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Hanspeter Hongler, Samuel Keller (Hrsg.): Risiko und Soziale Arbeit

Cover Hanspeter Hongler, Samuel Keller (Hrsg.): Risiko und Soziale Arbeit. Diskurse, Spannungsfelder, Konsequenzen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 259 Seiten. ISBN 978-3-658-09125-5. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Wenn man das vorliegende Buch hinter sich hat, ist es schwer, sich gegen den Eindruck zu wehren, dass die Soziale Arbeit ein ausgesprochen riskantes Unternehmen ist. Ein Risiko ist die „Kennzeichnung der Eventualität, dass mit einer (ggf. niedrigen, oder auch unbekannten) Wahrscheinlichkeit ein (ggf. hoher, in seinem Ausmaß unbekannter) Schaden bei einer Entscheidung eintreten oder ein erwarteter Vorteil ausbleiben kann“ (Winter 2014). Das Buch nimmt Risiken auf allen Ebenen Sozialer Arbeit auf. Den Rahmen setzt das Theorem der Risikogesellschaft (Beck 2010), das auf die Allgegenwart von Risiken in modernen Gesellschaften verweist. Der Auftrag der Sozialen Arbeit scheint grundlegenden Risiken (des Scheiterns, unzureichender Wirkung oder Legitimation, nicht zielführender Nebenwirkungen u.a.) ausgesetzt zu sein. Institutionen der Sozialen Arbeit unterliegen Organisationsrisiken und Interventionen der Sozialen Arbeit beinhalten strukturelle Risiken professionellen Handelns. Damit ist das Ende der Risikopalette noch nicht erreicht, denn die soziale Lage von Klienten setzt diese bedeutsamen Risiken und besonderer Vulnerabilität aus (wie Verarmungsrisiken von Alleinerziehenden). Und schließlich scheint auch das Handeln von Klienten häufig riskant (wie bei Ernährungs-, Gesundheits-, Rückfallrisiken oder abweichendem Verhalten). Risiko erscheint so als Kernbegriff von Gegenstand und professionellem Handeln Sozialer Arbeit.

Paradox, vielleicht auch konsequent geht die Risikogesellschaft einher mit massiv erhöhten Sicherheitsbedürfnissen in Politik, Verwaltung und Bevölkerung. Sie betreffen alle gesellschaftlichen Teilbereiche, treffen aber insbesondere auch vulnerable, randständige oder abweichende Bevölkerungsgruppen, also Klientel der Sozialen Arbeit. Das gesellschaftliche Klima scheint der Sozialen Arbeit immer mehr Wirkungs-, Sicherheits- und Gewährleistungsansprüche aufzuzwingen: In Schulen zu Mobbing- oder Integrationsrisiken, in der Kinder- und Jugendhilfe zu Risiken devianten Verhaltens, in der offenen Jugendarbeit zu Missbrauchsrisiken oder dem Straf- und Maßnahmenvollzug zu Rückfallrisiken.

Das Buch beschäftigt sich allerdings nicht nur mit Risiko. Ein zweiter Referenzbegriff zur Beschreibung des Themas scheint mir zwingend zu sein, obwohl er von einigen Autoren unter das Thema Risiko subsummiert wird und theoretisch unscharf bleibt: Menschen in modernen Gesellschaften sind gefordert, stark gestiegene Ungewissheiten in der Lebensführung zu bewältigen und Ungewissheit und Risiko sind nicht dasselbe und sollten nicht verwechselt werden (Boeckelmann & Mildner 2011; Gigerenzer 2013, 65f.). Ungewissheit ist zunächst einmal „ein Strukturmerkmal jeder Lebenspraxis“ (Helsper 2008, 162), also von Klienten wie Fachkräften der Sozialen Arbeit. Soziale Arbeit als Profession hat Kontingenzen, Komplexitäten, Ambiguitäten, Dilemmata und Ungewissheiten in der Bearbeitung von sozialen Problemen zu bewältigen. Gewissheit und Ungewissheit sind dabei selbst ein ambivalent besetztes Begriffspaar: Der Vermessung der Welt durch wissenschaftliche Ordnungssysteme steht die mit der Moderne verbundenen Verstörung von Gewissheiten durch dieselbe Wissenschaft gegenüber (ders., 162). Und falls man (de)konstruktivistisch-postmoderne Weltentwürfe akzeptieren mag, bleiben auch wissenschaftliche Gewissheiten selbst nicht verschont (und das meint nicht die prinzipielle Revidierbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern deren grundlegenden Geltungsanspruch). Die Postmoderne nach dem „Ende der großen Erzählungen“ scheint auch daran zu sein, in ihrer radikalen Pluralität, der Vielfalt von Vernunftformen und der prinzipiellen Dekonstruierbarkeit des Sozialen wissenschaftliche Rationalitäten in Spielräume und Handlungsoptionen aufzulösen (ders., 163). Es erstaunt daher nicht, dass Ungewissheit zum Anlass für theoretische Reflexionen in der Sozialen Arbeit wird.

Mit beiden Themen, der strukturellen Ungewissheit wie auch manifesten Risiken sozialer Probleme und professionellen Handelns hat sich Soziale Arbeit also zwingend auseinanderzusetzen, denn „professionelles Handeln (…) ist als hochgradig komplexes, antinomisch strukturiertes, kontingentes und ungewisses Handeln mit vielfältigen Risiken, nicht intendierten Wirkungen und eigensinnigen Verwendungen durch die Adressaten, bei zugleich hoher Verantwortlichkeit, einer starken Begründungspflicht bei mangelnder Technologie zu kennzeichnen“ (ders., 163f.) und damit gerade der gesellschaftliche Ort der Bearbeitung von Ungewissheit und Risiko.

Vor diesem Hintergrund ist das Buch ein wichtiger Beitrag zu einem reflexiven Umgang mit Ungewissheiten und Risiken auf allen Ebenen der Sozialen Arbeit. Zum Thema fand im Oktober 2013 an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW die Tagung „Rien ne va plus? – Umgang mit Risiken in der Sozialen Arbeit“ statt (vgl. auch Hongler & Keller 2013), deren Beiträge das hier rezensierte Buch dokumentiert.

Herausgeber

Prof. Hans-Peter Hongler ist Dozent und Projektleiter an der Hochschule für Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Er ist Pädagoge, Sozialpsychologe und Philosoph und lehrt an der ZHAW ein breites Spektrum von Themen, von der politischen Philosophie über die Kinder- und Jugendhilfe und Gemeinwesenarbeit bis zur Supervision und Sozialen Arbeit mit Gruppen.

Samuel Keller ist Sozialpädagoge lic. phil. und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ZHAW Soziale Arbeit. Er forscht zu Bedingungen kindlichen Aufwachsens, zur Kinder- und Jugendhilfe, familienorientierten Sozialen Arbeit und dem Strafvollzug.

Aufbau

Das Buch ordnet die vierzehn Tagungsbeiträge in vier Hauptteile:

  1. Nach einer Einführung der Herausgeber werden allgemeine Perspektiven zu Risiko und Soziale Arbeit aufgeworfen.
  2. Anschließend wird ein erstes Risikofeld zu „Organisation und Gesellschaft“,
  3. dann ein zweites zu „Aufwachsen und Familie“ bearbeitet.
  4. Zum Abschluss werden philosophische Perspektiven zum Thema entwickelt.

Ausgewählte Inhalte

Angesichts der Fülle und Breite der vorstellten Themen erlaube ich mir, einige Beiträge ausführlicher, einige eher summarisch vorzustellen und, da die Beiträge im Einführungskapitel exzellent zusammengefasst sind, teils auf diese Beschreibungen zurückzugreifen.

Der erste Beitrag von Hongler und Keller „Risiko und Soziale Arbeit - eine Einführung in die Thematik“ beschreibt die in der Vorbereitung der Tagung auftauchenden begrifflichen, thematischen und feldbezogenen Spannungsfelder. Die Autoren thematisieren die gestiegenen Wirksamkeitserwartungen an die Soziale Arbeit wie auch die gewachsenen Selbstwirksamkeitsanforderungen an die Klientel im Rahmen des „aktivierenden Sozialstaats“ unter beschleunigtem gesellschaftlichem Wandel. Diese umfassenden Wirkungsansprüche an die Soziale Arbeit ergäben paradoxe Risikoeffekte, die die Legitimationsbedingungen professionellen Handelns stark veränderten und zu defensivem Risiko-Schutzdistanz-orientiertem Handeln führten. Die Autoren kritisieren die Diskreditierung von Minderheiten, die präventiv und Beobachtung und unter „risikoorientierte Interventionen“ gestellt würden. Risiko wird im Beitrag vor allem als Risiko der Selbstverantwortung von Klienten und als Risiken des Scheiterns professioneller Interventionen gesehen.

Der zweite Beitrag der Herausgeber „Risiko in der Sozialen Arbeit und Risiko der Sozialen Arbeit - Spannungsfelder und Umgang“ beschäftigt sich mit der Unbestimmtheit und Tabuisierung von Risiken in der Sozialen Arbeit. Er legt den Begriff von „Risiko“ sehr weit aus und thematisiert Probleme einer präzisen Eingrenzung desselben. Die Autoren kritisieren den neoliberalen Wandel, der die Orientierung an Klienten als Subjekten erschwert und durch Konstruktionen von Klienten als Risikoobjekte ersetzt. Im Anschluss beschreiben sie die Risiken des Aufwachsens in modernen Gesellschaften besonders für benachteiligte Bevölkerungsschichten und gehen schließlich auf Risiken der Sozialen Arbeit ein. Sie kritisieren, dass der Sozialen Arbeit zunehmend eine Kultur der Kontrolle, die Verinnerlichung von Risiko-Identitäten und der Aufbau von Risikokulturen aufgenötigt wird. Die Autoren nennen schließlich die gewachsenen Ansprüche der Öffentlichkeit an Sicherheit und Risikominimierung in der Sozialen Arbeit, die die interaktive Dimension von Hilfeprozessen verkennen und Hilfeprozesse für Kontroll- und Sicherheitsdispositive instrumentalisieren. Die Autoren ziehen vier Schlussfolgerungen: Soziale Arbeit müsse angesichts der Unvermeidlichkeit von Risiken und Ungewissheiten erstens mit Vertrauen und Verantwortung aushandeln und Risiken nicht einfach vermeiden. Zweitens müssten einseitige Allmachtsvorstellungen von Sozialer Arbeit relativiert werden. Drittens seien zwischen Zwang und Selbstbestimmung Klienten in Hilfeprozessen immer partizipativ einzubeziehen. Und viertens erforderten Risiken und Ungewissheiten Handlungsspielräume für Professionelle und Klientel, die Veränderungsversuche und Autonomiezuwachs nicht gleich unter Risikoverdacht stellen sowie Möglichkeiten der Distanznahme, Reflexion, kollegialen Beratung und offenen Auseinandersetzung über Risiken der Sozialen Arbeit.

Dirk Baecker berichtet im folgenden Beitrag „vom postheroischen Umgang mit Risiken in der Sozialen Arbeit“. Er geht aus von Becks Theorem der Risikogesellschaft, nimmt unvermeidliche gesellschaftliche Konflikte als deren Folgen auf und zeigt problematische Strategien der Sozialen Arbeit bezüglich Problemdefinitionen und -strategien der Sozialen Arbeit. Ein postheroischer Umgang mit Risiken in der Sozialen Arbeit könnte seiner Auffassung nach darin bestehen, dass sich Soziale Arbeit nicht in ihrer Hilfsbereitschaft verstrickt und dann von der Klientel ausgebeutet wird, sich von der Gesellschaft nicht alibimäßig für die Kompensation scheiternder Inklusion alimentieren lässt, weiter, sich der eigenen Hilflosigkeit bewusstwird und schließlich statt des Anspruchs auf sozialtechnologische Präzision sich auf Intuitionen verlässt.

Martin Hafen beschreibt in seinem Beitrag das Risikomanagement in der Sozialen Arbeit durch Früherkennung und Prävention und zeigt sich erstaunt über die Vernachlässigung der Prävention in der Sozialen Arbeit, die doch risikomindernd wirken sollte. Er stellt Prävention unter einer Risikomanagement-Perspektive dar, die künftige Gefahren erkennt, denen sich vorbeugen lässt und die soziale Probleme früh und bereits in der Entstehung löst (im Gegensatz zu behandelnden Ansätzen, die nur die Folgen lindern, aber Probleme nicht lösen könnten). Die Ambivalenz der Präventionsperspektive besteht seiner Auffassung nach in der Spannung zwischen Fatalismus und übermässiger Vorsorge gegenüber potenziellen Risikogruppen, deren Entwicklung in beiden Fällen eher gehemmt als gefördert würde. Sein Plädoyer mündet in Anerkennung und mehr echte Realisierung, aber auch kritisch-nichteuphorische Bewertung von Prävention als einer bedeutsamen Handlungsperspektive der Sozialen Arbeit.

Marcel Meier-Kressig und Mathias Lindenau beschäftigen sich in ihrem Beitrag mit Sozialer Arbeit in der Hochsicherheitsgesellschaft und deren allgemeiner Sicherheitshysterie. Sie gehen auf das Spannungsfeld von Sicherheit und individueller Freiheit ein, das je länger je mehr in Richtung einer Sicherheit aufgelöst wird, die sich vor allem als soziale Kontrolle versteht, das Resozialisierungsparadigma untergräbt und einen „punitive turn“ unterstützt. Dies erläutern sie am Beispiel der Risikoorientierung in der Bewährungshilfe, an der sie auch die ausschließliche Risikoorientierung, deren Diagnose- und Prognosekonzepte oder die individualisierende Ausrichtung der Grundmodelle kritisieren. Ihr Plädoyer zielt auf eine Blickerweiterung auf die Lebenschancen und -ziele sowie die Aus- und Aufstiegschancen der Straffälligen ab.

Tobias Studer kontrastiert in seinem Beitrag Risikoorientierung und Machtproblematiken und kritisiert, dass der Risikodiskurs Machtverhältnisse verschleiert und von diesen ablenkt. Er fordert, dass Sozialarbeit sich gegen die Risikoorientierung an der Wiederherstellung von Selbstbestimmung und und Selbstverantwortung orientieren sollte.

Michael Herzka und Chris Mowles demonstrieren am Beginn des zweiten Hauptteils zu Organisation und Gesellschaft anhand der Begriffe Risiko, Unsicherheit und Komplexität die Grenzen des Risikomanagements. Durch die Bedingungen und den Auftrag der Sozialen Arbeit (Vulnerabilität der Adressaten, Gemeinschaftsbildung, Partizipation der Klientel und fachliche Autonomie der Fachkräfte) sei in der Risikominderung allzu technizistisches Vorgehen untauglich und zu vermeiden, weil technizistische Annahmen zu falschen Schlüssen und Ergebnissen führten. Sie fordern stattdessen das kontinuierliche Gespräch, Aushandlungsprozesse unter Beachtung der Machtverhältnisse und die Anerkennung, dass auch durch diese Art von Handlungsorientierung nicht alles erreichbar sei.

Andrea Vorrink problematisiert die Durchsetzung der öffentlichen Debatte über Arbeitslosigkeit und Armut mit Risikosemantiken. Die Gruppen besonders vulnerabler Betroffener, die der sozialstaatlichen Unterstützung z.B. in der Arbeitsintegration am meisten bedürfen, drohten stigmatisiert und ihre Probleme remoralisiert zu werden. Sie zeigt Wege für die Arbeitsintegration auf, wie mit dieser Situation ermächtigend und kreativ umgegangen werden kann.

Klaus Mayer beschreibt den Beitrag der Sozialen Arbeit zur Minderung von Risiken im Straf- und Maßnahmenvollzug und zeigt Handlungsgrundlagen und Konsequenzen für die Praxis auf. Im Unterschied zu den Strafzwecken der Abschreckung oder Vergeltung trage die Soziale Arbeit durch Fallführung, Milieutherapie, sozialdienstliche und teilstationäre Arbeit sowie Bewährungshilfe zur maßgeblichen Minderung von Rückfallrisiken bei.

Den zweiten Hauptteil der Beiträge, die Risikofelder des Aufwachsens und der Familie – entwicklungsbedingte und kindeswohlbezogene Risiken – skizziere ich nur kurz.

Hans-Ullrich Krause setzt sich mit Risiken in den Hilfen zur Erziehung auseinander und plädiert gegen immer mehr Sicherheit und Kontrolle und für ein auf Solidarität und Mitmenschlichkeit gegründetes fachliches Handeln, das er anhand fünf familienorientierter Methoden konkretisiert.

Annelinde Eggert Schmid-Noerr beschreibt Elternarbeit als Risiko und Chance und Sabina Vella analysiert das Ringen um Gewissheit im Kinderschutz, den sie als ein professionelles Hochrisikosystem bezeichnet.

Giacomo Dallo nimmt schließlich die Risiken des Wohls von Kindern und Jugendlichen in der offenen Jugendarbeit im Umgang mit Alkohol unter die Lupe, die sorgfältig mit den Lernchancen im Umgang mit Rauschmitteln abgewogen werden sollten, um Lernfelder mit kontrolliertem Risikopotenzial zu schaffen, das Lernen aus Fehlern in einem halbwegs geschützten Raum ermöglichen sollte.

Eine stoisch-philosophische Perspektive zu Risiko und Sozialer Arbeit und ihrer möglichen Re-Heroisierung von Barbara Reiter beschließt den Band. Reiter bestreitet, dass es angesichts der Kontingenzen und prinzipiellen Offenheit menschlichen Lebens überhaupt risikofreie Räume geben könne und lässt risikoarme Räume nur durch Handeln und nur als begrenzt konstituierbar zu. Weiter plädiert sie für eine reflexive Re-Heroisierung der Sozialen Arbeit. Wenn Risiko ubiquitär für das menschliche Leben ist und Fachkräfte im Vorfeld beruflichen Handelns nie mit Sicherheit wissen können, was auf sie zukommt, dann brauche es post-reflexive, post-heroische Heldinnen und Helden, deren Handlungsfähigkeit auf lustvollem Können und Wollen beruht und auf die sich andere Menschen verlassen können.

Diskussion

Die Tagung und das Buch initiieren einen wichtigen Diskurs, der für die Professionalität der Sozialen Arbeit unter den Bedingungen postmoderner, reflexiver Risikogesellschaften und beschleunigten gesellschaftlichen Wandels, der öffentlichen Hochsicherheitshysterie und neoliberalen, managerialen Ideen hochbedeutsam ist. Die Beiträge beschreiben die Themen Risiko, Ungewissheit und Kontingenz auf sehr verschiedenen Ebenen. Sie öffnen und explorieren und loten so Dimensionen und Spannungsfelder des Themenbereichs aus. Für die Tagung schien man den begrifflichen Rahmen nicht allzu engführen zu wollen. Das geht zuweilen zu Lasten der Konsistenz des Risikobegriffs, der von anderen Begriffen wie Ungewissheit, Kontingenz oder Komplexität teils nicht mehr unterscheidbar ist. Die Autoren scheuten offenbar „das Risiko, Risiko zu definieren“ (Hongler & Keller 2015, 21). Dies zeigt sich – nur ein Detail – in der Schilderung der von Nassim Taleb (Gigerenzer 2013, 73ff.) beschriebenen Truthahn-Illusion, die die Autoren auf Risikosituationen anwenden. Dies scheint mir aber missinterpretiert, denn die Truthahn-Illusion bezieht sich auf Ungewissheitsumgebungen, also das „unbekannte Unbekannte“ (Taleb 2008). In Risikosituationen geht es aber nicht um die Truthahn-, sondern um die Null-Risiko-Illusion und die aus ihr folgende skepsisfreie „Gewissheit 1“ (Oser & Spychiger 2005, 59ff.), auf die wir im Alltag permanent bauen und die erst im Durchgang durch das „negative Wissen“ und Lernen aus Fehlern zur reflexiven Gewissheit 2 wird. Es wäre hilfreich gewesen, in einem Einleitungskapitel diese Kernbegriffe der (Un)gewissheit, Kontingenz, Ambiguität oder Komplexität vom Begriff des Risikos schärfer abzugrenzen.

Die Beiträge des Bandes spiegeln meiner Auffassung nach den soziologischen Turn, den die Soziale Arbeit in den letzten Jahren genommen hat. Viele der Beiträge referieren auf Luhmann, Beck, Giddens und weitere soziologische Theorien. Die Kognitionspsychologie und psychologische Handlungstheorie, deren Beiträge wesentliche Instruktionen zu professionellem Entscheiden und Handeln unter Risiko- und Ungewissheitsbedingungen bereitstellen könnten, fehlen mir in Tagung und Buch. Dabei wurden kognitions- und handlungstheoretische Perspektiven z.B. vom systemtheoretischen Paradigma der Sozialen Arbeit (Obrecht 1996; Staub-Bernasconi 2007) im Anschluss an Dörner (1987, 2000) bereits sehr früh in Konzepte des methodischen Handelns aufgenommen. Staub-Bernasconi skizzierte bereits in den 1990er-Jahren Risiken und Fehlerquellen methodischen Handelns (Heiner et al. 1998, 108ff.) und Dörner hat auch zu Risikomanagement (Dörner 2000) einiges beigetragen. Einige eher kognitionspsychologisch-handlungstheoretisch orientierten Beiträge hätten so bedeutsame Perspektiven für professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit eröffnet.

Und schließlich – wenn eine Tagung schon eine so große thematische Breite zulässt, hätte der Umgang mit Fehlern und Scheiternserfahrungen, das Lernen aus Fehlern, d.h. eingegangenen und nicht gut ausgegangenen Risiken in der Sozialen Arbeit das Themenspektrum sinnvoll ergänzt. Beiträge dazu gäbe es dazu aus Pädagogik (Althof 1999; Oser & Spychiger 2005) und Sozialer Arbeit (Wolff et al. 2013).

Aber vielleicht stellt ja das Thema „Fehler (in) der Sozialen Arbeit“ ein noch größeres Tabu dar als das waghalsige Eingehen oder defensive Vermeiden von Risiken. Der Diskursbedarf ist immerhin garantiert.

Fazit

Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag zum Diskurs um Offenheit und Gewagtwerden oder rückzugs- und absicherungsorientierte Defensivität in der Professionalität Sozialer Arbeit. Es legt einen breiten Strauß von Themen und Aspekten vor, der eine reichhaltige Grundlage für weitere Diskurse bietet, aber auch ein theoretisch und methodisch zu präzisierendes und empirisch gehaltvolles Themenfeld deutlich macht. Das Buch ist zu empfehlen für Fachkräfte in risikoorientierten Handlungsfeldern – und das sind nach Maßgabe des Buchs ja alle Mitglieder der Profession Soziale Arbeit.

Literatur

  • Althof, Wolfgang (1999). Fehlerwelten: Vom Fehlermachen und Lernen aus Fehlern. Beiträge und Nachträge zu einem interdisziplinären Symposium aus Anlaß des 60. Geburtstages von Fritz Oser. Opladen: Leske + Budrich.
  • Beck, Ulrich (2010). Risikogesellschaft: auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Boeckelmann, Lukas & Mildner, Stormy-Annika (2011). Unsicherheit, Ungewissheit, Risiko: Die aktuelle wissenschaftliche Diskussion über die Bestimmung von Risiken. In: SWP-Zeitschriftenschau. 16. Jg. Heft 2. S. 1-8.
  • Dörner, Dietrich (1987). Problemlösen als Informationsverarbeitung. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Dörner, Dietrich (2000). Praxis des Risikomanagements: Grundlagen, Kategorien, branchenspezifische und strukturelle Aspekte. Stuttgart: Schäffer-Poeschel.
  • Gigerenzer, Gerd (2013). Risiko: wie man die richtigen Entscheidungen trifft. München: Bertelsmann.
  • Heiner, Maja/Meinhold, Marianne & Staub-Bernasconi, Silvia (1998). Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit. Freiburg/B.: Lambertus.
  • Helsper, Werner (2008). Ungewissheit und pädagogische Professionalität. In: Bielefelder Arbeitsgruppe 8 (Hg.). Soziale Arbeit in Gesellschaft. Wiesbaden: Springer VS. S. 162-168.
  • Hongler, Hanspeter (2015). Risiko und Soziale Arbeit Diskurse, Spannungsfelder, Konsequenzen. Wiesbaden: Springer VS.
  • Hongler, Hanspeter & Keller, Samuel (2013). Risiko in der Sozialen Arbeit: Eine unvermeidbare und notwendige Herausforderung. In: SozialAktuell. 45. Jg. Heft 9. S. 33-35.
  • Obrecht, Werner (1996). Ein normatives Modell Rationalen Handelns: Umrisse einer wert- und wissenschaftstheoretischen Allgemeinen normativen Handlungstheorie für die Soziale Arbeit. In: VESAD (Hg.). Symposium Soziale Arbeit: Beiträge zur Theoriebildung und Forschung in Sozialer Arbeit. Köniz: Soziothek. S. 109-202.
  • Oser, Fritz & Spychiger, Maria (2005). Lernen ist schmerzhaft: zur Theorie des negativen Wissens und zur Praxis der Fehlerkultur. Weinheim: Beltz.
  • Staub-Bernasconi, Silvia (2007). Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft: Systemtheoretische Grundlagen und professionelle Praxis – Ein Lehrbuch. Bern: Haupt UTB.
  • Taleb, Nassim Nicholas (2008). Der schwarze Schwan: die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. München: Hanser.
  • Winter, Eggert (Hg.). (2014). Gabler Wirtschaftslexikon Wiesbaden: Gabler Springer.
  • Wolff, Reinhart/Flick, Uwe/Ackermann, Timo & Biesel, Kay (2013). Aus Fehlern lernen – Qualitätsmanagement im Kinderschutz: Konzepte, Bedingungen, Ergebnisse. Opladen: Budrich.

Rezensent
Dr. rer. soc. Wolfgang Widulle
Homepage www.widulle.ch
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Zitiervorschlag
Wolfgang Widulle. Rezension vom 13.04.2016 zu: Hanspeter Hongler, Samuel Keller (Hrsg.): Risiko und Soziale Arbeit. Diskurse, Spannungsfelder, Konsequenzen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-09125-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19429.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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