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Katja Iseli: Gewalt an Schulen

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Rabe, 04.04.2016

Cover Katja Iseli: Gewalt an Schulen ISBN 978-3-86676-405-7

Katja Iseli: Gewalt an Schulen. Relevanz der Persönlichkeitsfaktoren von Lehrpersonen für die schulische Gewaltprävention. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2015. 221 Seiten. ISBN 978-3-86676-405-7. D: 22,80 EUR, A: 23,50 EUR, CH: 32,90 sFr.

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Thema

Schulen sind seit jeher Gegenstand der Aufmerksamkeit, vor allem aber der Beschwerde. Mal klagen die Lehrer über Dummheit und Ignoranz der Zöglinge, mal schimpfen die Medien über eine Verrohung der Jugendlichen und spätestens seit Hesses ‚Unterm Rad‘ und Wedekinds ‚Frühlings Erwachen‘ sehen wir auch vor allem die Jungen unter der Schule leiden: Die Literaten brandmarken die Gewalt von Lehrern gegen die Heranwachsenden und sehen diese als Opfer; wir anderen sehen die Gewalt der Heranwachsenden und diese als Täter. Diese Sichtweise ist neu: Schule als Ort von Gewalt! Aber wie schlimm sind die wirklich (die Jugendlichen)? Und wie schlimm ist die wirklich (die Gewalt)? Und welche Rolle spielen die Lehrer, wenn sie nicht Täter sind wie bei den Literaten, sondern Zeugen, die den Prozess begleiten, einschätzen, verhindern oder sogar vermeiden sollen?

Autorin und Entstehungshintergrund

Diesen Fragen widmet sich das zur Rezension anstehende Buch von Katja Iseli, das auf ihre Dissertation zurückgeht, die an der Universität Hildesheim angenommen worden ist. Kernstück der Dissertation ist die Auswertung einer von Januar bis September 2012 durchgeführten (auch online zur Verfügung gestellten) Umfrage, die die Autorin in der Nordwestschweiz und in angrenzenden Gebieten Deutschlands, Österreichs und Liechtensteins durchgeführt hat. Die Autorin ist Psychologin und in der Laufbahnberatung tätig.

Ihrem eigenen Anspruch nach will Iseli die Rolle von Lehrerinnen und Lehrern (im Folgenden LuL) bei der Präventionsarbeit herausarbeiten. Außerdem will sie herausarbeiten, inwiefern die Persönlichkeitsfaktoren einen Einfluss auf die Thematik der Gewalt an Schule haben. (S.1)

Aufbau

Nach einem ‚Vorwort und Danksagung‘ und einer Einleitung unterteilt die Autorin ihre Arbeit in fünf unterschiedlich lange Abschnitte:

  • Theoretische Grundlagen
  • Forschungslage
  • Empirische Untersuchung
  • Gesamtergebnisse und Thesen
  • Praxistipps.

Die empirische Untersuchung nimmt mit etwa 100 Seiten den größten Raum ein, die Praxistipps sind mit etwa 10 Seiten der kürzeste Abschnitt.

Inhalt

Bei Ihren Vorüberlegungen ist Iseli von vier Hypothesen ausgegangen.

  1. Es gibt Gewalt an Schulen.
  2. Art und Umfang werden von den unterschiedlichen Gruppen unterschiedlich eingeschätzt.
  3. Art und Umfang werden in unterschiedlichen Theorien verortet.
  4. Die Haltungen der LuL beeinflussten die Wahrnehmung von Gewalt.

Der erste Abschnitt ‚Theoretische Grundlagen‘ liefert Erläuterungen zu den Sachverhalten Gewalt und aggressives Verhalten. Iseli beschreibt dann acht Formen von Gewalt von Spotten bis zu School Shooting und schließt mit einer Darstellung des Schweizer Bildungssystems.

Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit der ‚Forschungslage‘. Dabei sieht Iseli bei der Ursachenforschung für gewalttätige Handlungen besondere Tendenzen: ‚Die Ursprünge liegen in der Arbeit mit Tieren. Schon früh konnte festgestellt werden, dass die Kindheit und das Umfeld, in dem Tiere wie auch Menschen aufwachsen, einen Einfluss auf das Ausmass [sic] der gewalttätigen Handlung …hat [sic].‘ (S.35) Gewalt und Aggression seien immer schon Teil der Gesellschaft gewesen und könnten nicht verhindert werden. Allerdings sei auch im schulischen Kontext Gewalt von Bedeutung. Selbst wenn es schwer sei, den genauen Umfang zu bestimmen, komme aus Sicht der Forschung der Prävention bzw. Intervention eine große Bedeutung zu. Allerdings gebe es keine einzelne ‚Massnahme‘[sic], sondern man müsse ‚verschiedene Ansätze miteinander kombinieren‘ (S.67). Danach betont Iseli die Wichtigkeit der ‚subjektiven Wahrnehmung‘ (Abschnitt 2.8, S.67), die sie an Hand des ‚Gorillas in our midst‘-Experiments erläutert, das sie ausführlich darstellt. Zum Ende beschreibt sie fünf Persönlichkeitsfaktoren, die auch ‚in der empirischen quantitiven Umfragen [sic] erhoben‘ worden seien (Selbstwert, Selbstwirksamkeit, Burnout, soziale Verantwortung, Handlungs- und Lageorientierung). Dazu bezieht sie sich auf Grundlagenforschungen aus den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, und beim Burnout greift sie auf den Propheten Elias zurück: ‚In Die Bibel (1984) werde der Prophet Elias als eine Person beschrieben, die nach grossen Taten an depressiver Müdigkeit leidet und sich davon immer wieder erholt.‘ (S.70f.)

Der dritte Abschnitt ist der Kern der Arbeit. Iseli beschreibt ihre empirische Untersuchung, wobei sie zu Beginn auf den Arbeitsaufwand hinweist: ‚Die Erhebung der benötigten Fragebogen stellte sich als sehr aufwendig und arbeitsintensiv heraus. ‘ (S.75) Zunächst nennt sie die Gruppen der befragten Personen: SuS, Eltern, LuL, Fachpersonen. Danach nennt sie die ermittelten Definitionen von Gewalt und erläutert die ‚erlebte Gewalt‘, wobei sie zum Ergebnis kommt, dass die überwiegende Mehrheit der SuS keine Gewalt erlebt und wenn dann hauptsächlich ‚in Form von Auslachen und Verspotten‘ (S.98). Auch beim Ausüben von Gewalt zeigen sich wenige Auffälligkeiten. Die vier Gruppen werden nach Ursachen von Gewaltentstehung gefragt, und die überwiegende Antwort ist: Sie lägen im direkten Umfeld der SuS. Und auch gebe es keine Zunahme an Gewalt in den letzten Jahren. Allerdings konnte auch nicht festgestellt werden, welche Interventionsform als hilfreich erlebt worden ist.

Im Anschluss an die Befragung aller Gruppen wurden die LuL nach ihrer Selbstwahrnehmung zwischen ‚Sozialer Verantwortung‘ und ‚emotionaler Erschöpfung‘ befragt. Hier ermittelt Iseli bei den LuL mit geringem Selbstwertgefühl und Burnout-Anzeichen häufigeres Gewalterleben. Allerdings schränkt sie ein, dass die Antworten nicht unbedingt verallgemeinerbar seien, da die ‚Ergebnisse keine statistische Signifikanz zeigen‘ (S.146). Und umgekehrt seien die LuL mit positiven persönlichen Ressourcen ‚die Besseren‘. Und sie nähmen Gewalt auch früher wahr und würden eher nach Interventionsmöglichkeiten suchen.

Im vierte Abschnitt fasst die Autorin die Thesen zusammen und beschreibt die Gesamtergebnisse. Dabei räumt sie ein, dass die wenigsten Studienteilnehmenden ‚hochfrequentierte Gewalt‘ erlebt hätten (S.178). Und auch beim ‚Unterstützung holen‘ zeige die Befragung kaum signifikante Ergebnisse. Iseli schlussfolgert, dass dafür ‚qualitative Forschungsmethoden wohl eher geeignet‘ wären (180).

Mit ‚Praxistipps‘ (Abschnitt 5) geht das Buch zu Ende. Während die bisherigen Abschnitte nach Aussage der Autorin ‚sehr wissenschaftlich gehalten‘ waren (S.195), sollen zum Ende Ratschläge für die verschiedenen beteiligten Personengruppen gegeben werden und es soll gesagt werden, was die Erziehungsberechtigten und was die an Schule Beteiligten tun können. Es geht dabei um einen ‚Kampf gegen die Gewalt‘ und um Prävention.

Diskussion und Fazit

Wir haben es bei diesem Thema zweifelsfrei mit einer spannenden Fragestellung zu tun, wenn nicht nur das Phänomen ‚Gewalt‘ erörtert wird und danach die Wahrnehmung von Gewalt durch die verschiedenen Akteurstypen an Schulen dargestellt wird, und wenn dann nach den Faktoren gefragt wird, die die Wahrnehmung von Gewalt durch LuL beeinflussen, und wenn dann auch noch erörtert werden soll, wie LuL befähigt werden können, sich dem Phänomen zu stellen. Leider führt der Gedankengang unter anderem deshalb zu weniger spannenden Ergebnissen, weil die Arbeit formal und inhaltlich mitunter Mängel zeigt.

Formal, weil der Text ausgesprochen nachlässig redigiert worden ist: Zahlreiche Fehler und sprachliche Ungereimtheiten machen das Lesen ungefähr genauso schwer wie das Entziffern der extrem klein dargestellten Grafiken, die man sich farblich gestaltet gewünscht hätte.

Auch der oder die Fragebögen hätten abgedruckt werden müssen (Gibt es einen? Gibt es verschiedene?). Was genau soll mit Hilfe der Fragebögen ermittelt werden: Gewalt an Schulen? Ansichten darüber, was die Befragten denken, wie schlimm sie sei? Den Fragebögen liege nach Auskunft der Autorin ‚ein umfassendes Gewaltverständnis zugrunde‘ (S.15). Welches?

Inhaltlich, weil das Thema der Arbeit nicht immer konsistent bearbeitet wird. Bereits der Titel der Arbeit weckt Erwartungen, die der Text nur teilweise erfüllt. Der Untertitel will den Arbeitsauftrag konkretisieren, aber er steht im Spannungsverhältnis zum Titel. Und dieses Spannungsverhältnis wird nicht aufgelöst: Geht es um den Umfang und die Qualität von Gewalt an Schulen oder geht es um Gewaltprävention?

Der weite Gewaltbegriff, den Iseli verwendet, hätte über die Differenzierung in neun Bereiche hinaus eine auch theoretisch einheitliche Erläuterung erfahren können. Wenn bei ihr ‚Happy Slapping‘ neben ‚Snuff‘ steht, das jenseits von Fiktion (Nicolas Cages Film ‚8 Millimeter‘) nirgendwo belegt ist, und wenn dann ‚Spotten, Hänseln, Foppen‘ als eigenständige Gewaltform auftaucht, dann wünscht man sich eine systematisierende Hierarchisierung der Stufen und der Qualitäten von Gewalt und kein Auflisten der Phänomene.

Die empirische Untersuchung bezieht sich eben nicht nur auf die ‚Persönlichkeitsfaktoren‘ von LuL, sondern auf die Ansichten von SuS, Eltern, LuL und ‚anderen Personen‘, die mit dem Schulwesen zu tun haben. Die Ergebnisse, dass hohe Selbstwirksamkeit von LuL zur Aufmerksamkeit gegenüber Gewalt führe und zu Handlungsbereitschaft und Aktion, während Burnout zur Inaktivität führe und zum laissez faire, laissez aller, sind mit Sicherheit interessant, wenn auch nicht überraschend.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Rabe
ehemaliger Professor für Erziehungswissenschaft an der FH Münster
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Es gibt 19 Rezensionen von Uwe Rabe.

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Zitiervorschlag
Uwe Rabe. Rezension vom 04.04.2016 zu: Katja Iseli: Gewalt an Schulen. Relevanz der Persönlichkeitsfaktoren von Lehrpersonen für die schulische Gewaltprävention. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-86676-405-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19436.php, Datum des Zugriffs 29.02.2024.


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