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Christine Gruber, Elfriede Fröschl (Hrsg.): Gender-Aspekte in der Sozialen Arbeit

Cover Christine Gruber, Elfriede Fröschl (Hrsg.): Gender-Aspekte in der Sozialen Arbeit. Czernin Verlag (Wien) 2001. 350 Seiten. ISBN 978-3-7076-0107-7. 21,65 EUR.
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Das Thema

Geschlechtsspezifische Wahrnehmungen und Unterschiede prägen die Soziale Arbeit ebenso wie andere Bereiche der Gesellschaft. Die Analyse des Geschlechterverhältnisses findet aber kaum Aufnahme in Theorie, Ausbildung und Praxis der Sozialen Arbeit. Der Sammelband von Gruber und Fröschl will hier Abhilfe schaffen, indem grundlegende Aspekte Sozialer Arbeit unter Gender-Gesichtspunkten diskutiert werden. Didaktische Hinweise der Autorinnen sollen eine Umsetzung speziell an Hochschulen für Soziale Arbeit ermöglichen.

Die Autorinnen/ der Hintergrund

Christine Gruber und Elfriede Fröschl lehren an der Bundesakademie für Sozialarbeit in Wien. Sie koordinieren die Arbeiten des Autorinnen-Teams, das aus Lehrenden an vier europäischen Hochschulen besteht..

Im Rahmen eines SOKRATES-ERASMUS-Projektes fanden sich Lehrende zusammen aus

  • der Bundesakademie für Sozialarbeit, Ausbildung für Berufstätige in Wien (A),
  • der Fachhochschule Frankfurt am Main (D),
  • der Hogeschool de Horst in Driebergen (NL) und
  • der Universität Örebro (SE).

Während der Jahre 1997-2000 erarbeiteten Lehrende dieser Hochschulen ein Europäisches Modul "Gender Aspekte in der Sozialen Arbeit", dessen Grundgedanken im vorliegenden Sammelband zusammengefasst sind.

Der Inhalt

In ihrem Einleitungsbeitrag betonen Gruber und Fröschl, wie wichtig es ist, dass Soziale Arbeit neben der individuellen Lage und dem individuellen Entwicklungspotential von Menschen auch die unterschiedlichen Machtverhältnisse sieht und analysiert, denen Menschen ausgesetzt sind. Dazu gehören neben den ökonomischen Machtverhältnissen Gender - das soziale Geschlecht - als wichtiger Macht- und Ohnmachts-Faktor.

Das Arbeitsbuch soll - so die Herausgeberinnen - dazu erste Impulse als Lehr- und Arbeitsbuch liefern.

Hier eine Übersicht: über die einzelnen Aufsätze:

Margrit Brückner, Professorin an der Fachhochschule Frankfurt, ist für ihre frauenspezifischen Veröffentlichungen bekannt.

Sie liefert den Grundlagenartikel "Gender als Strukturkategorie und ihre Bedeutung für die Sozialarbeit", in dem die Bedeutung der Kategorie Geschlecht für die soziale Organisation des Zusammenlebens, der Arbeitsteilung und der kulturellen Ordnung aus sozialwissenschaftlicher Perspektive umrissen wird.

Ebenfalls von ihr stammt der Artikel "Liebe und Sexualität", der später im Sammelband folgt, in dem die Autorin "geschlechtsdemokratische" Beziehungen zwischen Frauen und Männern fordert.

Ihr Beitrag "Fürsorge und Pflege (Care) im Geschlechterverhältnis" stellt care aus sozialpolitischer, handlungstheoretischer und schliesslich feministisch-sozialpolitik-analytischer Perspektive dar.

Die beiden letzteren kurzen, aber prägnanten Beiträge weisen didaktische Anregungen für die Hochschul-Lehre auf.

Birgit Rommelspacher lehrt als Professorin an der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin.

Ihr Artikel "Globalisierung und Geschlechterverhältnis" könnte ein kommender "Klassiker" in der Ausbildung von SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen werden. Auf 17 Seiten legt sie ihre Thesen zu Geschlechterverhältnis und Globalisierung dar und sorgt mit ihrer Auseinandersetzung mit dem Feindbild "Islam" als Schnittstelle zwischen beiden Themen für Diskussionsstoff, der didaktisch gut genutzt werden kann. Zahlreiche Literaturhinweise ergänzen den prägnanten Artikel.

Ebenfalls von Birgit Rommelspacher stammt der Beitrag "Multikulturalismus und Sozialarbeit", der aus meiner Sicht mit seiner deutlichen Schwerpunktsetzung und mangelnder Einarbeitung Gender-spezifischer Aspekte den Rahmen dieses Sammelbandes eher verlässt.

Obertha Holwerda (Hogeschool in Driebergen mit dem Spezialgebiet "Gender and Diversity in Social Work") stellt in ihrem Artikel mit dem Titel "Multiculture and Gender" dagegen die Beziehung zwischen den beiden Bereichen her.

Ulrike Zartler lehrt an der Bundesakademie in Wien Familien- und Kindheitssoziologie. Ihr Artikel "Armutsrisiken und Armutsbekämpfung" setzt sich mit speziellen Formen von Frauen- und Männer-Armut auseinander und skizziert Konzepte der Armutsbekämpfung.

Sibylla Flügge lehrt an der Fachhochschule Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt "Recht der Frau", Gabriele Vana-Kowarzik ist Rechtsanwältin in Wien und hat einen Lehrauftrag an der Bundesakademie. Beide geben in ihrem Beitrag "Gender-Aspekte des Rechts" einen Überblick über feministische Rechtswissenschaft und die internationale Rechtslage bei besonders relevanten Themen wie

  • Schutz vor Gewalt im sozialen Nahbereich
  • Schutz vor sexueller Gewalt
  • Prostitution und Menschenhandel
  • Recht auf sexuelle Selbstbestimmung
  • Recht auf Gleichbehandlung in Arbeitsrecht und Sozialversicherung.

Die einzelnen Themenblöcke enthalten didaktische Anregungen zur Umsetzung in der Hochschullehre.

Ebenfalls von Sibylla Flügge stammt der Beitrag "Frauen und Gesundheit", der neben einem historischen Überblick die Frauen-Gesundheitsbewegung vorstellt, grundlegende Problemstellungen umreisst und Wege zur Gesundheitsförderung von Frauen aufzeigt. Auch hier ergänzen didaktische Anregungen den Grundlagentext.

Christine Gruber, eine der beiden Herausgeberinnen, die als Soziologin an der Bundesakademie in Wien lehrt, untersucht in ihrem Beitrag "Familie und Familienpolitik. Aspekte einer an Egalität orientierten Familienpolitik" die unterschiedliche Position von Männern und Frauen bei der Vereinbarung von Berufstätigkeit und Familienarbeit sowie familienphasen-unterstützende Regelungen im europäischen Vergleich. Auch hier erleichtern didaktische Anregungen die Umsetzung in die Hochschullehre.

Obertha Holwerda (s.auch oben) lehrt an der Hogeschool in Driebergen mit dem Spezialgebiet "Gender and Diversity in Social Work". Ihr Artikel "Love and Sex - Homosexuality" mit männlichen und weiblichen Codes und ihrer Entsprechung im sozialen Umgang mit Homosexualität. Didaktische Anregungen ergänzen diesen englisch-sprachigen Artikel.

Irmgard Vogt, Professorin an der Fachhochschule Frankfurt mit den Schwerpunkten Drogen, Gesundheit und Geschlechterdynamik, stellt in ihrem Beitrag "Substanzabhängigkeit " die unterschiedliche Behandlung und Interpretation von drogenabhängigen Männern und Frauen vor. Der kurze Artikel gibt zusätzlich originelle didaktische Anregungen.

Rosa Logar, Leiterin der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, stellt in ihrem Beitrag "Gewalt an Frauen in Familien" Hilfseinrichtungen, Projekte und internationale Präventions- sowie Hilfsansätze für Frauen vor, aber auch Ansätze der strafrechtlichen und sozialarbeiterischen Auseinandersetzung mit Tätern. Didaktische Hinweise ergänzen den Beitrag.

Elfriede Fröschl, eine der beiden Herausgeberinnen, lehrt an der österreichischen Bundesakademie u.a. mit dem Schwerpunkt "Gewalt gegen Frauen".

Ihr Beitrag "Sexuelle Gewalt an Kindern" definiert sexuelle Gewalt und skizziert grundlegende Merkmale des sexuellen Missbrauchs. Interessant ist auch ihr Vergleich von sexuellem Missbrauch und Misshandlung.

Ebenfalls von Christine Fröschl stammt der Beitrag "Frauenhandel", der Informationen zum derzeitigen internationalen Diskussionsstand gibt und strukturelle Ursachen sowie sozialarbeiterische Projekte für betroffene Frauen aufzeigt.

Besonders interessant ist Fröschls umfangreicher Beitrag "Beruf Sozialarbeit", der sich mit gender-spezifischen Aspekten des professionellen Helfens in Geschichte und heutiger Ausformung von Sozialarbeit auseinandersetzt und viele Anregungen und Diskussionsstoff gerade für die Ausbildung von Sozialarbeiterinnen enthält.

Didaktische Anregungen in allen drei Artikeln geben Anregungen für die Umsetzung in die Hochschullehre.

Die letzten beiden Beiträge stammen von schwedischen Kolleginnen, dabei auch der einzige Mann im Autorinnen-Team:

Christian Kullberg lehrt als Assistenzprofessor in Ötebro, Schweden und referiert in seinem Beitrag "Gender and social work. Research on gender differences in the treatment of clients in welfare institutions" Forschungsergebnisse, die zeigen, wie unterschiedlichen Frauen und Männer als Klienten und Klientinnen sozialer Arbeit behandelt werden.

Elionor Brunnberg beschäftigt sich als postgraduierte Studentin in Schweden mit der international vergleichenden Erforschung von Sozialarbeit mit Kindern. In ihrem Beitrag "Are boys and girls treated in the same way by the social services?" referiert sie die Ergebnisse einer schwedischen Untersuchung, die signifikant unterschiedliche Behandlung von Jungen und Mädchen durch unterstützende Soziale Dienste aufzeigt.

Zielgruppen

Dieser Sammelband ist auch meiner Sicht vor allem interessant als Lehr- und Lernmaterial für Lehrende an Hochschulen für Soziale Arbeit. Die prägnante Form der Artikel, die Literaturhinweise (Stand etwa 1999) und die didaktischen Anregungen bieten eine gute Basis für die Hochschul-Lehre. Auch in Lehrbuchsammlungen sollten mehrere Exemplare des Buches vorhanden sein, wo die einzelnen Beiträge von StudentInnen zur Einführung und fürs Selbststudium genutzt werden können.

Fazit

Es gibt wenig hochschuldidaktische Literatur speziell für das Studium der Sozialen Arbeit. Auch das Thema Gender fliesst erst neu in die unterschiedlichen Aspekte Sozialer Arbeit ein. Hier finden Lehrende komprimiert und fachkundig Lehr- und Lernmaterialien zum Thema. Vielen Dank an die Kolleginnen!


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 30.06.2002 zu: Christine Gruber, Elfriede Fröschl (Hrsg.): Gender-Aspekte in der Sozialen Arbeit. Czernin Verlag (Wien) 2001. ISBN 978-3-7076-0107-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/194.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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