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Barbara Jürgens: Psychologie für die Soziale Arbeit

Cover Barbara Jürgens: Psychologie für die Soziale Arbeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 264 Seiten. ISBN 978-3-8487-1281-6. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 37,90 sFr.
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Autorin und Verlagsreihe

Barbara Jürgens ist pensionierte Professorin für Pädagogische Psychologie an der TU Braunschweig. Das Buch ist im Nomos Verlag erschienen, in der „Lehrbuchreihe für Studierende der Sozialen Arbeit an Universitäten und Fachhochschulen ‚Studienkreis Soziale Arbeit‘“.

Aufbau

Das 1. Kapitel beinhaltet den Aufbau des Buchs. Es wird von der Autorin mit der Frage überschrieben: „Was müssen Sozialpädagogen/ Sozialarbeiter über Psychologie wissen?“ Da Sozialpädagogen sich nicht mit Psychologie in ihrer gesamten Breite beschäftigen müssten, wählt sie mit Hilfe einer fiktiven Liste von 6 Stellenangeboten für Sozialpädagogen die wichtigsten Themenbereiche aus: Lern- und Entwicklungspsychologie, Sozial-, Entwicklungs- und Klinische Psychologie sowie Resilienzforschung.

Nach einem einleitenden Kapitel zu den Methoden der Psychologie widmet die Autorin jedem dieser Themen ein bis zwei Kapitel, ergänzt um ein Kapitel zur Frage, was „eigentlich ‚normal‘“ sei. Jedes Kapitel beinhaltet weiterführende Literaturempfehlungen und Reflexions- und Übungsaufgaben, die im letzten (15.) Kapitel des Buchs aufgelöst werden.

Inhalt

Das 2. Kapitel trägt die Überschrift: „Wie denkt und arbeitet die Psychologie?“ Psychologie wird als naturwissenschaftliche empirische Wissenschaft skizziert, die überprüft, ob Unterschiede zwischen Menschengruppen ‚bedeutsam‘ sind oder mit ‚Zufall‘ erklärt werden müssen und ob Zusammenhänge zwischen Merkmalen und Verhaltensweisen bestehen. Diese Grundlagen müssten Sozialpädagogen kennen, um entscheiden zu können, ob sie empirischen Untersuchungsergebnissen trauen und ihre Interventionsstrategien darauf aufbauen könnten.

Im 3. Kapitel skizziert die Autorin behavioristische Lerntheorien (Klassisches und Operantes Konditionieren). Als Beispiele führt sie eine Frau mit Hundephobie an und ein Fallbeispiel aus der Sozialarbeit: eine Klientin, die nicht in der Lage ist, ihre Rechnungen zu öffnen. Die Mechanismen des Klassischen Konditionierens werden ausführlich mit Pawlows Hund erklärt, Operantes Konditionieren mit dem Verhalten von Ratten in der Skinner Box. Zur Verdeutlichung beider Mechanismen wird die Hundephobie der Frau des 1. Beispiels herangezogen. Das ‚eher sozialpädagogische‘ Fallbeispiel 2 wird nicht aufgegriffen. Die Übungsfragen beziehen sich auf Konditionierungsprozesse.

Mit dem 4. Kapitel fokussiert die Autorin kognitiv orientierte und soziale Lerntheorien (Selbstregulation nach Kanfer; Selbstverbalisation nach Ellis A-B-C-Theorie; Modelllernen nach Bandura, ausführlicher erläutert mit dem ‚Rocky-Experiment‘, bei dem ein Erwachsener nach aggressivem Verhalten gegenüber einer Puppe von den beobachtenden Kindern nachgeahmt wird). Der Prozesscharakter des Lernens wird ausführlich dargestellt. Die Übungsfragen behandeln kognitive und soziale Aspekte von gelerntem Alltagsverhalten (Eß- und Rauchgewohnheiten, Freizeitverhalten und Gruppeneinfluss).

In den Kapiteln 5 und 6 werden ausgewählte Aspekte der (sozialen) Entwicklung während des gesamten Menschenlebens dargestellt. Grundlegende Fragestellungen und Forschungsmethoden der Entwicklungspsychologie werden erläutert und mit etlichen Untersuchungen veranschaulicht. Stichworte sind für die Kindheit: gewalttätiges Verhalten; Perspektivenübernahme; Gefühlsäußerungen (in Abhängigkeit der Herkunftskultur); Regulation von Wut und Ärger.
Für das Jugend- und Erwachsenenalter werden die Entwicklungsaufgaben nach Havighurst mit entsprechenden Untersuchungen belegt, dann die Bedeutung von Arbeit (und Freizeit) für die Lebenszufriedenheit, gefolgt von Aspekten „erfolgreichen Alterns“ (Ressourcen, Lebensmanagementstrategien).

Das Kapitel 7 ist dem Thema „Familie“ gewidmet, wobei der soziale Wandel des familiären Zusammenlebens im Zentrum steht, was anhand von 8 Beispielen verdeutlicht wird. Daneben wird der Umgang mit Erziehungsaufgaben (Erziehungsstile) und Belastungssituationen kurz thematisiert.

In den Kapiteln 8 und 9 werden „für Sozialpädagogen relevante Themen der Sozialpsychologie“ aufgegriffen. Kapitel 8 fokussiert Soziale Netzwerke und verdeutlicht deren Bedeutung und Funktionalität für soziale Unterstützung in Krisensituationen, insbesondere für die Gesundheit. Das Kapitel 9 zeigt die Wirkung von Sozialen Gruppen und thematisiert deren Einfluss auf Urteile, Normen und Verhalten einzelner Menschen. Verdeutlicht werden diese Mechanismen mit den Experimenten von Asch und Milgram. Auch die Beziehungen zwischen Gruppen werden erwähnt (Sharif).

Die Kapitel 10, 11 und 12 thematisieren psychische Störungen und Probleme. Im Kapitel 10 werden die Psychischen Störungen anhand der klinischen Kathegorisierungssysteme aufgeführt, im Kapitel 11 die gängigsten Psychotherapieverfahren (psychodynamisch, verhaltenstherapeutisch, humanistisch, systemisch) vorgestellt. Das Kapitel 12 grenzt psychologische Beratung von Psychotherapie ab (nach Warschburger). Zu Beginn des Kapitels 12 werden vier weitere ausführliche Fallvignetten vorgestellt, auf die sich dann die Übungsfragen („Beratung oder Therapie?“) beziehen.

Resilienzforschung: mit schwierigen Lebensbedingungen fertig werden“ ist das 13. Kapitel überschrieben. Ausgangspunkt sind die vielen gesicherten empirischen Forschungsergebnisse, die zeigen, dass bestimmte „Risikofaktoren“ (biologische, familiäre, soziale und Umfeldvariablen) „Problemverhalten“ fördern. Dieser Effekt kann tendenziell durch Schutzfaktoren abgemildert werden, die in der personalen Widerstandsfähigkeit liegen (Persönlichkeit; Bewältigungsstrategien), und in „protektiven“ Umgebungsbedingungen wie strukturiertes Familienleben; enge, verlässliche Beziehung zu einer Bezugsperson; günstiges soziales Netzwerk (nach Werner (Kauai-Studie) und aktuellen Forschungsergebnissen um Bengel). Das Kapitel wird mit drei ausführlichen Fallvignetten begonnen, die an Ende weiter „gesponnen“ werden; die jeweiligen potentiell protektiven Faktoren werden zur Diskussion gestellt.

Im letzten Kapitel 14 stellt die Autorin die Frage: „Was ist eigentlich ‚normal‘?“; verschiedene Sichtweisen von „Normalität“ werden nebeneinander gestellt (psychologische Normen vs. „Alltagsnormen“; Normen des sozialen Miteinanders und bei der individuelle Bewertung).

Schließlich werden in Kapitel 15 („Zusammenfassung“) recht unterschiedliche Statements zu jeder der zuvor gestellten Übungsaufgaben aufgeführt; die jeweils aus Sicht de Autorin „richtige Antwort“ ist durch Fettdruck gekennzeichnet.

Diskussion

Das Konzept des Buches erscheint überzeugend: Es erhebt den Anspruch, die für Studierende der Sozialen Arbeit besonders prüfungs- und praxisrelevanten Teilbereiche der Psychologie verständlich darzustellen. Die Auswahl erfolgt – vielleicht bis auf das Kapitel „Normalität“ – schlüssig anhand von Praxisanforderungen, abgeleitet von sozialpädagogischen Stellenausschreibungen. Durch die Ankündigung von Fallbeispielen und Übungsaufgaben wird der Eindruck verstärkt, dass auch der Nutzen der Erkenntnisse der Psychologie für die Praxis der Sozialen Arbeit evident wird.

Die erste Erwartung wird vorbildlich erfüllt: Die Sprache der Autorin ist der Zielgruppe angemessen sehr klar und alltagssprachlich orientiert, ohne auf wichtige Fachbegriffe zu verzichten. Durch die vielen Übungsaufgaben, durch die zur Diskussion anregenden Fragen und die z.T. recht ausführlich begründeten „richtigen“ Antworten ist die Vorbereitung auf - darauf zugeschnittene – Prüfungen gut gewährleistet.

Die zweite Erwartung wird dagegen herb enttäuscht. Zur Verdeutlichung psychologischer Theorien und Erkenntnisse werden viele „klassische“ Untersuchungen und etliche Fallvignetten herangezogen; diese haben aber mit sozialpädagogischer Praxis kaum etwas zu tun. Als Beispiel mögen die Kapitel 3 und 4 dienen, in denen es um Lerntheorien geht. Als Fälle werden die Frau G. vorgestellt, die eine Hundephobie auf Grund eines Hundebisses entwickelt und die Frau A., die nicht in der Lage ist, Korrespondenz und Rechnungen adäquat zu erledigen und die auch sozialpädagogische Unterstützung nicht annehmen kann, so dass die enttäuschte Sozialpädagogin schließlich schlecht gelaunt selber alles für Frau A. regelt. Das Verhalten von Frau G. wird (einschließlich möglicher psychotherapeutischer Interventionen) ausführlich behandelt, der Fall von Frau A. wird dagegen nicht aufgegriffen. Ich hätte mir gewünscht, dass die Aversion oder Ängste von Frau A. vor dem Öffnen von Rechnungen mit den Mechanismen des Klassischen und Operanten Konditionierens erklärt worden wären, wie auch die Planung entsprechender sozialpädagogischer Interventionsstrategien. Auch wäre es schön gewesen, die soziale Interaktion zwischen Frau A. und der Sozialpädagogin mit lerntheoretischen Überlegungen zu erklären. Die Autorin hätte den Fall weiterspinnen und beispielsweise zeigen können, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen der Fachfrau besonders effektiv hätten sein können, um für Frau A. ein gutes Modell (im Sinne des Modelllernens) abzugeben. Nichts gegen „Klassiker“, aber hier hätte die Autorin zugunsten sozialpädagogischer Praxis gut auf Pawlows unsterblichen Hund, auf Skinners Ratten und auf Banduras ‚Rocky‘ verzichten können, zumal diese in vielen Büchern der umfangreichen Literaturliste leicht aufzufinden sind.

Damit wird leider einmal mehr die Chancen verpaßt, die Nützlichkeit psychologischer Theorien und Erkenntnisse für die Praxis der Sozialen Arbeit zu verdeutlichen und dem verbreiteten Vorurteil entgegenzutreten, Theorien und empirische Erkenntnisse seien für sozialpädagogische Praxis eh nur unbrauchbarer Ballast.

Als weiterer Mangel des Buchs ist noch das schludrige Layout der Abbildungen zu erwähnen: viele der Grafiken sind unsensibel eingepasst, so dass etliche Seiten zur Hälfte leer bleiben, einige Grauabstufungen in Säulendiagrammen erscheinen kaum unterscheidbar von schwarz und manche der Schraffierungen sind so grob, dass sie in den Quadraten der Legenden nicht von unschraffierten Flächen zu unterscheiden sind.

Fazit

Das vorliegende Lehrbuch für Studierende des Sozialen Arbeit stellt prüfungsrelevante Teilbereiche der Psychologie gut lesbar dar und ist geeignet, Studierende effektiv auf die Prüfung dieses Teilwissens vorzubereiten. Bezüge zu sozialpädagogischer Praxis werden dagegen kaum explizit hergestellt, so dass es dem Leser und den Studierenden überlassen bleibt, die Relevanz der ausgewählten Themen für die Praxis selber zu eruieren. Die Chance bleibt ungenutzt, die Bedeutung von psychologischen Erkenntnissen für praktisches sozialpädagogisches Handeln herauszustellen. Damit hebt sich das vorliegende Buch kaum ab von anderen Büchern zum Thema „Psychologie für die Soziale Arbeit“.


Rezensent
Prof. Dr. Arnfried Bintig
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Zitiervorschlag
Arnfried Bintig. Rezension vom 31.12.2015 zu: Barbara Jürgens: Psychologie für die Soziale Arbeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-1281-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19392.php, Datum des Zugriffs 25.08.2019.


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