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Uwe Böning: Coaching jenseits von Tools und Techniken

Cover Uwe Böning: Coaching jenseits von Tools und Techniken. Philosophie und Psychologie des Coaching aus systemischer Sicht. Springer (Berlin) 2015. 126 Seiten. ISBN 978-3-662-47142-5. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 42,50 sFr.
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Thema

Drei Gegensätze kennzeichnen, so Böning, das Feld des Coachings.

  1. Zum einen der Gegensatz zwischen Praxis und Wissenschaft, wobei mit „Praxis“ eher die unreflektierte, oberflächlich begründete, im besten Falle „intuitive“ Praxis gemeint ist, und auf der anderen Seite eine empirische forschende Wissenschaft, die „bewährte“ Praktiken in Frage stellt.
  2. Zum zweiten der Gegensatz zwischen denen, die mit beschriebenen, veröffentlichten „Tools“ arbeiten und die eigene Interventionsunsicherheit damit zu überwinden glauben, und denen, die verantwortet und reflektiert ihre Coachingprozesse so organisieren, dass sie der individuellen Fragestellung und der jeweiligen Situation möglichst gut entsprechen.
  3. Und schließlich drittens der Gegensatz zwischen seriös ausgebildeten Theoretikern und Praktikern des Coachings und den selbsternannten und „eigenqualifizierten“ Coachinganbietern, die das Bild der Scharlatanerie immer wieder anreichern. (So strahlte erst kürzlich der renommierte Sender 3Sat eine Sendung über die Coachingszene aus, die mit einem „Business-Schamanen“ begannt, der mit einer Trommel um das Feuer sprang und „Sorgen verbrannte“ und mit einem Interview mit Uwe Böning endete – anders herum wäre es mit lieber gewesen: zuerst das Seriöse und dann die Auswüchse!)

Innerhalb dieser Gegensätze muss sich ein professionelles Coaching verorten, und zwar nicht in der Mitte! Das Buch von Böning ist ein wichtiger Beitrag zu einer solchen Verortung.

Autor

Uwe Böning ist einer der Coachingpioniere in Deutschland. Er ist Psychologe, hat seit 1979 als Führungskräftetrainer gearbeitet und bereits vor 30 Jahren die jetzige „Böning-Consult GmbH“ gegründet. Er ist Mitbegründer des DBVC und der „Ekeberger Coaching-Tage“, arbeitet mit Lehraufträgen an einer Reihe von Hochschulen. Sein Arbeitsgebiet als Businesscoach sind Topmanager in DAX-Konzernen und Spitzenfirmen.

Aufbau und Inhalt

Bereits in der Einleitung beschreibt Böning Coaching als eine Kunstform. Das lässt aufhorchen, weil im Feld eher die Metapher von „Handwerk“ präsent ist. Das Handwerk lebt von Tools (= Werkzeugen!) und Techniken. Coaching braucht mehr. Es geht Böning eben um „Coaching jenseits von Tools und Techniken“, und das bedeutet nicht, dass Tools und Techniken nicht wertvoll wären, aber sie sind, so Böning selbstverständlich. Die Säge ist selbstverständlich für den Tischler, aber sie sorgt noch nicht per se für kunstvolles Tischlern. Es geht um mehr: um Haltung – das wohl vor allem. Um Emotion und Intention. Um Bedeutungsgebungen. Um Verstehen. Um nichts weniger als „das Sein des Anderen“. (S. 2) Die Parallelität von Kunst und Coaching beschreibt Böning dann vor allem im dritten Kapitel des Buches. Die Einleitung liefert noch einen Überblick über die wichtigsten Coachingdefinitionen.

Das zweite Kapitel ist überschrieben mit „Annäherungen“, es bietet eine Beschreibung des eigenen Weges des Autors zum Coaching, der eigenen Schwerpunktbildung, den wesentlichen „Ingredienzen für ein schmackhaftes Coachingmenü“ (vgl. S. 18). Das Kapitel schließt mit einem Überblick über die Inhalte der einzelnen Kapitel.

Das dritte Kapitel nimmt den Faden „Kunst und Coaching“ wieder auf. Elf Parallelen führt Böning, dem Kunsttheoretiker Wolfgang Ullrich folgend, auf: Sowohl Kunst als auch Coaching sind vieldeutig und (bedeutungs-)offen, arbeiten mit Perspektivwechseln und dem Überraschenden. Kunst und Coaching haben Aspekte von „Erhabenheit“ (S. 25): zunächst ist es vielleicht eine einfache Problemlösung, dann aber auch ein gelungenes kommunikatives Ereignis und schließlich sogar etwas wie Selbstentwicklung, Selbstfindung, möglicherweise sogar Selbstneuerfindung. Kunst und Coaching arbeiten immer wieder auch mit Provokation, leben von Assoziationen und lösen solche aus, haben polemische Kraft, zeigen vielfältige Arbeitsformen und bieten Anlässe für vielerlei Interpretationen. Sowohl Kunst als auch Coaching kommen nicht ohne Kommunikation aus, vielmehr ist es deren zentrales Medium, beide sind gekennzeichet durch die Vielfältigkeit ihrer Tools und Techniken, erheben den Anspruch des Besonderen – und bleiben in der Vieldeutigkeit, die aber eben dadurch neue Deutungshorizonte eröffnet.

Das vierte Kapitel heißt „Philosophische Splitter: Schauen und Beschreiben als eiserne Disziplin“. Im Zentrum stehen die Arbeiten von Edmund Husserl und weiterführend die philosophischen Grundlagen des systemischen Denkens, wie sie bei Bateson, von Glasersfeld, von Foerster und anderen formuliert worden sind. Die Quellenwanderung folgt dann den Existentialisten, kommt zu Buber und Jaspers und greift schließlich noch einmal zurück auf den sokratischen Dialog, der nach bestimmten Dialogregeln abläuft.

Kapitel 5 ist überschrieben mit: „Humanismus: Das Menschliche im technisierten Westen“. Trotz seines Ursprungs im Bereich der Wirtschaft und des Sports, wo es um Potentialerkennung und Leistungsoptimierung geht, hat Coaching einen zutiefst humanistischen Impetus. Der Begriff „Humanismus“ wird von Böning im Folgenden im Kontext europäischer Geistesgeschichte entfaltet, beginnend in der Antike und bis in die Zeit führend, die man heute als „Postmoderne“ tituliert. Ein resümierender Satz lautet: „Coaching ist ein – vielleicht das - Instrument der Komplexitätsbewältigung unter den Bedingungen der Postmoderne.“ (S. 63)

Das sechste Kapitel kann insofern als das zentrale Kapitel des Buches gelten, als hier das entscheidende systematisierende Paradigma eingeführt wird, nämlich der Milieuansatz: „Milieu: Prägender Gegensatz zum Individuum“. Der Ansatz geht auf Pierre Bourdieu zurück, der gesellschaftliche Milieus anhand ihres „Kapitals“ gegeneinander abgrenzt, wobei er mit einem weiten, nicht auf ökonomische Verhältnisse begrenzten Kapitalbegriff arbeitet, der auch das kulturelle, soziale und symbolische Kapital umfasst. Milieu wird zu einer der Grundkategorien, nach denen Individuen die erlebte Welt konstruieren – und auf die sich ein wirksames Coaching sinnvollerweise bezieht.

Das siebte Kapitel reflektiert unter der Überschrift „Von Seelenführern, Weisheitslehrern und modernen Coaches: die verschiedenen Rollen der Berater“ die unterschiedlichen Rollen(anteile) von Coaches. Interessanterweise taucht in diesem Zusammenhang auch der Schamane wieder auf (s.o. „Thema“), und zwar im Zusammenhang einer „Besichtigung“ klassischer „Berater“rollen wie Seelenführer, Weisheitslehrer, Guru etc. Zwei Sätze markieren m.E. das Wichtigste: „Professionelles Coaching ist nicht ‚Religion oder Weisheitslehre light‘… Coaching bedient sich primär der Methoden der modernen Psychologie und ist innerweltlich ausgerichtet.“ Und: „Der Coach … sucht im Coaching nicht die Wahrheit, sondern nach Wirkung.“ (S. 94)

Das achte Kapitel heißt: „Zwischenmenschliche Kommunikation: Sie ist nicht alles. Aber ohne sie ist alles nichts.“ Die Komplexität, die in der zwischenmenschlichen Kommunikation mittlerweile vorherrscht, entspricht der gesteigerten Komplexität der Welt. Coaching ist ein dialogisches Unternehmen und insofern beiden Komplexitäten durchgängig ausgesetzt, weil es mittels einer Sprachform, die der Komplexität der Welt einerseits entspricht und sie andererseits so weit reduziert, dass Selektionen weniger riskant werden. Dabei spielen Modelle eine große Rolle, Landkarten des Verständnisses. Hier kommen Klassiker wie das Johari-Fenster ebenso vor wie das 4-Ohren-Modell von Schulz von Thun. Auch dieses Kapitel bietet dem Autor wieder eine Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass Coaching nicht aus Tools und Techniken besteht, sondern aus (auch kommunikativen) Haltungen wie Aufmerksamkeit, Präsenz, Phantasie, Humor etc.

Eine weitere Grundhaltung im Coaching benennt das neunte Kapitel: Empathie: Erleben und Verstehen der anderen. Böning referiert die Ergebnisse der Neurowissenschaft, speziell die Ergebnisse der Forschung zu Thema Spiegelneuronen. Vermutlich besteht ein enger Zusammenhang zwischen Empathie und Sprache, was ein für Coaching nicht unwesentliches Ergebnis ist. Allerdings reicht die sprachliche Ebene bei weitem nicht aus: die empathische Spiegelung ist eine „ganzheitliche innere Simulation“ (S. 125) eines wahrgenommenen Vorgangs. Böning reflektiert in diesem Kapitel unter anderem auch die Grenzen der Empathie, die Rolle der Sprache, den Zusammenhang von Empathie und Führung.

Ein wesentliches „Kapital“ (nicht nur) des Coachings bedenkt Böning im zehnten Kapitel: „Vertrauen: Basis eines gelungenen menschlichen Umgangs.“ Coaching, so Böning, sei eine „zentrale Kategorie im Coaching“. Aber mehr noch, sie ist „eine existentielle Basiskategorie“. (S 138) Die Unterabschnitte des Kapitels heißen: „Vertrauen in der Arbeitswelt“, „Vertrauen in Unternehmen und Organisationen“, „Vertrauen in der Beratung/im Coaching“.

Das elfte Kapitel thematisiert das „Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl und die kleine Schwester Selbstwirksamkeitserwartung“. „Was auch immer in einem Coaching angestrebt wird: Die Stärkung des Selbstwertgefühls gehört auf jeden Fall zu den übergeordneten Zielen eines Coaching-Prozesses.“ (S. 153) Und auch hier sind wieder die wichtigsten Ressourcen des Coaches nicht in seinen Tools und Techniken zu finden, sondern in seiner Person selbst und in der Beziehungsgestaltung zu seinem Klienten. Für das dynamisch sich entwickelnde Selbstwertgefühl hat der Autor ein umfangreiches Modell entwickelt, das er ausführlich erläutert.

Das zwölfte Kapitel heißt „Schlussbetrachtungen“ und fasst die vorangegangenen Kapitel zusammen. Es folgt „Anstelle eines Nachwortes“. Möglicherweise ist es Teil eines Resümees, wenn Böning schreibt: „Auf der gesellschaftlichen Betrachtungsebene kann festgestellt werden, dass sich der moderne Mensch (im Westen?) mittels Coach und Coaching jenen interaktiven Austausch verschafft, den er zur differenzierten Standortbestimmung, zur vertieften Identitätsbildung, zur effektivieren Problemlösung von fachlichen wie sozialkommunikativen Herausforderungen heute mehr braucht denn je.“ (S. 175) Ein Stichwortverzeichnis beschließt den Band, die Literaturhinweise werden jeweils am Ende der einzelnen Kapitel aufgeführt.

Diskussion

Wenn jemand sich ernsthaft mit Coaching in dem Sinne auseinandersetzt, dass er versuchen möchte, das Ganze zu verstehen und nicht nur disparate Tools und Techniken, wird er (hoffentlich) schon aufgrund des Titels zu dem Buch greifen. Oder anders gesagt: „Billiger“ ist gutes, nachhaltig wirkendes Coaching nicht zu haben! Als jemand, der selbst im Coaching und in der Weiterbildung für Coaches unterwegs ist, bin ich Böning außerordentlich dankbar für diesen Band. In der Tat ist es so, dass Menschen, die sich als Coaches qualifizieren und dann nach Möglichkeit etablieren wollen, zunächst vor allem daran interessiert sind, „ihren Werkzeugkoffer zu füllen“, wie es immer wieder benannt wird. Nichts gegen Werkzeuge, aber Coaching ist mehr als ein Handwerk, darauf weist Böning deutlich hin. Das Handwerkszeug ist selbstverständlich: Welcher Bildhauer käme ohne Hammer und Stecheisen, welcher Maler ohne Spatel und Pinsel aus? Die reine Technik aber macht noch keine Kunst, die Kunst entsteht aus Phantasie, Kreativität, Haltung, Interaktion. Dass mit Böning einer der wirklich Etablierten und Erfolgreichen der Coachingzunft darauf hinweist, dass es sich bei Coaching um eine (kommunikative) Kunstform handelt, die ihre Wirksamkeit und damit ihren Wert aus der Haltung und Beziehungsgestaltung bezieht, ist außerordentlich hilfreich für die notwendigen Diskurse, die in der mglw. künftigen Profession Coaching zu führen sind. Solche Diskussionen könnten nach, sogar in jedem einzelnen Kapitel beginnen, würden aber hier zu weit führen.

Ich würde mir wünschen, dass sich in Ausbildungsinstituten und in Coachingverbänden Gruppen fänden, die in den Diskurs eintreten, die Impulse des Buches (auch kritisch!) aufnähmen, Fragestellungen vertieften und weitere Antworten versuchten. Denn warum sonst sollte jemand ein solches Buch veröffentlichen? Böning jedenfalls hat einen weiten Bogen geschlagen und dabei die beiden tragenden Pfeiler des Coachings dargestellt: die philosophischen ebenso wie die psychologischen Grundlagen. Die erfahren nicht überall in der Coachingwelt die angemessene Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

Fazit

Psychologie, Kunst, Philosophie, Humanismus, Soziologie sind wesentliche Quellen, aus denen heraus sich das bildet, was man heute unter Coaching versteht. Böning stellt zentrale Themen der verschiedenen Disziplinen zusammen, wertet ihren Ertrag für ein professionelles Coaching aus und verliert dabei nie die Praxisrelevanz aus den Augen. Als Zielgruppe des Buches werden angegeben: Coaches und Coaching-Ausbilder, Berater, Führungskräfte und Personalmanager. Sie alle (und vermutlich noch einige andere) werden es mit großem Gewinn lesen!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 14.12.2015 zu: Uwe Böning: Coaching jenseits von Tools und Techniken. Philosophie und Psychologie des Coaching aus systemischer Sicht. Springer (Berlin) 2015. ISBN 978-3-662-47142-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19404.php, Datum des Zugriffs 19.07.2019.


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