Thomas Bahle, Bernhard Ebbinghaus et al.: Familien am Rande der Erwerbsgesellschaft
Rezensiert von Prof. Dr. Isolde Heintze, 17.06.2016
Thomas Bahle, Bernhard Ebbinghaus, Claudia Göbel:Familien am Rande der Erwerbsgesellschaft. Erwerbsrisiken und soziale Sicherung familiärer Risikogruppen im europäischen Vergleich. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 252 Seiten. ISBN 978-3-8487-2615-8. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 28,90 sFr.
Thema
In dem vorliegenden Buch setzen sich Thomas Bahle, Bernhard Ebbinghaus und Claudia Göbel mit der Frage auseinander, inwieweit unterschiedliche wohlfahrtsstaatliche Politikprofile zur Vermeidung bzw. Verhinderung von Erwerbs- und Armutsrisiken von Familien beitragen. Dabei werden die sozialpolitischen Systeme von fünf europäischen Ländern (Dänemark, Deutschland, Frankreich, Niederlande und das Vereinigte Königreich) im Hinblick auf die Erwerbsintegration, auf die Erzielung eines ausreichenden möglichst armutsvermeidenden Erwerbseinkommens und auf die Gewährleistung eines entsprechenden Familieneinkommens miteinander verglichen.
Die Ergebnisse des vorliegenden Buches stammen aus einem Forschungsprojekt am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) mit dem Titel „Sozialer Schutz und Arbeitsmarktintegration familiärer Risikogruppen. Politiken und Lebenslagen im europäischen Vergleich“ unter der Leitung von Prof. Dr. Bernhard Ebbinghaus und PD Dr. Thomas Bahle. Das Projekt wurde von der Hans-Böckler-Stiftung im Rahmen des Förderschwerpunktes „Zukunft des Wohlfahrtsstaates“ gefördert.
Aufbau
Das Buch beinhaltet drei große Teile und insgesamt 12 Kapitel.
Im 1. Kapitel des Buches erläutert die Autorengruppe den Problemkontext, das Ziel und den Ansatz der Studie, formuliert forschungsleitende Hypothesen und stellt den Aufbau des Buches vor.
- Nach dieser Einführung in die Thematik folgt der erste große Teil des Buches, Teil A, der mit „Risikogruppenprofile im Ländervergleich“ überschrieben ist.
- Der zweite große Teil, Teil B, beschäftigt sich mit den wohlfahrtsstaatlichen Politikprofilen der fünf zu vergleichenden Länder Europas.
- Der dritte große Teil, Teil C, führt die empirischen Ergebnisse aus Teil A zu den familiären Risikogruppen mit den diskutierten Politikprofilen im Ländervergleich aus Teil B zusammen. Dabei wird am Ende auch die bundesdeutsche Sozialpolitik kritisch in den Blick genommen.
Inhalt
Im Teil A gehen die Verfasserin und die Verfasser der wesentlichen Frage nach, wie groß das Ausmaß von Erwerbsrisiken bei Familien in den verschiedenen Ländern ist und wie sich die Struktur der familiären Risikogruppen beschreiben lässt. Dazu wird zunächst die Datengrundlage (EU-SILC, Referenzjahr 2008) vorgestellt und die Wahl des Forschungsdesigns begründet. Im Kapitel 2 von Teil A wird erklärt, welche Familien bzw. Haushalte für die Analyse verwendet werden und wann diese zu den Risikogruppen gezählt werden. Darüber hinaus wird dargestellt, wie ausgedehnt familiäre Risikogruppen in den einzelnen Ländern sind und welche soziodemografische Struktur sie aufweisen.
Die Annäherung an die erwerbsbezogenen Probleme bei den untersuchten Familien bzw. Haushalten erfolgt über eine dreistufige Systematisierung. Im Kapitel 3 richtet sich das Augenmerk auf die erste Stufe erwerbsbezogener Probleme, die Integration ins Erwerbsleben. Hier werden ländervergleichend die Arbeitsmarktentwicklung, der familienpolitische Kontext zur Unterstützung der Erwerbsintegration sowie die vorherrschenden Familienerwerbsmodelle analysiert. Dies sind Faktoren, die die Beschäftigungschancen familiärer Risikogruppen beeinflussen können. Im Kapitel 4 liegt der Fokus auf der zweiten und dritten Stufe erwerbsbezogener Probleme. Die zweite Stufe umfasst dabei die Betrachtung der Erwerbsrisiken im Zusammenhang mit der Erzielung eines ausreichenden Erwerbseinkommens der untersuchten Familien. In der dritten Stufe erfolgt dann eine Analyse von sozialen Transfers für Familien und dem verfügbaren Haushaltseinkommen.
Im Teil B des vorliegenden Buches werden ausführlich die länderspezifischen Politikkombinationen erörtert, die dafür verantwortlich sind, dass es Familien bzw. Haushalten sehr unterschiedlich gelingt Erwerbs- und Armutsrisiken zu vermeiden. Für jedes betrachtete Land werden die sozialpolitischen Maßnahmen und Instrumente diskutiert, die für die drei Stufen erwerbsbezogener Probleme relevant sind. Jedes Kapitel endet mit einem zusammenfassenden Fazit zum jeweiligen Politikstil des betreffenden Landes.
Im Teil C des Buches wird abschließend der Frage nachgegangen, welche Kombinationen von sozialpolitischen Arrangements heranzuziehen sind, um den Prozess der Integration von Risikogruppen erfolgreich zu unterstützen und zu fördern. In diesem Zusammenhang werden die zwei relativ erfolgreichen Länder Dänemark und die Niederlande mit den weniger erfolgreichen Ländern Frankreich und dem Vereinigten Königreich verglichen. Zuletzt beschäftigt sich die Autorengruppe intensiv mit der Situation in Deutschland, die sich im Hinblick auf die Integration von familiären Risikogruppen als besonders prekär charakterisieren lässt.
Diskussion
Das Buch zeichnet sich durch eine tiefgründige und differenzierte Analyse familiärer Risikogruppenprofile und durch eine detaillierte Auseinandersetzung mit unterschiedlichen sozialpolitischen Profilen in Europa aus. Hervorzuheben ist, dass die dreistufige Systematisierung erwerbsbezogener Probleme (1. Stufe: Integration ins Erwerbsleben, 2. Stufe: ausreichendes armutsvermeidendes Erwerbseinkommen, 3. Stufe: verfügbares Haushaltseinkommen) den roten Faden des Buches vorgibt und sämtliche Analysen und empirische Befunde vor diesem Hintergrund stringent diskutiert und miteinander verknüpft werden. Die Darstellung der Datengrundlage, die Begründung des Forschungsdesigns und die Operationalisierung der verwendeten Konzepte und Variablen erfolgt durchdacht und systematisch.
Für das Verständnis der Veröffentlichung ist ein hohes Maß an Kenntnissen der quantitativen Methoden der empirischen Sozialforschung, der Gestaltungsprinzipien der Sozialpolitik und von wohlfahrtsstaatlichen Typologien erforderlich.
Fazit
Insgesamt bietet das Werk umfassende und spezielle Informationen sowie empirische Befunde zum Ausmaß und zur Struktur von familiären Risikogruppen in den fünf betrachteten Ländern Europas. Darüber hinaus gewährleistet die Veröffentlichung einen Überblick über die einzelnen Politikprofile in Dänemark, in den Niederlanden, in Deutschland, in Frankreich und im Vereinigten Königreich. Die Verknüpfung der unterschiedlichen Politikkombinationen mit den herausgearbeiteten familiären Risikogruppenprofilen leistet einen wesentlichen Beitrag für das Verständnis des Zustandekommens von Erwerbsrisiken, von Armut und von prekären Lebenslagen bestimmter Familienkonstellationen sowie für die kritische Diskussion von politischen Praxen. Es ist für Leserinnen und Leser geeignet, die ihr Wissen über die Funktionsweisen und Anforderungen unterschiedlicher wohlfahrtsstaatlicher Systeme im Hinblick auf den Risikoausgleich insbesondere bei Familien erweitern und vertiefen wollen.
Rezension von
Prof. Dr. Isolde Heintze
Professur für Sozialpolitik und Soziale Arbeit an der Hochschule Mittweida, Fakultät Soziale Arbeit
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