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Miriam Schäfer, Michael Kriegel u.a. (Hrsg.): Neue Wege zur akademischen Qualifizierung im Sozial- und Gesundheitssystem

Cover Miriam Schäfer, Michael Kriegel, Tim Hagemann (Hrsg.): Neue Wege zur akademischen Qualifizierung im Sozial- und Gesundheitssystem. Berufsbegleitend studieren an offenen Hochschulen. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. 268 Seiten. ISBN 978-3-8309-3246-8. D: 37,90 EUR, A: 39,00 EUR, CH: 50,90 sFr.
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Thema

Das Buch „Neue Wege zur akademischen Qualifizierung im Sozial- und Gesundheitssystem – Berufsbegleitend studieren an Offenen Hochschulen“ befasst sich am Beispiel des Projektes „Berufsintegrierte Studiengänge zur Weiterqualifizierung im Sozial- und Gesundheitswesen (BEST WSG)“ mit verschiedenen Möglichkeiten für eine bedarfsgerechte Studiengangsentwicklung, um den Zugang zur akademischen Bildung für beruflich Qualifizierte zu optimieren und eine Theorie-Praxis-Verbindung im Studium zu fördern. Im Einklang mit der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Initiative „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ wurden an der Fachhochschule der Diakonie unterschiedliche Studienkonzepte und -modelle zur Integration von Berufstätigkeit, Familie und Studium entwickelt. Im Rahmen von 17 Beiträgen von am Projekt „BEST WSG“ beteiligten AutorInnnen werden unter anderem der Stand der Akademisierungsdebatte, innovative Studiengangsmodelle und -konzepte wie auch Ansätze für neue Lernorte, Perspektiven zur Anerkennung außerhochschulischer Leistungen, lebenslanges Lernen sowie die Relevanz einer Kompetenzorientierung im Studium und für den Beruf behandelt.

HerausgeberInnen

  • Miriam Schäfer ist Diplompädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Berufsintegrierte Studiengänge zur Weiterqualifizierung im Sozial- und Gesundheitswesen (BEST WSG)“.
  • Michael Kriegel ist Diplomsozialarbeiter (FH), Master of Arts (M.A.) im Sozialmanagement und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld sowie als Projektleitung des Forschungs- und Entwicklungsprojekts „BEST WSG“ tätig.
  • Prof. Dr. Tim Hagemann ist Diplompsychologe, Forschungsbeauftragter und seit 2006 Lehrstuhlinhaber für Arbeits-, Organisations- und Gesundheitspsychologie an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld und wissenschaftlicher Leiter des Forschungs- und Entwicklungsprojekts „BEST WSG“.

AutorInnen

Das Buch enthält Beiträge von den folgenden AutorInnen: Frauke Brauns, M.A., Dr. Eberhard Funk, Prof. Dr. Tim Hagemann, Bernd Heide von Scheven, Dr. Annett Herrmann, Martin Kattmann, Michael Kriegel, Katharina Loerbroks, Johanna Lojewski, Prof. Dr. Michael Löhr, Prof. Dr. Jörg Martens, Dr. Rüdiger Noelle, Prof. (em.) Dr. Martin Sauer, Miriam Schäfer, Prof. Dr. Michael Schulz, Viola Strittmatter und Sebastian Wieschowski.

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf den Ergebnissen und praktischen Erfahrungen aus dem Projekt „Berufsintegrierte Studiengänge zur Weiterqualifizierung im Sozial- und Gesundheitswesen (BEST WSG)“. Das Projekt wurde im Rahmen der vom BMBF geförderten Initiative „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ an der Fachhochschule der Diakonie durchgeführt. Ziel des Projekts war es, das Konzept der „offenen Hochschulen“ weiterzuentwickeln und zu stärken. Die Hintergründe der hochschulübergreifenden Initiative des BMBF können auf folgender Internetpräsenz nachvollzogen werden: https://de.offene-hochschulen.de/

Aufbau

Das Buch gliedert sich in die folgenden vier Kapitel, die insgesamt 17 Beiträge verschiedener AutorInnen zum jeweiligen thematischen Schwerpunkt des Kapitels beinhalten:

Vorwort (S. 7-9)

I Kompetenzorientierung im EU-Kontext

  • Europäischer und Deutscher Qualifikationsrahmen – Steilvorlage für den Wettbewerb – „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“? (Eberhard Funk, S. 13-32)
  • Kompetente Subjekte – Reflexionen zur Beschäftigungsfähigkeit im Sozial- und Gesundheitswesen (Annett Herrmann, S. 33-55)

II Zum Verhältnis von akademischer und beruflicher Bildung

  • Neue Bildungswege und neue Bildungsorte – Herausforderungen für die Personalentwicklung (Martin Sauer & Jörg Martens, S. 59-67)
  • Pflege studieren? Die Diskussion um die Akademisierung der Pflege in Deutschland (Viola Strittmatter, unter Mitarbeit von Martin Sauer, S. 69-80)
  • Zum Interesse an Weiterbildungen mit akademischem Abschluss – Eine nachfrageorientierte Befragung unter ehemaligen Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Weiterbildungsseminaren in der Freien Wohlfahrtspflege (Johanna Lojewski & Viola Strittmatter, S. 81-101)
  • Studienerfolg von Studierenden ohne Abitur an der Fachhochschule der Diakonie (Miriam Schäfer & Tim Hagemann, S. 103-110)
  • Kooperationen für ein lebenslanges Lernen – das Modell der Kooperativen Curriculumsentwicklung (Miriam Schäfer, Michael Kriegel & Tim Hagemann, S. 111-123)

III Methoden und Verfahren in der Studiengangsentwicklung

  • Gestalten, entwerfen, konstruieren – Innovative Studienmodelle für eine Offene Hochschule (Michael Kriegel, S. 127-139)
  • Service Design: ein Ansatz zur Gestaltung individualisierter Bildungsformate an Offenen Hochschulen – Die Offene Hochschule im Kontext der Dienstleistungsgesellschaft (Jörg Martens, S. 141-153)
  • Studieneinstieg erleichtern – Empfehlungen für Hochschulen mit berufsbegleitenden Studierenden (Martin Kattmann, Miriam Schäfer & Viola Strittmatter, S. 155-170)
  • Chancen der curricularen Verankerung eines Kompetenzportfolios im Studium (Miriam Schäfer, S. 171-182)
  • Lehre im virtuellen Hörsaal – Webinare als Baustein eines Blended-Learning-Konzepts zwischen Hochschule, Weiterbildung und Berufspraxis (Sebastian Wieschowski, S. 183-195)

IV Berufsintegrierte Studienangebote zur Weiterqualifizierung im Sozial- und Gesundheitswesen

  • Lernen an verschiedenen Orten – Der Master-Studiengang Personalmanagement im Sozial- und Gesundheitswesen (Martin Sauer & Katharina Loerbroks, S. 199-209)
  • Quereinstieg erwünscht! Der berufsbegleitende Bachelorstudiengang Soziale Arbeit (Miriam Schäfer & Michael Kriegel, S. 211-221)
  • Kumulativer Bachelor Pflege – Wissenschaftliche Qualifizierung für pflegerische ExpertInnen am Patienten (Sebastian Wieschowski & Michael Kriegel, S. 223-232)
  • Zur Entwicklung eines Masterprogramms Community Mental Health - Berufsgruppenübergreifendes transformatives Lernen in der Psychiatrie (Michael Schulz, Michael Löhr & Rüdiger Noelle, S. 233-248)
  • Studienschwerpunkt für Leitungen von Kindertageseinrichtungen (Bernd Heide-von Scheven & Frauke Brauns, S. 249-264)

Autorinnen und Autoren (S. 265-268)

Zum Einstieg in den bildungspolitischen Hintergrund des Projektes „BEST WSG“ geben die HerausgeberInnen im Vorwort einen Einblick in die Problemstellung, Zielsetzung und in den aktuellen Entwicklungsstand zur europaweit anvisierten „Öffnung der Hochschulen“.

Zu I Kompetenzorientierung im EU-Kontext

Im ersten Beitrag des ersten Kapitels befasst sich Eberhard Funk mit dem Deutschen Qualifikationsrahmen (DRQ), indem er diesen in den Kontext europäischer Rahmenbedingungen einordnet. Hierzu erläutert Funk im Anschluss an eine Einführung zum Nutzen der Förderung von informellen Kompetenzen und der Relevanz des lebenslangen Lernens im Hochschulbereich, die Kernelemente des DRQ. Anschließend zeigt Funk verschiedene Schwachstellen des Konzepts aus wissenschaftlicher Perspektive auf, die sich beispielsweise im Anerkennungsverfahren feststellen lassen. Abschließend erörtert Funk mögliche Lösungswege zur Validierung des DRQ.

Daran anknüpfend behandelt Annett Herrmann im zweiten Beitrag des ersten Kapitels den aktuellen Kompetenzdiskurs an Hochschulen. Dabei legt Herrmann besonderes Augenmerk ihres Beitrags auf den in der Studiengangsentwicklung in Europa diskutierten Begriff „Employability“, dessen Transfer vom Berufsleben auf akademische Bildungsprozesse sie reflektiert. Den „Verwertungsprinzipien des lebenslangen Lernens“ (ebd., S. 47) stellt Herrmann das Konzept der „Work-Learn-Life-Balance“ gegenüber und diskutiert dessen Implikationen für eine angestrebte Öffnung von Hochschulen.

Zu II Zum Verhältnis von akademischer und beruflicher Bildung

Auf Grundlage der im ersten Kapitel erläuterten hochschulpolitischen Rahmenbedingungen widmet sich das zweite Kapitel vor allem der Vereinbarkeit bzw. sinnvollen Verknüpfung von Berufsausbildung und akademischen Bildung im Gesundheits- und Sozialwesen.

Im ersten Beitrag des zweiten Kapitels erörtern Martin Sauer und Jörg Martens daher die zentrale Bedeutung der „Organisation und Sicherstellung einer guten und vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Personalmanagement und Führungskräften“ (ebd., S. 66), die im kooperativen Studiengang „Personalmanagement“ durch eine systematische Integration der Lernorte Betrieb und Hochschule besser als in konventionellen Studiengangsmodellen erzielt werden soll.

Im zweiten Beitrag des Kapitels beschreibt Viola Strittmatter (unter Mitarbeit von Martin Sauer) die aktuelle Diskussion um die Akademisierung der Pflege in Deutschland, die seit dem Bestreben um eine europaweite Harmonisierung von Studiengängen, also im Kontext des Bologna-Prozesses, zunehmende Bedeutung an Hochschulen erlangt hat. Dabei skizziert Strittmatter das Spannungsfeld zwischen der Forderung nach Evidenzbasierung in der Praxis einerseits und den Maßstäben an Wissenschaftlichkeit im Hochschulbetrieb andererseits. Abschließend kommt Strittmatter zum Fazit, dass die Akademisierung in der Pflege nur dann umfänglich vertretbar sein sollte, wenn sie die Versorgungssituation für die Bevölkerung verbessern helfen kann.

Im dritten Beitrag des zweiten Kapitels stellen Johanna Lojewski und Viola Strittmatter die Ergebnisse einer Befragung zum Interesse an Weiterbildungen mit akademischem Abschluss unter ehemaligen Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Weiterbildungsseminaren in der Freien Wohlfahrtspflege vor. Bei der Diskussion der Ergebnisse betonen Lojewski und Strittmatter unter anderem, dass ein Interesse nicht mit einer tatsächlichen Handlungsumsetzung, also einer Immatrikulation, gleichzusetzen ist. Aus den Befunden leiten Lojewski und Strittmatter verschiedene Handlungsempfehlungen für die Entwicklung und Verbesserung von „nachfrageorientierten Studienangeboten“ (ebd., S. 99) ab.

Im vierten Beitrag des zweiten Kapitels befassen sich Miriam Schäfer und Tim Hagemann mit den Ergebnissen einer Erhebung zum Studienerfolg von Studierenden ohne Abitur an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld. Hierzu vergleichen Schäfer und Hagemann Variablen, über die der Studienerfolg operationalisiert wurde, zwischen Studierenden mit Abitur und Studierende ohne Abitur beim Studienbeginn. Festzuhalten bleibt auf Basis der Befunde, dass die Hochschulzugangsberechtigung für den Studienerfolg weniger relevant zu sein scheint als andere Faktoren.

Im fünften Beitrag des zweiten Kapitels stellen Miriam Schäfer, Michael Kriegel und Tim Hagemann das „Modell der Kooperativen Curriculumsentwicklung“ vor. Das beschriebene Modell zielt vor allem auf „eine enge Theorie-Praxis-Verbindung“ (ebd., S. 121) ab und berücksichtigt dabei die Voraussetzungen für ein lebenslanges Lernen. Hierzu sollen Kooperationen zwischen Bildungseinrichtungen sowie der Hochschule und dem Arbeitsmarkt genutzt werden, um Curricula zu entwerfen, die den zukünftigen Anforderungen im Gesundheits- und Sozialwesen gerecht werden und die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung erhöhen können.

Zu III Methoden und Verfahren in der Studiengangsentwicklung

Mit den verschiedenen Methoden und Verfahren zur Entwicklung voninnovativen Studienmodellen, die zum Ziel der Öffnung von Hochschulen maßgeblich beitragen können, befasst sich Michael Kriegel im ersten Beitrag des dritten Kapitels. Als Beispiele für ein solches Vorgehen werden unter anderem das „Campuslife-Modell“ (ebd., S. 127 ff.) und das „L-Modell“ (lebenslanges Lernen an der Hochschule; ebd., S. 137 ff.) vorgestellt und diskutiert.

Im zweiten Beitrag des dritten Kapitels stelltJörg Martens mit dem „Service Design“ einen methodischen Ansatz vor, mit dem individualisierte respektive nutzerorientierte Bildungsformate an „Offenen Hochschulen“ gestaltet werden können. Die damit verbundenen Möglichkeiten erläutert Martens im Kontext der Anforderungen einer „Dienstleistungsgesellschaft“ (ebd., S. 145).

Im dritten Beitrag des dritten Kapitels stellen Martin Kattmann, Miriam Schäfer und Viola Strittmatter Wege zur Erleichterung des Studieneinstiegs für beruflich Qualifizierte vor. Hierfür haben die Autorinnen eine Online-Umfrage durchgeführt, mit der sie die Akzeptanz von Studienorientierungs- und -einführungsmaßnahmen zwischen berufsbegleitend Studierenden und Vollzeit-Studierenden verglichen. Basierend auf den Erfahrungen des „BEST WSG“- Projektes, leiten Kattmann et al. detaillierte Handlungsempfehlungen für Hochschulen ab, die ihre Studiengänge entsprechend den Bedürfnissen von berufsbegleitend Studierenden weiterentwickeln möchten.

Im vierten Beitrag des dritten Kapitels erörtert Miriam Schäfer die Chancen der curricularen Verankerung eines Kompetenzportfolios im berufsbegleitenden Studium und im Kontext des lebenslangen Lernens. Durch eine gezielte Dokumentation und Reflexion von Kompetenzen in unterschiedlichen Studienphasen können auch informell erworbene Kompetenzen im Rahmen der akademischen Qualifizierung im Gesundheits- und Sozialwesen berücksichtigt und ausgebaut werden.

Im fünften Beitrag des dritten Kapitels stellt Sebastian Wieschowski das Konzept der „Lehre im virtuellen Hörsaal“ für berufsbegleitend Studierende vor, bei dem E-Learning und Präsenzlehre an verschiedenen Lernorten, so auch im Betrieb, miteinander kombiniert werden können. Hierbei zeigt Wieschowski auf, wie Webinare, die eine webbasierte Form von Seminaren darstellen, als ein wesentlicher Baustein eines Blended-Learning-Konzepts zwischen Hochschule, Weiterbildung und Berufspraxis fungieren können. Neben den möglichen Chancen zeigt Wieschowski ebenso mögliche Hürden von Webinaren auf. Hinweise zur Optimierung von Webinaren wurden zunächst über eine Akzeptanzstudie bei Hochschullehrenden ermittelt. Eine Erprobung von Webinaren in berufsbegleitenden Studiengängen erfolgte im Rahmen eines Pilot-Moduls (vgl. ebd., S. 191 ff.).

Zu IV Berufsintegrierte Studienangebote zur Weiterqualifizierung im Sozial- und Gesundheitswesen

Das vierte Kapitel legt den Schwerpunkt auf die Schilderung von fachspezifischen Erfahrungen mit der konkreten Umsetzung von Studiengangsmodellen an der Fachhochschule der Diakonie.

So befassen sich Martin Sauer und Katharina Loerbroks im ersten Beitrag des vierten Kapitels mit der Frage, wie bzw. unter welchen Rahmenbedingungen das Lernen an verschiedenen Orten bestmöglich gelingen kann. Welche Optionen zur Verfügung stehen können, erläutern sie am Beispiel des Master-Studiengangs „Personalmanagement im Sozial- und Gesundheitswesen“. Hierzu stellen Sauer und Loerbroks die Hintergründe zur Entwicklung des Studienprogramms vor und berichten über die ersten Erfahrungen (ebd., S. 206 f.) sowie über ein laufendes „Pilot-Programm“ (vgl. ebd., S. 206 ff.)

Im zweiten Beitrag des vierten Kapitels erläutern Miriam Schäfer und Michael Kriegel, warum im berufsbegleitenden Bachelorstudiengang „Soziale Arbeit“ der Quereinstieg ausdrücklich erwünscht ist bzw. welche Vorteile mit einem Quereinstieg in diesem Berufsfeld verbunden sind. Exemplarisch wird zunächst der Weg eines Profifußballspielers in den sozialen Bereich geschildert. Nachfolgend werden konkrete Bestandteile des Studiengangs „Soziale Arbeit“ im Zusammenhang mit einer Doppelqualifikation und dem Quereinstieg dargelegt.

Im dritten Beitrag des vierten Kapitels stellen Sebastian Wieschowski und Michael Kriegel heraus, welcher Nutzen für die Patientenversorgung über eine berufsbegleitende, akademische Qualifizierung für Pflegekräfte mit dem Studiengang „Kumulativer Bachelor Pflege“ erreicht werden kann. Trotz der Skepsis zum Nutzen einer Akademisierung unter Praktikern und der engen Dienstpläne in der Pflege, kann eine „wissenschaftliche Qualifizierung für pflegerische ExpertInnen am Patienten“ (ebd., S. 223) gelingen, wenn BerufsprakterInnen in die Studiengangsentwicklung involviert werden, wie es im „BEST WSG“-Projekt der Fall war. Darüber hinaus werden z.B. die Einführung eines „Associate Degree“ in Deutschland (ebd., S. 230 f.) und sich wandelnde Anforderungen auf Seiten der PatientInnnen, insbesondere in Bezug auf die steigende Prävalenz chronischer Erkrankungen, auf die Studierende im „Kumulativen Bachelor Pflege“ vorbereitet sollen, diskutiert.

Im vierten Beitrag des vierten Kapitels befassen sich Michael Schulz, Michael Löhr und Rüdiger Noelle mit der Entwicklung des Masterprogramms „Community Mental Health“. Mit diesem Masterprogramm soll ein interdisziplinäres, transformatives, das heißt ein aufgeklärtes und veränderungswilliges Lernen in der Psychiatrie (vgl. ebd., S. 241) ermöglicht werden. Beim Masterprogramm, das auf dem „Bachelor Psychiatrische Pflege“ aufbaut, stehen „innovative Psychiatrieansätze und die Machbarkeit eines gemeindenahen und professionsübergreifenden Studienangebots“ (ebd. S. 233) im Fokus. Als zentrale Achsen des Masterprogramms haben Schulz et al. (S. 241 ff.) „Recoveryorientierung und Evidenzbasierung“ vorgeschlagen. So sollen Studierende befähigt werden, evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen und eine ressourcenorientierte Sichtweise auf PatientInnen einzunehmen. Der implizierte Paradigmenwechsel für „medizinnahe Berufsgruppen wie die Pflege“ (ebd.) sollte jedoch einer Rekonzeptionalisierung vorausgehen.

Im fünften Beitrag des vierten Kapitels stellenBernd Heide-von Scheven und Frauke Brauns einen Studienschwerpunkt für Leitungen von Kindertageseinrichtungen vor. In dem Zusammenhang befassen sich Bernd Heide-von Scheven und Frauke Brauns unter anderem damit, welche zielgruppenspezifischen Anerkennungsverfahren zum Einsatz kommen sollten, um Barrieren beim Zugang an die Hochschule abbauen zu können. Die Ergebnisse entstammen aus dem im Februar 2012 an der Fachhochschule der Diakonie initiierten, auf drei Jahre befristeten Projekt „Mit Praxis ins Studium – Zielgruppenorientierte Anerkennungsmöglichkeiten und Studienschwerpunkt für Leitungen von Kindertageseinrichtungen“ (vgl. ebd., S. 249). Neben der „Bedeutung eines Studiums für die Personalentwicklung“ (ebd., S. 253), werden unter anderem Aspekte wie die „Motivation der Zielgruppe“ behandelt, bevor auf Erfahrungen mit dem Studium eingegangen wird.

Diskussion

Das Buch „Neue Wege zur akademischen Qualifizierung im Sozial- und Gesundheitssystem – Berufsbegleitend studieren an Offenen Hochschulen“ vermittelt einen Überblick in aktuelle Entwicklungen zur Akademisierungsdebatte am Beispiel der Ergebnisse aus dem „BEST WSG“-Projekt an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld. Hierzu werden verschiedene Möglichkeiten zur Öffnung von Hochschulen für berufsbegleitend Studierende und für lebenslanges Lernen vorgestellt und diskutiert.

Zunächst werden im ersten Kapitel („Kompetenzorientierung im EU-Kontext“) die maßgeblichen europäischen und deutschen bildungspolitischen Rahmenbedingungen vorgestellt, die zum einen als Grundlage einer nachfrage- und bedarfsgerechten Studiengangsentwicklung dienen und den Einstieg in die gegenwärtige Akademisierungsdebatte erleichtern.

Darauf aufbauend befassen sich die Beiträge im zweiten Kapitel („Zum Verhältnis von akademischer und beruflicher Bildung“) mit empirischen Ergebnissen und Erfahrungswerten aus dem Projekt „BEST WSG“, die Aufschluss darüber geben, wie ein angemessenes Verhältnis von Theorie und Praxis im berufsbegleitenden Studium gewährleistet werden kann und welche Hemmnisse einer nachhaltigen Umsetzung entgegenstehen können.

Weitere Anregungen zur konkreten Umsetzung von berufsbegleitenden Studiengängen werden im dritten Kapitel („Methoden und Verfahren in der Studiengangsentwicklung“) anhand von diversen Beispielen, wie z.B. das Einführen von Webinaren im Rahmen eines Blended-Learning-Konzepts, skizziert.

Abschließend werden im vierten Kapitel („Berufsintegrierte Studienangebote zur Weiterqualifizierung im Sozial- und Gesundheitswesen“) mithilfe der Beschreibung von unterschiedlichen Studiengangsmodellen für verschiedene Zielgruppen von beruflich qualifizierten Studierenden ein Einblick in die praktische Gesamtumsetzung von verschiedenen, innovativen Studiengangskonzepten geliefert.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich diverse, im Buch abgeleitete Implikationen für die Studiengangsentwicklung auch auf Kontexte jenseits der Fachhochschule für Diakonie übertragen lassen, auch wenn die Beiträge hauptsächlich auf den Befunden aus dem „BEST WSG“-Projekt basieren. Insbesondere bietet das Buch fachübergreifende Anknüpfungspunkte für Innovationen an Fachhochschulen, die die Akademisierungsdebatte am stärksten betrifft. Aber auch an Universitäten gewinnen die behandelten Aspekte rund um eine „Öffnung der Hochschulen“ spätestens seit dem Bologna-Prozess zunehmend an Bedeutung. So zum Beispiel stellen Fragen zur Anerkennung von Kompetenzen hochschul- und fachübergreifende Aufgaben für die Bildungspolitik dar. Entsprechend behandelt das Buch die Umsetzung von bildungspolitischen Zielen im Spannungsfeld zwischen Praxis und Wissenschaft, die eine Neubewertung von Kompetenzen angesichts sich verändernden Bedingungen im Sozial- und Gesundheitswesen nahelegt. Beispielswiese legt Funke im ersten Kapitel (ebd., S. 46 ff.) dar, dass nicht nur der Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit von MitarbeiterInnen, sondern bereits die Beschäftigungsfähigkeit beim Eintritt ins Berufsleben, inklusive einer „Work-Life-Learn-Balance“ (ebd. S. 47), erforderlich sind, um den komplexen Anforderungen über die Erwerbsbiographie hinweg gerecht werden zu können. So könnte eine akademische Qualifizierung von Fachkräften in der Pflege, wie im zweiten Kapitel des Buches vorgestellt, zukünftig zur Verbesserung der Versorgungssituation notwendig werden. Entsprechend stellen die Durchlässigkeit zwischen Ausbildungsformaten, der Zugang zur Hochschulbildung für beruflich Qualifizierte, eine „enge Theorie-Praxis-Verbindung“ (Schäfer et al., S. 121) und der Abbau von Barrieren für ein lebenslanges Lernen eine Herausforderung für die Entwicklung von Studiengängen dar. Die in dem Buch vorgestellten Best-Practice-Projekte können insofern eine Orientierung für die Planung und Evaluation von Bildungsprojekten bieten.

Trotz der relativ hohen Anzahl an Einzelbeiträgen, kann ein grober Überblick in die komplexe Thematik dennoch gut gelingen, was nicht zuletzt auch an der Entscheidung für vier größere Themenkomplexe und aussagekräftige Überschriften der Beiträge liegen mag. Nichtsdestotrotz kann und will das Buch nicht den Anspruch erheben, einen allgemein gültigen Leitfaden für die Studiengangsentwicklung vorzulegen, sondern möchte vor allem Anregungen für Initiativen bieten, die sich die Öffnung von Hochschulen für beruflich Qualifizierte zum Ziel gesetzt haben.

Fazit

Das Buch „Neue Wege zur akademischen Qualifizierung im Sozial- und Gesundheitssystem – Berufsbegleitend studieren an Offenen Hochschulen“ befasst sich mit den aktuellen Herausforderungen für die bedarfsgerechte Qualifizierung von Fachkräften und Möglichkeiten für die Studiengangsentwicklung. Hierzu vermittelt das Buch zunächst einen Überblick zum Stand der Debatte um die Akademisierung und Kompetenzorientierung im Kontext des lebenslangen Lernens und erläutert den bildungspolitischen Hintergrund einer anvisierten Öffnung von Hochschulen für beruflich Qualifizierte.

Die im Buch vorgestellten, auf Basis des „BEST WSG“-Projektes gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungswerte lassen sich auf unterschiedliche Bildungskonzepte für sich in der Akademisierung befindliche Berufsfelder im Gesundheits- und Sozialwesen übertragen. Insofern liefert das Buch vor allem Impulse für die Weiterentwicklung der berufsbegleitenden Hochschulausbildung, indem neben europäischen Rahmenbedingungen ebenso neue, komplexe Anforderungen an die Beschäftigungsfähigkeit und Kompetenzentwicklung berücksichtigt werden.


Rezensentin
Dr. rer. medic. Jennifer Apolinário-Hagen
Diplom-Psychologin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Habilitandin, FernUniversität in Hagen, Institut für Psychologie, LG Gesundheitspsychologie, Hagen.
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Zitiervorschlag
Jennifer Apolinário-Hagen. Rezension vom 18.12.2015 zu: Miriam Schäfer, Michael Kriegel, Tim Hagemann (Hrsg.): Neue Wege zur akademischen Qualifizierung im Sozial- und Gesundheitssystem. Berufsbegleitend studieren an offenen Hochschulen. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. ISBN 978-3-8309-3246-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19424.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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