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Karl Haag: Wenn Mütter zu sehr lieben

Cover Karl Haag: Wenn Mütter zu sehr lieben. Verstrickung und Missbrauch in der Mutter-Sohn-Beziehung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2015. 2. Auflage. 191 Seiten. ISBN 978-3-17-029128-7. 29,99 EUR.
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Thema

Das 2015 in 2. Auflage erschienene Buch trägt den Untertitel „Verstrickung und Missbrauch in der Mutter-Sohn-Beziehung“ und umreißt damit treffend seinen Inhalt.

Karl Haag beleuchtet das Thema des emotionalen und inzestuösen Missbrauchs zunächst theoretisch und dann anhand von Einzelfallstudien aus Geschichte und Literatur sowie der eigenen psychotherapeutischen Praxis mit Erwachsenen und Kindern. Die Erkenntnisse aus seinen Studien werden schließlich verallgemeinert und in den historisch-gesellschaftlichen Kontext gestellt.

Autor

Der Autor Dipl.-Psych. Dr. jur. Karl Haag (1940-2008) arbeitete über 20 Jahre als psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis. Er war ausgebildet in Gestalttherapie, tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie auf der Basis von Selbstpsychologie und Objekt-Beziehungs-Theorie sowie Verhaltenstherapie und systemischer Familientherapie.

Entstehungshintergrund

Ausgangspunkt der Studie war die Erfahrung in der eigenen therapeutischen Praxis des Autors, dass der emotionale Missbrauch eines Kindes durch die Mutter zu schweren psychischen Störungen führen kann. Während der sexuelle Missbrauch von Mädchen und die Folgen von Misshandlung und Vernachlässigung seit über 20 Jahren Gegenstand der Forschung waren, wurden die Formen missbräuchlicher Mutter-Sohn-Beziehungen bis dahin kaum thematisiert.

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Jeder Teil enthält zwei bzw. drei Kapitel.

  1. Im ersten Teil wird der theoretische Rahmen umrissen.
  2. Im zweiten Teil werden Fallstudien aus den Bereichen Geschichte und Literatur, Erwachsenentherapie und Kindertherapie dargestellt.
  3. Der dritte Teil enthält eine Zusammenfassung und Hypothesen zum Missbrauch.

Am Ende des Bandes findet der Leser ein Literatur- und ein Stichwortverzeichnis.

Zu Teil 1

Im ersten Kapitel stellt Karl Haag seine Motivation und seine Haltung zum Thema dar. Als Therapeut steht er auf der Seite seines Patienten und enthält sich aller moralischen Bewertungen (S. 11). Er folgt keinem bestimmten therapeutischen Ansatz, sondern arbeitet methodenübergreifend praktisch. Mit der Auswahl der Fälle hat sich der Autor bemüht, das ganze Spektrum der möglichen Konstellationen der Mutter-Sohn-Verstrickung darzustellen.

Im zweiten Kapitel beschreibt Karl Haag fünf mögliche Formen des Missbrauchs, die er in Unterkapiteln weiter ausführt und mit Literatur belegt:

  1. Ein Elternteil erwartet vom Kind die Erfüllung seiner erotischen oder sexuellen Bedürfnisse, was aber nicht bedeutet, dass tatsächlich sexuelle Handlungen vorkommen.
  2. Ein Elternteil erwartet vom Kind die Übernahme der Elternrolle in Form von bedingungsloser Liebe und Akzeptanz. In der Familientherapie spricht man von Parentifizierung.
  3. Ein Elternteil unterhält zum Kind eine symbiotische Beziehung und erlaubt ihm nicht, sich seinem Entwicklungsstand entsprechend von dem Elternteil zu lösen.
  4. Ein Elternteil erwartet vom Kind, dass es die unerreichten Lebensziele des Elternteils realisiert.
  5. Ein Elternteil instrumentalisiert das Kind im Konflikt mit dem Partner.

Eine weitere Form besteht in der materiellen Ausbeutung eines Kindes. Außerdem können verschiedene Formen des Missbrauchs gleichzeitig oder im Zeitverlauf auftreten.

Zu Teil 2

Die Fallstudien aus Geschichte und Literatur werden unterschiedlich aufgearbeitet. Der Autor beginnt mit der Interpretation der Bilder des Malers Hans Baldung Grien (16. Jh.). Daran schließt sich die Biografie der Katharina von Medici an, die ihre Kinder für die Ausübung von Macht und Einfluss instrumentalisierte. Ausführlich beschreibt Karl Haag das Leben des Schriftstellers Elias Canetti auf Grundlage seiner dreibändigen Autobiografie und ergänzender Dokumente. Es folgt der Werdegang des französischen Serienmörders Patrice Alègre, der 2002 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Hier stützt sich der Autor auf Artikel, die während des Prozesses in französischen Zeitungen erschienen. Ein kurzer Beitrag ist schließlich einer Romanfigur von Martin Walser gewidmet.

Die sieben Fallstudien aus der Erwachsenentherapie sind so aufgebaut, dass der Leser zunächst etwas über Alter; Beruf, Lebenssituation und Ausgangssymptomatik des Patienten erfährt. Es folgt die Darstellung seiner Lebensgeschichte mit Angaben zu den Eltern. Die Beschreibung des Therapieverlaufs (und – sofern bekannt - die Zeit nach der Therapie) enthält neben inhaltlichen Entwicklungen auch Angaben zum Stundenumfang und Zeitraum. Daran schließt sich die Interpretation der Familien- und Psychodynamik an. Die Kasuistik endet jeweils mit einer Zusammenfassung der familiären Konstellation und ihrer Auswirkungen auf den Patienten.

Die sechs Fallstudien aus der Kindertherapie beziehen sich auf Therapieverläufe von Jungen im Alter von fünf bis zwölf Jahren. Auch diese Fallstudien beginnen mit Angaben zu Alter, Lebenssituation und Symptomatik des Kindes. Es folgen die Lebensgeschichte, der Therapieverlauf mit Einbezug der Eltern, die Interpretation der Familien- und Psychodynamik und die Zusammenfassung.

Zu Teil 3

Aus den analysierten Fallstudien arbeitet Karl Haag zwei idealtypische Familienkonstellationen heraus, wobei er darauf verweist, dass in der Realität nicht unbedingt eine reine Form anzutreffen ist, sondern Abstufungen oder Zwischenformen vorliegen können (S. 163 ff.). Die zuvor beschriebenen Fallbeispiele werden den beiden Typen zugeordnet bzw. als Mischform benannt.

Typus A ist gekennzeichnet durch eine hilflose oder sich hilflos verhaltende Mutter und einen starken oder dominanten Vater mit rigider Persönlichkeitsstruktur. Der Sohn übernimmt die Rolle des Retters, Helfers und Vertrauten der Mutter. Die Mutter verwöhnt den Sohn, nimmt ihm unangenehme Aufgaben ab und setzt ihm keine Grenzen. Der Vater ist meist beruflich stark engagiert und entzieht sich der Auseinandersetzung mit der Frau.

Typus B ist gekennzeichnet durch eine dominante bis aggressive Mutter und einen schwachen bis haltlosen Vater. In dieser Konstellation vertritt die Mutter ihren Machtanspruch offen gegenüber Partner und Sohn. Sie zeigt aggressives und/oder verwöhnendes Verhalten und versucht sein Leben unter ihrer Kontrolle zu halten. Der schwache Vater bildet kein Gegengewicht und schützt den Sohn nicht vor der Vereinnahmung durch die Mutter.

Danach beschreibt der Autor die möglichen Schäden des emotionalen Missbrauchs durch die Mutter. Die Söhne können ein Gefühl der Grandiosität und Grenzenlosigkeit aber auch Unzulänglichkeit und Wertlosigkeit entwickeln. Im Kindesalter zeigen sich Ängste und unspezifische Verhaltensstörungen. Die erwachsenen Patienten leiden unter Depressionen, Ängsten, psychosomatischen Beschwerden oder sexuellen Funktionsstörungen. Überwiegend haben sie Probleme mit der Regulierung von Nähe und Distanz.

Schließlich verweist der Autor auf spezifische methodische Probleme in der Psychotherapie emotional missbrauchter Söhne. Die Rollenunklarheit, die der Patient in der Kindheit erlebt hat, sollte sich nicht durch Übertragung und Gegenübertragung in der Therapie wiederholen.

Zum Abschluss des Buches beleuchtet der Autor die historisch gewachsene Mutterrolle als Voraussetzung für die Entstehung einer Mutter-Sohn-Verstrickung. Erst mit dem Entstehen der Mutterliebe (Badinter, 1981) war ein „zuviel“ davon möglich.

Diskussion

Das Buch von Karl Haag beleuchtet den Missbrauch in der Mutter-Sohn-Beziehung und verweist damit auf eine bisher wenig untersuchte Form des Missbrauchs von Kindern.

Das Buch richtet sich an Psychotherapeuten, Ärzte, Psychologen, Pädagogen und Sozialpädagogen mit dem Ziel, sie auch für die subtilen Formen des emotionalen Missbrauchs zu sensibilisieren. Die klare Gliederung des Buches ermöglicht das Nachlesen einzelner Kapitel. Auch die Kasuistiken weisen immer die gleiche Struktur auf. Die Beschreibungen der Lebensgeschichte und des Therapieverlaufs werden klar von der Interpretation abgegrenzt. Die Zusammenfassungen erscheinen recht verkürzt. Interessant ist die Darstellung der Beispiele aus Geschichte und Literatur.

Das Buch bietet eine wissenschaftliche Fundierung an, ohne einer bestimmten therapeutischen Richtung den Vorzug zu geben. Der Autor unterscheidet bewusst nicht zwischen emotionalem und sexuellem Missbrauch, wobei letzterer in keiner der Kasuistiken erwähnt wird. Allerdings wird in den Interpretationen der Kasuistiken auf die Freudsche Lehre Bezug genommen. Das ist für Nicht-Psychologen nicht immer nachvollziehbar. Sehr aufschlussreich ist die Beschreibung der Therapieverläufe, die nicht alle erfolgreich verlaufen sind. Dass der Autor selbstkritisch mögliche Fehler in seinem therapeutischen Verhalten einräumt, soll ausdrücklich anerkennend erwähnt werden.

Fazit

Das Buch bietet eine theoretische Einführung in das Thema des emotionalen Missbrauchs in der Mutter-Sohn-Beziehung. Die Kasuistiken insbesondere aus der eigenen Praxis des Autors zeigen verschiedene Facetten des Missbrauchs und verschiedene Störungsbilder der betroffenen Patienten auf. Für Therapeuten und Angehörige im psychosozialen Arbeitsumfeld bieten sich Denkanstöße, Störungen zu erkennen und ihnen therapeutisch angemessen zu begegnen. Ein sehr klar gegliedertes und gut lesbares Buch zu einem aktuellen Thema.


Rezensentin
Friederike Otto
Leiterin des Forschungsverbundes Familiengesundheit. Medizinische Hochschule Hannover, Medizinische Soziologie OE 5420
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Zitiervorschlag
Friederike Otto. Rezension vom 22.04.2016 zu: Karl Haag: Wenn Mütter zu sehr lieben. Verstrickung und Missbrauch in der Mutter-Sohn-Beziehung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2015. 2. Auflage. ISBN 978-3-17-029128-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19450.php, Datum des Zugriffs 24.11.2017.


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