt differenziert und tiefgehend einen Fragenkomplex, der in anderen aktuellen Lehrbüchern der Psychologischen Diagnostik meist nur knapp und überblicksartig berücksichtigt wird.
Kapitel 5 („Der Prozess der diagnostischen Urteilsbildung“) vergleicht Ansätze zur klinischen versus statistischen Urteilsbildung bei der Integration diagnostischer Daten und erläutert sog. „paramorphe Modelle“ des Diagnostizierens, in denen die Beziehungen zwischen Daten und Entscheidungen formal repräsentiert sind.
Der beiden folgenden Kapitel 6 („Entscheidungstheoretische Modelle und antwortabhängiges Testen“) und 7 („Handlungstheoretische Modelle“) erläutern spezifische forschungsbasiert entwickelte Ansätze der diagnostischen Beurteilung.
Zu IV. „Beschaffung und Integration diagnostischer Daten“
In Abschnitt IV werden unter Rückgriff auf die einschlägige Taxonomie von Raymond B. Cattell verschiedene Ansätze zur Informationsgewinnung in der Psychologie vorgestellt. In den fünf Kapiteln werden einzelne Methoden und Verfahren der Datenerhebung einschließlich ihrer Gütekriterien beschrieben und mit Blick auf ihre methodische Qualität und ihre Bedeutung für die Anwendungspraxis bewertet.
Neben dem diagnostischen Gespräch bzw. Interview (Kapitel 8) behandelt der Abschnitt Verfahren zur Beschaffung von L-Daten (Verhaltensbeobachtung und -beurteilung; Kapitel 9), subjektiven (Q-) Daten (Fragebögen Kapitel 10) und T-Daten (Kapitel 11). Zentral für Letztere ist ihre (angenommene) Nicht-Verfälschbarkeit, da die Messintention solcher „objektiven“ Tests nicht bekannt bzw. für die Testpersonen schwer durchschaubar ist. Neben traditionellen objektiven Tests (sensu Cattell und Eysenck) werden projektive Testverfahren und so genannte „implizite“ Erhebungsmethoden aus der kognitiv-(labor-)experimentellen Forschung präsentiert.
Kapitel 12 ist „Fähigkeits- und Leistungstests“ (v.a. zur Erfassung von Intelligenz und Konzentrationsleistungen) gewidmet.
Das sehr kurz gehaltene Kapitel 13 („Integration diagnostischer Befunde und Gutachtenerstellung“) geht darauf ein, in welchen Schritten die im Zuge des Diagnostizierens gewonnenen Daten zu einem schriftlichen Gutachten integriert werden.
Zu V. „Anwendungsfelder der Diagnostik“
Abschließend finden sich in Abschnitt V umfassende, durch die Vorstellung exemplarischer Erhebungsverfahren illustrierte Ausführungen zu Fragestellungen, Strategien und Methoden der Psychologischen Diagnostik in den drei „traditionellen“ Anwendungsfeldern der Psychologie.
Kapitel 14 („Arbeits- und organisationspsychologische Diagnostik“) behandelt sowohl die Diagnostik von Kontextmerkmalen am Arbeitsplatz in Form von Anforderungsanalysen als auch personzentrierte diagnostische Methoden (v.a. in der Eignungs- und beruflichen Leistungsdiagnostik) sowie Ansätze zur diagnostischen Beurteilung von (Arbeits-)Gruppen und Organisationen.
Kapitel 15 („Klinische und gesundheitspsychologische Diagnostik“) beschäftigt sich mit der Diagnostik psychischer Störungen im klinischen Umfeld sowie mit der Diagnostik von Personmerkmalen, die im Zuge der Prävention und Rehabilitation von körperlichen und psychischen Störungen bedeutsam sind.
Kapitel 16 („Pädagogisch-psychologische und Erziehungsdiagnostik“) erläutert schließlich Instrumente und diagnostische Vorgehensweisen zur Diagnostik von Person- und Umweltmerkmalen (z.B. Schulklima, Lehrerverhalten, Interaktionsmuster, Erziehungsverhalten), die im Zusammenhang mit Lernerfolg und familiärer Anpassung stehen.
Diskussion
Der Band weist verglichen mit anderen neuen Lehrbüchern, welche speziell für den Bachelor- oder Masterstudiengang Psychologie konzipiert wurden, eine stärkere grundlagentheoretische Ausrichtung und in weiten Teilen eine deutlich größere Tiefe auf. Dies betrifft insbesondere die urteils- und entscheidungstheoretischen Grundlagen psychologischen Diagnostizierens, die von Krohne und Hock umfassend erläutert werden. Auch statistische Grundlagen der Testkonstruktion werden differenziert behandelt; hervorzuheben ist hier vor allem die eingehende Vorstellung von Modellen der Probabilistischen Testtheorie.
Vergleichsweise kursorisch dargestellt werden demgegenüber anwendungsnähere Aspekte der Diagnostik. So wird die in der Berufspraxis zentrale Aufgabe der schriftlichen Befundintegration lediglich knapp und abstrakt umrissen, indem das konventionelle Gliederungsschema psychologischer Gutachten beschrieben wird; Textauszüge oder Fallschilderungen fehlen. Auch in den Kapiteln zur Psychologischen Diagnostik in Anwendungsfeldern verzichten die Autoren auf Fallbeispiele. Abbildungen und andere motivierende, das Interesse stimulierende Gestaltungsmittel und didaktische Hilfen (z.B. Zusammenfassungen) werden im gesamten Band sparsam eingesetzt. Umso mehr Gewicht wird auf die Darstellung und kritische Diskussion der verschiedenen Datengewinnungsmethoden und einzelner standardisierter diagnostischer Verfahren gelegt.
Die Fülle und Dichte der in Textform präsentierten fundierten Informationen macht den Band zu einem Kompendium der Psychologischen Diagnostik, das für Psychologinnen und Psychologen auch weit über ihren Studienabschluss hinaus ein wertvolles Nachschlagewerk darstellt. Seine Lektüre ist aufgrund der hohen Informationsdichte zugleich durchaus fordernd – womöglich überfordernd für die eingangs genannten Zielgruppen, die sich im Zuge nicht-psychologischer beruflicher Tätigkeiten bzw. aufgrund persönlichen Interesses eher oberflächlich-orientierend mit dem Thema „Psychologische Diagnostik“ beschäftigen wollen.
Fazit
Mit dem Band „Psychologische Diagnostik“ liegt ein umfangreiches und für ein modernes Lehrbuch auffallend differenziertes Werk vor, das nicht allein die vielfältigen Methoden der Datenerhebung erläutert, sondern auch auf Strategien der Testkonstruktion und der diagnostischen Urteilsbildung und Entscheidungsfindung eingeht. Die Fülle und Dichte der enthaltenen Informationen machen seine Lektüre zu einer anspruchsvollen, jedoch lohnenden Herausforderung für Personen, die sich intensiv mit dem Themenfeld der Psychologischen Diagnostik auseinandersetzen möchten.
Rezension von
Dr. Anne-Kathrin Mayer
Leibniz-Zentrum für Psychologische Information
und Dokumentation (ZPID), Trier
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