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Charlotte Gaitanides, Gerd Grözinger (Hrsg.): Diversity in Europe

Cover Charlotte Gaitanides, Gerd Grözinger (Hrsg.): Diversity in Europe. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 239 Seiten. ISBN 978-3-8487-1847-4. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 63,90 sFr.
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Thema

Die Europäische Union ist der „Einheit in Vielfalt“ verpflichtet, die ihr auch Vorteile im Wettbewerb bringt. Wissensgesellschaften profitieren davon, dass unterschiedliche Perspektiven genutzt werden können.

Herausgeber/in und Autorenschaft

Charlotte Gaitanides ist Professorin für Europarecht an der Europa-Universität Flensburg, Gerd Grözinger dort Professor für Bildungs- und Sozialökonomie. Einige Autorinnen und Autoren kommen aus Lettland, Polen, Spanien Tschechien, Dänemark, die meisten haben in Flensburg studiert, einige sind an der Universität Wroclaw oder der süddänischen Universität in Sönderburg im Mittelbau tätig.

Gerhard Besier war Professor für Europastudien an der TU Dresden, Ilona Ebbers ist Professorin für Didaktik der Wirtschaftswissenschaften in Flensburg.

Die Beiträge sind im Zusammenhang mit dem englischsprachigen Flensburger Master-Studiengang European Studies entstanden,

Aufbau

Der vorliegende Band vereint vierzehn (nicht 13, wie im Vorwort angegeben) Beiträge in englischer Sprache. Jeweils drei oder vier rangieren unter einem besonderen Aspekt von Diversity:

  • otherness,
  • intercultural milieu,
  • cooperation,
  • territorial integrity.

Einige der Beiträge werden hier kurz skizziert.

Ausgewählte Inhalte

Tove Malloy referiert die internationalen Rechtsakte zum Schutz von Minderheiten und weist daraufhin, dass Minderheiten schon lange nicht mehr als Sicherheitsrisiko gesehen, sondern in der EU als Träger der regionalen Entwicklung gefördert werden.

Hanna Vasilevich beschreibt die besondere Situation an der Grenze zwischen Polen und Belarus, die sich nicht mit den ethnischen Zugehörigkeiten deckt. So leben wohl fast 50.000 Weißrussen in Polen, fast 300.000 Polen in Belarus. Die Daten der Volkszählungen seien mit Vorsicht zu genießen, da sich andere Zahlen ergeben, wenn nach der Muttersprache oder bilingualen Kompetenz gefragt wird. Mit der EU-Mitgliedschaft Polens ist der kleine Grenzverkehr durch rigide Visa-Regeln eingeschränkt.

Erma Mulabdic thematisiert die Tatsache, dass nach einer bilateralen Sonderregelung etwa 40.000 Bosnier im Baugewerbe oder landwirtschaftlichen Betrieben in Slowenien arbeiten, aber im Falle der Arbeitslosigkeit keine Leistungen erhalten, da diese an den regulären Aufenthalt gebunden sind, der jedoch an ein Arbeitsverhältnis geknüpft sei.

Elsbieta Opilowska und Monica Sus beschreiben die deutsch-polnische Zusammenarbeit gerade in den Grenzzonen, speziell den Euroregionen, die auch dank der EU-Förderprogramme (INTEREG z.B.) attraktiv, aber insgesamt zu sehr „top-down“ angelegt seien, als dass sie auch von der Zivilgesellschaft getragen werde.

Jana Bissinger befasst sich mit „Hydropolitics“, speziell der Europäischen Wasser- Rahmenrichtlinie von 2000, die die internationale Zusammenarbeit in den einzelnen Flusseinzugsbereichen befördern soll, so auch der Rhein-Anlieger.

Katarzyna Stoklosa dokumentiert anhand interner Vermerke, wie das Auswärtige Amt die Entwicklungen im Sommer 1989 in den Deutschen Botschaften in Prag, Budapest, auch Warschau einschätzte. Sie deutet dabei an, dass im Umfeld der Botschaften etliche Personen finanzielle Interessen verfolgten und sich die Dienstleistungen für die Botschaftsflüchtlinge gut bezahlen ließen.

Gerhard Besier vergleicht die Erinnerungspolitiken der beiden deutschen Staaten. Während in Westdeutschland lange Zeit der 8. Mai an Zusammenbruch und Niederlage erinnerte, eigentlich erst nach 1985 die Befreiung von Diktatur und Barbarei akzentuierte wurde (Weizsäcker-Rede), war die DDR-Formel von der Befreiung durch die Sowjetunion bald durch die stalinistische Realität obsolet geworden.

Diskussion

Einige Beiträge sind nicht wirklich erhellend. Über den Kulturschock im Verlauf eines längeren Auslandsaufenthaltes ist anderwärts schon mehr und genauer geschrieben worden. Der Beitrag über den Zusammenhang von Diversität und Kreativität bleibt unverständlich. Ein anderer Beitrag, nämlich über Diversity als didaktisches Prinzip, endet mit der Banalität, dass Studierende in der Seminargruppe mit gesellschaftlichen oder kulturellen Unterschieden (?) umzugehen lernen – was immer dies auch heißt.

Ein Artikel über die EU-geförderte Zusammenarbeit im Kulturbereich wertet die Förderstatistiken aus, nämlich in Hinsicht auf beteiligte Länder, institutionellen Status, Künste und Themenbereiche; dass die Akteure und Akteurinnen Vielfalt praktizierten und perspektivistisch arbeiteten, wird einfach unterstellt.

Jaume Castan Pinos diskutiert die Spannung zwischen den Grundsätzen des territorialen Integrität und der nationalen Selbstbestimmung am Beispiel des Kosovo. Allerdings wird dabei zu wenig deutlich, dass das sog. Völkerrecht Schutz vor Interventionen oder gar Annexionen meint, während die selbst-bestimmende Volkssouveränität, bei geordneter Prozedur, auf jeden Fall zum Kern demokratischer Prozesse gehört. Die Alternative wäre doch die Fortschreibung historischer Bestände, ohne Rücksicht auf deren Legitimität oder auch gesellschaftliche Entwicklungen.

Mancher Beitrag erscheint beliebig, aber auch nur vorläufig oder nicht zu Ende geführt. So gibt es einen Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit, nämlich der in der Ostsee-Region. Weshalb gerade dieser Raum gewählt wird, bleibt unklar, da ja, gemessen an dem Anteil von Frauen in Führungspositionen, keine Daten vorgelegt werden, die Vergleiche mit anderen Regionen oder innerhalb der betroffenen 10 Staaten ermöglichten. Jedenfalls werden drei Organisationen gewählt, die für die internationale Zusammenarbeit im Ostseeraum stehen. Das Ergebnis fällt wie erwartet aus: Je höher in der Hierarchie, desto weniger Frauen. Es würde sich aber lohnen, genauer hinzusehen. Beispiel: „Union of the Baltic Sea Cities“ (UBC). Die empirische Basis ist deren Homepage, die eine „klassische“ Konstellation bietet: Das Sekretariat in Gdansk besteht aus vier Personen, dem Generalsekretär und drei Assistentinnen (das Balkendiagramm ist allemal entbehrlich). Das gleiche gilt für den Verwaltungsrat (1 Frau, 9 Männer). Doch dazu müsste gesagt werden, dass dieser von den Mitgliedsstädten benannt wird; es sind also zehn Bürgermeister aus jedem der zehn betreffenden Staaten. Die Gender Inequality ist ein Produkt der Kommunalpolitik.

Die vorliegende Veröffentlichung ist selbst von erheblicher Diversität geprägt. Die Themen stammen nämlich aus höchst unterschiedlichen Bereichen der internationalen Politik, öfter an den rechtlichen Instrumenten orientiert als an der politischen Realität veranschaulicht.

Wer an Diversität im Sinne gesellschaftlicher Vielfalt, als Gegenprogramm zu jeder Form der Benachteiligung aus Gründen der Herkunft, Religion, der sexuellen Orientierung, der körperlichen Konstitution, des Alters usf. interessiert ist, wird nicht befriedigt. Insofern ist der Buchtitel etwas irreführend.

Fazit

Die vorliegenden 14 Beiträge befassen sich vorwiegend mit durchaus interessanten Fragen des Minderheitenschutzes und der internationalen Zusammenarbeit, aber nur punktuell mit Diversity im Sinne gesellschaftlicher Vielfalt und gesellschaftspolitischer Programmatik.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 17.11.2015 zu: Charlotte Gaitanides, Gerd Grözinger (Hrsg.): Diversity in Europe. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-1847-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19391.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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