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Tim Wersig: Für mich und für andere (freiwilliges soziales Jahr)

Cover Tim Wersig: Für mich und für andere. Das freiwillige soziale Jahr im politischen Leben aus der Perspektive der Freiwilligen. Tectum-Verlag (Marburg) 2015. 215 Seiten. ISBN 978-3-8288-3497-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Das Buch „Für mich und für andere“ geht der Frage nach, wie sich die Ableistung von einem „Freiwilligen Sozialen Jahr“ (FSJ), speziell im Bereich Politik (FSJ-P), auf die Freiwilligen auswirkt.

Autor

Nach dem Studium der Sozialen Arbeit (B.A. / M.A.) an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) ist Tim Wersig derzeit Doktorand an der Universität Kassel, wobei er sich in seinem Dissertationsprojekt mit dem Thema „Adressierungen von Jugendlichen an ihr Freiwilliges Soziales Jahr – Biographische Rekonstruktionen“ auseinandersetzt. Darüber hinaus nimmt er im Wintersemester 2015/2016 Lehraufträge an der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB) zum Thema „Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen“ und an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin (ASH) zum Thema „Praxisreflexion – Arbeitsfelder, Zielgruppen und Organisationen Sozialer Arbeit“ wahr.

Entstehungshintergrund

Innerhalb seines letzten Studien-Semesters an der KHSB übernahm der Autor die Evaluation des vom Internationalen Jugendgemeinschaftsdienst (IJGD) konzipierten FSJ-P. Daraus ging zugleich die vorliegende Publikation hervor. Ob es sich dabei um eine „Auftragsarbeit“ handelte beziehungsweise wie hierfür die Rahmenbedingungen aussahen, wird nicht gesagt.

Aufbau und Inhalt

Der schmale Band zeigt folgenden Aufbau, wobei die Hauptkapitel jeweils Unter- und Nebenkapitel untergliedert sind:

  1. Einleitung
  2. Begriffliche und thematische Annäherung, einschließlich der Darstellung des gesetzlichen Rahmens
  3. Forschungsstand
  4. Das Freiwillige Soziale Jahr im politischen Leben
  5. Empirischer Teil
  6. Ergebnisse und weiterführende Thesen der Studie
  7. Zusammenfassung und Fazit
  8. Quellen- und Literaturverzeichnis
  9. Anhang.

Nach einer kurzen Einleitung und Darlegung des gesetzlichen Rahmens verortet Tim Wersig zuerst die Freiwilligendienste in Deutschland, bevor er darauf aufbauend das Freiwillige Soziale Jahr in Zusammenhang mit der Sozialen Arbeit betrachtet. Aufgrund bestehender Evaluationsergebnisse beschreibt er sodann die Freiwilligen selbst näher, um daran anschließend das Freiwillige Soziale Jahr, hier speziell im „politischen Leben“, aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Hierzu gehören insbesondere die Darstellung vielfältiger Perspektiven auf den Begriff der (politischen) Bildung, das Phänomen der Politikverdrossenheit, Möglichkeiten der (politischen) Partizipation sowie die Beschreibung der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste als Träger des FSJ-P.

Im empirischen Teil der Arbeit geht der Autor vorerst allgemein auf die Evaluation und Evaluationsforschung in der Sozialen Arbeit ein, bevor er die Rahmenbedingungen, Planungen und Grenzen der Untersuchung aufzeigt. Sodann stellt er Ziel und Hypothesen der Untersuchung sowie das leitfadengestützte Interview als Durchführungsmethode vor und begründet es methodisch. Nach der Darstellung des Interviewleitfadens einschließlich Hinweisen zur Durchführung beschreibt Tim Wersig die Auswertungsmethode, bevor er die Ergebnisse und weiterführenden Thesen der Untersuchung zusammenfasst und mit einem Fazit beschließt.

Neben einem Quellen- und Literaturverzeichnis enthält die Darstellung einen Anhang, der das Gesetz zur Förderung von Jugendfreiwilligendiensten, eine tabellarische Übersicht über vorhandene Freiwilligendienste, eine tabellarische Übersicht von Studien über Freiwilligendienste, das Konzept des FSJ-P, die Vereinbarung über die Ableistung des Jugendfreiwilligendienstes Freiwilliges Soziales Jahr im politischen Leben (FSJ-P) sowie den Fragebogen zur Nacherhebung dokumentiert.

Diskussion

Bürgerschaftliches Engagement, Freiwilligendienste und Ehrenamt erfreuen sich in Deutschland großer Beliebtheit. Unstrittig ist dabei, dass die Freiwilligen einen wichtigen sozial- und gesellschaftspolitischen Beitrag in unserer Gesellschaft leisten beziehungsweise ihre Dienste eine wichtige Funktion für die ganze Gesellschaft haben. Zu den gesetzlich geregelten Freiwilligendiensten, in denen sich meist Jugendliche und junge Erwachsene gemeinnützig betätigen können, gehört – nunmehr bereits seit 50 Jahren – auch das Freiwillige Soziale Jahre (FSJ). Die Einsatzmöglichkeiten sind dabei vielfältig und neben dem sozial-karitativen und ökologischen Bereich auch in den Bereichen Kultur, Sport und der Denkmalpflege möglich.

Die Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (IJGD), die neben anderen Wohlfahrtsverbänden einer seiner anerkannten Träger sind, konzipierten bereits vor einigen Jahren als eine neue Unterform des FSJ das Freiwillige Soziale Jahr im politischen Leben (FSJ-P) mit der Intention, der angeblich „weiterhin anhaltenden Politikverdrossenheit“ entgegenzuwirken. Im Allgemeinen zielt das FSJ-P dabei auf Partizipation, die Engagement-Bereitschaft sowie die Stärkung politischer Interessen von Jugendlichen beziehungsweise jungen Erwachsenen. Diesen soll die Möglichkeit gegeben werden, die Demokratie besser zu verstehen und in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft selbst aktiver zu werden. Neben der Förderung von Selbständigkeit, Eigeninitiative und Verantwortungsbereitschaft, der Erwerb von Gestaltungs- und Schlüsselkompetenzen, das Gewähren einer Orientierungsphase für die weitere Lebensführung, das Lernen durch praktische Tätigkeit, die berufliche Orientierung und der Erwerb von Fachkompetenzen sowie die Förderung der Bildungs- und Beschäftigungsfähigkeit, die auch das FSJ anstrebt, wird dabei insbesondere die Förderung von Politikverständnis sowie die Gewinnung von Einsichten in politische und demokratische Prozesse und Strukturen verfolgt.

In seinem Buch „Für mich und für andere“ geht Tim Wersig der Frage nach, wie sich die Ableistung von einem „Freiwilligen Sozialen Jahr“, speziell im Bereich Politik, auf die Freiwilligen (aus ihrer Perspektive) auswirkt. Wie erleben sie diesen Dienst? Verändert er ihr Politikverständnis? Fördert er ihr bürgerschaftliches Engagement und vermittelt er ihnen weiterführende Kompetenzen?

Zur Beantwortung dieser und weiterer Fragen führte der Autor 16 leitfadengestützte Interviews unter Freiwilligen des FSJ-P der Jahre 2011/2012 durch, die jeweils zwischen 60 und 90 Minuten dauerten. Die interviewten Personen waren zum Zeitpunkt des Interviews durchschnittlich 19 Jahre alt, stammten (soweit dies überprüfbar war) aus dem gut-situierten Mittelstand und ihr letzter Schulabschluss war ausnahmslos die Allgemeine Hochschulreife (Abitur).

Zu Recht weist Tim Wersig darauf hin, dass von seiner Untersuchung aufgrund der Interview-Anzahl keine repräsentativen beziehungsweise belastbaren Ergebnisse erwartet werden können. Ebenso wenig würden diese keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Vielmehr biete die „Studie einen ersten Einblick“ (S. 86).

Gleichwohl besteht für den Autor aufgrund seiner Untersuchungsergebnisse kein Zweifel daran, dass die Freiwilligen überwiegend gestärkt aus ihrem Freiwilligendienst hervorgehen, und das auf unterschiedlichste Art und Weise sowie mit den unterschiedlichsten Mitteln: „So fördert das FSJ-P die Selbständigkeit, Eigeninitiative und das Verantwortungsbewusstsein der Freiwilligen, schafft Möglichkeiten der persönlichen Orientierung und trägt dazu bei, dass sich die Freiwilligen ihrer beruflichen Zukunft / Orientierung bewusster werden“ (S. 114). Auch zeigten die Angaben, welche über die persönliche und berufliche Orientierung hinausgehen, dass das FSJ-P auch Aspekte bereithält, welche einer fachlichen Orientierung entsprechen. Weiterhin würde der Freiwilligendienst auch dazu genutzt, sich im politischen System beziehungsweise in den vorhandenen politischen Strukturen zu orientieren.

Innerhalb einer Retrospektive – bei einer Nacherhebung (September 2013) gut ein Jahr nach den Interviews (Februar 2012) – hätten die Freiwilligen „sowohl positive als auch negative Aspekte“ (S. 117) im Hinblick auf ihr FSJ-P benannt. Dieses sei einerseits „als Horizont erweiternd, spannend und inspirierend“ erlebt beziehungsweise dazu genutzt worden, erste Einblicke in das Arbeitsleben zu erhalten, neue freundschaftliche Bekanntschaften (inklusiv des Aufbaus eines persönlichen Netzwerkes) zu schließen sowie erste Erfahrungen in der eigenen und selbstständigen Lebensgestaltung zu sammeln. Demgegenüber habe eine negativ orientierte Rückschau gezeigt, dass die Freiwilligen innerhalb ihrer arbeitsbezogenen Tätigkeiten vor allem zu Beginn ihres FSJ-Ps „einiges an Verantwortung übernommen haben und demgegenüber bei einigen Freiwilligen eine fehlende Unterstützung bestand“ (S. 117). Auch die Bewältigung einer vollen Arbeitswoche, die dafür zu geringe Entlohnung sowie die generellen finanziellen Belastungen (Miete, Lebenshaltungskosten) seien als Herausforderungen benannt worden.

Die Betrachtung der Untersuchungsergebnisse ist insofern überraschend, als spezifische Merkmale im FSJ-P scheinbar nur marginal ausgeprägt sind. Die Erkenntnisse aus der Befragung decken sich jedenfalls nahezu ausnahmslos – so die These des Rezensenten aufgrund seiner mehrjährigen beruflichen Erfahrung mit Freiwilligendienstleistenden – mit den Schilderungen derjenigen, die ihren Freiwilligendienst in anderen Sparten ableisten.

Bleibt die Frage nach der Notwendigkeit, die „Studie“ – auf deren Grundproblem, die geringe Zahl der Befragten, Tim Wersig selbst hinweist – in Buchform zu publizieren. Sicherlich bietet diese Form hinreichend Platz zur Darlegung des methodischen Vorgehens und macht sich gut im Hinblick auf eine wissenschaftliche Kariere. Zur Darlegung der Untersuchungsergebnisse hätte aber ein Fachzeitschriftenbeitrag völlig gereicht. Gleichwohl wird das Buch seinen Platz auf dem akademischen Recycelhof finden, da das Thema Freiwilligendienste und deren Evaluierung derzeit hoch im Kurs stehen.

Fazit

Das Buch „Für mich und für andere“ gewährt erste Einblicke auf die Auswirkungen, welche die Ableistung von einem Freiwilligen Sozialen Jahr im politischen Leben (FSJ-P) mit sich bringen.


Rezension von
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 21.01.2016 zu: Tim Wersig: Für mich und für andere. Das freiwillige soziale Jahr im politischen Leben aus der Perspektive der Freiwilligen. Tectum-Verlag (Marburg) 2015. ISBN 978-3-8288-3497-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19418.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


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