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Julia Tamm: Ambulant Betreutes Wohnen [...] ( Psychiatrie­­erfahrene)

Cover Julia Tamm: Ambulant Betreutes Wohnen aus der Perspektive Psychiatrieerfahrener. universi – Universitätsverlag Siegen (Siegen) 2015. 133 Seiten. ISBN 978-3-936533-59-0. D: 7,50 EUR, A: 7,50 EUR, CH: 11,50 sFr.

Abschlussbericht eines Kooperationsprojektes der Universität Siegen, der Arbeitsgemeinschaft Gemeindepsychiatrie Rheinland e.V. (AGpR e.V.), dem Landschaftsverband Rheinland.
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Thema

Julia Tamm untersucht die Erfahrungen psychiatrieerfahrener Menschen mit Betreutem Wohnen. Sie legt dazu ausschließlich die Adressatinnenperspektive zugrunde und leitet daraus Empfehlungen ab, die als Reflexionsgrundlage für die Weiterentwicklung des Angebots dienen sollen. Das Buch umfasst 131 Seiten.

Autorin

Julia Tamm ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Fakultät II des Departements Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Universität Siegen mit eigener praktischer Erfahrung im Betreuten Wohnen. Das Projekt entstand unter der Mitwirkung studentischer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um den Abschlussbericht eines Kooperationsprojekts der Universität Siegen, der AG Gemeindepsychiatrie Rheinland e.V.(AGPR), dem Landschaftsverband Rheinland und der Eckhartd Busch Stiftung. Die AGPR versteht sich als spitzenverbandsübergreifende Interessensvertretung gemeindepsychiatrischer Leistungserbringer im Rheinland und bildet den Landesverband des Dachverbands Gemeindepsychiatrie e.V. Sie organisiert gemeinsame Fortbildungen, entwickelt fachliche und politische Positionen und versteht sich als der zentrale Fachverband im rheinländischen Teil von NRW.

Der Forschungsaufbau war so organisiert, dass über offene Interviews die Befragten ermutigt wurden, ihre Erfahrungen mit dem Betreuten Wohnen im Kontext ihrer Lebens- und Erkrankungsgeschichte zu berichten. In einem zweiten Teil der Interviews wurden gezielte Nachfragen zu wesentlichen Leitthemen gestellt. Die Auswertung erfolgte mit der Grounded Theory. Insofern ergaben sich die Auswertungskategorien im Laufe des Projekts und standen nicht von vornherein fest.

Am Forschungsprojekt waren sieben Organisationen beteiligt, die Betreutes Wohnen anbieten und die sich hinsichtlich ihrer Infrastruktur voneinander unterscheiden. Insgesamt wurden 20 Nutzerinnen und Nutzer interviewt, die sich auf eine Information über das Projekt hin selbst gemeldet haben. Auch für die Stichprobe wird angegeben, dass auf „möglichst große Variation“, also unterschiedliches Alter, unterschiedliche Dauer der Erfahrung mit „BeWo“, unterschiedliche Wohn- und Lebensformen und Betreuungsintensitäten geachtet wurde. Das Verhältnis der Geschlechter war weitgehend ausgewogen.

In Auswertungsworkshops wurden Zwischenergebnisse mit Fachkräften aus dem Betreuten Wohnen der Dienste erörtert. Ferner gab es einen Projektbeirat, über den wir allerdings nichts erfahren.

Aufbau

Das Buch berichtet auf sehr knappen vier Seiten im Eingangskapitel die oben wiedergegebene Projektstruktur und den Projektablauf. Es gliedert sich dann in 10 weitere Kapitel, die thematisch geordnet sind und spezifische Bereiche der Alltagserfahrung mit Betreutem Wohnen betreffen. Jedes Kapitel ist wieder in sich in verschiedene Teilaspekte untergliedert und endet mit konkreten Empfehlungen, die sich an die Anbieter und die Mitarbeitenden im Betreuten Wohnen richten.

Grundsätzlich lässt Julia Tamm nur die NutzerInnen zu Worte kommen. Es werden zum jeweiligen Thema die Auffassungen der Interviewten beschrieben und mit wörtlichen Zitaten untersetzt. Es kommen immer verschiedene Personen zu Wort; daraus ergibt sich für das jeweilige Thema eine überwiegende Auffassung, nur gelegentlich werden auch Unterschiede der Erfahrungen deutlich.

Inhalt

Nach dem einführenden Kapitel zur Projektbeschreibung folgen die Kapitel zu den einzelnen Themen:

  • Erstkontakt
  • Hilfeplan und Hilfeplankonferenz
  • Die Beziehung zwischen KlientIn und BetreuerIn
  • Unvergessene Momente mit bitterem Beigeschmack
  • Kaffeetrinken
  • Der Betreuungswechsel
  • Erlebte Selbstständigkeit
  • Das Notfalltelefon
  • Anderssein
  • Verbesserungsvorschläge

In diesen groben Kategorien werden die Erfahrungen der Befragten wiedergegeben. Sie enthalten Unterkapitel, die jeweils spezifische Aspekte berücksichtigen. So wird beispielsweise im Kapitel „Betreuungswechsel“ danach unterschieden, von wem die Initiative zum Wechsel der Betreuungsperson ausgeht. Vergleichbar ist diese Differenzierung auch in den anderen Kapiteln zu finden, die um breite Themen kreisen, etwa im Kapitel zu der Beziehung zwischen KlientIn und BetreuerIn. In den etwas spezifischeren Kapiteln, z.B. „Notfalltelefon“ wird das knapper gehalten.

Die Darstellung geht immer von der subjektiven Sichtweise der zitierten Person aus, fasst die Interviewaussage der betreffenden Person zum entsprechenden Thema zusammen, gibt einen Teil in wörtlichem Zitat wieder und fasst diese Aussage wieder zusammen. Mit reflektierenden Überlegungen werden die verschiedenen Aspekte ausgeleuchtet und dann durch entsprechende Interviewaussagen untersetzt.

Das Buch bildet den gesamten Rahmen des Betreuten Wohnens ab und lässt kein wesentliches Thema grundsätzlicher Art aus.

Diskussion

Die eindeutige Struktur der Wiedergabe von Erfahrungen und Gesprächen gibt einen bisher einzigartigen Einblick in die Erfahrungswelt von Nutzerinnen und Nutzern des Betreuten Wohnens. Mit Ausnahme der Arbeit von Jessica Reichstein „Ambulant Betreutes Wohnen – und was erleben die Klienten?“ die als Master-Thesis nicht breit veröffentlich ist, liegt eine vergleichbare Studie bisher nicht vor. Die klare Orientierung in der Wiedergabe der Sichtweise der Nutzerinnen und Nutzer und der behutsame Versuch, durch Interpretationen des Gesagten mittels Vergleichs von Aussagen und wörtlichen Zitaten eine Grundstruktur im Erleben der Nutzerinnen und Nutzer zu erkennen, schaffen eine erhellende Einsicht in die subjektive Wahrnehmung der interviewten Menschen. Die Empfehlungen am Ende des jeweiligen Kapitels nehmen die zentralen Aspekte auf und sprechen die professionell Tätigen direkt an. Sie lösen den selbst formulierten Anspruch ein, Anregungen für Selbstreflexion zu geben, und sind direkt in der Arbeit in Diskussionen in den Teams zu verwenden.

Zwei Fragen bleiben ein wenig offen:

  1. Ich hätte mir mehr Aufschluss über die verwendete Methode, insbesondere über die Anwendung der Grounded Theory in diesem Forschungsprojekt gewünscht. Die Methodik der Auswertung wird nicht wirklich klar und setzt damit beim Leser Vertrauen in die Forschergruppe und die Auswertungsworkshops voraus. Allerdings muss dieser Verzicht auf die umfassende Diskussion der Methode nicht als Mangel gesehen werden, sondern ist vermutlich dem Umstand geschuldet, dass hier ein Arbeitsergebnis mit Blick auf die Reflexion in der Praxis vorgelegt wird und sich das Buch daher an die Praktiker und nicht an Forscher wendet.
  2. Zum zweiten bleibt gelegentlich unklar, wie viele Interviewte sich zum jeweiligen Gegenstand geäußert haben. In jedem Kapitel kommen einige Personen zu Wort, es bleibt aber offen, ob die anderen sich dazu nicht oder anders geäußert haben. Sind die zitierten Personen repräsentativ für die Gesamtgruppe oder haben die anderen nur nichts dazu gesagt? Diese kleine Unsicherheit taucht ab und zu auf und gewinnt dann an Bedeutung, wenn es um besonders wichtige und die Nutzerinnen und Nutzer sehr persönlich berührenden Erlebnisse geht. Manchmal wird dies eindeutig klargestellt, etwa durch eine Aussage wie „Lulu steht in diesem Kapitel stellvertretend für viele mit ihrem Statement“ (S. 53-54). Solche Aussagen helfen bei der Einordnung.

Hinsichtlich der Lesbarkeit habe ich mir am Ende gewünscht, dass nicht jedes wörtliche Zitat noch einmal wiederholt und zusammengefasst wird, da es ja schon für sich stand. Möglicherweise ist dieser Umstand der Methode geschuldet, allerdings ist die Redundanz dann doch ermüdend. Man hätte unter Verzicht auf die zusammenfassende Wiederholung der zitierten Aussage noch mehr Aussagen der Nutzerinnen und Nutzer wiedergeben können.

Fazit

Die wenigen Einschränkungen schränken das zentrale Fazit nicht ein: Dieses Buch ist für jedes Team, das im Betreuten Wohnen tätig ist, eine wichtige Anregung für die tägliche Arbeit und gehört in die Handbibliothek jedes Anbieters von Betreutem Wohnen. Die Gründe dafür sind zum einen die eindeutige Wiedergabe der subjektiven Sicht der interviewten Nutzerinnen und Nutzer, zum anderen die kluge Verarbeitung in behutsame Empfehlungen für die professionell Tätigen und ihre Organisationen, die für Diskussionen sorgen können und werden.

Natürlich muss man sich darüber im Klaren sein, dass sich in diesem Projekt diejenigen äußern, die sich freiwillig und aktiv dazu gemeldet haben. Damit werden nicht alle Nutzerinnen und Nutzer von Betreutem Wohnen repräsentiert. Aber schon von diesen zwanzig Menschen können wir viel lernen.


Rezensent
Matthias Rosemann
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Zitiervorschlag
Matthias Rosemann. Rezension vom 26.10.2015 zu: Julia Tamm: Ambulant Betreutes Wohnen aus der Perspektive Psychiatrieerfahrener. universi – Universitätsverlag Siegen (Siegen) 2015. ISBN 978-3-936533-59-0. Abschlussbericht eines Kooperationsprojektes der Universität Siegen, der Arbeitsgemeinschaft Gemeindepsychiatrie Rheinland e.V. (AGpR e.V.), dem Landschaftsverband Rheinland. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19413.php, Datum des Zugriffs 21.01.2018.


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