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Corinna Schmohl: Onkologische Palliativpatienten im Krankenhaus

Cover Corinna Schmohl: Onkologische Palliativpatienten im Krankenhaus. Seelsorgliche und psychotherapeutische Begleitung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2014. 350 Seiten. ISBN 978-3-17-026376-5. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR, CH: 65,90 sFr.
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Thema

„Jährlich sterben in Deutschland ca. 850.000 Menschen. Krebs ist mit ca. 215.000 Sterbefällen die zweithäufigste Todesursache. Die meisten Patienten (ca. 70%) verbringen ihre letzten Wochen und Tage in stationären Einrichtungen. Die Frage nach Sinn, Wert und Bedeutung des eigenen Lebens und Handelns beschäftigt nicht nur die Betroffenen oft in großer Intensität, sondern vielfach auch Mitarbeitende in den helfenden Professionen, Ehrenamtliche, Angehörige und Nahestehende der Patienten. Das Leiden unter Gefühlen der Sinnlosigkeit, des spirituellen Schmerzes und ungelöster religiöser Fragen bleibt in der Praxis trotz des palliativmedizinischen „total-pain“-Konzepts häufig weitgehend unbeachtet. Sinnzentrierte Seelsorge im Anschluss an die Logotherapie Viktor Frankls würdigt die Individualität des Einzelnen und bietet wichtige Impulse für interdisziplinäre Zusammenarbeit und seelische Gesundheit“ (Klappentext).

Autorin

„Dr. theol. Corinna Schmohl, Evangelische Pfarrerin, Logotherapeutin, Fachkraft Palliative Care/Seelsorge, arbeitet seit 2005 mit onkologischen Palliativpatienten und ist seit 2013 am Klinikum Stuttgart tätig. Forschungs- und Interessensgebiete sind das Grenzgebiet zwischen Seelsorge und Psychotherapie sowie Gesundheit und Spiritualität“ (Klappentext).

Aufbau

Der Haupttext gliedert sich in insgesamt zehn Kapitel, die sowohl seelsorgliche und psychotherapeutische Aspekte der Palliativsituation als auch die Perspektive betroffener Patienten beinhalten.

Inhalt

Das einführende Kapitel „Psycho(onko)logie und Klinikseelsorge“ befasst sich zunächst mit verschiedenen Ansätzen psychoonkologischer Forschung. Skizziert werden hier Meaning-based Coping, Acceptance and Commitment Therapy, Dignity Therapy, Therapeutisch-spirituelle Begleitung, Meaning-Centered-Psychotherapy und das Projekt SMiLE-Lebenssinn. Abschließend folgt eine Bilanzierung über Gemeinsamkeiten zwischen Psychoonkologie und Seelsorge.

Das darauf folgende Kapitel „Klinikseelsorge aus Sicht des Gesundheitssystems“ fokussiert vier Schwerpunkte. Zunächst wird die Seelsorge in der Palliativsituation beleuchtet. Anschließend werden Hospizarbeit, Palliativmedizin und Palliativ Care voneinander abgegrenzt und vertiefend dargestellt. Darauffolgend wird der Bereich der Spiritual Care sowohl historisch als auch medizinisch, religiös und psychotherapeutisch thematisiert. Abschließend erfolgt eine Bilanzierung zu Konzepten von Religion und Spiritualität in der Medizin und Psychotherapie.

Das dritte Kapitel thematisiert die „Klinikseelsorge aus kirchlicher und theologischer Sicht – Seelsorge als kirchlicher Dienst im Krankenhaus“. Dabei verankert die Autorin sowohl rollengebundenes Verhalten in der Seelsorge als auch die Bedeutung der Konfession, die Seelsorge an Personen anderer Religionen, den Bedarf an islamischer Seelsorge, ein Fallbeispiel, Kritik am Konzept der Spiritual Care und eine Bilanzierung hinsichtlich ihrer Folgerungen für den Status der Klinikseelsorge.

Das vierte Kapitel befasst sich sehr anschaulich mit der „Situation onkologischer Patienten im Krankenhaus“ Dabei liegt der Fokus der Autorin zunächst auf der Binnenlogik des Systems Krankenhaus. Vertieft wird dieser Bereich anhand eines historischen Rückblicks vom Hospital zum Krankenhaus. Anschließend erfolgt ein Bild des Krankenhauses heute aus Sicht medizinischer Laien und Patienten. In diesem Zusammenhang geht die Autorin auch auf die Kommunikation zwischen Arzt und Patient ein und untermauert dies anhand von Aufklärungsgesprächen, Therapieentscheidungen und der Frage nach Patientenunmündigkeit und Patientenautonomie. Weiterhin liegt der Fokus auf einer Bilanz zur Problematik der Divergenz der Therapieziele zwischen Behandlern, Patienten und Angehörigen. An diesem Punkt stellt die Autorin anschaulich die unterschiedlichen Ziele dar und leitet daraus Folgerungen für die Arbeit der Klinikseelsorge ab.

Im fünften Kapitel „Aufklärung und Behandlung sterbender Patienten“ beleuchtet die Autorin diesen Themenbereich nicht nur medizinisch und juristisch, sondern setzt sich auch intensiv mit dem Prozess des Sterbens auseinander.

Kapitel sechs steht unter der Überschrift „…und vor allem Gesundheit?“ und geht nicht nur der Frage nach, was Gesundheit sein kann, sondern zeigt ganz speziell am Beispiel der Krebserkrankung welche objektiven und subjektiven Kausalätiologien zur Krebsgenese bestehen und welche Auswirkungen die Frage nach dem Entstehen einer Krebserkrankung auf die Situation und das Erleben der Patienten haben kann.

Im siebten Kapitel geht die Autorin der Frage nach „Was ist Logotherapie?“, wobei sie einerseits die Logotherapie als angewandte Anthropologie beschreibt und andererseits mit religiösen Aspekten verknüpft. Das Kapitel endet mit einer Bilanzierung zur Frage nach der Bedeutung der Logotherapie für die Seelsorge.

Das achte Kapitel beschreibt sehr tiefgründig „Die Bedeutung der logotherapeutischen Sinnorientierung für die seelsorgliche Begleitung“. Dabei beleuchtet die Autorin Aspekte wie Angst und Grübeln als Diagnosefolgen, die Haltung der Wahrnehmung in der Logotherapie, den logotherapeutischen Umgang mit Ängsten und die Bedeutung der vertieften Auseinandersetzung mit Sinnfragen in der Palliativsituation. Im Anschluss folgen die Darstellung der Forschungsergebnisse von William Breitbart zur Umsetzung der Logotherapie im klinischen Alltag und eine Bilanzierung zur Situation der Patienten und des betreuenden Teams.

Kapitel neun widmet sich der Frage „Ist Seelsorge Sinnsorge? Beobachtungen in der Begleitung onkologischer Patienten“. Damit rundet die Autorin das Buch ab, indem sie einerseits die spirituelle und religiöse Suche nach dem Sinn thematisiert und andererseits der Frage nach dem Zusammenhang zwischen religiöser Praxis und Gesundheit nachgeht. Das Kapitel endet mit einer Bilanzierung zur Bedeutung wachstumsorientierter Seelsorge in der Palliativsituation.

Das Buch schließt mit dem zehnten Kapitel zur „Quintessenz dieser Arbeit“. Dieses Kapitel umfasst zehn kurze abschließende Kernaussagen zu den zuvor behandelten Inhalten.

Diskussion und Fazit

Bei der Lektüre des Buches bestechen zunächst die umfassende Darstellung und die Interdisziplinarität des Themas. Die Kapitel sind sinnvoll gegliedert und bauen aufeinander auf, sodass der rote Faden ausnahmslos erhalten bleibt. Besonders zu betonen ist die wiederkehrende Beleuchtung einzelner Aspekte sowohl aus medizinischer als auch religiöser Perspektive. Auch die Perspektiven der Patienten und anderen beteiligten Personengruppen in diesem sensiblen Themenfeld erhalten nicht nur angemessenen Raum, sondern werden in empathischer und respektvoller Weise in die Kapitel integriert.

Das Buch kann sowohl für Mediziner als auch Seelsorger, Pflegekräfte und sicher auch für Sozialarbeiter in beratender Funktion hilfreich sein. Denn es bietet sowohl theoretisch fundiertes Fachwissen als auch Methodenkonzepte, Forschungsansätze und Anregungen zum interdisziplinären Perspektivwechsel. Es schafft Verständnis für die Sicht anderer Berufsgruppen und verdeutlicht die Komplexität und Vielschichtigkeit dieses Themenfeldes, an dem die unterschiedlichsten Akteure zusammen wirken müssen. Besonders dieser Aspekt des Buches kann ein praktisches Hilfsmittel für die Tätigkeit genannter Berufsgruppen darstellen und die mit ihr häufig verbundenen belastenden Situationen im Berufsalltag positiv beeinflussen.

Dieses Buch kann sowohl zur Aneignung theoretischer Kenntnisse als auch zur Aneignung oder Vertiefung fachlicher Kompetenzen genutzt werden. Besonders angenehm ist dabei die leicht verständliche Schreibweise der Autorin.

Das Buch richtet sich an Praktiker aus Medizin, Pflege, Theologie und an in der Seelsorge tätigen oder interessierten Personen. Es eignet sich jedoch auch hervorragend als Literatur für wissenschaftliche Arbeiten und als Denkanstoß und Horizonterweiterung im Rahmen der täglichen Praxis.


Rezensentin
Helen Schneider
M.A.
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Zitiervorschlag
Helen Schneider. Rezension vom 10.02.2016 zu: Corinna Schmohl: Onkologische Palliativpatienten im Krankenhaus. Seelsorgliche und psychotherapeutische Begleitung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-17-026376-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19409.php, Datum des Zugriffs 22.07.2017.


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