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Alexander Riechers, Radim Ress: Trauma und Blockaden im Coaching

Cover Alexander Riechers, Radim Ress: Trauma und Blockaden im Coaching. Modelle, ihre Anwendung und Fallbeispiele. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2015. 187 Seiten. ISBN 978-3-658-08781-4. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 42,50 sFr.
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Thema

Blockaden sind oft auf traumatische Erlebnisse oder existentielle Grunderfahrungen zurückzuführen. Um sich vor weiteren Verletzungen zu schützen spaltet sich die Seele und baut unbewusst einen Panzerschutz auf, der unbemerkt zur Verhärtung, Blockade und Einschränkung von Vitalität führen kann. Riechers und Ress stellen vor, wie es zur Seelenspaltung kommen kann und wie Coaching durch körperorientierte Traumaarbeit erweitert werden kann, um solche Blockaden zu lösen.

Autor

Alexander Riechers arbeitet als Unternehmenscoach mit Schwerpunkt Persönlichkeitsentwicklung von Führungskräften.

Radim Ress leitet Aufstellungen und hat eine integrativ-systemische Traumaarbeit entwickelt, die ergänzend auf Voice Dialogue, Eye Movement Integration und Körperarbeit zurückgreift.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beschreibt die Sicht-und Denkweise des Coaching durch körperorientierte Traumarbeit als integrierten Ansatz.

In den ersten Kapiteln wird dazu das Trauma als existentielle Grenzerfahrung mit seinen Folgen im beruflichen Umfeld beschrieben, das vierte Kapitel führt in die Traumaarbeit ein und das fünfte stellt einen Methodenmix bioenergetischer Körperarbeit, Eye Movement Integration, körperorientierter Trauma-Aufstellungsarbeit und Voice Dialogue vor. Das sechste Kapitel schließt mit praktischen Hinweisen für die Traumaarbeit. Am Ende des Buches haben die Autoren zehn Fallbeispiele mit Symptomatik und anschließender Behandlung zusammengestellt, gefolgt von einem Verzeichnis spezieller Begriffe sowie weiterführenden Grundlagenliteraturhinweisen.

Zu Kapitel 1: Einleitung

Ein Trauma kann aus einer existentiellen Grenzerfahrung (condensed experience) entstehen, die biografisch oder transgenerational (z.B. Kriegserfahrungen von Eltern oder Großeltern) beeinflusst ist. Trauma bedeutet „Wunde“ und zeigt sich in einer Spaltung der Seele in einen reduzierten, gesunden Anteil, einen vor künftiger Traumatisierung schützenden Überlebensanteil und einen traumatisierten und verdrängten Anteil. Diese Spaltung ist ein unbewusster Schutzmechanismus, der aber pathologische Formen mit einer Blockade der Lebensenergie und einer Erstarrung der Seele in allen Lebensbereichen zur Folge haben kann. Diese Vorgänge sind unbewusst, erschöpfen aber häufig die Ressourcen des Bewusstseins, so dass auf der bewussten Ebene oft keine praktikable und nachhaltige Lösung zur Wiederherstellung der der stabilen Mitte und der Lebensenergie mehr möglich ist. Das bedeutet, dass Trauma-Coaching über die Grenzen des Bewussten hinausgehen muss, um die Seele ansprechen und ihre Erstarrung auflösen zu können. Die Autoren argumentieren, dass mit einem integrierten und ganzheitlichen Methodeneinsatz der seelische und körperliche Widerstand überwunden werden kann und einen Weg zur Selbsterkenntnis und Wiedererlangung der inneren Mitte öffnet.

Zu Kapitel 2: Seelische Spaltungen und ihre Folgen

Die seelische Spaltung ist die Reaktion auf Ereignisse, die mit den vorhandenen Kräften nicht zu bewältigen sind. Traumastrukturen werden verkapselt und verdrängt, eine Auflösung erfolgt nicht natürlich von selbst. Die Abkapselung zeigt sich auch körperlich in Muskelverpanzerungen und kann nach der Theorie Wilhelm Reichs Lebensenergie blockieren und auf die kognitive Bewusstseinsebene reduzieren. Es ist aber möglich, gesunde und vitale Anteile der Seele zu stärken und weiter zu entwickeln.

Die Vorgänge des Erstarrens erklären die Autoren anhand des Triune Brain Modells und dessen drei Hirnteilen Stammhirn, Limbisches System und Neocortex. Daraus entsteht ein gewichtiger Satz als Leitmotiv oder Credo, der uns antreibt oder hemmt, wie zum Beispiel: „Ich muss gewinnen“ oder „Ich bin nichts wert“. Die Autoren beschreiben die möglichen Folgen, wie unter anderem Verdrängung, Wiederholungszwang, Ersatzbefriedigungen, Projektionen und Blockaden.

Traumata und Leitmotive können auch über Generationen weitergegeben werden, in Deutschland vor allem bedingt durch Kriegserfahrungen. So unterscheiden die Autoren drei Ordnungen von Überlebensstrukturen:

  1. Überpersönliche, aus dem Familiensystem stammende Überlebensstrukturen
  2. Persönliche Anpassung, die zu Zwanghaftigkeit und immer größer werdenden Blockaden führen kann
  3. Hilfsstrukturen und Verdrängungsmechanismen von außen, wie Psychopharmaka, Drogen, enge soziale Netzwerke wie Sekten oder Therapien, die nicht auf die Ursache zielen

Für die Symptome verwenden die Autoren das Bild einer Boje, als sichtbaren, symptomatischen Teil des Problems. Eine reine Symptombekämpfung kann nach dieser Metapher nicht zum Erfolg führen, dazu ist ein Zugang zum Unbewussten und Verdrängten nötig.

Zu Kapitel 3: Tragweite der Existentiellen Grenzerfahrung Tragweite im Business

Dieses Kapitel zeigt die konkreten Folgen der seelischen Spaltung für das berufliche Umfeld, wie beispielsweise blockierte Kreativität, Manipulation und Kontrollzwang, fehlendes Unterscheidungsvermögen und Realitätsbezogenheit oder mangelndes Charisma bei Führungskräften und Widerstand bei Mitarbeitern.

Zu Kapitel 4: Traumaarbeit für eine stabile Mitte im Berufsumfeld

Der Zugang zur stabilen Mitte erfolgt über die Seele in drei Phasen:

  1. Lernen, mittels Begleitung und Aufbau innerer Ressourcen die Trauma- von den Überlebensstrukturen zu unterscheiden
  2. Eigene Reflexion
  3. Durch die Verbesserung des eigenen seelischen Unterscheidungsvermögens wächst auch das Wahrnehmungsvermögen nach außen, und es wird neue Lebenskraft freigesetzt.

Ziel ist es, eine seelische Instanz eines Pontifex Oppositorum aufzubauen, die hilft die Gegensätze und Polaritäten zwischen den Seelenanteilen zu überbrücken. Eine solche Traumaarbeit mit Führungskräften führe dann zu einer besseren Qualität der Führungskultur, in der Führungskräfte authentischer und realitätsbezogener sind, sowie sich besser gegen Manipulationen schützen und Machtmissbrauch vermeiden lernen.

Der integrierte Ansatz der Autoren basiert auf Ansätzen der Neurolinguistischen Programmierung, Gestalttherapie und der Körperarbeit.

Zu Kapitel 5: Methoden

Vier grundlegende Methoden bilden den integrativen Ansatz, um die Seele des Klienten zu erreichen, den Heilungsimpuls der gespaltenen Selle aufzunehmen und sie durch den Prozess der Traumaarbeit zu führen.

  1. Körperarbeit (Wilhelm Reich, Alexander Lowen). Durch Druckimpulse an rigiden, harten Muskelverpanzerungen können schützende Überlebensstrukturen angesprochen werden. Verkapselungen von Traumastrukturen machen oft schmerzüber- oder unempfindlich. Starke Impulse auf Verkapselungen wirken lösend und können den Schmerz und erstarrte vitale Energie freisetzen. Dabei wird je nach Zweck und Phase zwischen starken Impulsen und zartem Anfassen variiert.
  2. Eye Movement Integration (EMI, Connirae und Steve Andreas). Durch das Folgen geleiteter Augenbewegungen kann der Klient verdrängte und abgespaltene Sinnesmodalitäten und damit verbundene Erinnerungen und Emotionen im Bewusstsein aktivieren.
  3. Körperorientierte Trauma-Aufstellungsarbeit (Franz Ruppert). Die Aufstellung dient der Abbildung der inneren Konstellation und des seelischen Zustandes im Raum mit dem Ziel, zwischen Trauma- und Überlebensstrukturen zu unterscheiden. Die Qualität des Ergebnisses hängt entscheidend von den Fähigkeiten des Aufstellungsleiters ab. Ebenso wie innere können auch äußere Strukturen aufgestellt werden, zum Beispiel Konstellationen in Organisationen.
  4. Voice Dialogue (Hal und Sidra Stone). Der Voice Dialogue ist ein Dialog zwischen Teilpersönlichkeiten. Trauma-und Überlebensstrukturen können sich als innere Personen in einem Bezugssystem von Gegensätzen, Polaritäten oder widerstrebenden Tendenzen abbilden. Mit dem Dialog soll der Klient die seelischen Anteile in diesem System unterscheiden lernen und sich seiner Identifikationen und familiären Verstrickungen bewusst werden.

Die Autoren gehen darauf ein, wie diese vier Methoden zusammenwirken und sich darin unterstützen, das Lebensmotto zu erarbeiten, innere Strukturen zu unterscheiden und den Pontifex Oppositorum als Brückenbauer zwischen den inneren Gegensätzen zu entwickeln.

Zu Kapitel 6: Praktische Hinweise für die Traumaarbeit

In diesem Kapitel geht es darum, wie, vor allem im Business, Kunden für die Traumaarbeit gewonnen bzw. von deren Nutzen überzeugt werden können.

Diskussion

Ress und Riechert versuchen in diesem Buch, Coaches, HR-Experten, Beratern, Führungskräften, Psychotherapeuten Traumata im Sinne existentieller Grenzerfahrungen, ihre Entstehung, ihre Folgen und Symptome sowie einen integrierten Methodenmix zur Behandlung zu vermitteln. Die Autoren sehen den Ansatz als Erweiterung des Führungskräftecoachings, andere mögen das aufgrund der Interventionstiefe eher im Bereich der Psychotherapie ansiedeln. Das Buch ist dann auch kein Handlungsleitfaden für Coaches, sondern vielmehr ein Überblick über die Problematik, Zusammenhänge und Methoden und als solcher bereichernd. Die Fallbeispiele helfen dabei, die Symptome und Folgen zu illustrieren und besser zu verstehen. Die Methoden selbst sind keine Unbekannten, und mittels Grundlagenliteratur und entsprechenden Schulungsmaßnahmen für die Praxis erschließbar.

Etwas schade finde ich die zahlreichen handwerklichen Mängel, wie Grammatikfehler, halbgedruckte Sätze und inhaltliche Wiederholungen. Die Grafiken sind sehr bunt, aber von mittelmäßiger Druckqualität und schwachen Kontrasten und deshalb vereinzelt schlecht lesbar (z.B. S.141), und im Literaturverzeichnis fehlt das auf S. 31 empfohlene Werk von Gerhard Roth. Auf der anderen Seite ist das Buch sprachlich verständlich gehalten und auch für Praktiker und wissenschaftliche Laien angenehm zu lesen.

Fazit

Trauma und Blockaden im Coaching ist ein Überblick über die Entstehung persönlicher und familiärer existentieller Grenzerfahrungen und die daraus resultierende Spaltung der Seele in verschiedene Überlebens- und Traumaanteile, die unsere Lebensenergie blockieren können. Die Autoren zeigen, welche Folgen solche Blockaden für den Betroffenen und das berufliche Umfeld haben können, und stellen einen integrierten Methodenmix zur deren Überwindung vor. Das Buch führt in die Thematik und Lösungsmöglichkeiten ein und regt zur Traumarbeit an, ist aber kein Handlungsleitfaden für Coaches.

Summary

The book describes the dynamic of personal and intergenerational existential traumatic experiences and their consequences on the lives of individuals and their work environment. It explains how, as a result of such an existential experience, the soul can split into a survival, a traumatized and a reduced healthy part, how these parts can freeze in shock and block vital energy in the unconscious. The authors further introduce an integrated mix of methods (bodywork following the philosophy of bioenergetics, eye movement integration, body-oriented constellation of trauma and survival structures as well as voice dialogue) to address the soul and the unconscious, remove the blocks to energy and regain one´s inner balance. The book is suited to give an overview rather than a guideline for application.


Rezension von
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
Dipl. Kauffr.; MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 12.02.2016 zu: Alexander Riechers, Radim Ress: Trauma und Blockaden im Coaching. Modelle, ihre Anwendung und Fallbeispiele. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2015. ISBN 978-3-658-08781-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19444.php, Datum des Zugriffs 25.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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