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Uwe Fachinger, Harald Künemund (Hrsg.): Gerontologie und ländlicher Raum

Cover Uwe Fachinger, Harald Künemund (Hrsg.): Gerontologie und ländlicher Raum. Lebensbedingungen, Veränderungsprozesse und Gestaltungsmöglichkeiten. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 244 Seiten. ISBN 978-3-658-09004-3. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Stellt die Ausdünnung ländlicher Räume eine Falle für die dort zurück bleibenden alten Menschen dar mit immer weniger Sozialbezügen und Diensten? Die Frage scheint berechtigt nach der lange üblichen Lobpreisung ländlicher Lebensformen mit der bergenden Dreigenerationenfamilie als Hort der Geborgenheit alter Menschen. Uwe Fachinger und Harald Künemund vom Institut für Gerontologie der Universität Vechta sind in dem von ihnen bei Springer herausgegebenen Band „Gerontologie und ländlicher Raum“ der Frage nachgegangen, welche Lebensbedingungen ländliche Räume im heutigen Deutschland für alte Menschen bereit halten. In ihrem 244seitigen Sammelband fordern sie zum einen dazu auf, schon genauer hinzuschauen, von welchen ländlichen Räumen die Rede ist: Dem stadtnah-urbanen oder dem agglomerationsfernen, ruralen Raum. Sodann lassen die Beiträge des Bandes nicht nur in Pessimismus verfallen. Solidarität, Selbstsorge und gemeinschaftliches Miteinander der alten Bewohnerschaften ländlicher Gebiete mögen einiges von dem, was durch rückgebaute öffentliche Infrastruktur verloren geht, ausgleichen. Doch wie tragfähig ist solche Kompensation? Auf welchen Feldern sind von der Basis der älteren Population induzierte Initiativen hilfreich? Das Buch „Gerontologie und ländlicher Raum“ gibt erste, tastende Antworten.

Herausgeber

Die Herausgeber des Bandes sind beide am Institut für Gerontologie der Universität Vechta tätig: Professor Dr. Uwe Fachinger auf dem Gebiet der Ökonomie und des Demographischen Wandels. Professor Dr. Harald Künemund lehrt Empirische Alternsforschung und Forschungsmethoden.

Aufbau und Inhalt

In ihrer Einleitung rufen Uwe Fachinger und Harald Künemund dazu auf, die oft erhobenen Pauschalaussagen von den für Ältere defizitären Gegebenheiten ländlicher Räume zu relativieren. Der Abwärtsspirale des stadtfernen Landes infolge Abwanderung stünden auch positive Aspekte gegenüber wie die Bildung von Selbsthilfe-Aggregaten, bessere Gesundheit und höhere Bildung.

In einem grundlegenden Abschnitt stellt Hans-Werner Wahl zunächst die Heterogenität des Alterns auch im ländlichen Raum fest. Reine Stadt-Land-Kontraste hält er demgemäß für zu simplifizierend und ruft zu stärkerer Erforschung des Komplexes auf. Claus Schlömer sieht sozialstatistisch auf den differenziert in stadtnah-suburban und stadtfern-rural zerfallenden ländlichen Raum Schrumpfung, Alterung und Migration zukommen und will dies mit Regionalstrategien wie Wohnmarktstärkung, Bildungs- und Infrastrukturförderung, Integrationsbemühungen und Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs ÖPNV beantworten. Entscheidend zu betrachten sei die Änderung des Unterstützungskoeffizienten, der danach fragt, wie viele über 80jährige hundert 50- bis 65jährigen gegenüber stehen; dieser Wert übersteigt für Mitteldeutschland und Berlin inzwischen die kritische Zahl 45. Mit Bildung von Sozialkapital will Kai Brauer das Land aufwerten, denn es sei längst nicht mehr nur von der Landwirtschaft geprägt. So bedeute Alterung nicht nur Schrumpfung. Netzwerkaktivitäten und zivile Solidarität könnten gegen wirken. Anhand von vier amerikanischen Studien arbeitet er die vier Voraussetzungen für ländliche Prosperität heraus: Heterogene Population, Auswahlmöglichkeiten unter Aktivitätsinitiativen, Engagement lokaler Eliten und Transparenz.

An zentralen Problemfeldern untersucht Maria Limbourg die Mobilität Älterer. Alte Menschen hätten zwar weniger Unfälle, psychomotorisch ließen ihre Fähigkeiten im Straßenverkehr aber nach, was durch Geübtheit ausgleichbar sei. Hilfen seien Entschleunigung mit Bodenwellen und 30-Kilometer-Zonen sowie ÖPNV-Training; solche Schulungen sollten erlebnispädagogischen Charakter haben. Beim zentralen Thema der gesundheits- und pflegerischen Dienste auf dem Land kritisiert Otto Rienhoff die unzureichende Abstimmung unter den verschiedenen Heil- und Hilfsberufen. Für hilfreich hält er mobile Praxen, Telemedizin, Robotik und Assistenzsysteme. Dabei sieht der die Gefahr aufkommen, dass gut Informierte hier einen Nutzenvorsprung vor den weniger Kundigen erlangen (sogenanntes digital divide). Bei der ökonomischen Situation der Altenhaushalte sieht Uwe Fachinger den Vorteil von Stetigkeit und Permanenz von Ruhestandseinkommen für den ländlichen Raum, wozu noch Sozialleistungen bei gesundheitlichen Einschränkungen hinzu kämen. So sei der Verbleib Alter auf dem Land ökonomisch nicht nur negativ. Mit dem Alter stiegen die Ausgabenanteile für Wohnen, Energie, Nahrung und Gesundheit; bei guter Einkommenslage sei auch das ehrenamtliche Engagement hoch.

Unter den Modell- und Analyse-Beiträgen kommen Barbara Zibell et al. in ihrer Studie zur Lebensmittel- und Infrastrukturversorgung im Nahbereich auf dem Land im nördlichen Niedersachsen zu dem Ergebnis, dass vielfältige stationäre oder mobile (Integrations-)märkte hilfreich seien. Ältere wünschten sich solche Versorgungsmärkte qualitativ hochwertig, mit Service für Bewegungseingeschränkte und mit kommunikativen Möglichkeiten und in einer persönlichen Atmosphäre. Solche Versorgungsmärkte seien auch Anlaufstätten für andere Einrichtungen. Positiv wurde in der Studie an 17 niedersächsischen Standorten das Zusammenwirken der Akteure empfunden, eher negativ die Steuerung des Marktzentrums von einer fernen Zentrale aus. Stefan Gärtner untersucht die Möglichkeiten der Aufwertung ländlicher Gebiete durch die Gebiets-Insider selbst und kommt hier auf die Akteursgruppe der kreativen Jungen Alten. Diese brächten Leben in vernachlässigte Gebiete und könnten mit ihren Nachbarschafts-, Freundes- und Bekannten-Netzwerken Geländebrachen aufwerten. Auch Claudia Neu und Ljubica Nikolic sehen gegenläufige Trends zum angeblichen Vitalitätsverlust auf dem Land mit der Bereitschaft zum Selbermachen und zur Selbstversorgung. Sie plädieren für eine an den Grundbedürfnissen ansetzende gemeinschaftliche Mangelbehebung; diese sollte kleinräumig, modular, gemeinschaftlich (nach dem alten Allmende-Prinzip, eventuell mit Dorfladen), in Eigenanbau und mit Gemeinschaftsgärten sowie Gesundheitsläden konzipiert sein. Ressourcen gilt es, auf der individuellen, der kollektiven und der kommunalen Ebene zu koppeln.

Im letzten Teil mit Folgerungen aus den Belebungsvorschlägen für das stadtferne Land fragen Stephan Beetz und Annegret Saal nach den Aufgaben Sozialer Arbeit in den Abwanderungs-Regionen. Beklagt wird eine zu professionsbezogen und nur auf Aktivierung und Pflege bezogene Soziale Altenarbeit. Dagegen gelte es, die Teilhabe- und Nachfrage-Kompetenz der Altenklientel zu steigern, wobei sich Alte und Jüngere gemeinsam zusammen schließen sollten. Die lokalen Bedürfnisse seien stets neu fragend zu erforschen. Auch Gerhard Naegele warnt vor einer Problematisierung des Alters anhand starrer Altersgrenzen. Nur Teilgruppen (und nicht einmal sehr hohe) Älterer durchlaufen problematische Situationen. Diese gelte es für die Alterssozialpolitik vorausschauend anzugehen: Verlängerung des Erwerbsalters durch Kompetenzförderung, Bekämpfung von Altersarmut durch Mindestsicherung, lebenslange Lernförderung, technikgestütztes barrierefreies Wohnen, präventive Gesundheitsförderung, zureichende Finanzausstattung der Pflegeversicherung, Potentialförderung Älterer im Sinn von Für-mich und Für-andere für eine Generationensolidarität durch Selbst- und Mitverantwortung.

Diskussion

Wie ein Gespenst zieht die Mär vom Niedergang des stadtfernen Landes mit unversorgt zurück bleibenden alten Menschen durch unsere Köpfe. Wie schnell sich solche Schreckensgemälde aufhellen, haben wir schon mehrfach durch unerwartete Prosperität ländlicher Gebiete und Gemeinden erfahren: Sei es durch Tourismus, den Zuzug und Zustrom von Ausländern in grenznahen Gebieten durch Erweiterung der Europäischen Union und durch innovative Landflüchter aus den Städten. Insofern ist die Relativierung der These vom Niedergang des Landes im Band „Gerontologie und ländlicher Raum“ begrüßenswert. Denn noch können wir nicht absehen, ob der derzeitige, möglicherweise in eine kleinere Millionenzahl gehende Flüchtlingszustrom aus dem Nahen Osten und aus Afrika die demografische Ausdünnung stadtferner Gebiete nicht nachhaltig ausgleichen wird.

Der am Institut für Gerontologie der Universität Vechta erstellte Sammelband gibt viele Hinweise zur Belebung ausgedünnter Gebiete mit Bildung von Netzwerken und Sozialkapital. Da sind zunächst die Selbsthilfekräfte und Aktivitäten initiativer Bewohner selbst. Sodann sind aber auch sensible, vor Ort spezifisch ansetzende infrastrukturelle Hilfen gefragt. Sie werden in den fünfzehn Beiträgen des Bandes in großer Zahl genannt.

Insgesamt bleibt ein etwas ambivalenter Eindruck zurück. Denn der Niedergang des Landes wird zu großen Teilen bestritten, wird aber sozialstatistisch für die Gegenwart doch auch gesehen. Gewarnt wird zu recht davor, traditionelle Indizes wie wirtschaftliches Wachstum und demografische Fertilität zu überdehnen. Andererseits werden sie aber für die Herleitungen doch als operationalisierte Größen genutzt. Für die Unentschiedenheit der Gesamtaussage spricht etwa der Satz des Mitautoren Kai Brauer (Seite 58): „Ob die ökonomische Situation einer Gemeinde, einer Region oder gar ganzer Gesellschaften durch Sozialkapital verbessert werden kann, ist umstritten und muss anderen Ortes diskutiert werden“.

Positiv an dem Band zu veranschlagen ist seine nicht zu starre Sicht auf angeblich nachteilige Sozialstatistik-Daten. Auch vermeintlich niedergehende Regionen besitzen aktivierungsfähige Potentiale. Es gilt, nicht nur an einem Moment anzusetzen, alle Populationsgruppen einzubinden, nicht Alt gegen Jung auszuspielen und Engagement zu gratifizieren. Schwierigkeiten stecken indes im Detail. Etwas naiv muten Überlegungen zur Belebung niedergehender Regionen durch die Spareinlagen zuziehender Jungrentner in die örtlichen Sparkassen an. Und alternative Gesundheitsläden haben durch die allumfassende Gesetzliche Krankenversicherungspflicht 2007 einen Rückschlag erlitten.

Fazit

Das Institut für Gerontologie der Universität Vechta legt mit „Gerontologie und ländlicher Raum“ einen hilfreichen und brauchbaren Band zum Anhalten des Niedergangs ruraler Lebensbedingen vor, der ebenso differenziert gelesen sein will, wie er gefertigt wurde.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 12.10.2015 zu: Uwe Fachinger, Harald Künemund (Hrsg.): Gerontologie und ländlicher Raum. Lebensbedingungen, Veränderungsprozesse und Gestaltungsmöglichkeiten. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-09004-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19380.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


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