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Arlen Bever, Michael Brodowski u.a.: Sozialräumliche Demokratie­entwicklung

Cover Arlen Bever, Michael Brodowski, Vera Henßler, Elène Misbach, Heinz Stapf-Finé: Sozialräumliche Demokratieentwicklung. Das Beispiel Marzahn-Hellersdorf. Logos Verlag (Berlin) 2015. 190 Seiten. ISBN 978-3-8325-3949-8. D: 29,00 EUR, A: 29,80 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch bildet den zweiten Band der Reihe „Sozialwissenschaftliche Forschungswerkstatt“, die im Logos-Verlag Berlin erschienen ist. Die Reihe wird von Prof. Dr. Michael Brodowski und Prof. Dr. Heinz Stapf-Finé herausgegeben, die beide an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin (ASH) unterrichten. Darin werden die Ergebnisse eines Projekts zusammengefasst, das im Projektzeitraum vom 15.01.14 bis 31.01.15 durchgeführt wurde. Finanziert wurde die Arbeit von der DKLB-Stiftung (Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin).

Autoren und Mitarbeiterinnen

Prof. Dr. Michael Brodowski ist Diplom-Sozialarbeiter / Sozialpädagoge und Pädagoge. Er wurde mit dem Thema „Kooperativ-kollektives Lernen als Grundlage organisationalen Lernens“ promoviert und unterrichtet über Leitung und Management frühpädagogischer Bildungseinrichtungen an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin.

Prof. Dr. Heinz Stapf-Finé ist Diplom-Soziologe und wurde in Volkswirtschaftslehre promoviert. Er ist Direktor des Europa-Instituts für Soziale Arbeit und unterrichtet Sozialpolitik an der Alice-Salomon-Hochschule (beide Berlin).

Arlen Bever, Vera Henßler und Eléne Misbach waren in der vorliegenden Studie als Projektmitarbeiterinnen tätig.

Aufbau

Das Buch ist in sechs Kapitel und einen Anhang gegliedert.

  • Im ersten Kapitel wird das zugrundeliegende Forschungsprojekt mit den wesentlichen Fragestellungen methodisch kurz eingeführt.
  • Danach folgt im zweiten Kapitel eine ausführliche Analyse und Darstellung der soziostrukturellen Ausgangsbedingungen im Bezirk Marzahn-Hellersdorf.
  • Das dritte Kapitel stellt die Angebotsstruktur innerhalb der Trägerlandschaft des Bezirks dar.
  • Es folgen Kapitel über die Gelingensbedingungen und Exklusionsmechanismen politischer Partizipation, sowie über den politischen Umgang mit Ideologien der Ungleichwertigkeit. Kapitel sechs fasst die Ergebnisse zusammen und vermittelt einen Ausblick.
  • Im Anhang werden die betroffenen Träger, Projekte und Netzwerke aufgelistet, gefolgt von einem Literaturverzeichnis.

Inhalt

Eine wesentliche Fragestellung des Projekts war nach eigener Aussage die „Untersuchung des Zusammenhangs von lokalen sozialen Milieus, relevanten (zivilgesellschaftlichen) Akteuren und Initiativen und lokalen Netzwerken“. Es sollten Bedingungen definiert werden, die eine erfolgreiche demokratische Partizipation der Betroffenen fördern oder diese behindern.

Am Anfang der Studie stand zunächst eine ausführliche Sozialstrukturanalyse der Sozialräume, die mit Rückgriff auf seit vielen Jahren etablierte Sozialdaten der Bezirks- und Senatsverwaltung durchgeführt wurde. Aus den aggregierten Daten zu (Langzeit-) Arbeitslosigkeit, Transferbezügen und Kinderarmut wurden Status- und Dynamikindices erstellt; weitere Daten des Sozialstrukturatlas erfassten über 60 Indikatoren etwa aus den Bereichen Haushaltsstruktur, Einkommen, Bildung und Gesundheit, aus denen zwei Sozialindices und ein Strukturindex errechnet wurden. Hinzu kamen weitere Daten über die Altersstruktur oder den Migrationshintergrund der Bewohner. Insgesamt konnte daraus ein detailliertes Kartenmaterial erstellt werden, das einerseits kleinteilig Aufschluss über den sozialen Status gibt und es auch ermöglicht, umschriebene Sozialräume in den 12 Berliner Bezirken zu definieren. Für den Bezirk Marzahn-Hellersdorf konnten 2013 insgesamt 33 umschriebene Sozialräume festgelegt werden, die sich in wesentlichen Variablen voneinander unterscheiden. Auffallend war die große Heterogenität der sozialen Belastung, mit einem besonders niedrigen sozialen Status in Nord-Marzahn und Nord-Hellersdorf, die auch im Ranking der Berliner Bezirke fast ganz hinten liegen. Gleichzeitig hat Marzahn-Hellersdorf mit gut 5% Ausländeranteil und 13% Migrationshintergrund den zweitniedrigsten Anteil in Berlin.

Das Projektteam traf schließlich im zweiten Projektabschnitt nach nicht näher ausgeführten Kriterien eine Auswahl von Interviewpartnern, die mittels halbstrukturierter Interviews Auskunft über die Spezifika des betreffenden Sozialraums, die Gelingens- und Behinderungsbedingungen der Beteiligungsprozesse und antidemokratische Entwicklungen im Sozialraum geben sollten. Auf die Auseinandersetzung rund um die Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft in der Carola-Neher / Maxie-Wander-Straße im Juli 2013 wurde wegen des besonderen politischen Bezugs gesondert eingegangen. Insgesamt wurden 21 Experteninterviews und fünf Hintergrundgespräche geführt, wobei zwei angefragte Interviewpartner nicht zur Verfügung standen. Zwei weitere Interviews konnten aus zeitlichen Gründen nicht mehr transkribiert und anonymisiert werden. Zahlreiche weitere potenzielle Interviewpartner konnten aufgrund des Projektrahmens nicht mehr berücksichtigt werden.

Die Ergebnisse der Interviews wurden im dritten Projektabschnitt mittels eines „induktiv-deduktiven Wechselverfahrens“ unter Verwendung einer Analysesoftware (MaxQDA) ausgewertet. Das Verständnis des Verfahrens setzen die Autoren voraus bzw. verweisen hierzu auf Sekundärliteratur.

Die Ergebnisse dieser Analyse wurden – analog des Aufbaus des Interviewleitfadens – in einem „nicht repräsentativen Querschnitt der zentralen Aussagen“ für das vorliegende Buch mit vielen Zitaten der Befragten zusammengefasst, wobei sich Kapitel drei und vier mit der Angebotsstruktur und den formalen Zugangsbedingungen bzw. -hemmnissen der Partizipation im Bezirk beschäftigen. Demnach wurde von den Befragten zwar einerseits die Angebotsvielfalt gelobt und eine gute Vernetzung der Akteure bescheinigt, jedoch auch Kritik geäußert. So seien etwa die tatsächlichen Bedarfe schwer zu ermitteln, es bestehe eine strukturelle Unterfinanzierung mit zu wenig Regelförderung und es wurde ein allgemeiner Rückzug der öffentlichen Hand beklagt. Zu häufig würden zeitlich begrenzte Projekte mit hohen formalen Hürden und engen Rahmenbedingungen aufgelegt, obwohl eigentlich dauerhaft offene, niedrigschwellige Angebote mit festen Ansprechpartnern erforderlich wären. Auch wurde bemängelt, dass selbst dort, wo die Ansprache der Betroffenen gut gelingt und diese sich einbringen, eine konkrete Umsetzung der Vorschläge aus verschiedensten Gründen oftmals nicht erfolgen kann.

Das fünfte Kapitel setzt einen Schwerpunkt über Strategien im Umgang mit Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und antidemokratischen Tendenzen. Die dort diskutierten Fragestellungen bekommen im Kontext der letztlich erst nach Abschluss des Projekts exazerbierten ‚Flüchtlingskrise‘ ab Mitte 2015 eine besondere gesellschaftspolitische Brisanz, die sich bereits Mitte 2013 – ein halbes Jahr vor Beginn des Projektzeitraums – auf der lokalen Ebene manifestierte. Daraus ergab sich ein Spannungsfeld, das zu einem Zielkonflikt führen musste. Einerseits ging es um die Frage, wie sozial benachteiligte Bürger in einem nur selten niedrigschwelligen, überwiegend träger- und angebotszentrierten sozialpolitischen System an der politischen Willensbildung teilhaben können. Andererseits bedienten sich offenbar autochtone antidemokratische, rassistische und rechtsextremistische Kräfte genau jener demokratischer Mittel, um sich zunehmend erfolgreich Gehör zu verschaffen. Mehrere Befragte äußerten den dringenden Verdacht, dass dabei vor Ort ein Rückgriff auf fremdenfeindliche Ressentiments möglich war und bezweifelten das politisch oft bemühte Narrativ eines ‚Angriffs von außen‘. Es wurde mehrfach die Forderung geäußert, dass dies auch von den politisch Verantwortlichen endlich anerkannt und zu einer Anpassung der erforderlichen Gegenmaßnahmen führen müsse. Mehrfach wurde betont, dass es Grenzen des Verhandelbaren gebe (z.B. das Recht auf Asyl, menschenwürdige Unterbringung) und man mit Neonazis nicht diskutieren dürfe.

Die Autoren fordern zusammenfassend, dass erste zaghafte Erfolge einer Trendumkehr nicht durch destruktive Sparmaßnahmen gefährdet werden dürfen und dass eine konsequente Förderung in den Bereichen der Sozialen Arbeit, der (Aus-)Bildung und des Erhalts einer handlungsfähigen kommunalen Selbstverwaltung durchgesetzt wird. Ansonsten bestünde die Gefahr, dass ein sozial benachteiligter, bildungsferner Personenkreis die Demokratie als politische Praxis völlig ablehnt.

Diskussion

Im vorliegenden Buch trifft die langjährige Berliner Tradition differenzierter Sozialraumanalysen auf ein engagiertes Team der Alice Salomon Hochschule (ASH), das auch mit den begrenzten Ressourcen einer Projektarbeit wesentliche Zusammenhänge zwischen der Soziodemographie benachteiligter Sozialräume und den daraus erwachsenden Demokratiedefiziten aufzeigen kann. Es wird deutlich, dass auch ein vielfältiges und breit aufgestelltes soziales Netzwerk bereits mit der Basisversorgung der Bevölkerung am oder über dem personellen, strukturellen und finanziellen Limit arbeitet. Dies gilt gleichermaßen auch für die Betroffenen selbst. Ein (weiterer) Rückzug des Staates aus der sozialen Daseinsvorsorge kann nur in begrenztem Umfang durch freie Träger ausgeglichen werden. Sofern dies dennoch gelingen soll, muss ein Rückgriff auf ausreichende finanzielle und personelle Ressourcen möglich sein mit einer erheblichen Koordinationsarbeit durch kommunale bzw. bezirkliche Strukturen. Nicht zuletzt wird anhand dieser Analysen mangelnde Partizipation auch als eine direkte Folge von Bildungsdefiziten spürbar.

Ein behutsames Heranführen sozial benachteiligter und bildungsferner Schichten an die meist hochgradig standardisierten politischen Prozesse, möglicherweise sogar mit den Besonderheiten der Gremienarbeit, scheint unter diesen Bedingungen nur schwerlich möglich. Die eingeflochtenen Zitate der anonymisierten Interviews lassen jedenfalls immer wieder auch Ratlosigkeit und eine gewisse Frustration erkennen, schaffen allerdings auch Authentizität. Die Kombination der Einbettung von bis zu drei Zitaten in kleiner Kursivschrift, sowie der im Fließtext durchgehend verwendeten geschlechtssensitiven Sprache mittels ‚Gendergap‘ (z.B. ‚Bürger_innen‘) sind allerdings dem Lesefluss insgesamt nicht zuträglich.

Fazit

Das vorliegende Buch illustriert anhand einer Projektarbeit die soziodemographischen Herausforderungen im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf als Grundlage demokratischer Teilhabe, die zunehmend auch in Beziehung zum Umgang mit Alltagsrassismus, Extremismus und Fremdenfeindlichkeit stehen. Insgesamt wird die wichtige und durchaus besorgniserregende Botschaft vermittelt, dass das ohnehin schwer erreichbare und teilweise idealisierte Postulat einer möglichst umfassenden politischen Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen gewissermaßen geerdet wird durch die Demaskierung eines Alltagsrassismus, der als Nährboden für zunehmend gut organisierte populistische und extremistische Gruppierung dienen kann.

Als Leserkreis wünscht man diesem Buch neben der akademischen Zielgruppe und den Akteuren vor Ort insbesondere politische Entscheidungsträger auch oberhalb der kommunalen Ebene.


Rezensent
Dr. med. Daniel Sommerlad
Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie
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Zitiervorschlag
Daniel Sommerlad. Rezension vom 27.09.2016 zu: Arlen Bever, Michael Brodowski, Vera Henßler, Elène Misbach, Heinz Stapf-Finé: Sozialräumliche Demokratieentwicklung. Das Beispiel Marzahn-Hellersdorf. Logos Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-8325-3949-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19432.php, Datum des Zugriffs 29.04.2017.


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