socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sandra Hinz, Angela Keller u.a.: Migration und Gesundheit

Cover Sandra Hinz, Angela Keller, Christina Reith: Migration und Gesundheit. Prämierte Beiträge des BKK-Innovationspreises Gesundheit 2003. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2004. 123 Seiten. ISBN 978-3-935964-26-5. 17,90 EUR.

BKK-Landesverband Hessen (Hrsg.).
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


In der Fremde versorgt sein und alt werden?

Wem in unserer Gesellschaft ist schon bewusst, dass unter uns rund 7.348.000 Menschen anderer kultureller und nationaler Herkunft leben? Wie sind sie in das Gesundheitssystem integriert? Sie zahlen nach den gleichen Bedingungen in das Sozialsystem ein wie deutsche Versicherte. Aber es gibt erhebliche sprachliche, soziale, religiöse und kulturell bedingte Probleme, die zu Defiziten, zu Behandlungsirrwegen und zu teueren, medizinisch unnötigen Doppelleistungen, aber auch zur gesundheitlichen Unterversorgung bei den Betroffenen führen. Im Vergleich zur deutschen Bevölkerung ist der Anteil der unter sechsjährigen Kinder in beiden Gruppen gleich groß (5,61 / 5,48%), während es proportional mehr ältere Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 15 Jahren bei den MigrantInnen gibt als bei der deutschen Bevölkerung (11,8 / 9,28%). In der Gruppe der über 65-jährigen jedoch gibt es anteilsmäßig erheblich weniger MigrantInnen als Einheimische (5,7 / 18,65%). Dieser Trend wird sich jedoch in den nächsten Jahren eher den Zahlen der deutschen älteren Menschen angleichen, weil künftig die Menschen ausländischer Herkunft auch im Alter in Deutschland bleiben werden.

Diese Problematik kommt erst in den letzten Jahren stärker in das Bewusstsein der im Gesundheitswesen Tätigen, für die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung Zuständigen und in die Bereiche der Migrationsforschung. Ethno-medizinische Zentren, wie z.B. in Hannover, tragen erheblich dazu bei, Erfahrungen auf dem Gebiet zu machen und zur Verbesserung der unbefriedigenden Situation beizutragen. In der umfangreichen Arbeit der Schweizer Psychiaterin und Psychoanalytikerin Regula Weiss "Macht Migration krank? Eine transdisziplinäre Analyse der Gesundheit von Migrantinnen und Migranten (Seismo-Verlag, Zürich 2003, vgl. dazu die Rezension in Socialnet.de) wird nachgewiesen, dass es erhebliche Stressoren gibt, die die Lebensbedingungen der Menschen mit Migrationshintergrund beeinträchtigen und die von der theoretischen Reflexion über die Migrationsthematik und der gesellschaftlichen Praxis bisher nur unzureichend wahr genommen werden.

Es ist deshalb verdienstvoll, dass das Autorenteam des hier rezensierten Buchs die Konzepte und Erfahrungen eines Nürnberger Modellprojekts, einer Bielfelder Studie und einer Duisburger Untersuchung darstellen.

Inhalt

Christina Reith nimmt in ihrem Bericht über das an der Nürnberger Frauenklinik 1998 durchgeführte Modellprojekt mit der Zielsetzung, schwangeren Migrantinnen durch spezielle Angebote in ihrer Muttersprache die Inanspruchnahme von präventiven Maßnahmen zu erleichtern, die 1986 in der Ottawa-Charta zur (globalen) Gesundheitsförderung formulierten Empfehlungen, "die gesundheitlichen Unterschiede innerhalb der Gesellschaft und zwischen ihnen abzubauen und den von den Regeln und Traditionen geschaffenen gesundheitlichen Ungleichheiten entgegenzuwirken", zum Anlass, die Nürnberger Erfahrungen exemplarisch darzustellen. Die Ergebnisse sind eindrucksvoll. Sie zeigen, dass z. B. die Einstellung multinationalen medizinischen Fachpersonals nicht nur viele Probleme und Defizite in der medizinischen Versorgung von MigrantInnen behebt, sondern dass dadurch auch kulturelle und sprachliche Verständigungsprobleme abgebaut und nicht zuletzt, Kosten eingespart werden können.

Die Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Bielefeld, Angela Keller, zeigt in ihrem Vergleich die gesundheitliche und Versorgungssituation von Deutschen und Migranten auf und weist auf die vielfältigen Einflussfaktoren auf die Gesundheit von MigrantInnen hin. In der Fallstudie wird anlässlich der schulärztlichen Untersuchungen bei Schulanfängern der Gesundheitszustand der Begleitpersonen ermittelt. Die Ergebnisse, die sich bei der Studie in der Region Ostwestfalen-Lippe und der Stadt Bielefeld ergeben und als exemplarisch für gesellschaftliche Situation in Deutschland angesehen werden können, machen deutlich, dass bei der gesundheitlichen und sozialen Versorgung der in Deutschland lebenden Menschen ethnische Faktoren stärker als bisher beachtet werden müssen: "Das Wissen um die ethnischen und kulturellen Unterschiede bei der Gesundheit, der Inanspruchnahme der Versorgung und Vorsorge zwischen Deutschen und Migranten, aber auch unter den Migrantengruppen selber, ist bei der Weiterentwicklung von Versorgungskonzepten in einem auf Deutsche ausgerichteten Gesundheitssystem unerlässlich".

Die als Übungsleiterin bei der AWO Mülheim tätige Sozialpädagogin Sandra Hinz, die bereits für ihre Diplomarbeit "Alt werden in der Fremde" eine Auszeichnung beim BKK-Innovationspreis 2003 erhielt, setzt sich in ihrem Beitrag mit der in unserer Gesellschaft lange vernachlässigten, ja ignorierten Frage auseinander, wie Menschen anderskultureller Herkunft in einer multikulturellen Gesellschaft altern. Erst die Diskussion um den Alterungsprozess der deutschen Bevölkerung hat auch die über die Lebenssituation und Problemlagen älterer ausländischer Wohnbevölkerung in Deutschland belebt: Nicht nur Deutsche werden älter und bedürfen besonderer Versorgungsangebote, wie z. B. Unterbringung in Altenheimen, sondern auch MigrantInnen. Weil der überwiegende Teil der heute älteren MigrantInnen ("Gastarbeiter"), zumindest in ihrer Anfangszeit in Deutschland, als an- und ungelernte Arbeitskräfte im Produktionsbereich tätig waren, erhalten sie eine niedrige Altersrente, oder, wie viele Migrantinnen, gar keine. Viele Untersuchungen zeigen zudem, dass MigrantInnen ein hohes Erkrankungsrisiko im Alter aufweisen. Gleichzeitig wird jedoch auch deutlich, dass das "soziale Netz", z. B. in der Familie und im Nachbarschaftsbereich, bei älteren MigrantInnen vielfach andere Voraussetzungen und Bedingungen schafft, im Alter zufrieden alt zu werden, als bei vielen in der deutschen Bevölkerung. Dieser Situation Rechnung zu tragen und ebenso vorhandene Defizite bei den sozialen Kontakten von älteren MigrantInnen mit der Mehrheitsbevölkerung auszugleichen. Die aufgezeigten Erfahrungen im (bisher einzigen?) multikulturellen Seniorenzentrum des DRK, "Haus am Sandberg" in Duisburg-Homberg-Hochheide, zeigen, dass situationsspezifische und ethnisch-individuell orientierte Konzepte die Probleme beim Älterwerden von MigrantInnen verringern und so ein besseres Zusammenleben der Menschen in einer multikulturellen Gesellschaft ermöglichen können.

Fazit

Die im Buch "Migration und Gesundheit" vorgestellten Arbeiten werden als prämiierte Beiträge im Rahmen des BKK-Innovationspreises Gesundheit 2003, herausgegeben. Die Betriebskrankenkasse (BKK) tritt mit einer Buchreihe mit dem Label "Neu denken" unter der Federführung des BKK-Landesverbandes Hessen an die Öffentlichkeit; eine verdienstvolle und nachahmenswerte Initiative.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1448 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.08.2004 zu: Sandra Hinz, Angela Keller, Christina Reith: Migration und Gesundheit. Prämierte Beiträge des BKK-Innovationspreises Gesundheit 2003. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2004. ISBN 978-3-935964-26-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1940.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung