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Peter Faulstich, Ulrike Rosa Bracker: Lernen - Kontext und Biographie

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 21.10.2015

Cover Peter Faulstich, Ulrike Rosa Bracker: Lernen - Kontext und Biographie ISBN 978-3-8376-3095-4

Peter Faulstich, Ulrike Rosa Bracker: Lernen - Kontext und Biographie. Empirische Zugänge. transcript (Bielefeld) 2015. 180 Seiten. ISBN 978-3-8376-3095-4. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.

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Beim Lernen das Lernen zum Thema machen

Betrachten wir die altbekannte, in theoretischen und praktischen Zusammenhängen immer wieder benutzte Definition, dass Lernen Verhaltensänderung ist, so ergeben sich – in Theorie und Praxis – immer auch neue Fragen; etwa, ob beim Lernen etwas hinzugefügt oder (hinein-)gefüllt wird, oder ob bei der „mathêsis“, wie in der griechisch-aristotelischen Philosophie Lernen bezeichnet wird, „jedes Lehren und jedes verständige Lernen ( ) aus vorausgegangener Kenntnis (entsteht)“; oder ob Lernen mit dem Bild eines mäandernden Flusses beschrieben werden kann, der unterschiedlich schnell fließt, manchmal sogar still steht, aber auch rasend schnell sich bewegt, sich seine eigenen Wege sucht, zum eigentlichen Ziel, nämlich abwärts zu fließen und sich mit der Hauptströmung zu verbinden. Unumstritten ist, dass Lernen unabdingbar verschränkt ist mit den Werten Bildung und Erziehung. Über die „richtige“ Bildung wird seit Menschengedenken nachgedacht, gestritten und ideologisch festgelegt. Bildungseuphorien und Bildungspaniken werden auf den Markt getragen. In der Erziehungswissenschaft, der Psychologie, der Philosophie, bis hin zur Neurophysiologie, wird darum gerungen, wie ein humanes, individuelles und kollektives Lernen möglich ist, formal, informell, institutionalisiert, kognitiv, emotional. Eine durchaus neue Erkenntnis im Jahrtausende alten Diskurs um Lernen ist, dass Lernen ein lebenslanger Prozess ist, der sich eben nicht nur auf bestimmte Lebensphasen und -stadien der menschlichen Entwicklung beschränkt (vgl. dazu: Peter Faulstich, Hrsg., Lerndebatten. Phänomenologische, pragmatistische und kritische Lerntheorien in der Diskussion, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17373.php).

Zwangsläufig landen wir bei diesem Nachdenken über Lernen – Bildung – Erziehung – Aufklärung… bei der Frage, wie sich Lernen in individuellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen vollzieht, und welche Bedeutung die Biografie eines Menschen für lebensgeschichtliche Bildungsprozesse hat. Damit begegnet uns ein interessanter, im allgemeinen Bildungs- und Erziehungsdenken und -handeln eher ungewohnter Gedanke, nämlich, dass der Bildungsbegriff nicht nur ausgelegt werden sollte, sondern in den individuellen, gesellschaftlichen und kulturellen Wirklichkeiten konkret angelegt werden muss (Thorsten Fuchs, Bildung und Biographie. Eine Reformulierung der bildungstheoretisch orientierten Biographieforschung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11821.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Mit diesen angedeuteten Blickwechseln kommen wir zu einem Bericht über ein Forschungsprojekt, das vom Institut für Berufliche Bildung und Lebenslanges Lernen an der Universität Hamburg vom Oktober 2010 bis März 2014 durchgeführt wurde: „Biografizität und Kontextualität des Lernens Erwachsener“. Ziel des Forschungsprojektes war zu erkunden, „in welcher Weise erwachsene Lernende unterschiedliche Strategien des Lernens einsetzen bzw. an welchen Begründungsperspektiven und -mustern sie ihr eigenes Lernen orientieren“. Die Forscher interessierte dabei insbesondere, welche subjektbezogenen Motive (subjektbezogene Lerntheorie) Anlass sind, wie Lernprozesse angestoßen werden und sich vollziehen. Sie kommen dabei zu bemerkenswerten Ergebnissen, etwa „dass Lernen … nicht deterministisch durch externe Faktoren angestoßen wird, sondern dass der Kontext erst dann relevant wird, wenn die lernenden Subjekte ihn ‚intern‘ aufnehmen und er also für sie Bedeutsamkeit (kursiv) erlangt“. Zwar ist dieses motivatorische Phänomen nicht neu und hat in der Lernpsychologie einen Stellenwert; doch die Frage nach der Bedeutsamkeit trifft im Zusammenhang mit Erwachsenenlernen auf eine durchaus bedenkenswerte, lerntheoretische, didaktische und methodische Betrachtung: „Damit werden objektive Bedingungen und subjektive Begründungen zusammengebunden“.

Die Dipl.- Pädagogin Rosa Bracker ist unter der Leitung des Erziehungswissenschaftlers und Erwachsenenbildners Peter Faulstich mit der Organisationsform und Methode einer forschenden Lernwerkstatt der Frage nachgegangen, welche Lernstrategien bei Erwachsenen angewandt werden, um „eine

Kontextualisierung von Lernen mit Perspektive auf biographische Erfahrungsaufschichtung und gesellschaftliche Strukturen“ deutlich machen zu können.

Aufbau und Inhalt

Der Forschungsbericht baut auf einem Dreischritt auf, der sich als „kategoriale Systematik“ – „kontroversem Diskurs“ – „Empirie“ darstellt. Das Forscherteam gliedert den Projektbericht in sieben Kapitel:

  • Im ersten und zweiten Kapitel wird der Forschungsstand zum Lernen Erwachsener dargestellt und die Bedeutung des Biografielernens und der Biografieforschung thematisiert;
  • im dritten werden Fragen an die Lerntheorie gestellt;
  • im vierten wird erkundet, welche Begründungsmuster und -strategien die erwachsenen Lerner anwenden und für sie zugänglich sind. Mit dem Methodenkonzept der „forschenden Lernwerkstatt“ soll es gelingen, Forscher und Beforschte in ein dialogisches und gemeinsam tätiges Verhältnis zu bringen. In diesem Teil werden auch mehrere, unterschiedliche Fallbeispiele zum Erwachsenenlernen aufgeführt.
  • Im fünften Kapitel werden „Begründungsperspektiven und -muster für Lernen“ thematisiert: Identität, Erwerbsarbeit, Biographie. Die Herausforderungen, die sich beim Anspruch „lebenslanges Lernen“ stellen, werden insbesondere durch die Dialoge und Erfahrungen bei den arrangierten Gruppenprozessen und bei Erzählungen und verschriftlichten Lebensgeschichten deutlich und empirisch fassbar.
  • Im sechsten und siebten Kapitel werden die empirisch ermittelten Lernmotive und -erfahrungen in der „kontextualen Lerntheorie“ zusammengefasst. Mit ihr wird verdeutlicht, dass sie, in Verbindung mit den Konzepten des partizipativen und reflexiven Lernens konkrete, intersubjektive Lernverhältnisse zu schaffen vermag.

Fazit

Der Forschungsbericht macht deutlich, welche existentielle, individuelle und kollektive Bedeutung eine (arrangierte) motivierende, helfende und stützende Pädagogik beim lebenslangen Erwachsenenlernen haben kann: „Die Arbeit an der eigenen Identität ist immer wieder eine wichtige ‚Selbstleistung‘ der Gestaltung und Sicherung“. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie und die Inbeziehungsetzung mit den Biografien der Anderen lässt sich in „forschenden Lernwerkstätten“ exemplarisch arrangieren. Welche Bedingungen dafür erforderlich sind und wie dies erfolgen kann, darauf gibt der Forschungsbericht „Lernen – Kontext und Biografie“ Antworten und Anregungen.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.10.2015 zu: Peter Faulstich, Ulrike Rosa Bracker: Lernen - Kontext und Biographie. Empirische Zugänge. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3095-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19442.php, Datum des Zugriffs 01.02.2023.


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