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Cameron J. Camp: Tatort Demenz – Menschen mit Demenz verstehen

Cover Cameron J. Camp: Tatort Demenz – Menschen mit Demenz verstehen. Praxishandbuch für Demenz–Detektive. Hogrefe (Bern) 2015. 176 Seiten. ISBN 978-3-456-85570-7. 28,95 EUR.
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Thema

Der Umgang mit Demenzkranken ist gegenwärtig in Fachkreisen aufgrund der sehr unterschiedlichen und teils sich widersprechenden Konzeptionen noch ein sehr kontroverses Thema. Die Problemlage wird zusätzlich durch den Sachverhalt erschwert, dass für manche die Frage noch nicht abschließend geklärt zu sein scheint, ob es sich nun bei der Demenz um eine neurologische Erkrankung oder um eine bloße Hirnalterung ohne Krankheitsstatus handelt. Für die Pflegenden selbst stellen sich diese Fragen im unmittelbaren Umgang mit den Betroffenen in der Regel nicht, denn sie handeln meist intuitiv („aus dem Bauch heraus“) mittels Strategien des „Mitgehens und Mitmachens“ (Ablenkung und Beruhigung). Die vorliegende Veröffentlichung enthält auf der Grundlage von mannigfachen Fallbeispielen Beeinflussungsstrategien gemäß des intuitiven Ansatzes als auch der Verhaltenstherapie.

Autor

Cameron J. Camp Ph.D. (experimentelle Psychologie) ist ein emeritierter US-amerikanischer Psychologieprofessor, der gegenwärtig als Kursentwickler von „Montessori-Based Dementia Programming and Spaced Retrieval“ und Forschungsdirektor des „Center for Applied Research“ in Solon Ohio (USA) wirkt.

Aufbau und Inhalt

Der Inhalt des Buches, in sechs Kapiteln unterteilt, besteht überwiegend aus ca. 60 Fallbeispielen oder Fallgeschichten, die mit theoretischen Erläuterungen und Zusammenfassungen versehen wichtige Sachverhalte im Umgang mit Demenzkranken darstellen.

In Kapitel 1 (Den „Täter“ kennenlernen: Seite 21 – 27) werden anhand von konkreten Fallbeispielen Kurzzeitgedächtnisstörungen (der „bösartige Zauberstab“), Desorientierungsphänomene (die „verkehrte Zeitmaschine“) und Wortfindungsstörungen (der „Leim auf der Zungenspitze“) erläutert. Des Weiteren wird kurz auf das Konzept der Retrogenese von Barry Reisberg (krankhafte Rückentwicklung) eingegangen.

Kapitel 2 (Das „Opfer“ kennlernen: Seite 29 – 43) enthält einige Zugangs- und Umgangsmodalitäten wie Befragungen, Aktivierung altvertrauter Handlungsweisen, eine biografisch orientierte Pflegeform und Hilfestellung beim Lesen. Auch Scheinweltstrategien werden anhand von Beispielen angeführt: um das Autofahren des demenzkranken Ehemanns zu verhindern, wird der Zündschlüssel mit der Feile bearbeitet, so dass er nicht mehr funktionsfähig ist. Eine Bewohnerin im Pflegeheim wähnt sich auf einer Kreuzfahrt, denn die Mahlzeiten scheinen ja alle schon bezahlt zu sein. Als sie sich dann einen Tai Mai Cocktail bestellt, wird ihr ein exotisch aussehendes Getränk gereicht. Eine Ehefrau feiert jeden Morgen den Geburtstag ihres kranken Gatten mit Geschenk, Geburtstagskarte und Kuchen mitsamt Kerzen zum Ausblasen.

In Kapitel 3 (Beweismaterial sammeln: Seite 45 – 49) wird kurz beschrieben, dass viele Verhaltensweisen wie z. B. ständiges Fragen oft eine biografische Ursache besitzen. So kam z. B. eine Bewohnerin ständig ins Stationszimmer und fragte ängstlich, ob es hier dann sicher wäre, denn in ihrer vorherigen Seniorenwohnanlage war sie von einem Einbrecher überfallen und geschlagen worden. Für sie wurde dann extra ein Schild angefertigt mit dem Hinweis angefertigt, dass es sich bei dieser Einrichtung um ein gesichertes Heim handelt.

Kapitel 4 (Das Rezept anwenden: Seite 51 – 92) besteht u. a. aus der Darstellung verschiedener Umgangsstrategien:

  • Bei auftretenden Krankheitssymptomen immer erst nach somatischen Ursachen suchen: z. B. paranoide Wahnvorstellungen aufgrund eines zu hohen Blutzuckerspiegels und ein Delir verursacht durch einen Harnwegsinfekt.
  • Verschiedene Ablenkungsstrategien bei sozial störenden Verhaltensweisen: Um das ständige Entkleiden im öffentlichen Bereich zu vermeiden, wurde einer Demenzkranken Stoffmuster zum Betasten und Identifizieren angeboten. Einer ehemaligen blinden Stripteasetänzerin, die wiederholt auf den Tisch stieg und dann ausrief „Holt die Jungs rein!“ wurde Bastelmaterial zum Anfertigen von Geschenken für die Urenkelin zur Verfügung gestellt.
  • Um das Betreten gefährdeter Bereiche zu verhindern wurden z. B. Schilder mit Aufschriften wie „Geschlossen“ oder „Achtung Baustelle – nicht betreten“ verwendet.
  • Um die Tätlichkeiten einer Demenzkranken beim Toilettengang zu vermeiden, wurde der Bewohnerin, die immer eine Puppe dabei hatte, eine zweite Puppe offeriert, so dass sie nun in jeder Hand eine Puppe hielt und nicht mehr nach den Pflegenden schlagen konnte.
  • Einer Demenzkranken, die nicht Mittagessen wollte, wurde ein „Rezept“ mit der Anordnung zur Mahlzeiteneinnahme ausgestellt, der sie bereitwillig Folge leistete.
  • Einer Demenzkranken, die große Angst bei Transferleistungen (Ortswechsel) zeigte, wurde vorab jedes Mal eine Tüte mit Chips angeboten. Das Essen der Chips lenkte sie völlig vom Wechsel in andere Räumlichkeiten ab. Ähnliches wurde mit einer Plastikrose erreicht, die einer Bewohnerin vor dem Ortswechsel mit zusätzlich ablenkenden Worten in die Hand gedrückt wurde.

In Kapitel 5 (Neues Lernen: Aber nicht so, wie man meint: Seite 93 – 123) beinhaltet verschiedene Vorgehensweisen der Verhaltenstherapie überwiegend für Demenzkranke im frühen Stadium der Erkrankung, die anhand von Fallbeispielen plastisch dargestellt werden. Unter Anderem wird die Konditionierung zur Vorbereitung auf das Mittagessen mittels eines bestimmten Liedes erhöht, das bereits 5 Minuten vor und während der Mahlzeiteneinnahme gespielt wird.

In Kapitel 6 (Lösen Sie den Fall: Seite 125 – 138) wird der Leser aufgefordert, anhand von 12 kurzen drei- bis vierzeiligen „Fallbeispielen“ – z. B. eine Demenzkranke im Haushalt eines Angehörigen beginnt, alle Speisen mit der Hand zu essen. Wie sollen nun die Familienmitglieder damit umgehen? – „Detektivarbeit“ nach folgendem Schema zu leisten, wobei jedoch keine „Auflösung“ des „Falles“ seitens der Autors geleistet wird:

  • „Wer ist diese Person?“
  • „Die verbliebenden Fähigkeiten nutzen“
  • „Beweismaterial sammeln“
  • „Das Rezept anwenden“
  • Lösung

Diskussion und Fazit

Die Bewertung der Publikation fällt zweischneidig aus.

Negativ sind folgende Aspekte zu beurteilen:

  • Das Infantilisierende der Darstellungsweise und der Begrifflichkeiten wie z. B. „Demenz-Detektive“, der „bösartige Zauberstab“ (Seite 21), die „Verkehrte Zeitmaschine“ (Seite 23) und die „Tai Chi – Verteidigung“ (Seite 40) mitsamt dem Kapitel 6 „Lösen Sie den Fall“ wird dem Gegenstandsbereich Umgang mit Demenzkranken mit all seinen Konsequenzen für die Betroffenen und die Mitarbeiter nicht gerecht.
  • Es fehlen bei vielen Fallbeispielen weitergehende Informationen wie z. B. der konkrete Abbaugrad der Erkrankten und weitere situative Hinweise bezüglich eventueller Auslösereize. Des Weiteren fehlt ein stringenter Aufbau in der Darstellungsweise, wenn z. B. ausführlich ein differenziertes Trainingsprogramm wie „Spaced Retrieval“ (abgestuftes Abrufen von Lerninhalten) (Seite 110 – 123) ausführlich dargestellt wird, das in keinerlei Bezug zu den vorhergehenden Falldarstellungen steht.

Positiv gilt es anzuführen, dass es dem Autor gelungen ist, anhand konkreter Beispiele das weite Spektrum an Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien meist nach dem Modell des „Mitgehens und Mitmachens“ für Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung anschaulich darzustellen. Auch die Anführung von Elementen der Scheinwelt- oder Demenzweltgestaltung wie z. B. „Verbotsschilder“ oder der Einsatz von „Rezepten“ zur Beeinflussung des Verhaltens deuten auf ein umfangreiches Erfahrungswissen des Autors hin.

Das Buch ist daher allen Lesern zu empfehlen, die sich bisher mit diesen wirksamen Umgangsstrategien noch nicht angemessen vertraut gemacht haben.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 07.01.2016 zu: Cameron J. Camp: Tatort Demenz – Menschen mit Demenz verstehen. Praxishandbuch für Demenz–Detektive. Hogrefe (Bern) 2015. ISBN 978-3-456-85570-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19399.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


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