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Maria Backhouse: Grüne Landnahme

Cover Maria Backhouse: Grüne Landnahme. Palmölexpansion und Landkonflikte in Amazonien. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2015. 264 Seiten. ISBN 978-3-89691-713-3. D: 27,90 EUR, A: 28,70 EUR, CH: 38,50 sFr.
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Thema

Seit der Propagierung von Biokraftstoffen boomt die Agrarindustrie mit der Produktion von Flex-Crops, d.h. vielseitig verwertbaren Pflanzen wie Ölpalmen, was nach der Ausdehnung von Anbaugebieten verlangt. „Grüne Landnahme“ meint dabei unter anderem, aber nicht nur, eine umweltpolitisch legitimierte Landnahme. Die damit aufgeworfenen Fragen erörtert die Autorin exemplarisch am aktuellen Fall des staatlich geförderten Projekts der großflächigen Palmölproduktion im brasilianischen Bundesstaat Pará.

Autorin

Maria Backhouse ist inzwischen nach Tätigkeit am Lateinamerika-Institut der FU Berlin, wo sie auch promoviert hat, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arnold-Bergsträsser-Institut in Freiburg. Außer der vorliegenden Dissertation kann sie noch drei andere Publikationen als Ko-Autorin und Mitherausgeberin vorweisen.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Dissertation entstand im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts mit dem Titel „Fair Fuels? Zwischen Sackgasse und Energiewende: Eine sozial-ökologische Mehrebenenanalyse transnationaler Biokraftstoffpolitik“ am Lateinamerika-Institut.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin fragt nach den sozial-ökologischen Auswirkungen grüner Landnahme, speziell auch den damit möglicherweise ausgelösten Konflikten und Widerständen in der betroffenen Bevölkerung. Zur leitenden Forschungsperspektive ihrer Arbeit erklärt sie die Politische Ökologie (U. Brand, Ch. Görg), verknüpft mit dem Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse, das den Dualismus Mensch – Natur bzw. Gesellschaft – Natur in Frage stellt (32, 35). Zur Ergänzung hält Backhouse marxistische Zeitdiagnosen und das dabei wieder verstärkt aufgegriffene Theorem der „ursprünglichen Akkumulation“ von Marx für relevant, und zwar nicht als bloß historische Etappe, sondern als fortgesetzte, dem System inhärente Strategie des Kaptitalismus (20f.). Es handelt sich um Praktiken außerökonomischen Zwangs, die (wie bei der Landnahme) nicht illegal sein müssen und die – so spezifiziert die Autorin das Konzept – zur Trennung (z.B. bäuerlicher) Produzenten von ihren Produktionsmitteln und damit zu deren Integration in die herrschende Produktionsweise führen. Zum Teil stütze sich diese allerdings auch weiterhin auf traditionelle Lebensweisen (C. Meillassoux, 48). Damit nicht genug, erweitert die Autorin den theoretischen Rahmen noch um die sprachlich-symbolische Dimension, genauer um eine ideologietheoretische Betrachtungsweise im Anschluss an Stuart Hall, um bei den von Machtasymmetrien bestimmten Eingriffen zu klären, warum sich Widerstand formiert oder warum er ausbleibt.

Die Untersuchung ist damit nicht, wie vielleicht befürchtet, mit einem theoretischen Wasserkopf befrachtet. Vielmehr geht die Autorin in einem zirkulären Forschungsprozess (24) empirisch ihren Eingangsfragen nach. Sie hat vor Ort und in der Hauptstadt Leitfadeninterviews durchgeführt und ganz nach Methodenhandbuch die übrigen Instrumente Qualitativer Sozialforschung benutzt. Die umfangreiche Liste der Interviews und Gruppendiskussionen am Schluss (7 Seiten) belegt die intensive Empirie. Hervorgehoben sei das Bedenken der eigenen Position als „weiße“ Forscherin. Die Feldforschung wurde im November 2010 und von März bis Juli 2011 durchgeführt.

Die Einleitung und das zweite Kapitel geben Auskunft über die theoretische Verortung und den analytischen Rahmen, wie er oben bereits skizziert worden ist. Außerdem wird über das methodische Vorgehen informiert.

Im dritten Kapitel nähert sich die Autorin dem Komplex Palmölproduktion zunächst allgemein, dann bezogen auf die Untersuchungsregion, aber stets mit Blick auf die transnationalen Zusammenhänge (Entwicklung der Ölpalme zur Flexcrop, von autoritärer Entwicklungsideologie in Brasilien zu neuen Programmen, Energie- und Klimapolitik).

Im vierten Kapitel werden die Leser/innen mit den Landnutzungs- und Landzugangsverhältnissen in der Zugangsregion sowie mit den „Akteursgruppen“, d.h. den für das Palmölprogramm Verantwortlichen und den davon betroffenen vertraut gemacht. Wichtig für europäische Leser/innen ist vor allem der Einblick in die Heterogenität der kleinbäuerlichen Landwirtschaft in Amazonien.

Im fünften Kapitel schildert die Autorin unter Heranziehung ihrer Interviews und Beobachtungsprotokolle die Praktiken des Landkaufs und das entwicklungspolitisch begründete Bemühen um die Einbindung von Kleinbauern und -bäuerinnen in die Vertragslandwirtschaft (als Alternative zum Verkauf). Ergebnis ist, wie sie zeigt, eine „Restrukturierung der Kontrolle über Landzugang und -nutzung“. Die bäuerlichen Produzenten verfügen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt über den Boden.

Das sechste Kapitel „Die politische Dimension der Landnahme“ macht verständlich, warum der Widerstand gegen das Projekt gering ist, indem nämlich Behörden und vor allem Unternehmen ideologisch geschickt auf „Partnerschaft“ setzen.

Das zweite Ideologem, „das Narrativ der degradierten Flächen“ wird im siebten Kapitel analysiert. Der von der Regierung initiierte Anbau von Ölpalmen ist nämlich nur auf Flächen genehmigt, auf denen kein Primärwald mehr nachweisbar sein soll, womit das Projekt als umweltfreundliche, klimapolitisch positive Maßnahme propagiert werden kann, wogegen die Autorin kenntnisreich Einwände formuliert.

Im achten Kapitel wird unter Rückbezug auf die theoretischen Ausgangsüberlegungen Bilanz gezogen. Abschließend verweist die Autorin vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen auf „die politisch-ökologische Kritik am ‚Managerismus‘ der transnationalen Umweltpolitik“ (Brand und Görg). Der Anhang mit einer Landkarte, der Interviewliste und einer Liste der Abkürzungen vervollständigt die Publikation.

Diskussion

Die Arbeit zeigt musterhaft, wie produktiv Empirie sei kann, wenn sie nicht theoretisch blind durchgeführt wird. Die theoretische Perspektivität macht auch verallgemeinerbare Fragen diskutierbar. Bei der Lektüre kommen einem z.B. (a) Fragen bezüglich der Ambivalenz des Modernisierungsprozesses (Modern-Man-Konzept: Arbeitsdisziplin, Leistung etc.), auch was die Zivilisierung der Konfliktaustragung anlangt. Es wird außerdem (b) der Wachstumsfetischismus deutlich, der Schwellenländer wie Brasilien zu solchen Projekten veranlasst, die zu neuen sozialen Verwerfungen führen. Die Projektdurchführung, z.B. bei der Zonierung des Amazonasgebiets, veranschaulicht (c) exemplarisch die Tendenz zur postdemokratischen Ermächtigung von Experten. Und schließlich kann man sich (d) von der Engführung der herrschenden Klimapolitik überzeugen, die sich auf quantifizierbare Einsparungen von Kohlenstoffdioxyd beschränkt.

Fazit

Es dürfte deutlich geworden sein, dass das Buch für viele Fachgruppen von Interesse ist, außer für Wissenschaftler/innen auch für politische Aktivist/inn/en in der Umwelt- und Entwicklungspolitik.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 07.09.2015 zu: Maria Backhouse: Grüne Landnahme. Palmölexpansion und Landkonflikte in Amazonien. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2015. ISBN 978-3-89691-713-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19394.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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